Entwässerung Praxis: Naturgewalt unter Kontrolle

Entwässerung in der Praxis: „Das sind Grundlagen, die man als Planer kennen muss.“

Seit Jahren nehmen Starkregenereignisse in Deutschland zu. Rolf Johannsen ist Professor für Ingenieurbiologie in Erfurt und erklärt, wo Landschaftsarchitekten in der Praxis noch Fehler in der Entwässerung machen und welches Potenzial eine gute Planung hat.

Garten+ Landschaft: Herr Johannsen, dieses Jahr kämpft gerade Süddeutschland mit Starkregen und schweren Gewitterschauern. Wie geht man mit dem vielen Nass im öffentlichen Raum um?

Grünflächen spielen hier eine wichtige Rolle, weil sie gerade bei Starkregen notwendige Versickerungsmöglichkeiten bieten. Das hängt natürlich vom Versiegelungsgrad und der Art des Bodens ab. Das Regenwasser kann aber auch oberflächlich abgeleitet werden, etwa über Mulden, die nur zeitweise mit Regenwasser gefüllt sind. Oberirdische Gewässer wie Teiche, Flüsse oder auch Rückhaltebecken sind natürlich eine weitere Möglichkeit Regenwasser zurückzuhalten und können auch als Gestaltungselement genutzt werden. Extreme Ereignisse sollten bei der Gestaltung von Grünflächen mit berücksichtigt werden. Also keine hochwertigen Nutzungen in Muldenlagen planen!

Was gilt es bei der Planung zu beachten?

Den Rahmen für solche Projekte bilden das Wasserhaushaltsgesetz der Bundesrepublik und das Landeswasser­gesetz des jeweiligen Bundeslandes. Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde ist das jeweilige Umweltamt, Stadt oder Kreis. Die Anlagen selbst werden nach anerkannten Regeln der Technik geplant: also auf Basis von DIN-Vorschriften und DBA-Regelwerken. Die Niederschlagsmengen bekommt man vom deutschen Wetterdienst. Das sind Grundlagen, die man als Planer kennen muss.

Welche herausragenden Beispiele gibt es?

Im Emscher-Gebiet gab und gibt es ein umfangreiches Projekt in dem der Fluss von einem reinen Abwasserfluss zu einem naturnahen Gewässer umgestaltet wird. Im Rahmen dessen wurde auch der Emscher Park eingerichtet und die Bundesgartenschau in Dortmund veranstaltet. Da sind sehr gute Arbeiten gelaufen.

Gehört Wasser und Grün für Sie also untrennbar zusammen?

Ja, hier entstehen für Tiere und Pflanzen wichtige Biotope. Gewässer und wechselfeuchte Stellen bieten interessante Standorte für die Pflanzenverwendung. Zudem wird Regenwasser beim Durchsickern von belebten Boden gut gereinigt.

„Bei manchen mangelt es tatsächlich auch an hydrotechnischen Grundkenntnissen.“

Planer fangen bei der Entwicklung von Entwässerungen selten bei Null an. Kann man auch zudem im Bestand gute Lösungen finden?

Auf jeden Fall, gerade bei Sanierung und Umbau von Wohngebieten. In Dresden wurden beispielsweise Plattenbauten in einem Wohngebiet abgerissen und die Entwässerung aus dem Untergrund geholt und in ein naturnäheres Fließgewässer umgestaltet. Der Umbau alter Industrie- und Gewerbegebiete bietet ebenfalls die Möglichkeit verrohrte Gewässer wieder zu öffnen und in Grünflächen zu integrieren. Die Umgestaltung von Parkanlagen bietet oft Raum, um ästhetische Gesichtspunkte und den natürlichen Geländeverlauf bei der Regenwasserführung zu kombinieren.

Wo haben Planer noch Nachholbedarf?

Gutachter geben die einzuhaltenden Bemessungsereignisse vor. Daran klammern sich manche Planer und arbeiten es buchhalterisch ab, ohne zu berücksichtigen, dass es auch extreme Ereignisse geben kann. Unterirdische Anlagen wie Abwasserrohrsysteme werden aus Gründen der Wirtschaftlichkeit knapp bemessen, aber bei der allgemeinen Geländegestaltung und der Verteilung der Nutzungen ist man natürlich freier und kann so etwas mit einplanen.

Fehlt es einfach an Know-how?

Bei manchen mangelt es tatsächlich auch an hydrotechnischen Grundkenntnissen. So entstehen beispielsweise Überflutungen durch Rückstau, Erosion durch örtlich konzentrierte Strömungsenergie oder Erosion im Untergrund.

„Selbst bei umfassend geplanter Entwässerung lässt sich das Überschwemmungsrisiko sicherlich nicht komplett ausschließen.“

Das geht schon stark in die Physik. Müssten Hochschulen hier mehr Wissen vermitteln?

In Erfurt legen wir in der Ausbildung einen Schwerpunkt unter anderem auch auf die Ingenieursbiologie, den naturnahen Gewässerausbau und die Hydrotechnik. Wenn man sich aber als Landschaftsarchitekt mit dem Thema beschäftigt, sollte man dieses Grundwissen mitbringen.

Das Wetter wird immer extremer. Welche Herausforderungen sehen Sie?

Der Trend ist tatsächlich so. In vielen Gegenden gibt es eine leichte Zunahme von Starkniederschlägen und Hochwasser. Bayern und Baden-Württemberg setzten für Neuplanungen ihre Referenzwerte bereits 20 Prozent über den Statistiken an. Brandenburg, aber auch der Bereich Halle, Leipzig und das Thüringer Becken haben dagegen immer mehr mit Trockenheit zu kämpfen. Hier wäre es sinnvoll Regenwasser verstärkt zur Versickerung zu bringen, um eine Grundwasserneubildung zu erreichen. Bei der Neugestaltung von Firmen-Grünanlagen, städtischen Sportanlagen und Parkanlagen ist mittlerweile auch das Einplanen von Zisternen denkbar. Damit würde man von der Grundwasser- und Trinkwassernutzung für die Bewässerung wegkommen.

Ist es damit schon getan?

Selbst bei umfassend geplanter Entwässerung lässt sich das Überschwemmungsrisiko sicherlich nicht komplett ausschließen. Darauf muss man sich eben einstellen und der Natur genug Raum geben.

Mehr zum Thema Starkregen: Das Hochwasser 2021 gilt als die schwerste Naturkatastrophe in Deutschland seit der Sturmflut im Jahr 1962. Mehr dazu lesen Sie hier: Hochwasser 2021.

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Tageszeitenbezogene Hitzekarten – Planung mit stündlicher Präzision

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Digitale Stadtansicht mit roten Lichtern in der Nacht, fotografiert von Muriel Liu

Wer die Sommerhitze in der Stadt unterschätzt, plant am Bedarf vorbei. Doch wie lässt sich urbane Überhitzung wirklich punktgenau erkennen – und im besten Fall vermeiden? Tageszeitenbezogene Hitzekarten bringen stündliche Präzision in die Planung und entlarven die blinden Flecken klassischer Klimakarten. Für alle, die mit urbaner Klimaresilienz ernst machen wollen, beginnt die Zukunft der Stadtentwicklung mit der richtigen Temperatur zum richtigen Zeitpunkt.

  • Definition und Bedeutung tageszeitenbezogener Hitzekarten für die Stadt- und Freiraumplanung
  • Technische Grundlagen: Datenquellen, Modellierung und Simulation stündlicher Temperaturverläufe
  • Praktische Anwendung in der Planung – von der Quartiersentwicklung bis zur Freiraumgestaltung
  • Chancen für Anpassung und Hitzevorsorge in Städten und Gemeinden im DACH-Raum
  • Grenzen, Herausforderungen und typische Fehlerquellen bei der Interpretation
  • Best Practices aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Integration in digitale Planungsprozesse und Urban Digital Twins
  • Bedeutung für Partizipation, Kommunikation und Governance
  • Zukunftsperspektiven: Von der Hitzekarte zur Echtzeit-Klimasteuerung

Tageszeitenbezogene Hitzekarten: Was sie sind und warum wir sie brauchen

Die klassische Hitzekarte, wie sie in vielen städtischen Klimagutachten zu finden ist, kennt jeder: Flächen werden nach ihrem Erwärmungspotenzial eingefärbt, meist auf Basis von Tagesmittelwerten oder Extremwerten eines typischen Sommertags. Doch so praktisch diese Karten für erste Einschätzungen sind – sie verschleiern, wann und wo die eigentlichen Hitzespitzen auftreten. Hier kommen tageszeitenbezogene Hitzekarten ins Spiel. Sie zeigen, wie sich die Temperatur im urbanen Raum zu unterschiedlichen Stunden entwickelt und ermöglichen eine bisher unerreichte Genauigkeit in der Planung.

Tageszeitenbezogene Hitzekarten sind viel mehr als bunte Bilder für Präsentationen. Sie sind das Ergebnis komplexer Simulationen, die stündliche Temperaturverläufe für einzelne Straßenzüge, Plätze oder Freiräume berechnen. Grundlage sind dabei meteorologische Modelle, hochaufgelöste Geodaten, Bebauungsstrukturen, Vegetationsflächen und zahlreiche weitere Einflussgrößen wie Bodenversiegelung, Wasserflächen oder sogar Dachfarben. In Verbindung mit lokalen Messdaten und Satellitenbildern wird so ein feinmaschiges, dynamisches Abbild des städtischen Mikroklimas geschaffen.

Warum ist das wichtig? Weil Hitze in der Stadt nicht nur eine Frage der Maximaltemperatur ist, sondern vor allem der Dauer und des zeitlichen Verlaufs. Eine Grünfläche, die am Nachmittag als kühler Rückzugsort dient, kann am Morgen noch ein Wärmeherd sein. Ein Quartier, das in der Nacht nicht abkühlt, wird zur gesundheitlichen Belastung für seine Bewohner. Tageszeitenbezogene Hitzekarten decken diese Unterschiede auf – und machen sichtbar, wann und wo Maßnahmen wirklich nötig sind.

In der Praxis bedeutet das: Planungsteams erhalten nicht nur eine statische Bewertung der Hitzebelastung, sondern können gezielt für einzelne Stunden, Wochentage oder sogar für Hitzeperioden simulieren. So lassen sich etwa Schulwege auf ihre morgendliche Sonneneinstrahlung prüfen, Spielplätze auf ihre Nachmittagsbelastung oder Wohnquartiere auf nächtliche Überhitzung. Gerade in Zeiten zunehmender Hitzewellen und urbaner Verdichtung ist diese Präzision kein technisches Gimmick, sondern ein Muss für jede zukunftsfähige Stadtentwicklung.

Und schließlich sind tageszeitenbezogene Hitzekarten auch ein Kommunikationsinstrument. Sie machen die Wirkung von Maßnahmen wie Begrünung, Entsiegelung oder Verschattung anschaulich und nachvollziehbar – für Entscheider, Planer und nicht zuletzt für die Stadtgesellschaft. Wer verstehen will, wie sich ein neues Quartier anfühlen wird, braucht mehr als Durchschnittswerte. Er braucht die Temperatur zu jeder Stunde – und die liefert nur die tageszeitenbezogene Hitzekarte.

Technische Grundlagen: Von der Datenerhebung zur stündlichen Simulation

Die Erstellung tageszeitenbezogener Hitzekarten ist ein multidisziplinäres Unterfangen, das Meteorologie, Geoinformatik, Stadtklimatologie und Planungspraxis verbindet. Im Zentrum steht die Frage: Wie lässt sich die Temperaturentwicklung im urbanen Raum mit stündlicher Präzision berechnen? Die Antwort lautet: mit einer Kombination aus Messdaten, Fernerkundung, Modellen und viel Rechenpower.

Als Basis dienen zunächst meteorologische Grunddaten: Lufttemperatur, Globalstrahlung, Windgeschwindigkeit und Luftfeuchtigkeit. Diese werden entweder aus lokalen Wetterstationen, städtischen Klimamessnetzen oder regionalen Modellen bezogen. Für die urbane Feinsimulation kommt dann das Know-how der Stadtklimatologie ins Spiel. Hier werden hochaufgelöste digitale Stadtmodelle (meist als 3D-Gelände- und Gebäudemodelle) genutzt, ergänzt durch Daten zur Landnutzung, Versiegelung, Vegetation, Bodenarten und Wasserflächen.

Um die Wechselwirkung zwischen Stadtstruktur und Mikroklima abzubilden, kommen numerische Simulationsmodelle wie ENVI-met, PALM-4U oder ähnliche Tools zum Einsatz. Sie berechnen, wie sich Sonnenstrahlung, Schattenwurf, Wärmeabstrahlung und Verdunstung auf die Temperaturentwicklung auswirken. Besonders knifflig: Die Modelle müssen für jede Stunde des Tages neu rechnen, da sich die Einstrahlungswinkel, Verschattungen und Wärmequellen ständig ändern. Das erfordert viel Rechenzeit und eine präzise Parametrisierung – von der Reflexion an Fassaden bis zur Verdunstungsrate einzelner Baumarten.

Ein weiteres technisches Highlight ist die Einbindung von Satellitendaten, etwa von Sentinel-2 oder Landsat. Sie liefern hochauflösende Oberflächentemperaturen, die als Referenz für die Modellierung dienen. In Pilotprojekten werden zunehmend auch mobile Messungen per Fahrrad, Auto oder Drohne eingesetzt, um besonders kritische Hotspots zu identifizieren und die Simulationen zu validieren.

Am Ende des Prozesses steht eine Serie von Karten – meist für jede Stunde eines Sommertages oder einer Hitzeperiode. Sie zeigen die Temperaturverteilung auf Grundstücks- oder Straßenzug-Ebene und ermöglichen die gezielte Analyse einzelner Orte zu bestimmten Tageszeiten. Wer das Maximum herausholen will, integriert diese Karten in digitale Planungsplattformen oder Urban Digital Twins. So werden sie nicht nur zur Entscheidungsgrundlage, sondern zum interaktiven Werkzeug für vielfältige Szenarien.

Die technische Komplexität ist hoch, aber der Erkenntnisgewinn ist es wert. Denn nur so lassen sich die feinen Unterschiede erfassen, die über Lebensqualität, Gesundheit und Klimaresilienz im urbanen Raum entscheiden. Wer bei der Datengrundlage spart, bekommt zwar schnelle Ergebnisse – aber auch grobe Fehler. Präzision ist hier kein Luxus, sondern Voraussetzung für wirksame Planung.

Praktische Anwendung: Wie Hitzekarten die Stadtplanung revolutionieren

Die Möglichkeiten, tageszeitenbezogene Hitzekarten in der Praxis zu nutzen, sind so vielfältig wie die Stadt selbst. Beginnen wir beim Quartiersneubau: Hier können Planer schon in der frühen Konzeptphase verschiedene Bebauungsvarianten simulieren und auf ihre stündliche Hitzebelastung prüfen. So lässt sich etwa testen, wie sich ein Straßenzug mit breiten Asphaltflächen im Vergleich zu einem begrünten Innenhof im Laufe des Tages erwärmt – und wie Verschattungsmaßnahmen oder Wasserflächen die Temperaturkurve beeinflussen.

Ein besonders prominentes Beispiel sind Schulsanierungen und -neubauten. Schulen sind Orte, an denen sich viele Menschen zu festen Tageszeiten aufhalten, oft in wenig beschatteten Außenbereichen. Mit stündlichen Hitzekarten können Architekten und Landschaftsplaner genau nachvollziehen, wann und wo sich Aufenthaltsbereiche überhitzen – und gezielt mit Bäumen, Pergolen oder Wasserspielen gegensteuern. Die Wirkung ist direkt messbar: weniger Hitzestress, bessere Aufenthaltsqualität und gesündere Lernumgebungen.

Auch im Bestand sind tageszeitenbezogene Hitzekarten Gold wert. Viele Kommunen nutzen sie heute, um bestehende Freiräume zu analysieren und gezielt nachzurüsten. Ein klassisches Beispiel: Spielplätze, die am Nachmittag zu Hotspots mutieren und damit für Kinder unbenutzbar werden. Erst die stündliche Analyse zeigt, wo neue Bäume den größten Effekt haben oder wo temporäre Verschattung nötig ist. Bei der Umgestaltung von Plätzen, Parks oder Fußgängerzonen ermöglichen die Karten eine präzise Steuerung der Maßnahmen – und helfen Prioritäten zu setzen, wo die Not am größten ist.

Ein weiteres spannendes Feld ist die Verkehrsplanung. Rad- und Fußwege werden häufig ohne Rücksicht auf deren mikroklimatische Belastung geführt. Mit Hilfe tageszeitenbezogener Hitzekarten lassen sich alternative Routen entwickeln, die vor allem zu den kritischen Tageszeiten besser geschützt oder gekühlt sind. So wird aktive Mobilität auch an heißen Tagen attraktiver und gesünder.

Und schließlich sind die Karten ein unschlagbares Argumentationsmittel. Sie machen die Wirkung von Maßnahmen anschaulich und unterstützen die Kommunikation mit Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Wer zeigen kann, dass eine neue Baumreihe den Hitzestress auf einem zentralen Platz um mehrere Grad senkt – und das genau um 16 Uhr, wenn dort am meisten los ist – gewinnt nicht nur Sympathie, sondern auch Fördermittel. Die Karten bringen Wissenschaft und Praxis zusammen und schaffen eine belastbare Grundlage für kluge Entscheidungen.

Grenzen, Herausforderungen und Best Practices

So attraktiv tageszeitenbezogene Hitzekarten sind, so wichtig ist ein kritischer Blick auf ihre Grenzen. Die größte Herausforderung liegt in der Datenqualität und Modelltreue. Wer mit veralteten Stadtgrundrissen, groben Klimamodellen oder pauschalen Annahmen arbeitet, produziert schnell scheinpräzise Bilder mit wenig Aussagekraft. Gerade bei der Parametrisierung von Vegetation, Bodenarten oder Versiegelungsgraden schleichen sich häufig Fehler ein, die zu massiven Fehleinschätzungen führen können.

Ein weiteres Problem ist die fehlende Standardisierung. Während einige Städte auf hochaufgelöste, stündliche Simulationen setzen, begnügen sich andere mit Tagesmitteln oder groben Rasterdaten. Das erschwert den Vergleich und führt zu Missverständnissen bei der Interpretation. Hier braucht es dringend Leitfäden, Qualitätsstandards und eine stärkere Vernetzung der Akteure – nicht zuletzt, um die Karten auch landesweit einsetzen zu können.

Auch bei der Anwendung in der Planung gibt es Stolpersteine. Viele Entscheider unterschätzen die Bedeutung der tageszeitlichen Dynamik und greifen vorschnell zu pauschalen Maßnahmen. Doch nicht jeder Hotspot ist zu jeder Stunde kritisch – und nicht jede Abkühlungsmaßnahme wirkt zu jedem Zeitpunkt gleich gut. Wer die Karten richtig nutzen will, muss sie im Kontext lesen, verschiedene Zeitschnitte vergleichen und die spezifischen Nutzungszeiten der Orte berücksichtigen.

Trotz dieser Hürden gibt es mittlerweile eine Reihe von Best Practices. Städte wie Wien, Zürich oder Freiburg setzen erfolgreich auf stündliche Hitzekarten als Teil ihrer Klimaanpassungsstrategien. Dort werden die Karten nicht nur für einzelne Projekte, sondern als zentrales Instrument der Stadtentwicklung genutzt – von der Freiraumplanung bis zur Bauleitplanung. Entscheidend ist dabei die enge Zusammenarbeit zwischen Klimatologen, Planern, IT-Experten und der Verwaltung. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, entfalten die Karten ihre volle Wirkung.

Ein weiteres Erfolgsrezept ist die Integration in digitale Plattformen und Urban Digital Twins. So lassen sich die Karten nicht nur visualisieren, sondern auch mit anderen Datenquellen verknüpfen – etwa mit Mobilitäts- oder Sozialdaten. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten für die Szenarienentwicklung und die gezielte Steuerung von Maßnahmen. Die Karten wandeln sich so vom statischen Analysewerkzeug zum dynamischen Steuerungselement der Stadt von morgen.

Zukunftsperspektiven: Von der Hitzekarte zur Echtzeit-Klimasteuerung

Die Entwicklung tageszeitenbezogener Hitzekarten steht erst am Anfang. Die nächste Stufe ist die Verknüpfung mit Echtzeitdaten, Sensorik und automatisierten Steuerungssystemen. Erste Pilotprojekte experimentieren bereits mit der Integration von Wetterstationen, bodennahen Temperatursensoren und sogar Crowd-Sensing über Smartphones. Ziel ist es, nicht nur stündliche Prognosen, sondern tatsächlich live aktualisierte Hitzekarten zu erstellen – und darauf basierend Maßnahmen wie Bewässerung, Verschattung oder Verkehrslenkung automatisiert auszulösen.

Die Verbindung mit Urban Digital Twins eröffnet dabei völlig neue Möglichkeiten. In digitalen Zwillingen können Planer verschiedene Maßnahmen simulieren und ihre Wirkung auf das Mikroklima unmittelbar vergleichen. So lassen sich etwa verschiedene Begrünungsstrategien, Fassadenfarben oder Materialwahl in Echtzeit testen – und die Planung dynamisch anpassen. Städte wie Singapur oder Wien sind hier bereits Vorreiter und nutzen die Technologie nicht nur zur Analyse, sondern zur aktiven Steuerung urbaner Klimasysteme.

Ein weiterer Trend ist die stärkere Einbindung der Bevölkerung. Mit digitalen Beteiligungsplattformen und interaktiven Hitzekarten können Bürger ihre eigenen Erfahrungen einbringen, Hotspots markieren und Vorschläge für Maßnahmen machen. Das erhöht nicht nur die Akzeptanz, sondern verbessert auch die Datenbasis und die Wirksamkeit der Planung. Die Hitzekarte wird so zum Bindeglied zwischen Wissenschaft, Praxis und Stadtgesellschaft.

Langfristig könnten tageszeitenbezogene Hitzekarten sogar zur Grundlage für prädiktive Stadtsteuerung werden. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, maschinellem Lernen und Big Data lassen sich dann nicht nur aktuelle, sondern auch zukünftige Hitzebelastungen berechnen – und die Stadt proaktiv darauf vorbereiten. Die Herausforderung liegt dabei weniger in der Technik, sondern in der Governance: Wer steuert die Systeme, wer legt die Prioritäten fest, und wie bleibt der Prozess transparent und demokratisch?

Fest steht: Die Zukunft der klimaresilienten Stadt liegt in der Verknüpfung von Präzision, Partizipation und Digitalisierung. Tageszeitenbezogene Hitzekarten sind dabei weit mehr als ein Trend – sie sind ein Quantensprung für die urbane Planung und ein Muss für alle, die ihre Stadt zukunftsfähig machen wollen.

Fazit

Tageszeitenbezogene Hitzekarten sind der neue Goldstandard für die klimaorientierte Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum. Sie liefern eine bisher unerreichte Präzision und machen die Dynamik urbaner Hitze sichtbar, wo klassische Klimakarten längst an ihre Grenzen stoßen. Wer diese Karten konsequent in die Planung integriert, gewinnt nicht nur an Wissen, sondern auch an Handlungsspielraum – und kann gezielt Maßnahmen umsetzen, die wirklich wirken. Die technische Komplexität ist hoch, aber der Nutzen für Lebensqualität, Gesundheit und Resilienz wiegt schwerer. Entscheidend ist der Mut, alte Denkmuster über Bord zu werfen und die Möglichkeiten der Digitalisierung voll auszuschöpfen. Die Stadt der Zukunft wird nicht mehr nur gebaut, sie wird simuliert, analysiert und in Echtzeit gesteuert. Tageszeitenbezogene Hitzekarten sind dafür der Schlüssel – und der Anfang einer neuen, präzisen, adaptiven Stadtplanung, wie sie nur die Besten beherrschen.

Reiseziel: Stuttgart

Tipp Nr.1 Weissenhofsiedlung: Relikte der Moderne

Manchmal ist der Kopf leer, die wirklich guten Ideen kommen nur noch sporadisch und überhaupt sehnt man sich nach neuen Eindrücken. Uns in der Redaktion geht es da nicht anders. Unsere Lösung: Reisen. Auf der Suche nach Inspiration fliehen wir in die Weite. Unsere Planer-Brille legen wir dabei natürlich nie ganz ab. Hier berichten wir von unseren Lieblings-Reisedestinationen, Tipps für Planer inklusive. Vierter Stopp: Stuttgart.

Heutzutage gehört es zum guten Ton, beim Reisen möglichst weit in die Ferne zu entschwinden. Dabei vergisst man, dass es auch innerhalb der eigenen Landesgrenzen viele schöne Ecken gibt. Deutschland hat einiges zu bieten. Stuttgart beispielsweise.
Seifenblasen, Teddy-Bären und Spaghetti-Eis: die Baden-Württemberger haben allen Grund für ihr Motto „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“. Im Bundesland mit den meisten Sonnenstunden kommen Planerherzen nicht zu kurz. Lassen wir uns von seiner Landeshauptstadt inspirieren.

Global Player wie Daimler und Porsche sorgen in Stuttgart für eine florierende Wirtschaft. Der Erfolg bringt gleichzeitig große Herausforderungen mit sich. Im Kessel sammelt sich schlechte Luft und es mangelt an Wohnraum. Um diese Probleme anzugehen, stellt sich die IBA 2027 StadtRegion Stuttgart die Frage: „Wie leben, wohnen, arbeiten wir heute?“. Die Weißenhofsiedlung ist definitiv einen Besuch wert. Dort stellte man sich vor fast 100 Jahren ähnliche Fragen. Schon damals suchte man in der Bauausstellung 1927 „Die Wohnung“ nach neuen Formen des Wohnens.

Aus den Beiträgen von Berühmtheiten wie Le Corbusier, Gropius und Mies van der Rohe entstand die Weissenhofsiedlung. Eine Ansammlung aus schmucklosen Wohnhäusern mit klarer Formensprache. Dabei ging es nicht darum, dass die Gebäude nach außen wirken, sondern dass die Menschen dort angenehm und billig wohnen können. Neben leidenschaftlichen Diskussionen über den modernen Baustil, überstand die Siedlung den Zweiten Weltkrieg. Elf der 21 Häuser stehen noch. Konventionelle Mehrfamilienhäuser füllen ihre Lücken. Neugierige Besucher streifen zwischen ihnen umher, um dem Lebensstil des Großstadtmenschen von früher nachzuspüren. Das Doppelhaus von Le Corbusier hat man dafür eigens zu einem Museum umgebaut.

Tipp Nr. 2 StadtPalais – Stuttgarter Stadtgeschichten

 

Wer noch weiter in die Vergangenheit reisen will, begibt sich ins StadtPalais. Wussten Sie, dass Therese Huber, die erste deutsche Redakteurin, aus Stuttgart kam?
Solche Einblicke gibt die Dauerausstellung „Stuttgarter Stadtgeschichten“. Sie zeigt Stuttgart aus unterschiedlichen Perspektiven von Ende des 18. Jahrhunderts bis heute. Statt trockene Zahlen zu listen, informiert die Ausstellung interaktiv über das Miteinander der Menschen.

Anhand von Objekten und als Hörspiel erzählen Zeitzeugen von den Stadtgesprächen über kontroverse Themen. Man erfährt an interaktiven Stationen etwas über bekannte Persönlichkeiten Stuttgarts wie Friedrich Schiller und Gebäude wie das Schloss Solitude mit seiner 13 Kilometer langen Allee. Mittelpunkt der Räumlichkeiten im StadtPalais ist ein großes Stadtmodell, auf dem multimediale Projektionen zeigen, wie der Talkessel naturräumlich entstand und sich mit der Zeit entwickelte. Was macht Stuttgart besonders und wie sind die Stuttgarter so? Alles das beantwortet die Ausstellung unbeschwert frisch und spannend.

Tipp Nr. 3 Scharnhauser Park

 

Wenn man schon in der Nähe von Stuttgart ist, dann muss der Scharnhauser Park auch mit auf die Reise-Bucket-List. Ein Stadtteil von Ostfildern mit abwechslungsreicher Geschichte. Einst königlicher Gestütspark, dann eine US-Kaserne und schließlich Unterkunft für die Teilnehmer der Leichtatletik-Weltmeisterschaften. Seitdem baut man den Scharnhauser Park als modellhaften Stadtteil auf.

Mit energieeffizienten Gebäuden und regenerativen Energien will man vor allem ökologisch vorbildlich sein. Es gibt zum Beispiel ein zentrales Kohleheizkraftwerk, das mit Abfallholz betrieben wird. Die Landesgartenschau hinterlässt mit der nach Süden abfallenden „Landschaftstreppe“ ihre Spur. Mit ihrer Länge von einem Kilometer und 30 Metern Breite verbindet sie nicht nur die Siedlungsteile, sondern man erkennt sie auch deutlich aus der Luft. Das Highlight ist jedoch der Wasserpark. Ein Spielplatz mit interaktiven Wasserspielen und obendrein äußerst attraktiv gestaltet – für Kinder, Kindgebliebene und Planer ein Muss.

 

Stuttgart ist zwar schön, Sie planen aber eine Reise nach München, Amsterdam, oder New Orleans? Dann geht es hier nach München, hier nach Amsterdam und hier nach New Orleans