Der Vitra Campus in Weil am Rhein hat einiges zu bieten: das Vitra Design Museum von Frank Gehry, das VitraHaus von Herzog & de Meuron – und seit Kurzem auch einen Garten, gestaltet von Piet Oudolf. Der niederländische Gartendesigner hat die Freifläche vor dem VitraHaus mit einer seiner typischen Pflanzkompositionen gestaltet. Und sorgt dafür, dass der Vitra Campus zu jeder Jahreszeit eine neue Überraschung bereithält.


Vitra Design Museum von Frank Gehry, Feuerwehrhaus von Zaha Hadid

In Weil am Rhein, in der Nähe des Dreiländerecks zwischen der Schweiz, Deutschland und Frankreich, befindet sich der Vitra Campus. Dabei handelt es sich einerseits um das Produktionsgelände des Schweizer Möbelherstellers Vitra. Aber nicht nur: Andererseits findet sich dort auch eine einzigartige Ausstellungsfläche.

Die Geschichte des Möbelherstellers – und des Areals – ist dabei ausschlaggebend. 1934 gegründet, produzierte Vitra bis 1950 in Birsfelden, Schweiz. Danach verlegte der Hersteller seine Produktion nach Weil am Rhein, Deutschland. 31 Jahre später vernichtete ein Brand einen großen Anteil der Produktionsflächen und die Inhaber*innen von Vitra entschieden sich dafür, das Gelände wieder aufzubauen.

Der Wiederaufbau sollte aber nicht einfach so geschehen. Vitra beauftragte namhafte Architekt*innen mit dem Entwurf verschiedener Gebäude. Die Liste liest sich wie ein Who’s who der Architektur: Frank Gehry entwarf das Vitra Design Museum, Zaha Hadid das Feuerwehrhaus, Tadao Ando den Konferenzpavillon, Álvaro Siza die Promenade, Herzog & de Meuron das VitraHaus und Renzo Piano die Wohneinheit „Diogene“. Und das sind noch nicht einmal alle Namen, die mit einer Gestaltung auf dem Vitra Campus vertreten sind.

Vitra Campus: Museum, Feuerwehr – und Garten

So ist es den Besucher*innen des Vitra Campus möglich, viele einzigartige Gestaltungen kennenzulernen – an einem Ort. Liebhaber*innen reisen aus aller Welt nach Weil am Rhein, um die vielen Werke renommierter Architekt*innen und Designer*innen zu betrachten. Auf dem Vitra Campus verbinden sie den Besuch des Museums mit einem Spaziergang auf der Promenade – und holen sich anschließend im VitraHaus Inspiration für ihr Zuhause.

Bisher fokussierte sich das Erlebnis größtenteils auf Architektur und Kunstwerke – freiraumplanerisch hatte der Vitra Campus mit dem Museum, dem Feuerwehrhaus und der Wohneinheit nicht viel zu bieten. Das änderte sich im letzten Jahr jedoch. Zu jeder Jahreszeit wartet jetzt eine neue Überraschung auf die Besucher*innen. Zumindest seit die Freifläche vor dem VitraHaus ein Garten beherbergt, den der niederländische Gartendesigner Piet Oudolf geplant hat.

Piet Oudolf und die Persönlichkeiten der Pflanzen

Bei dem Garten handelt es sich nämlich um einen „Perennial Garden“. Das heißt, dass der Garten mehrjährig ausgelegt ist; die Pflanzen müssen nicht jedes Jahr ersetzt werden. Und trotzdem verändert er sich mit den Jahreszeiten, sodass ein Besuch nicht ausreicht, um ihn zu greifen. Oudolf sieht den Garten aber nicht als Gegensatz zur Architektur. Er möchte mit den Pflanzen den Fokus auf den Boden lenken und neue Blickwinkel – zum Beispiel auf die Architektur – eröffnen.

Im Garten hat Piet Oudolf Pflanzen eingesetzt, die schnell wachsen und reifen. Dadurch war die bepflanzte Fläche bereits im Herbst 2020 zu einem beeindruckenden Gartenerlebnis herangewachsen – obwohl er erst im Mai des Jahres angelegt wurde. Der Garten hat nichts mit einem akkuraten Barockgarten zu tun, sondern sieht eher aus wie ein geordnetes Stück Wildnis. Trotzdem hat Piet Oudolf ihn genau geplant. Seine Bepflanzungsschemata verraten, mit welcher Akribie er seine Gärten komponiert: Die ganzen Standorte der Pflanzen sind darauf verzeichnet. Insgesamt 30 000 Stück hat er in Weil am Rhein eingesetzt.

Eine emotionale und eine ästhetische Erfahrung

Für den Garten vor dem VitraHaus hat Oudolf möglichst auf gebaute Strukturen verzichtet – die Pflanzen stehen im Mittelpunkt. Er schafft ihnen sozusagen eine Bühne, denn wie er im Interview mit David Streiff Corti verrät, sieht er in Pflanzen Charaktere, eigenständige Persönlichkeiten mit unterschiedlichem Auftreten und Verhalten. Dementsprechend setzt er sie ein und stellt sie zusammen. Das kann beispielsweise bedeuten, dass er eine Balance schafft zwischen Pflanzen, die gerade blühen, und solchen, die nur noch als Samenkopf bestehen.

Er erschafft auch die Illusion von Wildnis, indem er Pflanzen mit unterschiedlichen Blütenzeiten und Lebenszyklen kombiniert. Damit akzentuiert er den Zerfall genauso wie die Hochsaison. Er setzt aber auch auf Gewächse, die als Gartenpflanzen lange unterschätzt wurden. Dazu gehören Gräser – sie sehen nach Wildnis aus, verbreiten sich aber nicht unkontrolliert. Das war nämlich ein Problem, als Wildgartenenthusiast*innen in den 60er-Jahren Wildpflanzen verwendeten: Einzelne dominante Pflanzenarten verdrängten alle anderen.

Blickachse zum Vitra Rutschturm

Statt gebauter Strukturen führen nun Pfade durch die vermeintlich wilde Landschaft. Diese verlaufen nicht in geraden Linien oder führen zu einem bestimmten Punkt. Stattdessen schicken sie die Besucher*innen auf einen Entdeckungsspaziergang ohne Ziel und ermöglichen ihnen wechselnde Perspektiven. So entdecken sie die unterschiedlich bepflanzten Zonen des Gartens, die unterschiedliche Erlebnisse für die Sinne bieten. Piet Oudolf schafft damit eine Erfahrung, die sowohl emotionaler als auch ästhetischer Natur ist.

Und für Ästhetik ist gesorgt – sowohl was den Garten angeht als auch dessen Umgebung. Vom Piet-Oudolf-Garten aus blickt man auch über mehrere der Architekturen und Kunstwerke auf dem Vitra Campus. Da wäre einerseits das VitraHaus von Herzog & de Meuron, vor dem er gelegen ist. Direkt neben dem Garten befindet sich der Dome von Richard Buckminster Fuller. In der Ferne, aber gut erkennbar, steht der 30 Meter hohe Vitra Rutschturm des deutschen Künstlers Carsten Höller. Davon führt eine 38 Meter lange Rutschbahn zurück auf den Boden.

Der Vitra Campus bietet neben dem Vitra Design Museum und Piet Oudolfs Garten noch mehr. Etwa den Spazierweg „24 Stops“, der direkt zur Fondation Beyeler führt – ein Projekt der IBA Basel.

Der Vitra Campus (VitraHaus, Interior Studio, Vitra Design Museum, Café, Shops, Galerie und Schaudepot) sind täglich von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Es gelten die gängigen Hygienevorschriften. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite des Vitra Campus.

Außerdem: Seit Anfang Juni 2021 zeigt Heerlener SCHUNK Arbeiten des Gartenarchitekten Piet Oudolf und des Büros LOLA Landscape Architects. Was Sie in der Ausstellung „Landscape Works with Piet Oudolf and LOLA: In Search of Sharawadgi“ erwartet, haben wir zusammengefasst.

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Die saubere Kraft der Pflanzen

Das Café de Ceuvel im Norden von Amsterdam ist mehr als nur gemütliches Café. Denn es steht auf einem Grundstück, was zuvor durch die Schwerindustrie verseucht war. Während Gäste ihr Craft Beer trinken, reinigt Phytoremediation den Boden. 

Das ehemalige Werftgelände Buiksloterham, einem Stadtteil im Norden von Amsterdam, zieht seit einigen Jahren jede Menge Aufmerksamkeit auf sich. Hier ist ein temporärer, ökologisch und sozial nachhaltiger Standort für soziale Einrichtungen und kreative Unternehmen entstanden. Seit 2012 transformiert sich De Ceuvel von einem verseuchten Industrieareal zu einem Ort für nachhaltiges Wohnen und Arbeiten.

Gereinigt wird der verseuchte Boden durch die sogenannte Phytoremediation, ein relativ neuer Ansatz zur biologischen Sanierung verseuchter Böden. Sie umfasst verschiedene Verfahren, bei denen Schadstoffe in Mutterböden, Sedimenten sowie Gewässern und Grundwasser mit Hilfe von Pflanzen entfernt, abgebaut und eingedämmt werden. Welche Pflanzen man verwendet, hängt vom jeweiligen Einsatzort ab. Im Falle von De Ceuvel wurden verschiedene Gräserarten, Rohrkolbengewächse und Pappeln eingesetzt, um organische Verbindungen zu zersetzen, Schwermetalle zu absorbieren und verseuchtes Grundwasser zurückzuhalten. Sobald eine bestimmte Pflanzenart ihre Reinigungsaufgabe erfüllt hat, wird sie durch andere Spezies ersetzt. Aussehen und Charakter des betreffenden Geländes sind dadurch ständiger Veränderung unterworfen.

 

Die Phytoremediation ist auch langfristig sehr viel günstiger im Gegensatz zur herkömmlichen Methoden, die verseuchte Mutterbodenschichten abtragen und diese auf Mülldeponien entsorgen, da sie vor Ort stattfindet. Damit rücken auch verseuchte Brachflächen zur erneuten Nutzung ins Blickfeld, die aufgrund fehlender Mittel bis dahin nicht saniert werden konnten. Die biologische Sanierung ist zudem unter ästhetischen Gesichtspunkten deutlich attraktiver. In De Ceuvel macht die Vielfalt an Pflanzen in unterschiedlichen Größenordnungen, Farben und Formen dies unmittelbar ersichtlich. Allerdings ist die Phytoremediation ein langwieriger Vorgang. Der Abbau von Schadstoffen kann Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, je nach Grad der Schadstoffkonzentration, Größe der zu sanierenden Fläche, Klima und Anbausaison sowie weiteren Faktoren wie der Wachstumsgeschwindigkeit der Pflanzen, der Reichweite ihrer Wurzeln und der Möglichkeiten, sie gegen Beschädigungen zu schützen.

 

 

 

Alle GIFs von Vandejong, Let it Grow, Mélanie Corre

Mehr Informationen zu dem De Ceuvel Projekt in Amsterdam finden Sie in der Novemberausgabe 2018 der Garten+Landschaft.

 

 

 

Landschaften der Zukunft gesucht

Es ist eine Kluft zwischen Stadt und Land entstanden: Während urbane Räume von Bevölkerungswanderungen und wirtschaftlichen Entwicklungen profitieren, bleibt der ländliche Raum zurück. Das im deutschen Grundgesetz festgehaltene Recht auf gleichwertige Lebensverhältnisse ist zunehmend gefährdet. Die IBA Thüringen veranstaltet zu diesem Thema einen Workshop in der ländlichen Gemeinde Kannawurf. Unter der Überschrift „1.500 Hektar Zukunft – (Er)Findung einer neuen Landschaftstypologie des 21.Jahrhunderts“, werden Studierende, junge Wissenschaftler und Berufstätige dazu aufgerufen ein neues Konzept für den ländlichen Raum zu entwerfen.

Ein neues Landschaftsbewusstsein

Ziel des Workshops ist es ein neues Bewusstsein für die Landschaften des ländlichen Raumes zu schaffen. Stereotypen und etablierte Landschaftsbegriffe und -bilder sollen kritisch hinterfragt und bestehende Landnutzungen und Beziehungen neu entwickelt werden. Themen wie Forst- und Energiewirtschaft, Dorfentwicklung, Tourismus, Naturschutz und Kooperationsnetzwerke müssen dabei Berücksichtigung finden. Fernab von jeglichen Ballungsgebieten, stellt die kleine thüringische Gemeinde Kannawurf den örtlichen Rahmen. Rund 1.500 Hektar strukturarme Agrarlandschaft stehen bereit, um von den Teilnehmern neu bespielt zu werden.

IBA Campus

Unter dem Namen IBA Campus gründet die IBA Thüringen jedes Jahr ein internationales und interdisziplinäres Kollektiv. Der IBA Campus 2017 richtet sich vor allem an junge Interessenten. Eingeladen sind Studenten sowie Wissenschaftler und Berufstätige mit einer maximalen Berufserfahrung von drei Jahren. Eine Einschränkung des Studien- beziehungsweise des Berufsfeldes existiert nicht. Der Bewerbungszeitraum endet am 15. April 2017. Aus den Bewerbern werden 12 Teilnehmer ausgewählt, um mit hochrangigen Experten Teil der IBA Modellprozesse zu werden. Weitere Informationen finden Sie unter www.iba-thueringen.de