21.07.2021

Projekt

Piet Oudolf x Vitra Campus

Der Vitra Campus in Weil am Rhein hat einiges zu bieten: das Vitra Design Museum von Frank Gehry, das VitraHaus von Herzog & de Meuron – und seit Kurzem auch einen Garten, gestaltet von Piet Oudolf. Der niederländische Gartendesigner hat die Freifläche vor dem VitraHaus mit einer seiner typischen Pflanzkompositionen gestaltet. Und sorgt dafür, dass der Vitra Campus zu jeder Jahreszeit eine neue Überraschung bereithält.


Der Oudolf-Garten im Juni – zu jeder Jahreszeit überrascht er mit einem anderen Look. (Foto: Vitra)
Luftaufnahme vom Oudolf Garten im Juni (Foto: Vitra)
Das VitraHaus von Herzog & de Meuron (Foto: Vitra)

Vitra Design Museum von Frank Gehry, Feuerwehrhaus von Zaha Hadid

In Weil am Rhein, in der Nähe des Dreiländerecks zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich, befindet sich der Vitra Campus. Dabei handelt es sich einerseits um das Produktionsgelände des Schweizer Möbelherstellers Vitra. Aber nicht nur: Andererseits findet sich dort auch eine einzigartige Ausstellungsfläche.

Die Geschichte des Möbelherstellers – und des Areals – ist dabei ausschlaggebend. 1934 gegründet, produzierte Vitra bis 1950 in Birsfelden, Schweiz. Danach verlegte der Hersteller seine Produktion nach Weil am Rhein, Deutschland. 31 Jahre später vernichtete ein Brand einen großen Anteil der Produktionsflächen und die Inhaber*innen von Vitra entschieden sich dafür, das Gelände wieder aufzubauen.

Der Wiederaufbau sollte aber nicht einfach so geschehen. Vitra beauftragte namhafte Architekt*innen mit dem Entwurf verschiedener Gebäude. Die Liste liest sich wie ein Who’s who der Architektur: Frank Gehry entwarf das Vitra Design Museum, Zaha Hadid das Feuerwehrhaus, Tadao Ando den Konferenzpavillon, Álvaro Siza die Promenade, Herzog & de Meuron das VitraHaus und Renzo Piano die Wohneinheit „Diogene“. Und das sind noch nicht einmal alle Namen, die mit einer Gestaltung auf dem Vitra Campus vertreten sind.

Seit 2020 ergänzt der niederländische Gartendesigner die Liste an renommierten Gestalter*innen, die auf dem Vitra Campus vertreten sind. (Foto: Vitra)

Vitra Campus: Museum, Feuerwehr – und Garten

So ist es den Besucher*innen des Vitra Campus möglich, viele einzigartige Gestaltungen kennenzulernen – an einem Ort. Liebhaber*innen reisen aus aller Welt nach Weil am Rhein, um die vielen Werke renommierter Architekt*innen und Designer*innen zu betrachten. Auf dem Vitra Campus verbinden sie den Besuch des Museums mit einem Spaziergang auf der Promenade – und holen sich anschließend im VitraHaus Inspiration für ihr Zuhause.

Bisher fokussierte sich das Erlebnis größtenteils auf Architektur und Kunstwerke – freiraumplanerisch hatte der Vitra Campus mit dem Museum, dem Feuerwehrhaus und der Wohneinheit nicht viel zu bieten. Das änderte sich im letzten Jahr jedoch. Zu jeder Jahreszeit wartet jetzt eine neue Überraschung auf die Besucher*innen. Zumindest seit die Freifläche vor dem VitraHaus ein Garten beherbergt, den der niederländische Gartendesigner Piet Oudolf geplant hat.

Oudolf kombiniert in seinen Gartendesigns Pflanzen mit unterschiedlichen Lebenszyklen (Foto: Vitra)

Piet Oudolf und die Persönlichkeiten der Pflanzen

Bei dem Garten handelt es sich nämlich um einen „Perennial Garden“. Das heißt, dass der Garten mehrjährig ausgelegt ist; die Pflanzen müssen nicht jedes Jahr ersetzt werden. Und trotzdem verändert er sich mit den Jahreszeiten, sodass ein Besuch nicht ausreicht, um ihn zu greifen. Oudolf sieht den Garten aber nicht als Gegensatz zur Architektur. Er möchte mit den Pflanzen den Fokus auf den Boden lenken und neue Blickwinkel – zum Beispiel auf die Architektur – eröffnen.

Im Garten hat Piet Oudolf Pflanzen eingesetzt, die schnell wachsen und reifen. Dadurch war die bepflanzte Fläche bereits im Herbst 2020 zu einem beeindruckenden Gartenerlebnis herangewachsen – obwohl er erst im Mai des Jahres angelegt wurde. Der Garten hat nichts mit einem akkuraten Barockgarten zu tun, sondern sieht eher aus wie ein geordnetes Stück Wildnis. Trotzdem hat Piet Oudolf ihn genau geplant. Seine Bepflanzungsschemata verraten, mit welcher Akribie er seine Gärten komponiert: Die ganzen Standorte der Pflanzen sind darauf verzeichnet. Insgesamt 30 000 Stück hat er in Weil am Rhein eingesetzt.

Im November zeigt sich der Garten in bunten Herbstfarben (Foto: Vitra)

Eine emotionale und eine ästhetische Erfahrung

Für den Garten vor dem VitraHaus hat Oudolf möglichst auf gebaute Strukturen verzichtet – die Pflanzen stehen im Mittelpunkt. Er schafft ihnen sozusagen eine Bühne, denn wie er im Interview mit David Streiff Corti verrät, sieht er in Pflanzen Charaktere, eigenständige Persönlichkeiten mit unterschiedlichem Auftreten und Verhalten. Dementsprechend setzt er sie ein und stellt sie zusammen. Das kann beispielsweise bedeuten, dass er eine Balance schafft zwischen Pflanzen, die gerade blühen, und solchen, die nur noch als Samenkopf bestehen.

Er erschafft auch die Illusion von Wildnis, indem er Pflanzen mit unterschiedlichen Blütenzeiten und Lebenszyklen kombiniert. Damit akzentuiert er den Zerfall genauso wie die Hochsaison. Er setzt aber auch auf Gewächse, die als Gartenpflanzen lange unterschätzt wurden. Dazu gehören Gräser – sie sehen nach Wildnis aus, verbreiten sich aber nicht unkontrolliert. Das war nämlich ein Problem, als Wildgartenenthusiast*innen in den 60er-Jahren Wildpflanzen verwendeten: Einzelne dominante Pflanzenarten verdrängten alle anderen.

Der Garten ermöglicht ganz neue Blickwinkel auf die Architekturen des Vitra Campus. (Foto: Vitra)

Blickachse zum Vitra Rutschturm

Statt gebauter Strukturen führen nun Pfade durch die vermeintlich wilde Landschaft. Diese verlaufen nicht in geraden Linien oder führen zu einem bestimmten Punkt. Stattdessen schicken sie die Besucher*innen auf einen Entdeckungsspaziergang ohne Ziel und ermöglichen ihnen wechselnde Perspektiven. So entdecken sie die unterschiedlich bepflanzten Zonen des Gartens, die unterschiedliche Erlebnisse für die Sinne bieten. Piet Oudolf schafft damit eine Erfahrung, die sowohl emotionaler als auch ästhetischer Natur ist.

Und für Ästhetik ist gesorgt – sowohl was den Garten angeht als auch dessen Umgebung. Vom Piet-Oudolf-Garten aus blickt man auch über mehrere der Architekturen und Kunstwerke auf dem Vitra Campus. Da wäre einerseits das VitraHaus von Herzog & de Meuron, vor dem er gelegen ist. Direkt neben dem Garten befindet sich der Dome von Richard Buckminster Fuller. In der Ferne, aber gut erkennbar, steht der 30 Meter hohe Vitra Rutschturm des deutschen Künstlers Carsten Höller. Davon führt eine 38 Meter lange Rutschbahn zurück auf den Boden.

Der Oudolf Garten im November – im Hintergrund der Vitra Rutschturm des deutschen Künstlers Carsten Höller (Foto: Vitra)
Der Oudolf Garten befindet sich auf dem Freiraum vor dem VitraHaus von Herzog & de Meuron (Foto: Vitra)

Der Vitra Campus bietet neben dem Vitra Design Museum und Piet Oudolfs Garten noch mehr. Etwa den Spazierweg „24 Stops“, der direkt zur Fondation Beyeler führt – ein Projekt der IBA Basel.

Der Vitra Campus (VitraHaus, Interior Studio, Vitra Design Museum, Café, Shops, Galerie und Schaudepot) sind täglich von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Es gelten die gängigen Hygienevorschriften. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Vitra Campus.

Außerdem: Seit Anfang Juni 2021 zeigt Heerlener SCHUNK Arbeiten des Gartenarchitekten Piet Oudolf und des Büros LOLA Landscape Architects. Was Sie in der Ausstellung „Landscape Works with Piet Oudolf and LOLA: In Search of Sharawadgi“ erwartet, haben wir zusammengefasst.

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