Entschleunigung, Verdichtung, Umwandlung

Konzept „Freiraum München 2030“ von bgmr Landschaftsarchitekten vorgestellt

München ist eine dichte Stadt. Und sie wird immer dichter. Mehr als 47 Einwohner pro Hektar Stadtfläche machen die bayrische Landeshauptstadt bereits jetzt zu der Stadt in Deutschland mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2030 zu den jetzt 1,5 Millionen Einwohnern weitere 220.000 hinzukommen werden. Diese Prognose ist nicht nur ein Problem für den bereits jetzt kritischen Wohnungsmarkt, sondern auch für die Freiflächen.

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In München ist nicht nur die Wohn- sondern auch die Freifläche ein knappes Gut. bgmr stellten dazu ihr Konzept "München Freiraum 2030" vor. Foto: Koopmann/LHM

Jetzt liegt mit dem Konzeptgutachten „Freiraum 2030“ eine Strategie vor, wie die Stadt künftig mit dem knappen Gut Freiraum umgehen sollte. Das Gutachten, das Trends und Potenziale in München auslotet, erstellte bgmr zusammen mit dem Projektbüro Friedrich von Borries aus Berlin und Freiraumstudio Landschaftsarchitektur aus München im Auftrag des Referats für Stadtplanung und Bauordnung der Stadt.

Im Verhältnis zu anderen dicht bebauten Großstädten in Deutschland bietet München seinen Einwohnern wenig Freifläche. Das mutet auf den ersten Blick seltsam an, hat doch München unter anderem mit dem Englischen Garten und der Isar große und weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Naherholungsgebiete. Doch: es gibt nicht viele Wälder und landwirtschaftliche Flächen im Stadtgebiet – etwas, das zum Beispiel Hamburg, eine Stadt, die auf den ersten Blick urbaner als München wirkt, im Überfluss hat.

Das Gutachten geht davon aus, dass sich mit den neuen Einwohnern auch die kulturelle Vielfalt und die Lebensstile in der Stadt ändern werden. Die wichtigste Herausforderung in den nächsten Jahren werde daher nicht nur sein, überhaupt genug Freiraum zu bieten, sondern ihn auch möglichst flexibel zu gestalten, um möglichst viele anzusprechen, betont das Team im Gutachten.

Das Konzept stützt sich auf drei Säulen: Entschleunigung, Verdichtung und Umwandlung. In immer hektischeren Zeiten, in denen sich auch die Stadt ständig wandelt seien die Freiräume wichtige Ankerpunkte, die Identität schaffen, betont das Planungsteam. Hier setzen sie auf Entschleunigung. In München bieten besonders die historischen Parks und die über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft mit ihrem alten Baumbestand diese Atmosphäre von Ruhe und Kontinuität.

Für die Verdichtung folgt die Stadt schon länger dem Leitsatz „kompakt – urban – grün“ und versucht – wo möglich – bereits bebaute Flächen weiter zu verdichten, anstatt neue Grünflächen zu versiegeln. Dieses Prinzip soll auch im Freiraum übernommen werden: vorhandene Freiflächen sollen neu strukturiert und hinsichtlich der Nutzung optimiert, Nischen aktiviert und unbebaute Flächen wie Stellplätze und Bauerwartungsland temporär genutzt genutzt werden.

Das Prinzip Umwandlung macht die Stoffwechselprozesse der Stadt zum Fokus einer zukunftsorientierten Freiraumentwicklung. Dabei wird die Stadt als Ort verstanden, der nicht nur Energie und Ressourcen verbraucht, sondern sie auch generiert. Die Parks, die Sportanlagen und das private und öffentliche Grün produzieren beispielsweise Biomasse, die zur Energieerzeugung genutzt werden kann. Ziel ist, diese urbanen Stoffströme sichtbarer und nutzbar zu machen.

Die drei Leitthemen beziehen sich auf unterschiedliche Zeithorizonte. Die Konzepte für die Entschleunigung sollen langfristig erarbeitet werden, bestehende Freiräume gesichert, gepflegt und entwickelt und neue Schutzräume definiert werden. Diese Entwicklung soll langsam und leise ablaufen, um das Gefühl von Kontinuität zu betonen.

Im Rahmen der Verdichtung soll der Freiraum schnelllebiger entwickelt werden. Mehrfachnutzung und temporäre Bespielung werden wahrscheinlich typologisch neue Räume hervorbringen. Für sie sollen innovative Instrumente entwickelt werden.

Die Strategie der Umwandlung fordert den Blick in die Zukunft. Hier setzt das Konzept auf Forschung und Experimente, die die Grünräume als der Teil der Kreislaufwirtschaft einer Stadt begreifen, aber auch das Potenzial von Un-Orten wie Heizkraftwerken und Autobahnkreuzen zur Diskussion stellen.

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Räumlich ziehen sich die drei Strategien quer über das Stadtgebiet. Die Gebiete für die Entschleunigung werden besonders am Stadtrand zu finden sein, sie beinhalten aber auch die Isar die historischen Parks in der Stadt. Verdichtung und Umwandlung wechselt sich im gesamten Stadtgebiet ab.

Das Konzeptgutachten stellte Undine Giseke von bgmr stellvertretend für das Planungsteam im Rahmen der Jahresausstellung des Referats für Stadtplanung und Bauordnung in der Rathausgalerie in München vor. In der Ausstellung, die bis zum 3. März läuft, konnten sich Bürger ein Bild von dem Konzept und den Freiräumen ihrer Stadt machen und ihre Anregungen in einem Briefkasten hinterlassen. Diese werden ausgewertet und in die Konzeption zur langfristigen Raumentwicklung eingehen.