„Es ist extrem landschaftsarchi­tektonisch, einen Traum umzusetzen.“

Wie stehen gefakte und tatsächliche Realität zueinander? Wo kommt da Landschaftsarchitektur ins Spiel? Und wie unehrlich ist der Englische Landschaftsgarten? Diese Fragen beantwortet Martin Rein-Cano von Topotek 1 im Gespräch mit Barbara Steiner. In einem weiteren Ausschnitt aus der G+L 07: kuratiert von Topotek 1.

Barbara Steiner: In deinen Vorlesungen verweist du gerne auf  „L´ année derniere à Marienbad“ von Alain Resnais, „Brokeback Mountain“ von Ang Lee und „The Draughtsmans Contract“ von Peter Greenaway. Auch Filme haben eine enorme Wirkmächtigkeit. Menschen reisen dann zu filmischen Schauplätzen.

Martin Rein-Cano: Diese Filme sind für mich hauptsächlich wegen der Landschaft interessant. Ich greife Brokeback Mountain heraus: Es ist eine urbane Story in eine Gegenwelt versetzt, wo man sie am wenigsten erwartet – sie spielt bei den Cowboys in den Bergen. Die Landschaftsszenen sind unglaublich stark. Schwule sind später regelrecht an die Orte der Filmhandlung gepilgert. Auch hier hat ein Image dazu beigetragen einen Ort zu schaffen, der identitätsstiftend wirkt.

Mich interessiert hierbei vor allem der Zusammenhang von gefakter und tatsächlicher Realität. Man muss sich dies als Ping-Pong-­Verhältnis vorstellen. Der Film erzeugt im Sinne der Wirkmächtigkeit des Bildes für Montana eine ähnliche Kraft wie die Fotos von Ansel Adams für die Rocky Montains. In diesem Zusammenhang kann auch „The Hobbit“ von Peter Jackson genannt werden. Die Hügellandschaft des Auenlands wurde eigens für den Film aufgebaut und in die vorhandene Landschaft Neu­seelands versatzstückmäßig eingebaut. ­Menschen wollen nun die typischen Hobbit-Landschaften sehen und fliegen extra dorthin, selbst wenn sie real gar nicht existieren. Neuseeland benennt sogar seine Airline danach: „The Official Airline of Middle Earth“.

Fiktionen erzeugen Realität und Identität! Es ist extrem landschaftsarchi­tektonisch, einen Traum umzusetzen. Darin liegt für mich ein großer Unterschied zur Architektur. Träume Realität werden zu lassen und Orten eine Identität zu ver­leihen, das sind klassische Aufgaben der Landschaftsarchitektur. Ein Garten zeigt immer auch eine andere Welt, einen Kontrast zur jeweiligen Umgebung. Ich will hier kein Plädoyer für eine wirklichkeitsfremde Gestaltung halten, sondern denke, dass man sich im und über den Garten mit anderen Vorstellungen von Welt vertraut machen kann – egal ob man diese zunächst als positiv oder negativ empfindet.

 

„Der Englische Landschaftsgarten ist ein ‚Motion Picture'“

 

In einem Gespräch 2009 mit dem Berliner Landschaftsarchitekten und ehemaligen Topotek 1 Mitarbeiter Thilo Folkerts über den Bahndeckel führst du den Gedanken aus, dass ein Garten selbst eine Art Film sei. Nimmt man euer Projekt für den Schlosspark in Wolfsburg oder für die ehemalige Klosteranlage Lorsch, kann man nachvollziehen, warum ihr den Englischen Landschaftsgarten als einen Vorläufer des Films bezeichnet.

Vielleicht sollte ich zunächst erwähnen, dass der Englische Landschaftsgarten selbst von Gemälden, etwa von Claude Lorrain oder Nicolas Poussin, inspiriert war. Er wurde zur Reproduktion, zur Nachahmung eines Bildes, das real nicht existiert; ein Wunschbild, das in die Realität übersetzt wurde. Dazu gehören auch bereits erwähnte griechische Tempel, chinesische Pagoden und exotische Pflanzen. In der Anlage des Englischen Landschaftsgartens findet sich eine pittoreske Sequenz von Bildern.

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Sie erzeugen aber auch bewusst Brüche und akzeptieren historische Dissonanzen wie beim Welterbe Kloster Lorsch (2010–2017). (Foto: Hanns Joosten)

 

Mit den sich ständig verändernden Blickachsen, neuen visuellen Verbindungen und der sich wandelnden Raumwahr­nehmung, ist dieser buchstäblich ein „Motion Picture“. Man bewegt sich von einer Szene zur anderen. Im Unterschied zum Film, der vor einem abläuft, bewegt man sich durch den Film hindurch, von einem Bild zum nächsten. Bei den von dir erwähnten Projekten haben wir tatsächlich einige sehr cinematografische Ausblicke erzeugt. 

 

„Wir haben Dissonanzen und Brüche bewusst gelassen.“

 

Wie sahen in Wolfsburg und Lorsch eure landschaftsarchitektonischen Strategien im Umgang mit dem Englischen Landschaftsgarten konkret aus?

In Wolfsburg ging es darum, eine zeit­gemäße Interpretation des englischen Landschafts­gartens zu schaffen, eine Landschaft, die sich in nacheinander folgenden Szenen entwickelt. Wir haben dabei verstärkt mit dem traditionellen Mittel der optischen Täuschung gear­beitet: Drei kreisförmige Strukturen aus rostfreiem Stahl spiegeln mit ihren geschwungenen, polierten Oberflächen die Umgebung in verschiedenen Ansichten wider und erzeugen so eine Illusion von Weite und Größe.

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Sie erzeugen aber auch bewusst Brüche und akzeptieren historische Dissonanzen wie beim Welterbe Kloster Lorsch (2010–2017). (Foto: Hanns Joosten)

 

In Lorsch haben wir hingegen Disso­nanzen und Brüche bewusst belassen oder sogar noch verstärkt. Exemplarisch dafür ist eine Straße aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die brutal jene gigantische Sanddüne durchschneidet, auf der das Kloster einst errichtet wurde. Wir haben den Eindruck des durchschnittenen Terrains durch einen steil abfallenden Hang noch betont. 

 

„Im Englischen Landschaftsgarten ist der Fake als solcher nicht mehr erkennbar.“

 

Eure frühe Neigung zum Barockgarten ­hatte ja wesentlich damit zu tun, dass die Setzungen deutlich sichtbar blieben, während sie im Englischen Landschaftsgarten unsichtbar wurden. Erst die Landes­gartenschau in Wolfsburg hat eure Sicht verändert, da hattet ihr die Möglichkeiten des Englischen Landschaftsgartens für euch entdeckt.

Mit der Landesgartenschau in Wolfsburg haben wir in der Tat den Englischen Landschaftsgarten für uns entdeckt. Das hatte aber vor allem damit zu tun, dass wir von der Ausschreibung her angehalten waren mit der Situation vor Ort und dem Denkmalschutz zu arbeiten. Mich stört aber, dass im Englischen Landschaftsgarten der Fake heute nicht mehr als solcher erkennbar ist.

Man muss wissen, dass diese Bäume nicht immer da waren. Damals konnte man deren Exotik noch lesen, man sah, dass sie importiert waren. Später nicht mehr. Man erlebt den Landschaftsgarten als „natürlich“, aber er ist es nicht. Die Realitäten haben sich verschoben. Das ist zwar eher ein Rezeptionsproblem und weniger eines seiner ursprünglichen Konzeption, doch leider hat dies Konsequenzen für die Profession der Landschaftsarchitektur: Man erlebt den Fake nicht mehr als Fake.

 

„Thomas Demand faked mit unendlicher Akribie.“

 

Was findest du so reizvoll am Faken?

Es ist einfach toll, den Leuten offen ins Gesicht zu lügen. Scherz beiseite: Man wird damit ja nicht wirklich an der Nase herumgeführt. Man kann sogar ein gewisses Vergnügen dabei entwickeln den Fake als Fake und das Verrücken der Realitäten offen darzustellen. Deshalb schätze ich den Künstler Thomas Demand so. Er faked mit einer unendlichen Akribie unsere Realität, und trotzdem erlebe ich den Fake als solchen. Das macht Freude!

Das gesamte Gespräch zwischen Barbara Steiner und Martin Rein-Cano lesen Sie in der G+L 07/2020.