Naturgewalt unter Kontrolle

Seit Jahren nehmen Starkregenereignisse in Deutschland zu. Rolf Johannsen ist Professor für Ingenieurbiologie in Erfurt und erklärt, wo Landschaftsarchitekten bei der Entwässerung noch Fehler machen und welches Potenzial eine gute Planung hat.

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Foto: Rolf Johannsen

Garten+ Landschaft: Herr Johannsen, dieses Jahr kämpft gerade Süddeutschland mit Starkregen und schweren Gewitterschauern. Wie geht man mit dem vielen Nass im öffentlichen Raum um?
Rolf Johannsen: Grünflächen spielen hier eine wichtige Rolle, weil sie gerade bei Starkregen notwendige Versickerungsmöglichkeiten bieten. Das hängt natürlich vom Versiegelungsgrad und der Art des Bodens ab. Das Regenwasser kann aber auch oberflächlich abgeleitet werden, etwa über Mulden, die nur zeitweise mit Regenwasser gefüllt sind. Oberirdische Gewässer wie Teiche, Flüsse oder auch Rückhaltebecken sind natürlich eine weitere Möglichkeit Regenwasser zurückzuhalten und können auch als Gestaltungselement genutzt werden. Extreme Ereignisse sollten bei der Gestaltung von Grünflächen mit berücksichtigt werden. Also keine hochwertigen Nutzungen in Muldenlagen planen!

Was gilt es bei der Planung zu beachten?
RJ: Den Rahmen für solche Projekte bilden das Wasserhaushaltsgesetz der Bundesrepublik und das Landeswasser­gesetz des jeweiligen Bundeslandes. Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde ist das jeweilige Umweltamt, Stadt oder Kreis. Die Anlagen selbst werden nach anerkannten Regeln der Technik geplant: also auf Basis von DIN-Vorschriften und DBA-Regelwerken. Die Niederschlagsmengen bekommt man vom deutschen Wetterdienst. Das sind Grundlagen, die man als Planer kennen muss.

Welche herausragenden Beispiele gibt es?

RJ: Im Emscher-Gebiet gab und gibt es ein umfangreiches Projekt in dem der Fluss von einem reinen Abwasserfluss zu einem naturnahen Gewässer umgestaltet wird. Im Rahmen dessen wurde auch der Emscher Park eingerichtet und die Bundesgartenschau in Dortmund veranstaltet. Da sind sehr gute Arbeiten gelaufen.

Gehört Wasser und Grün für Sie also untrennbar zusammen?
RJ: Ja, hier entstehen für Tiere und Pflanzen wichtige Biotope. Gewässer und wechselfeuchte Stellen bieten interessante Standorte für die Pflanzenverwendung. Zudem wird Regenwasser beim Durchsickern von belebten Boden gut gereinigt.

Planer fangen bei der Entwicklung von Entwässerungen selten bei Null an. Können auch im Bestand gute Lösungen gefunden werden?
RJ: Auf jeden Fall, gerade bei Sanierung und Umbau von Wohngebieten. In Dresden wurden beispielsweise Plattenbauten in einem Wohngebiet abgerissen und die Entwässerung aus dem Untergrund geholt und in ein naturnäheres Fließgewässer umgestaltet. Der Umbau alter Industrie- und Gewerbegebiete bietet ebenfalls die Möglichkeit verrohrte Gewässer wieder zu öffnen und in Grünflächen zu integrieren. Die Umgestaltung von Parkanlagen bietet oft Raum, um ästhetische Gesichtspunkte und den natürlichen Geländeverlauf bei der Regenwasserführung zu kombinieren.

Wo haben Planer noch Nachholbedarf?
RJ: Gutachter geben die einzuhaltenden Bemessungsereignisse vor. Daran klammern sich manche Planer und arbeiten es buchhalterisch ab, ohne zu berücksichtigen, dass es auch extreme Ereignisse geben kann. Unterirdische Anlagen wie Abwasserrohrsysteme werden aus Gründen der Wirtschaftlichkeit knapp bemessen, aber bei der allgemeinen Geländegestaltung und der Verteilung der Nutzungen ist man natürlich freier und kann so etwas mit einplanen.

Fehlt es einfach an Know-How?
RJ: Bei Manchen mangelt es tatsächlich auch an hydrotechnischen Grundkenntnissen. So entstehen beispielsweise Überflutungen durch Rückstau, Erosion durch örtlich konzentrierte Strömungsenergie oder Erosion im Untergrund.

Das geht schon stark in die Physik. Müssten Hochschulen hier mehr Wissen vermitteln?
RJ: In Erfurt legen wir in der Ausbildung einen Schwerpunkt unter anderem auch auf die Ingenieursbiologie, den naturnahen Gewässerausbau und die Hydrotechnik. Wenn man sich aber als Landschaftsarchitekt mit dem Thema beschäftigt, sollte man dieses Grundwissen mitbringen.

Das Wetter wird immer extremer. Welche Herausforderungen sehen Sie?
RJ: Der Trend ist tatsächlich so. In vielen Gegenden gibt es eine leichte Zunahme von Starkniederschlägen und Hochwasser. Bayern und Baden-Württemberg setzten für Neuplanungen ihre Referenzwerte bereits 20 Prozent über den Statistiken an. Brandenburg, aber auch der Bereich Halle, Leipzig und das Thüringer Becken haben dagegen immer mehr mit Trockenheit zu kämpfen. Hier wäre es sinnvoll Regenwasser verstärkt zur Versickerung zu bringen, um eine Grundwasserneubildung zu erreichen. Bei der Neugestaltung von Firmen-Grünanlagen, städtischen Sportanlagen und Parkanlagen ist mittlerweile auch das Einplanen von Zisternen denkbar. Damit würde man von der Grundwasser- und Trinkwassernutzung für die Bewässerung wegkommen.

Ist es damit schon getan?
RJ: Selbst bei umfassend geplanter Entwässerung lässt sich das Überschwemmungsrisiko sicherlich nicht komplett ausschließen. Darauf muss man sich eben einstellen und der Natur genug Raum geben.