Dortmunder Hauptbahnhof – Das Grüne U

Im Jahr 2024 soll der Bau des neuen Dortmunder Hauptbahnhofs beginnen. Den Entwurf zur Nordseite des Dortmunder Hauptbahnhof hat raumwerk entwickelt. Das Frankfurter Architekturbüro nutzt die Topografie des Ortes und entwickelt eine grüne Spange, die sich als attraktiver Freiraum über die komplette Gebäudeanlage spannt. Bürogründer Jon Prengel stellt hier das Projekt vor.

Ziele des Entwurfs

Während die Südseite des Dortmunder Hauptbahnhofs in den vergangenen Jahren durch mehrere Maßnahmen kontinuierlich aufgewertet wurde, hat man die Nordseite vernachlässigt. Sie fällt dem Besucher allein durch seinen rückwärtigen und abweisenden Charakter auf. Die Barriere-Wirkung der Bahnanlage verdeutlicht sich durch einen vorhandenen circa acht Meter hohen Geländeversprung entlang der Gleisanlagen. Die heute noch bahnhofsaffinen und flächenintensiven Logistiknutzungen entkoppeln den angrenzenden Stadtteil vom Dortmunder Hauptbahnhof und bilden zudem ein eingezäuntes, städtebauliches Niemandsland zwischen der Nordstadt und der City.

Ziel des Entwurfs für den Dortmunder Hauptbahnhof und das nördliche Umfeld ist es, die Nordstadt in ihrer gründerzeitlichen Struktur weiterzubauen, die komplexen verkehrlichen Anforderungen mit Fernbusbahnhof, Stadtbushaltestelle, Kiss-and-Ride sowie Rad- und Fußgängerverkehren neu zu ordnen und darüber hinaus dem Stadtteil einen zusammenhängenden Grünraum zur Verfügung zu stellen. Im Zuge der Urbanisierung werden Grün- und Freiflächen zu einem raren Gut in der Stadt und befinden sich in einem ständigen Wettstreit mit Immobilienentwicklungen und Infrastruktureinrichtungen um Grund und Boden. Dass sich diese gegensätzlichen Interessenslagen nicht zwingend ausschließen müssen, beweist der Entwurf zum nördlichen Bahnhofsumfeld: Ein öffentlicher Park soll den brachliegenden Bahndamm wieder wachküssen und die bestehenden übergeordneten Grünzüge mit Blücherpark und Bürgergarten in einen durchgehenden Grünverbund verwandeln. Diese Maßnahme hat nicht nur einen spürbaren Mehrwert für die Bewohner der Nordstadt zufolge, sondern sichert die attraktive Weiterentwicklung des Stadtteils und das näher Heranrücken an die Gleisanlagen.

Dortmunder Hauptbahnhof als Knotenpunkt

Unter der neuen Parkanlage verweben sich der neue ZOB und ein neues Parkhaus mit dem Dortmunder Hauptbahnhof zu einem strukturierten Verkehrsknotenpunkt, der die entstehenden Verkehre horizontal gliedert und entzerrt. Die vorhandene Geländekante wird somit genutzt, um diese großflächigen Nutzungen geschickt zu stapeln und unter dem Park gestalterisch attraktiv anzuordnen. Hierbei ist zu beachten, dass Parkhaus und Bahnhofshalle ebenerdig an das Höhenniveau der Nordstadt und den Bahnhofsvorplatz anschließen, der ZOB in einer Zwischenebene barrierefrei an den Fußgänger- und Verteilertunnel der Bahn unter der Gleisanlage anbindet und die neue entstehende Parkanlage sich auf dem Niveau der Gleisanlagen befindet.

Städtebau und Umgebung

Parallel zum Park entsteht entlang des nördlichen Rands als städtebaulicher Abschluss der gründerzeitlichen Blockrandstruktur der Nordstadt eine urbane Riegelbebauung, die durch einzelne Hochpunkte akzentuiert ist und einen zweiseitigen, vermittelnden Bezug sowohl zum Park nach Süden wie auch zur Nordstadt bildet. Die Ausrichtung hin zum Park in Verbindung mit den der Erschließung dienenden Stegen lassen hochattraktive, neue und zusätzliche Flächen entstehen, die von Büro über Hotel und Boardinghouse bis hin zu Wohnen vielfältige und flexible Nutzungen ermöglichen. Zudem profitieren Parkanlage und Riegelbebauung durch die vorhandene Nähe voneinander und stellen sicher, dass beide Teile aktiv genutzt werden können. Im Zusammenhang mit den benachbarten Bahngleisen entsteht ein spannendes urbanes Quartier, das der Nordstadt ein neues Gesicht verleiht.

Grüne Spange

Die großzügige öffentliche Grünfläche bietet eine Vielzahl an nutzungsoffenen Freiräumen, ein diversifiziertes Spiel- und Sportband parallel zur Bahn und eine optimale Wegeverbindung. Somit ist die neue grüne Spange nicht nur Erholungs- und Freizeitraum, sondern auch ein attraktiver Transitraum, der den neuen Bildungscampus im Westen und den Dortmunder Hauptbahnhof über großzügige Treppenanlagen und Rampen miteinander verbindet.
Gezielte Öffnungen im Park erhellen mit natürlichem Tageslicht die tiefer gelegenen Eingangs- und Durchgangsbereiche des Bahnhofs, sorgen für eine angenehme Atmosphäre und erzeugen einzigartige und spannende Einblicke. Der natürliche Geländeversprung wird einerseits durch den vorhandenen topografischen Verlauf im Westen und andererseits durch den Bau einer neuen repräsentativen Eingangshalle überwunden. Die starke Geste der grünen Rampe auf dem nördlichen Bahnhofsvorplatz führt zu einer guten Proportionierung des Platzes. Die neue Bahnhofshalle schafft eine Differenzierung zwischen Verkehrs- und Vorplatz im Westen und Multifunktionsplatz im Osten, der sich zu Kino und Steinwache hin orientiert.
So entsteht nicht nur ein neues städtebauliches und architektonisch überzeugendes Gesicht nach Norden, das der südlichen Innenstadt ein würdiges Pendant gegenüberstellt, sondern auch eine baulich ansprechende Antwort auf die Frage, wie ein Bahnhof des 21. Jahrhunderts aussehen kann.

Entwurf: raumwerk Gesellschaft für Architektur und Stadtplanung mbH

Wettbewerbsteam: Club L94 (Freiflächenplanung), Argus Stadt und Verkehr (Verkehrsplanung), Imagine Structure (Tragwerksplanung)

raumwerk ist ein Architektur- und Stadtplanungsbüro mit Sitz in Frankfurt am Main. Das Büro wurde 2000 von Sonja Moers, Jon Prengel und Thorsten Wagner gegründet und ist mit Projekten in den Bereichen Städte- und Hochbau international tätig.

In der aktuellen Ausgabe der Garten + Landschaft diskutiert Urbanist Rainer Johann die jüngere Planungsgeschichte zur Entwicklung des Dortmunder Hauptbahnhofs und betrachtet kritisch die Zusammenarbeit zwischen Deutscher Bahn und Verwaltung. Doch vom raumwerk-Entwurf ist er Fan. Zur Februarausgabe der G+L geht es hier!

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Bildbeschreibung: Ein lächelnder Mann in weißem Hemd vor grünem Hintergrund. Dirk Schelhorn war gelernter Bildhauer, machte sich als Landschaftsarchitekt selbstständig und führte bis 2020 sein Planungsbüro LS2. Foto: Sandra Escher
Dirk Schelhorn war gelernter Bildhauer, machte sich als Landschaftsarchitekt selbstständig und führte bis 2020 sein Planungsbüro LS2. Foto: Sandra Escher

Landschaftsarchitekt Dirk Schelhorn realisierte Spiel- und Bewegungsräume; die Beteiligung von Nutzer*innen – besonders von Kindern und Jugendlichen – war ihm ein großes Anliegen. Auch im Bereich der Stadtplanung war seine Expertise gefragt, so beim Masterplan für urbane Bewegungsräume Stuttgart. Anfang September ist Dirk Schelhorn nun verstorben. Ein Nachruf.

Fordernde und fördernde Freiräume und Spielräume schaffen

Das Büro LS2 trauert um seinen Geschäftspartner Landschaftsarchitekt Dipl.-Ing. Dirk Schelhorn. Der am 28. Februar 1956 geborene gelernte Bildhauer studierte in Berlin und machte sich dann als Landschaftsarchitekt in Frankfurt am Main selbständig. Sein Planungsbüro führte er bis zum Jahr 2020, bevor es Anfang 2021 in die Partnerschaftsgesellschaft LS2 Schelhorn, Lukowski, Schnabel überging. Bis zuletzt war er als Berater, Ideengeber und „Netzwerker“ für das Büro tätig.

Sein umfassendes Wissen zum Thema Bewegung und Spiel war enorm. Die Beteiligung und Einbindung von Nutzerinnen und Nutzern, insbesondere von Kindern und Jugendlichen in Planungsprozesse waren ihm ein Herzensanliegen. Unzählige Partizipationsprozesse hat er angeleitet und moderiert und dabei die Kreativität und die Ästhetik nie aus den Augen verloren. „Haben Sie jemals ihrem Kind mindestens drei Stunden beim Spielen zugesehen, ohne einzugreifen?“ Das war eine seiner zentralen Fragen an Erwachsene, um die Bedürfnisse der Kinder in den Fokus zu rücken.

Bis an die Grenzen gehen, Herausforderungen bieten, fordernde und fördernde Freiräume und Spielräume schaffen, das konnte Dirk Schelhorn wie wenige andere. Denn Dirk war der Meinung: „Fallen lernt man nur durch Fallen“ und „Lebe wild und gefährlich“.

Bewegungsanlagen sollten immer auch Begegnungsanlagen sein

Beständig hat er die Idee von Spiel- und Bewegungsräumen weiterentwickelt und dabei etliche neue Spielgeräte und Spielstrukturen entworfen. Sein Knowhow war auch im Bereich der Stadtplanung gefragt. So hat er unter anderem am Masterplan für urbane Bewegungsräume Stuttgart erfolgreich mitgearbeitet. Darüber hinaus hat er, selbst „Extremsportler“ und Teilnehmer an Ultra-Bergläufen, sich intensiv mit der Verknüpfung der Themen Spiel und Sport befasst und sich als Autodidakt im Bereich Sportwissenschaften umfassende Kenntnisse angeeignet. Das führte ihn sogar als Referent auf einen Ärztekongress, bei dem er über Gesundheitsförderung durch Bewegung informierte.

Die Entwicklung des Konzepts für die „alla-hopp-Bewegungsanlagen“ der Dietmar-Hopp- Stiftung und die Erstellung von sechs der insgesamt 19 im Rhein-Neckar-Raum geschaffenen Anlagen waren Highlights seiner beruflichen Laufbahn. Die von ihm geplanten Bewegungsanlagen sollten immer auch Begegnungsanlagen sein. Attraktive Orte, an denen Menschen aller Altersgruppen zusammenkommen können.

Herzensprojekt Sport- und Bildungscampus Bürstadt

Am 22. September 2023 wurde der Sport- und Bildungscampus Bürstadt feierlich eröffnet. Seit 2015 hatte er gemeinsam mit der Bürgermeisterin Barbara Schader für dieses „Herzensprojekt“ und seine Realisierung gekämpft. Die Vision eines Sport- und Bildungscampus, nutzbar für alle Bürgerinnen und Bürger, konnte wohl kaum jemand so großartig in Worte fassen, überzeugend beschreiben und umsetzen wie Dirk Schelhorn.

Nur sechs Tage nach der Eröffnung, am 28. September 2023, starb Dirk Schelhorn nach schwerer Krankheit und hinterlässt fachlich, vor allem aber menschlich eine große Lücke. „Das geht nicht“, war ein Satz, der für Dirk nicht galt und der uns weiter bei der Fortführung seiner und unserer Arbeit begleiten wird. Wir haben einen außergewöhnlichen Menschen, Kollegen, Berater, Mentor und Vordenker verloren. Er war ein Macher, Gestalter, Ideengeber, Vorbild. Seine Tatkraft, seine mitreißende und begeisternde Art, sein grenzenloser Optimismus werden uns sehr fehlen.

Thesen zur Landschaftsarchitektur

Vor über 20 Jahren verfasste der Landschaftsarchitekt Dieter Kienast „10 Thesen zur Landschaftsarchitektur“. Das bewusst provokante Manifest hat nichts an Aktualität verloren, wie hier beispielhaft an zwei Thesen erläutert wird.

 

„Die Theorie gehört zum intellektuellen ­Teil unserer Arbeit. Wenn es nur darum geht, schöne Förmchen zu backen, brauche ich ­natürlich keine Theorie”, betonte Dieter Kienast und formulierte 1992 „10 Thesen zur Landschaftsarchitektur“ als „kleines theoretisches Fundament“ seiner landschaftsarchitektonischen Arbeit. Aus seiner Sicht war die Zeit reif für ein provokantes Manifest und ­eine kritische Auseinandersetzung mit dem konservativ-traditionell geprägten Selbst­verständnis seines Berufsstandes. In Kienasts Augen hatten sich die Landschaftsarchitekten viel zu bequem in ihren Rollen als ­Bewahrer, Verschönerer und Handwerker ­in Grün eingerichtet. Damit wurden sie aber ­ihrer Verantwortung für die Gestaltung ­moderner städtischer Lebensumwelten nicht mehr gerecht und gerieten bei wichtigen Diskussionen um die urbane Zukunft der Menschheit immer mehr in eine gefährliche Abseitsposition.

Die aktuellste Fassung der 10 Thesen erschien im November 1998 an der ETH Zürich, nur wenige Wochen vor Dieter Kienasts Tod. Sein fortschrittliches Natur- und Kultur­verständnis, basierend auf profundem Wissen in Ökologie und Gartenkunstgeschichte, die Begeisterung für die Heterogenität der Stadt und ihre soziokulturelle Vielfalt, das Bekenntnis zu aufgeschlossener Interdisziplinarität und der Respekt für den besonderen Ort – all das lässt das Manifest noch heute erstaunlich aktuell klingen, doch hier kann nur exemplarisch auf die ersten zwei Thesen eingegangen werden.

„1. Unsere Arbeit ist die Suche nach einer Natur der Stadt, deren Farbe nicht nur grün, sondern auch grau ist. Natur der Stadt heißt Baum, Hecke, Rasen, aber auch wasserdurchlässiger Belag, weiter Platz, strenger Kanal, hohe Mauer, offen gehaltene Frischluft- oder Sichtachse, das Zentrum und der Rand.“

Mit dieser Auffassung widersprach Dieter Kienast den gängigen Klischeevorstellungen von Natur, die vor allem in den frühen 80er-Jahren in der Landschaftsarchitektur verbreitet wurden. Nebenwirkungen der Ökologiebewegung waren eine ausgeprägte Stadtfeindlichkeit, Desinteresse an Gartenkunstgeschichte und die Ablehnung ­moderner Landschaftsarchitektur. Diese wurde prinzipiell als Missbrauch von Natur betrachtet. „Im Garten muss die Natur der Meister sein, und der Besitzer ist der Lehrling. Der Lehrling ist beim Meister zu ­Besuch. Als Gast unterwirft man sich den Regeln des Hauses.“ (Louis LeRoy)

Als Klaus Spitzer in seinem Handbuch „Grün in der Stadt“ 1981 für eine ökologische ­Ästhetik plädierte und gegen die „alten ­Regeln ­ästhetischer Gestaltung“ wetterte, argumentierte er auf der Basis eines normativen ökologischen Konzeptes. Im vorangegangenen Jahrzehnt hatte diese Ideologie bereits weltweit zu einem Paradigmenwechsel in Landschaftsarchitektur und
-planung geführt, unter anderem gefördert durch den Amerikaner Ian McHarg und den Niederländer Louis Le Roy, der 1973 forderte „let ­nature grow – nature will arrange things for herself”. In der europäischen Natur­gartenbewegung propagierte man die ­Verbannung fremdländischer Pflanzen aus Gärten und Parks.

 

Den ganzen Beitrag lesen Sie in Garten + Landschaft 9/2015. Heft hier bestellen.