Private Gärten sind wichtigen Zufluchtsorten und Naturoasen.
Durch die besondere Lage in der Covid-19-Pandemie sind private Gärten zu wichtigen Zufluchtsorten und Naturoasen geworden. Foto: Kreuzschnabel

Der Garten ist in der Krise

Seit es ihn gibt, ist der Garten ein Symbol für Fruchtbarkeit und Lustgewinn. Historische Prachtgärten und repräsentative Hausgärten zeugen von den geordneten Bahnen, in denen der Mensch die Natur zu lenken vermag und erfreuen die Sinne. Ein moderner Garten muss überdies noch weitaus wichtigere Dinge leisten. Der wahrscheinlich bedeutendste Beitrag des Gartens unserer Zeit ist der zum Erhalt der Artenvielfalt.

Seit tausenden Jahren gehen aus den Zivilisationen dieser Welt Gärten hervor; manche als Lustgärten zur Bespaßung der Reichen und Mächtigen, andere als religiöse Orte der Spiritualität, wieder andere als Privatrefugien der einfachen Bürger*innen. Vermutlich schon vor über 12 000 Jahren begann der Mensch damit, Naturräume abzustecken, machte sich so eine frühe Form des Gartens zu eigen und legte damit auch den Grundstein für die Entwicklung der heutigen Gartenkunst und Landschaftsarchitektur.

In ihrer Funktion als Erholungsort gewannen Gärten in Deutschland durch die Covid-19-Pandemie an ungeahnter Bedeutung. Durch Lockdowns und Reisebeschränkungen wurden private Gärten – noch viel mehr, als sie es schon immer waren – zu Zufluchtsorten von Homeoffice-Geplagten und Leidtragenden von Ausgangssperren. Glücklich schätzte sich, wer sich während des Höhepunktes der Krise wenigstens noch im eigenen Garten bewegen und beschäftigen konnte.

Bedrohte Arten finden immer weniger Rückzugsflächen

Das zeigte sich auch in den Umsätzen von Gartenartikeln im Krisenjahr 2020. Hier flossen Reisebudgets in die Gartengestaltung, die Menschen deckten sich mit Gartenmöbeln, Grills, Pools und Pflanzen ein. Lagen die Umsatzzuwächse der Branche in den Jahren zuvor noch bei durchschnittlich einem Prozent, konnten sich Baumärkte und Gartencenter 2020 über ein Garten-Umsatzplus von satten 9,4 Prozent freuen.

Doch auch öffentliche Garten- und Grünanlagen wurden während der Pandemie zu begehrten Zielen für den kleinen Urlaub vor der Haustüre. Längst ist die Wichtigkeit urbanen Grüns – wie Sie sicher wissen und unter anderem bei uns in vielen Artikeln lesen können – auch in der Stadtplanung angekommen. Größere Neubauprojekte kommen heute kaum mehr ohne Dachgärten und andere Begrünungskonzepte aus. Städte wie Wien beispielsweise fragen ihre Bürger*innenschaft immer öfter nach Ideen, um die vorhandene Bebauung begrünen zu können. (Hier erfahren Sie mehr zu #wienbegrünen.)

Nicht nur im Sinne einer klimaresilienten Stadt kommt dem urbanen Garten heute eine wichtige Mehrfachaufgabe zu. Er bietet den Besucher*innen und Nutzer*innen einen schattigen und kühlen Ort in der aufgeheizten Stadt und dient bei Regen als Versickerungsfläche. Er kann aber auch Tier- und Pflanzenarten beherbergen, die nicht unbedingt nur Kulturfolge*innenr sind.

Verschiedene Arten kommen besser mit den Einflüssen des Menschen auf ihre Umwelt klar, als andere – sie nennt man Kulturfolger*innen. Ein klassisches Beispiel für eine urbane Kulturfolgerin ist die Stadttaube. Sie findet sich gut in den Bebauungen des Menschen zurecht. In den Städten profitiert die Stadttaube von ausreichend Nahrung und Nistmöglichkeiten und sucht sogar die Nähe zu menschlichen Siedlungen. Igel, Feldhase und Küchenschabe sind drei weitere Beispiele für kulturfolgende, wildlebende Tierarten in Deutschland.

11 000 Arten in Deutschland bestandsgefährdet

Andere Arten kommen nicht so gut mit den Auswirkungen des Menschen auf die Natur zurecht. Das wird beim Blick auf die immer länger werdenden Roten Listen der gefährdeten Arten in Deutschland deutlich. Von den mehr als 32 000 bewerteten heimischen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sind fast 11 000 in ihrem Bestand gefährdet. Weitere fünf Prozent sind bereits ausgestorben.

Der deutsche Garten: schon heute ein Refugium der Biodiversität

Selbst innerhalb einer einzigen Tiergattung gibt es unter Umständen Arten, die verschieden gut mit menschlichen Einflüssen umgehen können. Ein Beispiel für eine solche Gattung sind die Hummeln. Die Dunkle Erdhummel ist die wohl bekannteste der Hummelarten mit ihren typischen gelben Streifen und dem weißen Hinterleib. Als polylektische Ubiquistin nimmt sie mit einem breiten Angebot an Nahrungspflanzen vorlieb und stellt keine hohen Ansprüche an ihre Nistplätze. Sie nistet auf Wiesen ebenso wie an Wegesrändern, in Gärten, Parks und auch Scheunen und Schuppen. Ihr Bestand ist durch den Menschen nicht gefährdet. Im Gegenteil: Der Mensch nutzt ihre Bestäubungsdienste sogar kommerziell.

Andere Hummelarten meiden Kultur- und Urbanflächen jedoch. Die Eisenhuthummel zum Beispiel fliegt fast ausschließlich die Blüten des Gelben und Blauen Eisenhuts an. So ist diese auch nur noch in der Nähe größerer Eisenhutvorkommen in den Alpen zu finden.

Der Einfluss des Menschen fördert demnach gewisse Arten, während er andere benachteiligt. Was die langfristigen Folgen einer solchen Umgewichtung sind, kann heute noch niemand absehen. Die gute Nachricht ist aber: In deutschen Gärten findet die Artenvielfalt offenbar ein Rückzugsgebiet.

Bereits 2008 kam der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. (BDG) in einer Studie zur Biodiversität der Kulturpflanzen in deutschen Kleingärten zu der Erkenntnis, dass die Pflanzenvielfalt in Kleingärten signifikant höher ist, als in anderen Flächen. In den 83 untersuchten Standorten wurden insgesamt 2094 Pflanzenarten gefunden, davon 253 Arten, die der menschlichen Ernährung dienen. Nach Einschätzung der Urheber*innen der Studie übertreffen sie damit andere urbane Grünräume wie Stadtparks deutlich in ihrer Biodiversität.

Krefelder Studie bescheinigt Insektensterben

Das erscheint umso wichtiger, als dass die Fläche der Gärten in Deutschland im Vergleich zu anderen Flächen fast verschwindet gering erscheint. Auf etwa 2 Prozent der bundesweit zur Verfügung stehenden 357 581 Quadratkilometer wird die Fläche der Gärten inklusive der Kleingärten geschätzt. Demgegenüber stehen über 50 Prozent, die landwirtschaftliche Flächen ausmachen, sowie mehr als 30 Prozent Wälder, die zum größten Teil forstwirtschaftlich genutzt werden. Diese über 80 Prozent der deutschen Fläche ist aus Sicht der Biodiversität relativ verarmt und bietet nur noch angepassten Kulturfolger*innen eine Lebensgrundlage. Und das scheint seit etwa dreißig Jahren ein immer größeres Problem für die Insekten in Deutschland zu werden.

Der Entomologische Verein Krefeld hat 2017 mit einer weltweit aufsehenerregenden Studie den dramatischen Rückgang von Fluginsekten in Zahlen gegossen und somit greifbar gemacht. Falls Sie sich nicht mehr ganz daran erinnern können, hier nochmal das Ergebnis in Kurzfassung: Zwischen 1989 und 2016 ist die Biomasse an Fluginsekten in 63 deutschen Naturschutzgebieten um mehr als 75 Prozent zurück gegangen. Lassen Sie sich das einmal für einen Moment auf der Zunge zergehen: Offenbar hat es der Mensch also hingekriegt, in nicht einmal 30 Jahren drei Viertel aller fliegenden Insekten, also Bienen, Wespen, Käfer, Fliegen, Mücken, Schmetterlinge und andere, auszumerzen.

Zwar weisen die Autor*innen der “Krefelder Studie” selbst darauf hin, dass die zugrundeliegenden Methoden in Ihrer Aussagekraft begrenzt sind, zwischenzeitlich herausgekommene Übersichtsstudien (zum Beispiel die von Francisco Sánchez-Bayo, 2019zeigen aber einen klaren Trend für die Anzahl der Insekten auf der Erde. Und der geht steil nach unten. Dieses stille Massensterben der Insekten hat nicht nur Auswirkungen auf die Bestäubung unserer Agrar- und Kulturpflanzen. Ganze Ökosysteme mit Wirbeltieren an der Spitze bauen auf das Vorhandensein von Insekten als Nahrungsquelle auf.

Der zeitgemäße Garten

Der zeitgemäße Garten leistet hiergegen einen Beitrag zur Biodiversität. Der Garten von heute kann und muss mithelfen, Gegenpole zur Monokultur zu schaffen und so das Artensterben zu verlangsamen. Idealerweise vereint er die Eigenschaften als Erholungs-, Natur- und Nutzraum gleichermaßen und lässt unnötigen Schnickschnack weg. Durch Naturnähe gewinnt er gleichzeitig an Attraktivität sowie an Erholungswert. Durch das Aufzeigen komplexer Zusammenhänge biologischen Gleichgewichts kann er außerdem als Lehrgarten dienen. Er bietet unter anderem magere Bereiche, die sich weitestgehend unkontrolliert entwickeln können und lässt der Natur großzügige Bereiche zur freien Entfaltung.

Pflanzen, die sowohl Pollen und Nektar als auch Früchte liefern, verleihen ihm einen weiteren Mehrfachnutzen. Dabei ist die Wahl der einheimischen Pflanzen so beschaffen, dass eine möglichst große Vielfalt entsteht und über die gesamte Saison Blüten im Garten zur Verfügung stehen. Die Bepflanzung mit Neophyten wird in ihm vermieden. Zeitgemäße Gärtner*innen lassen auch sogenannten Schädlingen wie Blattläusen Raum, denn sie wissen, dass sich ohne sie auch keine Population von Nützlingen einstellen kann. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist im zeitgemäßen Garten minimal und erfolgt, nur wenn unbedingt nötig, auf biologischer Basis. Insektenhotels und stehengelassene Stängel bieten den Nützlingen im modernen Garten zahlreiche Nistgelegenheiten, während Smart Gardening helfen kann, Arbeit einzusparen und den Verbrauch von Wasser und Düngemitteln zu optimieren.

Obst nur noch für Reiche

„Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben; keine Bienen mehr, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen mehr.“ Dieses, oft fälschlicherweise Albert Einstein zugeschriebene, Zitat ist vielleicht nicht ganz richtig. Wenn es mit dem Untergang der Biodiversität aber so weitergeht wie bisher, werden die Folgen vermutlich dennoch drastisch werden. Obst und Gemüse gibt es dann vielleicht nur noch für Reiche, während manche Expert*innen Hungersnöte befürchten.

Es hat sich gezeigt, dass ein Teil der Artenvielfalt mittlerweile auf Grünräume wie Gärten angewiesen ist und dort einen der letzten Rückzugsräume findet. Es liegt an uns, wie weit wir einer vielfältigen Natur in der Gestaltung unserer Gärten entgegenkommen wollen. In unserem besten Interesse läge es jedenfalls.

Die Landesgartenschau Neuenburg 2022 möchte die Verbindung zwischen der Stadt um dem Fluss Rhein stärken. Mit welchem Konzept das gelingt lesen Sie bei uns.

Das könnte Sie auch interessieren
luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-GLnZNGNCqj4
Erdsystemgrenzen und Stadtplanung – wie lokal mit global verbunden ist
Gegen das Vergessen
Wettbewerbsergebnisse im Mai 2021
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Postwachstumsplanung – wie man Städte jenseits des Wachstums denkt
Wettbewerbsübersicht Oktober 2018 (1/2)
Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Nachteile Dachbegrünung
Nachteile Dachbegrünung: Prinzip, Planung und Beispiele
Oben auf dem Buchcover von „Making Plans: How to engage with landscape
Making Plans: How to Engage with Landscape, Design, and the Urban Environment – Buchrezension
hochwinkelfotografie-der-stadt-RvCbIQ0S-Lc
KI‑gestützte Regenwasser‑Prognosen – der Schwammstadt‑Booster?
Der Wohnungsneubau in Deutschland hinkt dem Ziel von 400 000 neuen Wohneinheiten pro Jahr deutlich hinterher. Bildquelle: Pixabay
Initiative „Bau-Stau auflösen – jetzt!“: Deutschland fehlt Wohnraum
Pixi-Buch „Ich habe eine Freundin, die ist Architektin“ ist ab Frühjahr 2022 im Buchhandel erhältlich. (Abbildung: BDA)
Pixi-Buch: „Ich habe eine Freundin, die ist Architektin“

Wettbewerbsübersicht Juni 2019

Neugestaltung Stadtpark in Ahlen, 1. Rang scape Landschaftsarchitekten, Düsseldorf

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen monatlich über die spannendsten Wettbewerbsergebnisse.

In Ahlen bildet der Stadtpark den wichtigsten zentrumsnahen Freiraum der Innenstadt und ist elementarer Teil der Grünverbindung entlang der Werse. Der im Werkstattverfahren entwickelte Entwurf von scape setzt darauf, Fluss und Park wieder stärker als bisher miteinander zu verweben. Der Flusslauf  soll ein naturnahes, frei mäandrierendes Erscheinungsbild zurückerhalten. Die Wege orientieren sich dabei an der geschwungenen Formensprache des Wassers, ihre Führung jedoch am alten Wegeverlauf. Die vorgeschlagene Renaturierung der Werse wird laut Jury als Denkanstoß verstanden, da sie im Budget des Umgriffs bisher nicht eingeplant ist. Das Gehölzkonzept sieht im Norden eine offene, mit wenigen Bäumen bestandene Wiesenfläche vor. Im Süden prägt ein dichter Baumbestand den Übergang zum angrenzenden Museum. In der Parkmitte zeichnet der Entwurf das historische Oval nach: Er reduziert den Baumbestand bis auf wenige Einzelbäume und inszeniert die historischen Fragmente darin neu.

bdla Studentenwettbewerb Mitteldeutschland 2018/2019, „Stadtpark West – Arnoldi Park in Gotha“, 1. Preis Leonhard Seifert, Jonathan Simon, Erfurt

Alle Bilder: scape Landschaftsarchitekten

 

Der bdla Studentenwettbewerb Mitteldeutschland suchte nach einem Parkkonzept für den Arnoldi Park in Gotha. Dieser birgt als Stadtpark zwar viel Potenzial, deckt aber kaum die aktuellen und zukünftigen Freiraumansprüche. Leonhard Seifert und Jonathan Simon siegten mit der Vision eines durch den Park ziehenden Wandertheaters und greifen damit das Thema des traditionellen Theaterspiels in Gotha auf. Aufführungen finden dabei an bestimmten Punkten im Park statt – insbesondere an den Kulturdenkmalen, die gleichzeitig als Szenen und Kulissen dienen. Die Jury würdigte die schlüssige Herleitung und die Verknüpfung mit dem vorgefundenen Park und seinen Elementen. Orientiert am Theaterspiel, charakterisieren die Verfasser die stetig ansteigende Topografie des Parks als „Drama in drei Akten“: Exposition, Steigerung und Höhepunkt ordnen sie den jeweiligen Aufgaben „Informieren, Aktivieren und Zelebrieren“ zu, welche die Grundlage für die gestalterischen Eingriffe bilden. Dabei differenzieren sie zwischen unverhandelbaren Maßnahmen, die kurzfristig erfolgen sollen, und langfristigen, verhandelbaren Eingriffen.

Friedrich-Ebert-Platz mit Ideenteil Innenstadt Porz, Köln, 1. Preis club L94 Landschaftsarchitekten, Köln

Alle Bilder: Seifert u. Simon

 

Im Zentrum des Stadtbezirks Köln Porz entsteht am Friedrich-Ebert-Platz eine neue Mitte, deren Freiräume nach Plänen des Siegerentwurfs von club L94 Landschaftsarchitekten gestaltet werden sollen. 2018 erfolgte der Abriss des jahrelang leerstehenden, aber platzprägenden Herti-Gebäudes, was eine bauliche Neuordnung und die Aufwertung des zentralen Platzes ermöglicht. Der Freiraumentwurf überzeugt die Jury mit subtilem und klarem Raumkonzept, das die neue Mitte betont: Eine offene Achse mit einheitlichem Bodenbelag leitet vom Rhein über das Rathaus bis zum ÖPNV-Knotenpunkt. Wasserelemente begleiten die Achse und betonen die platzartigen Aufweitungen in unterschiedlichen Ausprägungen. Baumreihen heben zusätzlich die relevanten Wegeverbindungen als grünes Netz in Ost-West- und Süd-Nord-Richtung hervor. Der minimale Eingriff in die denkmalgeschützte Lindenallee schafft eine vergrößerte Platzfläche am Rheinufer, die zugleich Endpunkt der Wegeverbindung darstellt.

Bilder 1-5: club L94

Kommunale Bodenpolitik und Klima – Wie Eigentum Nachhaltigkeit blockiert

Vogelperspektive einer dicht bebauten, strukturierten Nachbarschaft als Symbol für kommunale Bodenpolitik und Klimaschutz-Herausforderungen.
Dichtes Stadtviertel zeigt, wie privates Eigentum klimafitte Stadtentwicklung hemmt.

Wem gehört eigentlich die Stadt? Und warum tun sich Kommunen so schwer, ihre Böden im Sinne des Klimas zu nutzen? Die Antwort liegt nicht im fehlenden Willen oder mangelnden Konzepten, sondern im Eigentum selbst – ein Bollwerk gegen nachhaltige Stadtentwicklung. Wer wirklich klimafitte Städte will, muss sich an die kommunale Bodenpolitik wagen. Denn Eigentum ist das neue Nadelöhr der Nachhaltigkeit.

  • Analyse der zentralen Rolle von Bodenpolitik für Klimaschutz und nachhaltige Stadtentwicklung.
  • Kritische Betrachtung historischer Entwicklungen von Bodenrecht und Eigentum in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Erklärung, wie privates Eigentum und spekulative Bodenverwertung Nachhaltigkeit ausbremsen.
  • Ausführliche Beispiele aus Kommunen: Handlungsoptionen, Hemmnisse und innovative Ansätze.
  • Vertiefung der Wechselwirkungen von Bodenpolitik, Klimaresilienz und sozialer Stadtentwicklung.
  • Juristische, ökonomische und gesellschaftliche Barrieren für eine klimaorientierte Bodenpolitik.
  • Diskussion um Reformen: Erbbaurecht, Vorkaufsrechte, Bodenfonds und neue Allianzen.
  • Bewertung internationaler Vorbilder und ihrer Übertragbarkeit auf den deutschsprachigen Raum.
  • Fazit: Warum nachhaltige Stadtentwicklung einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Eigentum braucht.

Eigentum als Zwangsjacke – Wie Bodenpolitik das Klima blockiert

Wer heute durch deutsche Städte spaziert, sieht auf den ersten Blick: Der urbane Raum ist geprägt von Eigentum. Über Jahrzehnte wurde Grund und Boden privatisiert, parzelliert, veräußert und vererbt. Dieser Prozess ist historisch gewachsen und tief im bürgerlichen Selbstverständnis verankert. Doch genau hier beginnt das Dilemma der nachhaltigen Stadtentwicklung. Denn Eigentum ist nicht neutral – es ist ein Machtinstrument, das den Zugriff auf Flächen, deren Nutzung und damit auch deren Entwicklungsmöglichkeiten fundamental limitiert. Kommunen erleben tagtäglich, wie ihre planerischen Möglichkeiten an den Grenzen von Eigentum zerschellen.

Das deutsche Grundgesetz garantiert das Eigentum und schützt es in besonderem Maße. Doch was als Schutz vor Willkür und staatlicher Übergriffigkeit gedacht war, blockiert heute vielfach die Anpassungsfähigkeit der Städte an neue Herausforderungen. Klimawandel, Hitzewellen, Starkregen, Flächenverbrauch – all das verlangt eine flexible, vorausschauende und gemeinwohlorientierte Bodenpolitik. Doch der größte Teil der städtischen Flächen ist längst in privater Hand. Die Folge: Kommunen können Flächen für Parks, Frischluftschneisen, Retentionsräume oder nachhaltigen Wohnungsbau oft nur teuer zurückkaufen – wenn überhaupt. Spekulative Preissteigerungen und unübersichtliche Eigentümerstrukturen tun ihr Übriges.

Boden ist keine beliebig vermehrbare Ressource. Im Gegenteil: Seine Knappheit und seine zentrale Rolle für Klimaschutz machen ihn zur strategischen Schlüsselressource des 21. Jahrhunderts. Doch während fast alle anderen klimapolitischen Themen – von Energie über Mobilität bis Kreislaufwirtschaft – längst zu zentralen Handlungsfeldern avanciert sind, fristet die Bodenpolitik ein Nischendasein. Das liegt nicht am Desinteresse der Kommunen, sondern am System Eigentum selbst. Jede Umwidmung, jede Umnutzung, jeder Flächentausch wird so zum kleinteiligen Verhandlungskrimi. Die mächtigste Waffe gegen nachhaltige Stadtentwicklung ist nicht der fehlende politische Wille, sondern das Privateigentum am Boden.

Gleichzeitig zeigt sich: Dort, wo Kommunen noch über nennenswerte Flächen verfügen, können sie klimaorientiert und sozial steuern. Von München bis Wien, von Freiburg bis Zürich – überall dort, wo gemeindeeigene Flächen im Spiel sind, entstehen innovative Quartiere, Grünzüge, Schwammstadtkonzepte und leistbarer Wohnraum. Doch das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Historische Fehler – wie die massenhafte Veräußerung kommunaler Grundstücke in den 1990er- und 2000er-Jahren – rächen sich heute bitter. Kommunale Bodenpolitik ist deshalb zur Schicksalsfrage für die klimafitte Stadt geworden.

Die zentrale Erkenntnis: Eigentum ist kein natürliches Recht, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion – und damit gestaltbar. Wer den Bodenmarkt allein den Kräften von Angebot und Nachfrage überlässt, riskiert die Steuerungsfähigkeit der Städte. Kommunen brauchen neue Instrumente, Mut zur Rückeroberung und vor allem ein radikal anderes Verständnis von Eigentum: als Verpflichtung zum Gemeinwohl und zur Klimagerechtigkeit.

Bodenrecht, Spekulation und Klimaziele – ein toxisches Dreieck

Die historische Entwicklung der Bodenpolitik im deutschsprachigen Raum ist eine Geschichte verpasster Chancen. Schon im Kaiserreich wurde über die Bodenfrage gestritten, die Weimarer Republik diskutierte Enteignungen zugunsten des Wohnungsbaus, und auch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bodenreform ein zentrales Thema. Doch stets triumphierte das private Eigentum über gemeinwohlorientierte Ansätze. Mit der Liberalisierung der Märkte und der Globalisierung des Immobiliensektors seit den 1990er-Jahren hat sich diese Schieflage weiter verschärft. Boden wurde zur Ware, zur Spekulationsmasse, zum Renditeobjekt.

Speziell im urbanen Kontext wirkt sich diese Entwicklung fatal aus. Die Preise für Grundstücke steigen schneller als jede Baukostensteigerung, die Renditeerwartungen privater Eigentümer kollidieren mit den Anforderungen an preiswerten Wohnungsbau, soziale Infrastruktur oder Grünflächen. Kommunen geraten in einen Teufelskreis: Sie müssen immer höhere Summen für den Rückkauf von Flächen ausgeben, was wiederum den Bodenpreis weiter nach oben treibt. Der Markt reguliert hier gar nichts – er produziert Knappheit, Ausschluss und soziale Spaltung.

Die Klimaziele von Bund, Ländern und Kommunen sind ambitioniert. Doch sie bleiben Makulatur, solange die Bodenpolitik nicht nachzieht. Wer Schwammstadt-Strategien, hitzeresiliente Quartiere, urbane Landwirtschaft oder die großflächige Entsiegelung will, braucht Flächen. Und zwar solche, auf die die Kommune tatsächlich Zugriff hat. Privateigentümer jedoch haben kein Interesse an kurzfristigen Erträgen aus öffentlichen Nutzungen. Ihre Logik ist die Wertsteigerung, nicht das Gemeinwohl. Klimaresilienz wird so zur Verhandlungsmasse – oder bleibt ganz auf der Strecke.

Juristisch sind den Kommunen enge Grenzen gesetzt. Das Baugesetzbuch bietet zwar Instrumente wie das Vorkaufsrecht, städtebauliche Verträge oder den Umlegungsparagrafen. Doch diese Tools sind oft zahnlos: Sie greifen nur, wenn bestimmte enge Voraussetzungen erfüllt sind, werden durch gerichtliche Verfahren verzögert oder durch Lobbyinteressen auf Bundesebene abgeschwächt. Gerade in Boomregionen lassen sich Eigentümer ihre Zustimmung teuer bezahlen oder blockieren Projekte über Jahre hinweg. Die Folge: Klimapolitik bleibt im Dickicht des Bodenrechts stecken.

Hinzu kommt die Internationalisierung der Märkte. Immer mehr Flächen befinden sich in den Portfolios institutioneller Anleger, globaler Investmentfonds oder anonymer Zweckgesellschaften. Für Kommunen wird es dadurch fast unmöglich, überhaupt noch Kontakt zu den Eigentümern herzustellen – geschweige denn, strategisch zu steuern. Der Bodenmarkt hat sich von der Stadtgesellschaft entkoppelt. Die Machtfrage lautet deshalb: Wem gehört die Stadt – und wer entscheidet über ihre Zukunft?

Innovative Ansätze: Kommunale Handlungsspielräume und ihre Grenzen

Trotz aller Hemmnisse gibt es beeindruckende Leuchtturmprojekte, die zeigen, wie kommunale Bodenpolitik anders und besser funktionieren kann. Die Stadt München etwa verfolgt seit Jahren eine konsequente Bodenbevorratung: Wo immer möglich, kauft die Kommune Flächen an, um sie nach gemeinwohlorientierten Kriterien zu entwickeln. Das Instrument des Erbbaurechts verhindert, dass strategische Grundstücke dauerhaft aus der öffentlichen Hand verschwinden. So entstehen bezahlbare Wohnungen, soziale Infrastruktur und klimaangepasste Freiräume – und das dauerhaft.

Ein weiteres Beispiel liefert die Stadt Wien. Hier wird der kommunale Bodenfonds aktiv genutzt, um Flächen für soziale und ökologische Projekte zu sichern. Die Vergabe erfolgt nicht an den Meistbietenden, sondern nach klaren Qualitätskriterien. Die Folge: Es entstehen urbane Quartiere mit hoher Durchmischung, großzügigen Grünräumen und innovativen Mobilitätskonzepten. Gleichzeitig werden Spekulation und Preissteigerungen gezielt eingedämmt. Wien gilt nicht umsonst als Vorbild für viele deutsche Städte.

Doch auch kleinere Städte und Gemeinden entwickeln zunehmend kreative Strategien. In Tübingen etwa setzt man auf das Konzept der Konzeptvergabe: Grundstücke werden nicht nach dem höchsten Gebot verkauft, sondern nach der Qualität der eingereichten Nutzungskonzepte. Kriterien wie Klimaschutz, soziale Mischung oder gemeinwohlorientierte Trägerschaft stehen im Vordergrund. Das Ergebnis sind Quartiere, die sich an den Bedürfnissen der Stadtgesellschaft orientieren – und nicht an den Renditeinteressen von Investoren.

All diese Ansätze zeigen: Kommunale Bodenpolitik kann ein Schlüssel für nachhaltige, klimaorientierte Stadtentwicklung sein. Doch sie stößt schnell an juristische und finanzielle Grenzen. Die Mittel der Kommunen sind begrenzt, die Marktdynamik übermächtig. Ohne eine tiefgreifende Reform des Bodenrechts und ohne Unterstützung von Bund und Ländern werden diese Leuchtturmprojekte die Ausnahme bleiben. Der Flächenmarkt ist kein normales Marktsegment – er ist der Nerv der urbanen Transformation.

Vor allem aber braucht es einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Eigentum. Nur wenn das Gemeinwohl Vorrang vor individuellen Profitinteressen erhält, können Städte klimafit, sozial gerecht und zukunftsfähig werden. Das erfordert Mut – und ein neues Selbstverständnis der kommunalen Planung.

Wege aus der Eigentumsfalle: Reformen, Allianzen und internationale Perspektiven

Um die Blockade durch Eigentum zu überwinden, braucht es mehr als lokale Initiativen. Gefordert ist ein Bündel an Maßnahmen, das den Handlungsspielraum der Kommunen systematisch erweitert. An erster Stelle steht die Reform des Bodenrechts. Das kommunale Vorkaufsrecht muss gestärkt, entschlackt und entbürokratisiert werden. Auch die Einführung eines gemeinwohlorientierten Bodenfonds auf Landes- oder Bundesebene könnte den Kommunen ermöglichen, strategisch Flächen zu sichern – unabhängig von kurzfristigen Haushaltszwängen. Die Idee: Nicht der Markt, sondern die Gesellschaft entscheidet, wie Flächen genutzt werden.

Ein weiterer Hebel liegt im Ausbau des Erbbaurechts. Es verhindert, dass wertvolle Flächen dauerhaft in private Hände wandern, und sichert der Kommune langfristig die Steuerungshoheit. Hier bedarf es jedoch eines Mentalitätswandels – nicht nur bei Investoren, sondern auch in der Verwaltung und bei politischen Entscheidern. Das Narrativ vom „guten Eigentum“ muss durch das Leitbild vom „verantwortlichen Eigentum“ ersetzt werden.

Teilweise können Allianzen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren, Wohnungsbaugenossenschaften und lokalen Initiativen helfen, Flächen der Spekulation zu entziehen. Modelle wie das Mietshäuser Syndikat oder Stiftungskonstrukte schaffen neue Trägerformen, die sich dem Gemeinwohl verpflichten. Auch die Vernetzung mit internationalen Vorreitern ist ein wichtiger Impulsgeber. Städte wie Zürich, Kopenhagen oder Amsterdam zeigen, wie konsequente Bodenpolitik nachhaltige Stadtentwicklung ermöglicht.

Gleichzeitig müssen Bund und Länder die Kommunen finanziell und rechtlich stärken. Förderprogramme, Bürgschaften und gezielte Steueranreize können die Rückgewinnung von Flächen erleichtern und die Umsetzung klimaorientierter Projekte beschleunigen. Die Digitalisierung bietet zusätzliche Chancen: Mit digitalen Bodenkataster-Systemen, datengestützter Flächenanalyse und transparenten Vergabeverfahren lassen sich Prozesse beschleunigen und Missbrauch verhindern.

Letztlich ist die Bodenfrage eine gesellschaftliche Frage. Welche Stadt wollen wir? Wer darf mitbestimmen? Und wie viel Gemeinwohl sind wir bereit, in Eigentumsrechte einzupreisen? Die Transformation zur nachhaltigen Stadt ist kein technokratischer Prozess – sie ist ein politischer Kraftakt. Wer das Klima retten will, muss den Mut haben, an die Grundfesten des Eigentums zu gehen. Nur so lassen sich die stummen Blockaden auflösen, die heute vielerorts jede echte Innovation verhindern.

Fazit: Ohne neue Bodenpolitik keine klimafitte Stadt

Kommunale Bodenpolitik ist der unterschätzte Hebel in der nachhaltigen Stadtentwicklung. Während Technologien, Energie und Mobilität viel Aufmerksamkeit erhalten, bleibt der Boden das stille Nadelöhr. Das Privateigentum am Boden blockiert vielerorts die notwendigen Anpassungen an Klimawandel, soziale Herausforderungen und neue Lebensmodelle. Die Beispiele aus München, Wien oder Tübingen zeigen: Wo Kommunen die Steuerungshoheit behalten, entstehen innovative, klimaresiliente und sozial gerechte Stadtteile. Doch das bleibt die große Ausnahme.

Der Weg in die klimafitte Stadt führt nur über eine radikale Neubewertung des Eigentums. Boden ist keine Ware, sondern die Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe und ökologischer Resilienz. Wer nachhaltige Stadtentwicklung will, muss den Mut haben, das Eigentum selbst neu zu denken – als Verpflichtung, nicht als Privileg. Dazu braucht es eine Reform des Bodenrechts, mutige Kommunen, starke Allianzen und den politischen Willen, das Gemeinwohl über kurzfristige Profitinteressen zu stellen.

Die Herausforderungen sind groß, die Widerstände mächtig. Doch die Alternativen sind ungleich teurer: zersiedelte Städte, soziale Spaltung, klimatische Kipppunkte. Die Zeit der Nischenlösungen ist vorbei. Es braucht eine neue, sozial-ökologische Bodenpolitik – als Fundament für die Stadt der Zukunft. Nur dann kann urbaner Raum wieder das werden, was er sein sollte: ein Gemeingut für alle, offen für Wandel und bereit für das Klima von morgen.