Wer nach Vardø fährt, tut dies nicht von ungefähr. Arktische Winde fegen über die Barentssee und immer weniger Einwohner fristen ihr Dasein in dieser abgelegenen Stadt. Seit der Fischfang nicht mehr lohnt, leert sich Haus um Haus. Im Winter finden sich etliche Mannschaften ein zum skurrilen Schneeball-Wettkampf namens Yukigassen. Die Schiffe der Hurtigrute entlassen jeden Morgen um 4 Uhr einige optimistische Touristen, die nur in der kurzen Sommersaison die Festungsanlage Vardøhus, gegründet bereits um 1300, besichtigen können und das Pomorenmuseum, das von den langjährigen Handelsbeziehungen zu dem nahen Russland zeugt. Neben dem Rathaus befindet sich das Norwegische Amt für die Entschädigung von Gewaltopfern. Das bietet 14 Arbeitsplätze sowie eine Verbindung zu einer unerfreulichen Epoche für die Stadt. Im 17. Jahrhundert erreichte die Verfolgung Teufelsgläubiger den Norden Norwegens. Weit mehr als 100 unrühmliche Hexenprozesse sind eindringlich dokumentiert. 91 Menschen wurden für schuldig befunden und im Namen des Königs, der im sehr weit entfernten Kopenhagen residierte, als Hexen umgebracht, auf dem Scheiterhaufen zumeist.

Am Ort des Geschehens, Steilneset genannt, weihte an Mittsommer Königin Sonja eine neue Gedenkstätte ein. Nicht wenige erhoffen sich dadurch einen wachsenden Touristenstrom. Vardø wurde einbezogen in das System der Norwegischen Touristenrouten, deren nördlichste in Varanger verläuft und mit Steilneset ein Projekt bekam, das staunen lässt und angeblich zehn Millionen Euro gekostet hat.


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Der Bildhauer Knut Wold als langjähriger Kurator der Touristenrouten war maßgeblich verantwortlich, mit dem Schweizer Architekten Peter Zumthor und der Künstlerin Louise Bourgeois zwei Ausländer für das sonst sehr norwegische Programm anzuheuern. Während die französischstämmige Amerikanerin Bourgeois in ihrem hohen Alter den Ort nie selbst besuchen konnte, machte sich Zumthor mit dem Ort intensiv vertraut. So stand wohl ein Stockfischgestell Pate für die mehr als 120 Meter lange Holzkonstruktion mit dem eingespannten Segeltuchschlauch, der die Dokumentation der 91 Hingerichteten enthält. Aber die kleinen Fenster, die mit Glühbirnen den Innenraum bedrückend beleuchten, deuten auch auf eine andere denkbare Inspirationsquelle: ein leerstehendes hölzernes Lagerhaus am Hafen.


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Für das Kunstwerk von Louise Bourgeois schuf Zumthor einen schwarzen Glaskubus, in dem sich eindrucksvoll die Umgebung spiegelt. Drinnen ein heißer Stuhl aus Stahl, aus dem Flammen lodern, die sich in sieben Spiegeln, ja nun, spiegeln. Das Ensemble aus zwei eigentlich unvereinbaren Bauten ist faszinierend in seinen Raumwirkungen. Es ist unbewacht und jederzeit frei zugänglich. Ein phantastischer Ort, an dem man sich Touristengruppen eher nicht wünscht, die aber mit Sicherheit im kommenden Sommer einfallen werden, wenn die Norwegischen Landschaftsrouten touristisch vermarktet werden.
Manche Bürger Vardøs sind skeptisch, ob die Konstruktion den harten arktischen Winter aushalten wird. Auf jeden Fall ist sie jetzt dokumentiert im Novemberheft von Garten + Landschaft,  zusammen mit weiteren Bauten der Landschaftsrouten.

Fotos: Nasjonale Turistveger

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Friedhofsgestaltung: Aktionsplan zur naturnahen Gestaltung

Eine neue Broschüre der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege gibt Hinweise zur naturnahen Friedhofsgestaltung. Friedhof Gräfenberg mit altem Baumbestand. Foto: Barbara Füchtbauer
Friedhof Gräfenberg mit altem Baumbestand. Foto: Barbara Füchtbauer

Friedhöfe können wertvolle Lebensräume sein. Ein Aktionsplan gibt nun Empfehlungen und Tipps für eine naturnahe Friedhofsgestaltung.

Der Aktionsplan zur Friedhofsgestaltung der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege

Die Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege hat gemeinsam mit dem kirchlichen Verein „Schöpfung bewahren konkret e.V.“ einen Aktionsplan zur Friedhofsgestaltung veröffentlicht. In diesem Plan tragen die beiden Organisationen ihre Erfahrungen für Insektenschutz und mehr Artenvielfalt auf dem Friedhof zusammen.

„Friedhöfe sind nicht nur Orte der Stille und der Trauer. Sie sind auch Orte des Lebens. Wenn Wiesen und Gehölze ökologisch gepflegt und alte Mauern erhalten werden, finden viele Tiere Nahrung, Nistplätze oder Unterschlupf. In naturnahen Lebensräumen gibt es auch optimale Standortbedingungen für viele, darunter sogar seltene Pflanzen.

„Die Besonderheit von Friedhöfen ist ihre große Strukturvielfalt. Auf kleinstem Raum liegen halboffene Flächen, Kleinststandorte mit unterschiedlichen Nutzungsarten und naturnahe Restbiotope direkt nebeneinander. Alte Grabmauern und historische Gebäude sind Ersatzbiotope für Felslandschaften. Dadurch werden viele ökologische Nischen geschaffen, wo zahlreiche Pflanzen und Tiere das finden, was sie zum Leben brauchen. Vor allem in Städten und Dörfern können naturnahe Friedhöfe wichtige Rückzugsräume für viele Arten sein,“ schreibt die Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege.

Der Aktionsplan zur Friedhofsgestaltung ist online verfügbar. Er enthält zahlreiche Empfehlungen und Tipps für eine naturnahe Gestaltung dieses Lebensraums.

Wildblumen können dekorative Aspekte bilden, wie im Dietenhofener Friedhof. Foto: Barbara Füchtbauer
Wildblumen können dekorative Aspekte bilden, wie im Dietenhofener Friedhof. Foto: Barbara Füchtbauer

Mehr Biodiversität auf Friedhöfen

Die Broschüre namens „Oasen für Pflanzen und Tiere – Friedhöfe. Aktionsplan für Insektenschutz und mehr Artenvielfalt“ hat 34 Seiten. Sie ist als kostenloses PDF verfügbar. Darin finden sich konkrete Handlungsempfehlungen zur ökologischen Aufwertung von Friedhöfen. Auch praktische Tipps, etwa zur Pflege von Bäumen, Hecken, Sträuchern und Wiesen, gehören dazu. Denn nur eine gezielte Instandhaltung von Friedhöfen kann ihren ökologischen Wert maximieren.

Das Projekt zur Friedhofsgestaltung ist Teil der Bayerischen Biodiversitätsstrategie. Die Projektgruppe NaturVielfaltBayern hat ebenfalls an dem Projekt mitgewirkt. Neben der Broschüre gibt es fünf Merkblätter zu ökologischen Pflegemaßnahmen. Das Team hat über 20 Friedhöfe vor Ort betreut und Maßnahmen für Biodiversität umgesetzt.

Die folgenden Aktivitäten helfen dabei, den Friedhof naturnah zu gestalten und so wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen:

  • Umwandlung von Rasen in Wiesen,
  • Erhaltung alter Laubbäume,
  • Gestaltung von Blühgräbern mit heimischen, regionalen Samenmischungen,
  • Zulassung der spontanen Besiedelung durch Wildkräuter in aufgelassenen Gräbern, sowie
  • Schutz von Öffnungen, Spalten und Nischen für Tiere wie Eidechsen.

Dabei ist es wichtig, die Maßnahmen gemeinsam mit den Zuständigen der Friedhöfe zu planen und umzusetzen. Auch die Angehörigen sollten über die Pläne informiert werden.

Ein neues Naturerlebnis auf dem Friedhof

Die naturnahe Friedhofsgestaltung bietet Insekten, Eidechsen, Vögeln und Kleinsäugern neue Rückzugs- und Nistmöglichkeiten. Auch Höhlenbrüter wie Schwarzspechte oder Hohltauben erhalten durch die fachgerechte Behandlung alter Bäume eine neue Heimat. Laut Projektteam können Friedhöfe so eine Anlaufstelle für selten zu sehende Tiere sein. Besucher*innen können ein neues Naturerlebnis erhalten, wenn sie auf dem Friedhof sind.

Um Konzepte zur Förderung der Biodiversität zu entwickeln, hat das Projektteam zunächst zehn verschiedene Anlagen ausgewählt. Diese unterscheiden sich in Bezug auf Größe, Struktur, Lage in der Siedlung und frei verfügbare Flächen. So gelang es, das beispielhafte Potenzial jeder Anlage zu ermitteln und daraus Maßnahmen zur Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt zu entwickeln.

Dabei war es stets wichtig, die jeweilige Kirchengemeinde einzubinden. Auch weitere Kooperationspartner wie Landschaftspflegeverbände, Kreisfachberatungen für Gartenbau und Landespflege sowie ehrenamtliche Fledermausberater*innen waren Teil der Projektarbeit. Auf diese Weise überzeugte das Team die beteiligten Akteure von der Bedeutung von Biodiversität.

Auch die Öffentlichkeitsarbeit spielte eine Rolle: Friedhofsbesucher*innen sowie interessierte Bürger*innen konnten an Führungen und Schulungen teilnehmen. So gelang es, Informationen über die Arten und ihr Vorkommen in den Anlagen zu verbreiten. Hinzu kommt ein Faltblatt für Interessierte, das Praxisbeispiele zur naturnahen Friedhofsgestaltung zeigt und Pflegeempfehlungen enthält.

Hochwertige, magere Thymianwiese im Friedhof in Kirchensittenbach. Foto: Barbara Füchtbauer
Hochwertige, magere Thymianwiese im Friedhof in Kirchensittenbach. Foto: Barbara Füchtbauer

Übertragung der naturnahen Friedhofsgestaltung auf weitere Konfessionen

Die Tipps und Hinweise zur naturnahen Friedhofsgestaltung richten sich in erster Linie an pflegende Gärtner*innen. Aber auch Kirchengemeinden und Friedhofsbesucher*innen sind Zielgruppe der Broschüre. Zudem hat das Projektteam das Ziel, die Inhalte der Merkblätter und der Broschüre auf Friedhöfe unterschiedlicher Konfessionen zu übertragen.

Dafür sind bewusstseinsbildende Maßnahmen ebenso wichtig wie biodiversitätsfördernde Aktivitäten. Partizipative Aktionen, Pflanz- und Pflegeprojekte mit Schüler*innen sowie ein Kurzfilm sind Teil des Informationsangebots. Erste Projekte wurden bereits auf verschiedenen kommunalen, katholischen und jüdischen Friedhöfen umgesetzt. Dabei zeigte sich, dass eine Beratung durch Fachexpert*innen sehr hilfreich ist.

Übrigens: Mehr zur Kulturgeschichte von Friedhöfen und zu den neuen Ansprüchen an diese Orte lesen Sie hier.

Wie Addis Abeba Fußwege als Primärinfrastruktur aufwertet

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Menschen auf dem Gehweg neben einem braunen Betongebäude am Tag in der nachhaltigen Stadt. Foto von Miguel A Amutio.

Wer glaubt, Fußwege seien nur schmales Beiwerk der Stadt, irrt gewaltig: In Addis Abeba gilt der Trottoir als sozialer und ökonomischer Hauptschlagader – und ist auf dem besten Weg, zur Primärinfrastruktur einer neuen, nachhaltigen Stadtentwicklung zu avancieren. Was steckt hinter dieser urbanen Fußweg-Offensive? Und was können deutschsprachige Städte davon lernen?

  • Fußwege in Addis Abeba werden erstmals als strategische Primärinfrastruktur behandelt – mit politischer Rückendeckung und umfassender Investition.
  • Historische und soziale Hintergründe: Warum Fußwege in der äthiopischen Hauptstadt eine Schlüsselrolle spielen.
  • Innovative Planungsansätze, die Fußgänger priorisieren und nachhaltige Mobilität fördern.
  • Technische und gestalterische Lösungen: Von der Materialwahl bis zur Integration von Grünflächen und urbaner Möblierung.
  • Soziale, wirtschaftliche und ökologische Effekte einer aufgewerteten Gehweginfrastruktur.
  • Die Herausforderungen: Flächenkonkurrenz, Finanzierung und kulturelle Akzeptanz.
  • Vergleich mit Entwicklungen im DACH-Raum – und Impulse für eine neue Fußwegkultur in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Schlussfolgerungen für Planer, Stadtverwaltungen und Entscheidungsträger.

Vom Nebenschauplatz zur Lebensader: Die Renaissance der Fußwege in Addis Abeba

In Addis Abeba, der dynamisch wachsenden Metropole am Horn von Afrika, erleben Fußwege ein unerwartetes Comeback. Was jahrzehntelang als Restfläche am Rande von Straßen wahrgenommen wurde, rückt nun ins Zentrum der Stadtplanung. Der Wandel beginnt mit einer schlichten Erkenntnis: In einer Stadt, in der ein Großteil der Bevölkerung auf das Zufußgehen angewiesen ist, dürfen Gehwege keine nachrangige Infrastruktur sein. Sie sind das Rückgrat des urbanen Alltags, die Bühne für sozialökonomische Interaktion und Mobilitätsgrundlage für Millionen.

Die Geschichte der Fußwege in Addis Abeba ist eng verknüpft mit der kolonial geprägten Stadtentwicklung und den Herausforderungen der rasanten Urbanisierung. Jahrzehntelang galt der motorisierte Individualverkehr als Leitbild moderner Mobilität, während Fußgänger auf improvisierte, oft unzusammenhängende Trampelpfade verwiesen wurden. Das Resultat: Verkehrschaos, Unfallhäufigkeit und eine fragmentierte Stadtstruktur, die den Alltag vieler Menschen erschwerte.

Mit dem Regierungswechsel der letzten Jahre und wachsendem internationalem Interesse an nachhaltigen Mobilitätslösungen vollzieht Addis Abeba nun eine radikale Kehrtwende. Fußwege werden gezielt als Primärinfrastruktur eingeordnet – nicht als kosmetische Ergänzung, sondern als zentrale Komponente der städtischen Daseinsvorsorge. Diese Neubewertung drückt sich in politischen Programmen, Fördermitteln und ambitionierten Masterplänen aus, die den öffentlichen Raum neu denken.

Der Paradigmenwechsel ist dabei alles andere als symbolisch. Die Stadt investiert systematisch in die Sanierung, Erweiterung und Gestaltung von Gehwegen, verfolgt eine eng getaktete Umsetzung und setzt auf messbare Verbesserungen der Lebensqualität. Fußwege werden als Orte der Begegnung, des Handels, der Bewegung und des sozialen Austauschs verstanden – und das mit einer Ernsthaftigkeit, die in europäischen Städten oft noch fehlt.

Gleichzeitig eröffnet diese Entwicklung neue Chancen für die Stadtgesellschaft. Fußwege avancieren zu multifunktionalen Räumen, in denen Mobilität, Klimaanpassung, lokale Ökonomie und soziale Inklusion Hand in Hand gehen. Addis Abeba zeigt, dass die Aufwertung des Gehwegs weit mehr ist als Stadtbildpflege: Sie ist ein politisches Bekenntnis zur nachhaltigen, inklusiven und resilienten Stadt.

Planung mit Weitblick: Innovative Strategien und technische Lösungen für urbane Gehwege

Die Aufwertung der Fußwege in Addis Abeba ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer strategisch angelegten, komplexen Planung. Im Zentrum stehen dabei die Integration von Fußwegen in sämtliche Ebenen der Stadtentwicklung und die konsequente Priorisierung nicht-motorisierter Mobilität. Wo andernorts noch das Auto dominiert, wird in Addis Abeba gezielt in die Infrastruktur für Zufußgehende investiert – von der politischen Willensbildung bis hin zu konkreten baulichen Maßnahmen.

Die Planer setzen dabei auf einen systemischen Ansatz. Fußwege werden nicht isoliert gedacht, sondern als Teil einer vernetzten, multimodalen Mobilitätsstrategie. Sie bilden die Verbindung zwischen Wohnquartieren, Arbeitsplätzen, Märkten, Schulen und öffentlichen Verkehrsknoten. Dieser Verknüpfungslogik liegt die Erkenntnis zugrunde, dass Mobilität erst dann nachhaltig und gerecht ist, wenn sie für alle funktioniert – unabhängig von Einkommen, Alter oder physischen Voraussetzungen.

Technisch spiegelt sich die neue Wertschätzung in der Wahl robuster, lokal angepasster Materialien wider. Betonplatten, Naturstein und innovative Versickerungslösungen sorgen für Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit gegenüber klimatischen Belastungen. Gleichzeitig wird großer Wert auf Barrierefreiheit gelegt: Niveaugleiche Übergänge, taktile Leitsysteme und ausreichend breite Gehwege sind Standard in neuen Planungsrichtlinien. Damit wird ein wichtiger Beitrag zur Inklusion geleistet und das städtische Leben für alle zugänglich gemacht.

Ein weiteres zentrales Element ist die Integration von Grünstrukturen. Bäume, Hecken und bepflanzte Mulden übernehmen nicht nur gestalterische Funktionen, sondern verbessern das Mikroklima, reduzieren die städtische Hitzeinselwirkung und fördern Biodiversität. In Kombination mit urbaner Möblierung – von Sitzbänken bis zu Beleuchtungslösungen – entstehen attraktive Aufenthaltsräume, die den öffentlichen Raum aufwerten und zur sozialen Belebung beitragen.

Gleichzeitig nutzt Addis Abeba digitale Werkzeuge zur Bedarfsanalyse und Planung. GIS-basierte Erhebungen, partizipative Mapping-Projekte und die Integration von Echtzeitdaten zu Fußgängerströmen ermöglichen es, gezielt Engpässe zu identifizieren und Maßnahmen nach Dringlichkeit zu priorisieren. Der Einsatz solcher Technologien steigert die Effizienz der Umsetzung und macht die Fußwegplanung resilient gegenüber zukünftigen Herausforderungen.

Die soziale, wirtschaftliche und ökologische Dimension der neuen Fußwegkultur

Die Aufwertung der Gehwege in Addis Abeba wirkt weit über den reinen Mobilitätsaspekt hinaus. Sie verändert das soziale Gefüge der Stadt und bringt neue Impulse für die lokale Wirtschaft. Fußwege sind in Addis Abeba traditionell nicht nur Verkehrsflächen, sondern auch soziale Treffpunkte, Marktplätze, Orte der informellen Ökonomie und kultureller Ausdruck. Ihre systematische Verbesserung erschließt diese Potenziale neu und stärkt die urbane Gemeinschaft.

Soziale Teilhabe ist ein zentrales Ziel der neuen Fußwegstrategie. Barrierefreie, sichere und durchgängig gestaltete Gehwege ermöglichen es auch Kindern, Senioren und Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, am städtischen Leben teilzuhaben. Die Präsenz von Fußgängern erhöht wiederum die soziale Kontrolle und trägt zur Reduzierung von Kriminalität bei. Aufenthaltsqualität, Sichtbarkeit und soziale Interaktion werden gezielt gefördert – ein wichtiger Beitrag zu einer offenen und lebendigen Stadtgesellschaft.

Auch wirtschaftlich sind die Effekte beachtlich. Der Einzelhandel profitiert von erhöhter Passantenfrequenz, informelle Händler finden neue, bessere Rahmenbedingungen und der öffentliche Raum wird zum Katalysator für lokale Wertschöpfung. In Addis Abeba zeigt sich, dass gut gestaltete Fußwege nicht nur Kosten verursachen, sondern als Wirtschaftsfaktor fungieren, der Investitionen, Arbeitsplätze und Innovationen anzieht.

Ökologisch leisten die neuen Gehwege einen Beitrag zur Klimaanpassung und zur Reduktion des motorisierten Verkehrs. Durch die Förderung des Zufußgehens werden CO₂-Emissionen gesenkt, Lärm und Luftverschmutzung reduziert und die Lebensqualität insgesamt gesteigert. Insbesondere die Integration von Grün- und Versickerungsflächen hilft, städtische Überhitzung zu vermeiden und die Resilienz gegenüber Extremwetterereignissen zu stärken.

Die Transformation der Fußwege befördert damit eine neue, ganzheitliche Perspektive auf urbane Infrastruktur. Sie verdeutlicht, wie eng Mobilität, Soziales, Ökologie und Ökonomie im öffentlichen Raum miteinander verwoben sind – und wie vielschichtig die Wirkung von Investitionen in scheinbar unscheinbare Infrastrukturelemente sein kann.

Herausforderungen und Lehren für den deutschsprachigen Raum

Natürlich verläuft die Fußweg-Offensive in Addis Abeba nicht ohne Widerstände. Flächenkonkurrenz, begrenzte Haushaltsmittel, informelle Nutzungen und die Herausforderung, unterschiedlichste Interessen unter einen Hut zu bringen, stellen die Planer vor komplexe Aufgaben. Besonders die Umverteilung von Straßenraum zugunsten des Fußgängerverkehrs trifft auf Widerstände bei Autofahrern und etablierten Interessengruppen, die ihre Privilegien schwinden sehen.

Ein weiteres Problemfeld ist die nachhaltige Finanzierung. Während internationale Fördermittel und Entwicklungsbanken zu Beginn große Projekte unterstützen, bleibt die dauerhafte Unterhaltung und Pflege der Infrastruktur eine Herausforderung. Addis Abeba setzt hier auf neue Modelle der Public-Private-Partnership, lokale Steuerfinanzierung und eine stärkere Einbindung der Stadtgesellschaft in die Verantwortung für den öffentlichen Raum.

Kulturell gilt es, das Image des Zufußgehens aufzuwerten. In vielen wachsenden Metropolen wird das Auto nach wie vor als Statussymbol verstanden, während Zufußgehen mit Armut assoziiert wird. Hier ist ein Mentalitätswandel gefragt, der den öffentlichen Raum als Gemeingut und das Zu-Fuß-Gehen als erstrebenswerte, gesunde und moderne Mobilitätsform etabliert. Öffentlichkeitsarbeit, partizipative Projekte und sichtbare Erfolge sind Schlüsselfaktoren, um diese Transformation zu verankern.

Für Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet die Entwicklung in Addis Abeba wichtige Impulse. Während der Fußverkehr in vielen europäischen Städten bereits einen hohen Stellenwert genießt, fehlt es oft an einer strategischen, stadtweiten Priorisierung und an Mut zur Flächenumverteilung. Das Beispiel Addis Abeba zeigt, dass der Fußweg nicht nur ein Nebenschauplatz, sondern ein zentrales Planungsfeld mit enormem Hebel für Nachhaltigkeit, Resilienz und soziale Integration sein kann.

Die Lehre für den deutschsprachigen Raum: Es braucht nicht nur punktuelle Verbesserungen, sondern eine neue Denkweise, die den Fußweg als Primärinfrastruktur begreift – mit eigener Strategie, eigenem Budget und politischer Rückendeckung. Nur so wird der öffentliche Raum zu einem Ort, an dem Mobilität, Teilhabe und Lebensqualität tatsächlich für alle möglich werden.

Fazit: Von Addis Abeba lernen – Fußwege als Schlüssel zur resilienten Stadt

Die Aufwertung der Gehwege in Addis Abeba ist mehr als ein Infrastrukturprojekt – sie ist ein urbanes Labor für zeitgemäße Stadtentwicklung. Die äthiopische Metropole demonstriert, dass nachhaltige Mobilität, soziale Inklusion und wirtschaftliche Vitalität nur dann gelingen, wenn der Fußweg ins Zentrum der Planung rückt. Mit innovativen Strategien, technischer Finesse und politischem Willen erhebt Addis Abeba den Gehweg zur Primärinfrastruktur – und setzt damit Maßstäbe, die bis nach Europa ausstrahlen.

Für Planer, Stadtverwaltungen und Entscheidungsträger im deutschsprachigen Raum ist das eine Einladung, den Blick zu weiten und den öffentlichen Raum neu zu denken. Es gilt, den Fußweg nicht länger als nachrangige Restfläche zu betrachten, sondern als Schlüssel zur nachhaltigen, resilienten und lebenswerten Stadt. Die Herausforderungen sind vielfältig – von der Flächenumverteilung über die Finanzierung bis zur kulturellen Akzeptanz. Doch das Beispiel Addis Abeba zeigt: Mit Mut, Kreativität und einer klaren Strategie ist eine urbane Zukunft möglich, in der der Fußweg mehr ist als nur ein Weg – sondern eine Lebensader für die Stadt von morgen.