Hochwasser 2021 – ein Überblick

Im Zuge des Hochwasser 2021 sind europaweit über 200 Menschen ums Leben gekommen. Gemessen an den mindestens 170 Todesopfern ist das Hochwasser die schwerste Naturkatastrophe in Deutschland seit der Sturmflut im Jahr 1962. Wie es zum Hochwasser 2021 kam, welche Rolle dabei der Klimawandel spielt und was das für die Stadtplanung bedeutet – das lesen Sie hier.

Das Tiefdruckgebiet Bernd führte im Juli 2021 zu schweren Hochwassern in West- und Mitteleuropa. In Deutschland besonders betroffen waren und sind weiterhin die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Von den europäischen Nachbar*innen traf es zudem allen voran Belgien, die Niederlande und die Schweiz.

Akute Gefahr besteht weiterhin in Erftstadt-Blessem. Hier hatte sich im Zuge der Fluten ein massiver Krater gebildet wobei drei Wohngebäude sowie ein Teil der historischen Burg einstürzten. Entwarnungen gab es inzwischen in Bayern und Baden-Württemberg: Bayern beendete den Katastrophenfall und auch die Wasserstände am Rhein und am Bodensee sinken weiterhin. Im Westen gehen die Aufräumarbeiten voran, auch die Pegel von Ruhr und Mosel sinken, die Lage bleibt jedoch kritisch. Dämme können weiterhin brechen, Häuser und Straßen noch unterspült werden und einstürzen.

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Hochwasser 2021: Trotz Medienberichten keine Plündereien

In Deutschland wird das Hochwasser 2021 als schwerste Hochwasserkatastrophe seit Jahrzehnten bezeichnet. Die aktuell (22. Juli 2021) bestätigte Zahl der Todesopfer liegt bei über 170. Im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz starben 122 Menschen, 40 000 sind zudem von den Folgen des Hochwassers betroffen. Sie haben bis jetzt zum Teil keinen Strom und kein Wasser. In NRW kamen 48 Personen ums Leben und auch in Bayern starb ein Mensch. Darüber hinaus werden weiterhin mehr als 150 Personen vermisst.
Mehrere Medien berichteten zudem von Plünder*innen und Katastrophentourist*innen, die im Zuge der Hochwasserkatastrophe die betroffenen Gebiete „heimgesucht“ hätten. Die Informationen zu Plündereien dementierten nun laut Süddeutscher Zeitung aber Andreas Müller, Pressesprecher der Polizei Aachen, sowie ein Sprecher des Innenministeriums in Nordrhein-Westfalen. Es hätte bislang keine größeren Probleme dieser Art gegeben.

Wie es zum Hochwasser 2021 kam

Obgleich Hochwasser Teil des natürlichen Geschehens sind, richten sie weltweit mehr Schäden an als jede andere Naturgewalt. Hochwasser entstehen einerseits durch die Gezeiten oder Schneeschmelzen oder andererseits durch einmalige Ereignisse wie Tsunamis, Sturmfluten oder sogenannte Jahrhundertfluten beziehungsweise sogar Jahrtausendhochwasser. Die Hochwasserkatastrophe 2021 bezeichnet man bereits jetzt als Jahrhundertflut.
Ausgangspunkt für das Hochwasser 2021 war das vergleichsweise ortsfeste Tiefdruckgebiet Bernd, das zu Dauerregen sowie schweren Ungewittern über der Nordwestschweiz, dem Tessin, Ostbelgien, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen führte. Der Deutsche Wetterdienst berichtete von bis zu 150 Liter Regen pro Nacht.

Gewässer überstiegen mancherorts Hochstände vom Alpenhochwasser 2005

Wie das nachfolgende Video anschaulich erklärt, kann unser Boden bei andauernden Regenfällen die Wassermengen ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr speichern. Das Wasser fließt dann ungehindert in die nahegelegenen Bäche und Flüsse. Die umliegenden Auenlandschaften, die sich im Zuge der natürlichen Überschwemmungen gebildet haben, werden geflutet. Insbesondere in den Monaten der Schneeschmelze ist dies ein natürlicher Vorgang. Er wird erst dann zum Problem, wenn erstens die Hochwasser über ihre „normalen“ Pegel steigen (einige Gewässer überschritten 2021 die Hochstände vom Alpenhochwasser 2005 und dem Hochwasser in der Schweiz im Jahr 2007) und zweitens die entsprechenden Auenflächen mehr und mehr besiedelt sind beziehungsweise werden.

Deswegen dauerten die Flutwellen so lange an

In den vom Hochwasser 2021 betroffenen Gebieten nahm die Flutkatastrophe einen unterschiedlichen Verlauf. In den Bergregionen sorgte der Starkregen zum schnellen Anschwellen der Bäche und Flüsse. Die Überflutung war schnell, aber kurz. Am Alpenseerand hingegen stieg das Wasser langsam, aber stetig. Deswegen dauerten die Flutwellen unter anderem in NRW und Rheinland-Pfalz tagelang an: Der Pegel sank nicht. Das Wasser unterspülte viele Häuser oder trug sie gar fort. Laut dem Geomorphologen Michael Dietze, den die FAZ hier zitiert, gilt: Je höher die Fließgeschwindigkeit und die Gewässer sind, desto stärker wirken die Kräfte, die Autos und Container vor sich her schieben können.

 

Hochwasser 2021– eine Folge des Klimawandels?

In Folge des Klimawandels nehmen die Starkregenereignisse zu. Dies ist inzwischen mehrfach wissenschaftlich bewiesen worden. Einzelne Ereignisse – wie das Hochwasser 2021 – können sich jedoch nur schwer auf den Klimawandel zurückführen lassen. Dies bestätigte unter anderem auch Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafogenforschung in einem Statement dem deutschen Science Media Center (SMC). Das Wettergeschehen sei heute stets ein Zusammenspiel aus dem üblichen Wetterzufall und den veränderten Randbedingungen durch die stark erhöhte Treibhausgasmenge in unserer Atmosphäre, so der Klimaforscher.

Auch Lamia Messari-Becker, Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen, geht hier im Interview mit Deutschlandfunk mit: Wetterextreme und Naturkatastrophen würden zur Menschheit dazu gehören, der Klimawandel würde sie jedoch verstärken. Man müsse nun an den Frühwarn-Systemen arbeiten und diese massiv verbessern.

Britische Professorin definiert monumentales Systemversagen

In diesem Zuge wird die Frage laut, ob der Katastrophenschutz in Deutschland versagt hat. Mehrere Politiker*innen – darunter Karl Lauterbach und Anna Baerbock – kritisierten die Risikovorsorge. Baerbock forderte im ARD-Morgenmagazin eine „dreifache nationale Kraftanstrengung“. Man müsse mehr Klimaanpassungsmaßnahmen umsetzen. Städte müssen umgebaut, den Flüssen mehr Raum gegeben werden, so die Kanzlerkandiatin der GRÜNEN.

Michael Theurer von der FDP sagte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, er sehe schwere Versäumnisse beim Bevölkerungsschutz. Für ihn trage der Bundesinnenminister Horst Seehofer dabei unmittelbar persönlich die Verantwortung.

Und auch aus dem Ausland kam Kritik. Die britische Hydrologie-Professorin Hannah Cloke definierte in der Sunday Times ein „monumentales Systemversagen“. Satelliten haben die Vorzeichen rechtzeitig festgestellt und die deutschen Behörden seien vorgewarnt gewesen.

 

Bundesregierung konzentriert sich auf Rettung

Horst Seehofer hält hingegen im offiziellen Statement an der Struktur des Katastrophenschutzes fest, wie er bei seinem Besuch der Steinbachtalsperre in Euskirchen mitteilte. Und auch die Bundesregierung definiert die Kritik laut einer Sprecherin als verfrüht. Man kümmere sich zunächst weiterhin um die Rettung von Menschen.

Ebenso wies auch Armin Schuster, Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die Kritik zurück. Dem ZDF sagte Schuster die Warninfrastruktur habe funktioniert und der Deutsche Wetterdienst mit 150 Warnmeldungen relativ gut gewarnt. Mehr zu den unterschiedlichen Stimmen lesen Sie hier.

Stadtplanung: Andrea Gebhard sieht Kommunen und Länder nun in der Pflicht

In ihrem Interview beim Deutschlandfunk forderte die Bauingenieurin Lamia Messari-Becker eine andere Stadtplanung. Sie nahm dabei konkret Bezug auf die Modelle der wassersensiblen Stadt und der Schwammstadt. Das Überschusswasser dürfe die Kanalisation nicht überfordern. Dementsprechend müsse es schnell abgeführt werden, so Messari-Becker. Für den Wiederaufbau müsse man zudem große Grünflächen einplanen, Rückbauten wären dabei unabdingbar. Die Kanalisation müsse angepasst und Rückhaltebecken eingeplant werden. Man müsse lernen mit der Natur zu bauen – nicht gegen sie, so die Bauingenieurin.

„Landschaftspläne müssen einen anderen Stellenwert erhalten“

Ähnlich sieht das auch die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer Andrea Gebhard. Die Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin übernahm im Mai 2021 die BAK-Präsidentschaft. Im Gespräch mit der G+L zu der Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sagte die oberste Repräsentatin der deutschen Architekt*innenschaft: „Wir müssen mit unseren Flächen anders umgehen. Wir brauchen Retentionsräume, müssen den Flusslauf von Anfang bis Ende analysieren und uns die Siedlungsräume genauer anschauen. Wie in anderen Ländern auch, wird in Deutschland in Räumen gesiedelt, die aus Sicht des Hochwasserschutzes eigentlich nicht besiedelbar sind. Der Umbau einer Stadt sollte immer Hochwasser- und Klimaschutz ebenso wie die Erholungsvorsorge und die Biodiversität beinhalten. Dahingehend ist es unerlässlich, viel mehr in die konzeptionelle Arbeit einzusteigen, aber auch in die formale Arbeit. Zum Beispiel müssen Landschaftspläne einen ganz anderen Stellenwert erhalten, weil gerade sie die Gesamtflächennutzung betrachten.“

„Wir als Gesellschaft müssen handeln“

Allem voran seien laut Andrea Gebhard die Behörden nun in der Pflicht die Chance zu nutzen – und auch Flächennutzungspläne, Landschaftspläne, Bebauungspläne und Grünordnungspläne genauso wie integrierte Stadtentwicklungskonzepte, auf die Herausforderungen anzupassen. „Ich praktiziere Stadtplanung und Landschaftsarchitektur seit über 30 Jahren. Wir haben die Themen immer wieder diskutiert, die Gefahren und Chancen benannt, aber ihre Relevanz wurde teilweise nicht anerkannt. Nun trifft uns diese Relevanz mit voller Kraft. Wir als Gesellschaft müssen handeln“, so Andrea Gebhard.

„ACT NOW“ – dass wir im Zuge des Klimawandels dringend handeln müssen, das ist auch Thema der Juliausgabe 2021 der G+L. In der gastkuratierten Ausgabe ruft das Planungskollektiv bauchplan ).( dazu auf, sich jetzt aktiv für das Schaffen einer klimagerechten Zukunft einzusetzen. Mehr zu der G+L-Ausgabe ACT NOW lesen Sie hier.