Stadtwirte: Von Sozialraumfarmern und Inklusionswirten

Was ist eigentlich ein*e Stadtwirt*in? Die kostenlose Publikation “Stadtwirte” von Michael Scheer gibt Antworten und nationalen und internationalen Akteur*innen die Möglichkeit, ihre Anliegen und Projekte vorzustellen. So erfahren Leser*innen von einer Gemüsewerft in Bremen, einer Straßenzeitung in Belgrad und Nina Hagens Ansichten zum Selbstbestimmungsrecht von psychisch Beeinträchtigten. Eine Buchrezension.

Stadtwirte! Das Buch, eine künstlerische Kollage von Michael Scheer und Konzeptkünstlerin Angela Ljiljanić, ist ein flammendes Plädoyer, das ruft; „Mehr davon“! Doch was ist ein*e Stadtwirt*in?

Michael Scheer, Geschäftsführer der Gesellschaft für integrative Beschäftigung, ist selbst einer. Auf einer ehemaligen Hafenwerft in Bremen baut er biologische Nahrungsmittel an. Dabei beschäftigt er dort und im zugehörigen Café körperlich und seelisch Beeinträchtigte; eine von der Stadt honorierte soziale Dienstleistung, die auch den Garten mitfinanziert. Daneben ist die Gemüsewerft ein Ort für offene kulturelle Veranstaltungen.

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Stadtwirte in Leipzig

Ein*e Stadtwirt*in – so könnte man sagen – ist eine Person, die Nahrungsmittelanbau in die Stadt zurückholt. Der aber zugleich einen Lebensraum schafft, in dem vieles möglich ist – Nachhaltigkeit durch „Generalistentum“ (Scheer) – und besonders gesellschaftliche Teilhabe.

Das Buch „Stadtwirte“ wurde von der Aktion Mensch gefördert, mit dem Ziel, diese Art der urbanen Landnutzung zu verbreiten. Das Ergebnis ist aber kein Manifest, sondern eine wilde Sammlung von Geschichten, Projekten, Menschen und Gedanken. Es geht darin nur teilweise um frisches Gemüse geht – dafür (fast) immer um Menschen und ihre Möglichkeiten, sich sinnstiftend einzusetzen. Die Herausgeber*innen lassen die Protagonist*innen ihre Geschichten selbst erzählen, zum Einen in Form von Interviews und zum Anderen, indem sie ihnen kapitelweise die Autor*innenschaft übergeben. So wird das Buch selbst zu einem Kunstwerk, das einen durch ihre Unmittelbarkeit in Bann zieht.

Der erste Stop der Reise, die an 13 Orte in 6 Städten und 4 Ländern führt, ist die „Annalinde Leipzig“. Unter diesem Namen bauen Dominik Renner und Philipp Scharf mitten in Leipzig frisches Biogemüse an. Damit beliefern sie die künstlerisch-hippe, kooperativ betriebene Pizzeria Pekar, deren Betreiber*innen ebenfalls zu Wort kommen. Hier zeigt sich besonders gut, wie Kultur und Gemüseanbau sich ergänzen.

Stadtwirte in Bremen

Weiter geht es nach Bremen, wo Scheer selbst über seine „Gemüsewerft“ berichtet. Markus Freybler erzählt im Interview, wie er mit seinem Craft Beer „Hopfenfänger“ gegen die industrielle Konkurrenz besteht und sich sozial engagiert: Er bezieht seinen Hopfen von der Gemüsewerft – ein Teil seines Gewinns fließt dorthin zurück.

Noch in Bremen reist man zu einem kollektiv-selbstgebauten Mitmachkulturort an einer Badebucht der Weser: Die „Komplette Palette“ von Immo Wischhusen, einem deutscher Hip-Hopper, wurde unter Anderem zu einem Ort für Menschen in seelischen Krisen. Sie können dort nicht nur Palettenmöbel, sondern sich selbst wieder aufbauen.

Nina Hagen, die ohne Projekt, dafür mit klarer Haltung auftritt, macht sich in einem engagierten Essay für das Selbstbestimmungsrecht von psychisch Beeinträchtigten stark.

Perspektivenwechsel trainieren

Nach weiteren in- und ausländischen Stationen beeindruckt der Sprung nach Belgrad. Im dortigen Kunst-und Kulturprojekt des Kollektivs KM8 im benachteiligten Viertel Savamala bekommen Jugendliche eine Möglichkeit, die Gestaltung ihrer Stadt mitzubestimmen. Gleich nebenan stellt Marko Tomašević die Straßenzeitung Liceulice vor, die Menschen in sozialen Schwierigkeiten mit Beschäftigung und Einkommen versorgt.

Die zwei letzten Kapitel sind den zwei besten Verkäufer*innen der Zeitschrift gewidmet. Hier zeigt sich ganz die Haltung der Herausgeber*innen: Die beiden jungen Leute sprechen über ihre Arbeit, ihre Träume und ihre Zufriedenheit, ohne dass den Leser*innen Diagnosen ihrer Benachteiligung aufgedrängt werden. Was bleibt, ist Augenhöhe.

Fazit: Es macht nicht nur Spaß, die einzelnen Beiträge zu lesen. An diesem Potpourri aus Interviews und Geschichten fasziniert, dass schon die Form transportiert, worum es den Herausgeber*innen geht. Durch den unmittelbaren Wechsel der Sprecher*innen, die uns auf fast intime Weise an ihren Herzensprojekte und -anliegen teilhaben lassen, trainieren die Leser*innen Perspektivenwechsel. Und ist das nicht Grundfähigkeit für ein gesellschaftliches Miteinander? Wenn man den Erfolg des Buches also daran messen möchte, wie es sein Anliegen vermittelt, kann man nur schließen: Sehr gelungen und ein echter Mehrwert.

Hier können Sie die Publikation kostenfrei bestellen.