Sanfte Kontur: Fort Vechten

Einst schützte die Nationale Wasserlinie die Niederlande vor Eindrinlingen von Westen. Heute ist sie – es klingt wie eine Ironie des Schicksals – ein Beispiel für erfolgreiche Grenzüberschreitung: Ein interdisziplinäres Team um die Landschaftsarchitekten von West 8 schuf rund um eine der Festungen der Wasserlinie, das Fort bei Vechten, ein Gesamtkunstwerk, bei dem die Landschaft wie selbstverständlich die Oberhand gewinnt. 

Quer durch die Niederlande, vom Süd-westen bis nach Norden, verläuft die Nationale Wasserlinie. So sperrig der Name klingt, so sperrig sollte sie auch sein: Die Wasserlinie ist eine 85 Kilometer lange Verteidigungsanlage, die den Küstenstaat seit dem 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg vor Eindringlingen von Westen schützte. Feinde sollten durch die kontrollierte Überflutung eines mehrere Kilometer breiten Korridors am Vordringen ins Landesinnere gehindert werden. Dieses wahrscheinlich größte Infrastrukturprojekt der Niederlande ist heute eine gewaltige interdisziplinäre Aufgabe.

Die alten Festungen – längst nutzlos geworden, weil sie Angriffen aus der Luft nicht standhalten würden – sind die sichtbarsten Elemente der Nationalen Wasserlinie. Ansonsten nehmen Fußgänger – oder „Vorbeigänger“, wie sie im Niederländischen heißen – nur noch grüne Erhöhungen in der Landschaft wahr.

Das ändert sich seit 2005. Seinerzeit wurde entschieden, einige der insgesamt 46 Festungen zu renovieren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das galt auch für das Fort bei Vechten. Nie von Angreifern attackiert, schlummerte die hoch über dem Wasserpegel gelegene Anlage im Dornröschenschlaf, seitdem sie 1960 aufgegeben worden war. Als 2006 über eine Neunutzung nachgedacht wurde, war das Fort Vechten eine überwucherte, archäologische und historische Stätte, die zum Rückzugs- und Lebensraum für gefährdete Fauna und Flora geworden war.

Diesen zu schützen war genauso Ziel wie einen attraktiven, informativen und öffentlich zugänglichen Ort zu schaffen. Das ließ sich nur in enger Zusammenarbeit von verschiedenen Disziplinen verwirklichen: Landschaftsarchitekten, Architekten und Experten für schützenwerte Fauna und Flora, für Bunker- und Erdbauwerke waren mit an Bord. Eine enge Abstimmung mit unterschiedlichen Akteuren, die als Eigentümer des 17 Hektar großen Areals eine Stimme hatten, war ebenso nötig.

Das nach einem Wettbewerb mit dem Masterplan beauftragte Büro West 8 nahm sich in einem großen, je nach Aufgabenschwerpunkt unterschiedlich zusammengesetzten Team der Aufgabe an. Dem Team um West 8 gelang es, allen Belangen Rechnung zu tragen: Einerseits einen öffentlichen Ort mit Museum und Besucherzentrum zu schaffen und gleichzeitig das Fort als Rückzugsraum für Pflanzen und Tiere zu erhalten. Sie schufen ein Ensemble, in dem Architektur und Landschaft miteinander verschmelzen.

Die Planer entschieden sich, das Gros des über Jahre gewachsenen Walds zu schützen und zu erhalten. Nur in einem zentralen, sich quer über die gesamte Wallanlage ziehenden Streifen von 80 Metern Breite und 450 Metern Länge stellten sie den Originalzustand von 1880 wieder her. Hier wurden Erdwälle, Mauern und Teile der Wallanlage neu gestaltet. Dem Besucher präsentieren sich verschiedene Schichten der Geschichte. Es herrscht keine typische Museums-Atmosphäre, es bleibt der Wunsch der Gestalter spürbar, die Kraft des Ortes sprechen zu lassen. Sie haben Klarheit geschaffen und zugleich die Geheimnisse aus über 40 Jahren verschlafenem Daseins erhalten. […]

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Lange schlummerte die überwucherte Anlage des Fort Vechten im Dornröschenschlaf. West 8 hauchte der Festung neues Leben ein. Foto: Jeroen Mush

Wie erreicht wurde, dass Baukunst und Umgebung scheinbar verschmelzen, und wie die Besucher Geschichte interaktiv im Innenhof erleben können erfahren Sie in GARTEN+LANDSCHAFT 04/2016 – Ort und Einfluss.

Ein Video auf Niederländisch zu der Entstehung des neuen Forts und einige Eindrücke bekommen sie hier:

Fort bei Vechten, Niederlande
Auftraggeber: Gemeinde Utrecht, Niederlande
Landschaftsarchitektur: West 8 urban design & landscape architecture
Architektur: Rapp+Rapp in Kooperation mit Jonathan Penne Architecten, Architectenbureau K2, BunkerQ, Parklaan, Anne Holtrop
Zeitraum: 2006 bis 2015
Fläche 17 Hektar