Gedenken braucht Zeit

Auch sechs Jahre nach dem Anschlag auf die ­nor­wegische Insel Utøya kommt die Diskussion über die „richtige“ Gedenkstätte an das Unglück zu keinem Ende. Der schwedische Künstler Jonas Dahlberg plante seit 2016 die Gestaltung einer „Memorial Wound“, die den Opfern des Anschlags gedenken sollte. Die norwegische Regierung lehnte seine Enwürfe nun ab.

Hintergrund

Am 22. Juli 2011 überfiel der norwegische Terrorist Anders Behring Breivik ein Sommercamp der Jugendorganisation der Norwegischen Arbeiterpartei (AUF). Der Tatort: Die kleine Insel Utøya im Tyrifjord, einem 45 Minuten westlich von Oslo gelegenen See. Breivik tötete 69 der rund 600 Menschen, die auf der Insel waren. Weitere 110 Menschen wurden verletzt, bevor die Polizei der Schießerei ein Ende bereiten konnte. Achtzig Prozent der Opfer waren Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren aus allen Teilen Norwegens. Die Tragödie erschütterte das gesamte Land.

Dahlbergs Entwurf

Ein offener internationaler Wettbewerb zur Gestaltung der Gedenkstätte fand im Sommer 2013 statt. Im Oktober desselben Jahres bat man acht ausgewählte Büros, einen finalen Entwurf einzureichen. Der schwedische Künstler Jonas Dahlberg gewann den Wettbewerb im Februar 2014 mit einem Entwurf, den er „Erinnerungswunde“ nannte. Seine Idee: eine 3,50 Meter breite Schneise durch die Landzunge zu schlagen und so die Spitze von Sørbråten abzuschneiden.

Scharfe Kritik und Ablehnung

Die Veröffentlichung des prämierten Entwurfs löste eine hitzige Diskussion über den Ort und die Gestaltung aus. Besonders Anwohner beschwerten sich, sie wären durch die Gedenkstätte gezwungen, jeden Tag auf die „Wunde“ in der Landschaft zu schauen. Einige von ihnen drohten, gerichtlich gegen die Pläne der Regierung vorzugehen. Im Juni 2017 kündigte die norwegische Regierung den Vertrag mit Jonas Dahlberg und beschloss stattdessen, eine nationale Gedenkstätte am Kai auf Utøya zu errichten. Wie die Gedenkstätt nun in Zukunft aussehen wird, bleibt ungewiss. Es braucht Zeit, bis die norwegische Bevölkerung über den Schrecken des grausamen Anschlags hinweggekommen ist. Eben diese Zeit scheint sich nun auch die norwegische Regierung nehmen zu müssen, um über die Gestalt der Gedenkstätte zu entscheiden.