Euro-Industriepark München: Entwicklung als Quartier

Die bayerische Hauptstadt hat ein Problem: Sie ist so attraktiv, dass sie zu viele Zuzügler*innen anzieht. Was wie ein Luxusproblem klingt, ist eine gewaltige Herausforderung, denn im Münchner Stadtgebiet kommen jährlich 25 000 Menschen dazu, die Wohn-, Arbeits- und Freiraum brauchen. Raum, der sich etwa im Münchner Norden finden würde. Dort liegt der Euro-Industriepark, ein großflächiges Gewerbegebiet. Katharina Dauer, Sophie Hundertmark und Carolina Völk von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf stellen ihren Entwurf für ein vielschichtiges, multifunktionales und lebendiges Quartier vor, das das aktuell mäßig attraktive Areal beleben soll.

 

Im Rahmen eines Studienprojekts sollten Ideen und Konzepte gesammelt werden, um aus dem bisher unattraktiven Euro-Industriepark in München ein lebenswertes Gebiet zu gestalten, in dem sowohl Gewerbe und Arbeiten als auch Wohnen nebeneinander möglich ist.

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Das betrachtete Planungsgebiet liegt im Münchner Norden im Stadtteil Freimann, in unmittelbarer Nähe zu den neuen Wohnquartieren der ehemaligen Bayernkaserne im Norden und dem Domagkpark im Süden. Der Euro-Industriepark ist in seiner jetzigen Form ein großräumiges Gewerbegebiet, vor allem geprägt durch einen hohen Versiegelungsgrad und eine geringe Dichte. Die stark befahrene Maria-Probst-Straße mit dem bestehenden Lkw-Verkehr sorgt für eine geringe Aufenthaltsqualität. Zudem sind die Flächen ineffizient genutzt.

Abwechslungsreiche und hochwertige Aufenthaltsqualität

Der zentrale Gedanke hinter dem studentischen Konzept „Eurostadt München – Kontraste leben“ ist es, ein nachhaltiges Quartier mit einer hohen Aufenthaltsqualität zu schaffen, das den aktuellen und zukünftigen Anforderungen an den Standort gerecht wird. Ziel ist es, möglichst viele Bestandsgebäude zu erhalten, um Ressourcen zu schonen und weitere Versiegelung zu vermeiden. Die neu geplanten polygonalen Gebäude bilden einen starken Kontrast zu den großflächigen, meist rechteckigen Industriebauten.

 

Durch Aufstockung der Bestandsgebäude mit vieleckigen Strukturen fügt sich der Bestand gut in das neue Quartier ein. Die neu entstehenden Gebäude haben fünf Seiten und einen rechten Winkel. Zudem sind sie meist sechs Stockwerke hoch, wobei die oberen zwei Geschosse zur Sonne hin terrassiert sind. Durch parallele Fassaden entstehen kleine Gassen zwischen den Gebäuden, die sich durch gedrehte Fassaden zu kleineren und größeren Quartiersplätzen und Grünflächen öffnen. Dies sichert eine abwechslungsreiche und hochwertige Aufenthaltsqualität.

Zahlen, Mobilität und Straßenraum im Euro-Industriepark

Das neue Quartier bietet etwa 1 270 Wohneinheiten, 3 130 Arbeitsplätze, 3 230 Stellplätze für Autos sowie 4 640 Fahrradstellplätze. Den Bewohner*innen stehen je knapp 90 Quadratmeter Freifläche zur Verfügung. Bei den Arbeitnehmer*innen sind es 60 Quadratmeter. Über die Hälfte der Fläche der Bestandsgebäude konnte im Entwurf erhalten werden. Darüber hinaus kommen doppelt so viele Flächen mit Neubauten dazu, sodass die Geschossflächenzahl bei 1,4 liegt.

Das Mobilitätskonzept für das Gebiet sieht vor, die Maria-Probst-Straße stark vom motorisierten Individualverkehr zu entlasten. Dazu wird die Straße in eine 30er-Zone umgewandelt und erhält beidseitige Fahrradschutzstreifen. Die langfristige Nutzung ist ausschließlich für ÖPNV und Radverkehr gedacht. Anstelle von Tiefgaragen werden neue nachhaltige Hochgaragen in Straßennähe gebaut. Diese können später bei Bedarf umgenutzt werden.

 

Abgesehen von der Maria-Probst-Straße wird der gesamte Straßenraum als „Shared Space“ definiert. Dadurch erhalten Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen Vorrang, jedoch können die Straßen von Bewohner*innen sowie dem Anliegerverkehr zu bestimmten Uhrzeiten mit dem Auto befahren werden. Jede*r Bewohner*in erhält mindestens einen Fahrradstellplatz im Gebäude. Weitere Fahrradstellplätze sind für Arbeiter*nnen vorgesehen. Zudem gibt es Carsharing-Angebote sowie einen Fahrradverleih und eine Fahrradwerkstatt nahe der Tramstation, die mitten im Gebiet liegt. Die bestehende Gleisanlage im südlichen Teil des Areals bleibt für den An- und Abtransport von Gütern für das angrenzende Gewerbe erhalten.

Gebäude- und Dachnutzung

Das Konzept der Eurostadt enthält fünf verschiedene Nutzungstypen mit unterschiedlichem Anteil an Wohnen und Gewerbe. Unter Gewerbe fallen Büros, emissionsarmes Gewerbe (wie Einzelhandel, Gastronomie oder Dienstleister*innen), emissionsreiches Gewerbe (wie Großhandel, Produktion, Lager und Logistik) und soziale Einrichtungen. Im Erdgeschoss wird emissionsarmes Gewerbe etabliert, in den oberen Geschossen findet vermehrt Wohnen statt. Das emissionsreiche Gewerbe wird an die nördlichen und südlichen Gebietsränder mit guter Schienen- und Verkehrsanbindung versetzt.

Zudem sind auch die Dächer der Gebäude nutzbar. Die Flächen des obersten Geschosses sind in der Regel nicht begehbar und dienen als Standort für extensive Dachbegrünung oder Photovoltaik. Die restlichen Flächen sind begehbar. Dort ist Platz für Urban Gardening, Erholungs- und Freizeitflächen oder für private Freiräume.

Wohnkonzept für den Euro-Industriepark

Bewohner*innen können die Wohnungen über die Innenhöfe mittels Haupt- und Nebeneingänge erreichen. Im Norden erfolgt die Erschließung der Wohnungseingänge über Zweispänner. Jede Wohnung besitz einen Balkon, der an der Südfassade zum Innenhof ausgerichtet ist. Ein Laubengang erschließt die südlichen Gebäudeteile. Dort erhält jede Wohnung eine Loggia. Es gibt unterschiedlich große Wohnungstypen in Form von Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen sowie Sonderbausteine wie Büros, Wohnungen für Großfamilien oder Gemeinschaftsräume.

Die Innenhöfe sind größtenteils halböffentliche bis private Aufenthaltsflächen, bieten aber auch Aufstellflächen für Cafés oder Restaurants. Für eine bessere Nutzbarkeit der Dachflächen dienen Brücken zwischen den Gebäuden als Verbindung.

Quartierszentrum

Herzstück des Gebiets ist der große Stadtplatz an der neuen Tramstation. Dieser bietet Fläche für eine vielseitige Nutzung, beispielsweise als Marktplatz. Im ehemaligen Metro-Gebäude entsteht ein neues Kulturzentrum, das als Bindeglied zwischen den auf der Ost-West-Achse liegenden Kulturangeboten dient. In der Halle ist Platz für Kulturveranstaltungen wie Konzerte, Lesungen, Flohmärkte und „Kreatives Arbeiten“ (Werkstätten, Musikproberäume, Ausstellungsräume).

Der bestehende Supermarkt am Stadtplatz wird erhalten, aufgestockt und terrassiert. Der vorhandene Parkplatz wird in das Gebäude verlegt und erweitert, sodass die neugewonnene Fläche für Neubauten zur Verfügung steht. Abgesehen von den Parkmöglichkeiten wird ein Café im Gebäude etabliert. Auf der obersten Etage befindet sich eine Kita mit großzügiger Freifläche. Die terrassierten Dächer dienen als Erholungsfläche für Sport und Freizeit.

Mensa und Grünanlagen

Als verbindendes Element zwischen dem Innovationsstandort „Future Campus“, der Eurostadt und der Bayernkaserne entsteht eine Mensa inmitten des Grünzugs entlang der Maria-Probst-Straße. Sie bildet einen Treffpunkt für die arbeitenden Menschen in der Umgebung und ist durch eine Brücke direkt mit den Neubauten in der Eurostadt verbunden.

Die bestehende Nord-Süd-Verbindung entlang der Maria-Probst-Straße wird im Süden erweitert. Ein schmaler Park entlang des Kulturzentrums führt von der Bayernkaserne in den südlichen Teil. Eine zusätzliche Grünachse vom östlichen zum westlichen Ende des Gebiets dient zur Verbindung des „Future Campus“ und der Bayernkaserne. Kleinere Grünanlagen befinden sich auf den Quartiersplätzen sowie in den Innenhöfen der Neubauten.

Der Aushub der Neubauten ermöglicht die Modellage eines Park an den Gleisen im Süden. Der bestehende Wertstoffhof wird teilweise überdacht, um diesen optisch auszublenden und die Freianlagen zu erweitern. Vom Quartierszentrum aus führen die neuen Tramschienen durch den Park und verlaufen Richtung Süden oberhalb der vorhandenen Bahngleise. Diese sind mit den angrenzenden Gewerbebauten durch einen Tunnel verbunden.

Transformationsprozess Euro-Industriepark zu Eurostadt

Die Transformation des Gebiets soll in drei Phasen unterteilt werden. Zuerst werden die baufälligen Gebäude abgerissen. Die temporär entstandene Fläche stehen anschließend in Form von Pop-up-Stores oder als Ausstellungsflächen bereit. Dadurch erregt das neu geplante Quartier die Aufmerksamkeit in der Umgebung. In einem nächsten Schritt entsteht dann das bereits beschriebene Urbane Gebiet, die Eurostadt München. Phase Drei sieht anschließend eine Erweiterung des Gebiets und somit eine vollständige Nachverdichtung des Euro-Industrieparks vor. Insgesamt beabsichtigt das Konzept „Eurostadt München – Kontraste leben“ innerhalb der nächsten 30 Jahre eine Änderung des Planungsgebiets. Diese Änderung soll mitunter zu einer effizienteren, nachhaltigeren und vielfältigeren Flächennutzung des Europarks führen.

Katharina Dauer, Sophie Hundertmark und Carolina Völk studieren Landschaftsarchitektur mit Schwerpunkt Stadtplanung an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Im Sommersemester 2021 besuchten sie das Modul Planen und Entwerfen in der Stadtplanung unter der Leitung von Prof. Susanne Burger und Prof. Christoph Jensen. In dessen Rahmen entstand der Entwurf zur Eurostadt – Transformation des Europarks in München.

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