Hofbogenpark in Rotterdam – linearer, erhöhter Grünraum

Der Hofbogenpark wird mehrere Stadtteile in Rotterdam verbinden und Raum für Mensch und Tier bieten. Bild: De Urbanisten
Der Hofbogenpark wird mehrere Stadtteile in Rotterdam verbinden und Raum für Mensch und Tier bieten. Bild: De Urbanisten

Die Stadt Rotterdam plant einen neuen Park: Er wird sich auf dem Dach eines Eisenbahnviadukts befinden und sich durch vier Stadtteile ziehen. Lesen Sie mehr über den zwei Kilometer langen und sechs Meter breiten Hofbogenpark.

Der längste und schmalste Dachpark der Niederlande

Die endgültigen Entwürfe wurden genehmigt und die Arbeiten am Hofbogenpark in Rotterdam können beginnen. Dieser wird der längste und schmalste öffentliche Dachpark in den Niederlanden sein und Besucher*innen zu einem Spaziergang von bis zu zwei Kilometern Länge einladen. Der Park wird dabei nur sechs Meter breit sein, aber seine Architekt*innen wollen eine „üppige, bunte und duftende lineare Landschaft“ schaffen. Während sich der Hofbogenpark durch vier verschiedene Stadtteile zieht, wird er wichtige Verbindungen auf der Höhe der Baumkronen bieten. Überall im Park wird es unterschiedlich große Plattformen geben, die Platz für Aktivitäten wie Spiel, Sport, Entspannung oder Picknicks bieten. Balkone entlang der Bahnlinie bieten Ausblicke auf die umliegende Stadt. Der Zugang zum erhöhten Park wird über Treppen und Aufzüge ermöglicht.

Der Stadtrat von Rotterdam hat den endgültigen Entwurf des Hofbogenparks von De Urbanisten in Zusammenarbeit mit DS Landschapsarchitecten genehmigt. Nun kann das Ausschreibungsverfahren beginnen. Der Bau des Parks soll 2025 beginnen und wird von der Stadt Rotterdam und der Dudok-Gruppe finanziert. Die Kosten werden sich voraussichtlich auf rund 53,7 Millionen Euro belaufen.

Eine klimaangepasste, urbane Lösung für Mensch und Tier

Der lineare Park wird in einer Höhe von etwa sechs Metern über dem Boden liegen und dem ehemaligen Hofbogenviadukt folgen. Er wird nicht nur Erholungsraum für Menschen bieten, sondern auch einen großen ökologischen Korridor für Tiere und Pflanzen darstellen. Die Idee dahinter ist es, die Natur näher an das Herz der Stadt zu bringen. Einheimische Planungen und Gewässer bieten Bienen, Schmetterlingen, Kröten, Fledermäusen, Vögeln und Igeln Platz, Schutz und Nahrung. Sie werden sogar ihre eigenen Treppen haben, um den Dachpark zu besuchen und zu verlassen.

Ein weiteres wichtiges Ziel des Hofbogenparks ist die Klimaanpassung: Rotterdam liegt im niederländischen Delta und ist daher anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels. Ein nachhaltiges Wassermanagement ist eine wichtige Bewältigungsstrategie für die Stadt. Mit dem Hofbogenpark will Rotterdam die nächste Generation klimaangepasster städtischer Lösungen präsentieren. Das Regenwasser aus der Umgebung der Parks wird gesammelt, durch natürliche Prozesse aufbereitet und in einem unterirdischen Aquifer gespeichert. In Zeiten von Trockenheit und Hitzestress wird dieser Grundwasserleiter sauberes Regenwasser liefern.

Darüber hinaus wird die großzügige Begrünung die Artenvielfalt in der Stadt erhöhen und im Sommer für Abkühlung sorgen. Mit einem sich selbst versorgenden Wassersystem wird der Hofbogenpark Wasserüberflutung und Trockenheit entgegenwirken: Für die Bewässerung der Pflanzen, Springbrunnen und Wasserspiele im Park wird kein Leitungswasser benötigt.

Abbildung: De Urbanisten
Abbildung: De Urbanisten

Ein Inkubator für Nachbarn und Unternehmer

Der Hofbogenpark wird Teil eines größeren Netzes öffentlicher Räume rund um die ehemalige Bahnlinie sein. Die Stadt plant, das umliegende Straßenbild zu begrünen und offene Landschaften rund um Rotterdam mit der Stadt zu verbinden. Am Ende soll ein Netz von Parks entstehen, welches es Besuchenden und Einwohner*innen ermöglicht, sich in der Stadt vor allem durch miteinander verbundene Grünflächen zu bewegen.

De Urbanisten arbeitete eng mit den Landschaftsarchitekt*innen von DS und De Dakdokters zusammen und bezog die Gemeinden der umliegenden Stadtteile mit ein, um einen Entwurf zu finden, der für alle funktioniert. Die Dudok-Gruppe, ein niederländischer Bauträger, ist Eigentümerin des Eisenbahnviadukts, das früher ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt war. Fast 100 Jahre lang war der Hofpleinlijn die wichtigste Eisenbahnverbindung zwischen Rotterdam und Den Haag-Scheveningen. Sie bot die erste elektrische Eisenbahn der Niederlande und war besonders für Wochenendausflüge ans Meer beliebt. Das 1908 errichtete Viadukt war für seine Zeit unkonventionell, da es aus Stahlbeton gebaut wurde. Dies ermöglichte eine stabile und leichte Konstruktion, die sich bis heute bewährt hat.

Im Jahr 2002 wurde das Hofplein-Viadukt zum nationalen Denkmal erklärt. Das ehemalige Eisenbahnviadukt, auf dessen Dach nun ein Park angelegt wird, hat auch eine wichtige soziale Funktion für die umliegenden Stadtteile: In seinen Bögen sind Geschäfte und Unternehmen untergebracht. Der Park wird die Möglichkeiten für soziale Begegnungen und unternehmerischen Austausch sowie für nachbarschaftliche Aktivitäten verbessern.

Eine Reise über zwei Kilometer

Ähnlich wie bei einer Zugfahrt verändert sich die Landschaft des Hofbogenparks während des zwei Kilometer langen Spaziergangs entlang der Eisenbahnbögen. Am Bahnhof Hofplein steht das Stadtleben im Mittelpunkt. In Richtung Norden wird die Landschaft ruhiger, mit Elementen von fließendem Wasser. Die Landschaftsarchitekt*innen haben sich von den Bahndämmen inspirieren lassen und zeigen eine Mischung aus natürlich vorkommenden Pflanzen und Pflanzen aus der Umgebung. Die dynamische Landschaft mit ihrem naturalistischen Pflegeansatz wird sich von Jahreszeit zu Jahreszeit verändern und im Laufe der Zeit eigene Variationen entwickeln.

Die verschiedenen Bahnsteige haben einen einzigartigen Charakter, der auf die Wünsche der Anwohner*innen und jedes Viertels zugeschnitten ist. Im Zomerhofkwartier beispielsweise bietet eine Plattform mit Tischen und Bänken Platz für ein Picknick. Im Gegensatz dazu ist die Wasserplattform in der Bergselaan zum stillen Nachdenken und Lesen gedacht. Und am Ammersooiseplein wird es einen Spielbereich mit einer Rutsche für Kinder geben.

Einem ähnlichen Prinzip folgt der Moynihan Connector im New Yorker High Line Park. Alles dazu hier.

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Floriade Expo 2022
Foto: Floriade Expo 2022, Almere

Schon der Veranstaltungsort ist besonders. Die Floriade 2022 findet in Almere statt. Wo früher Wasser war, präsentieren die Niederlande in diesem Jahr Ideen für wachsende grüne Städte. Die Floriade Expo ist mehr als eine bunte Schau von Gärten. Hier wird thematisiert: Wie können unsere Städte trotz des Klimawandels lebenswerter, grüner und nachhaltiger werden? Alles was Sie zur Floriade wissen müssen lesen Sie hier. Mehr zum Konzept des Deutschen Pavillons vom studio grüngrau gibt es übrigens hier.

Auf sechzig Hektar Land bringt die Floriade 2022 vierzig inspirierende Länderpräsentationen, einen spektakulären Gewächshauskomplex und eine Seilbahn quer zusammen. Schon das macht die Veranstaltung zu einer der wichtigsten Gartenbauausstellungen der Welt. Seit den 1960er Jahren laden die Niederlande alle zehn Jahre zu einer Floriade ein. Jedes Mal an einem anderen Ort. In diesem Jahr ist die Stadt Almere an der Reihe. Sie bildet die Kulisse für eine zukunftsweisende, grüne Veranstaltung. Denn auf der Floriade Expo 2022 lautet das Motto: Growing Green Cities.

Growing Green Cities

Zum siebten Mal findet 2022 eine Floriade Expo in den Niederlanden statt. Dabei geht es nicht nur um Grün in und um Städte herum. Unter dem Motto Growing Green Cities präsentieren die Niederländer*innen ein Stück ihrer Auseinandersetzung mit klimaneutralen, grünen, gesunden, urbanen Strukturen. Die Floriade 2022 präsentiert dementsprechend neue Technologien, zukünftige Produkte und Lösungen für die globale Urbanisierung, für unsere Lebensmittelversorgung, Gesundheit und Energiegewinnung. In all diesen Bereichen sind Innovationen erforderlich, um unser Leben sicherer, gesünder und attraktiver zu machen. Von diesen innovativen Ideen präsentiert die Floriade 2022 zahlreiche. Sie alle fügen sich zu einer Entdeckungsreise zusammen, die die Besucher*innen herausfordert und dazu inspiriert, ein grüneres und bewussteres Leben zu führen.

Das breite Themenspektrum der Floriade Expo 2022 ist in folgende, vier Themenfeldern aufgeteilt: Greening the City, Feeding the City, Healthying the City und Energizing the City. Alle vier Themen tauchen nicht nur in den zahlreichen Pavillons und dem riesigen Gewächshauskomplex auf dem Gelände immer auf. Auf der Floriade Expo 2022 sind sie auch im Arboretum und dem reichen Kunst- und Kulturprogramm der Weltausstellung zu finden.

Almere als Kulisse der Floriade

Das Nachdenken über dicht bebaute Städte und deren Ausstattung mit Grün steht im Mittelpunkt der Floriade 2022. Wie diese urbanen Orte grüner, lebenswerter und nachhaltiger werden können, das sind Fragen, die die Niederländer*innen in Almere thematisieren. Dabei könnte kaum eine Stadt besser für die Auseinandersetzung mit nachhaltiger Grünflächenentwicklung taugen. Denn Almere ist auch ohne die Floriade 2022 bereits eine Art Living Lab, ein Ort der Experimente und des Neuentwickelns. Von April bis Oktober 2022 wird die Stadt nun zum Schauplatz für Innovationen aus dem Bereich Nachhaltigkeit und Lebensmittelproduktion. Als Weltausstellung wird sie Akteur*innen aus der ganzen Welt zusammenbringen.

Floriade mit Nachhall

Die siebte Floriade in den Niederlanden ist anders als ihre Vorgängerinnen. Denn zum ersten ist sie nicht nur als Messe organisiert, die nach einem halben Jahr wieder abgebaut wird. Vielmehr wächst aus den Grundsteinen der Floriade 2022 ein neuer Stadtteil. Die gesamte Infrastruktur der Schau bleibt erhalten und wird auch langfristig ein Beispiel für Nachhaltigkeit sein. So sind die breiten Gehwege so angelegt, dass Regenwasser gut ablaufen kann. Auch das Arboretum, eine Art Pflanzen-Bibliothek voller Gerüche und Farben, ist von Nachhaltigkeit geprägt. Alle Bäume und Pflanzen stammen von einheimischen Züchtern. Darüber hinaus wurden sie ausgewählt, weil sie die Luftqualität verbessern, helfen, die Temperatur zu senken, Biodiversität fördern oder als Nahrungsquelle dienen.

Die Gärten der Welt

Das gesamte 60 Hektar große Gelände der Floriade 2022 ist in Quadrate aufgeteilt, die alphabetisch nach den botanischen Namen der dort angesiedelten Pflanzen benannt sind. Wie kann es in den Niederlanden anders sein, als dass das T für die Tulpe reserviert ist? Durch diese Strukturierung und Bepflanzung entsteht eine Patchworkdecke aus Gärten, die von Kanälen mit Brücken aus recycelten Materialien durchzogen ist. Das ist sozusagen die Basis für den neuen Stadtteil, der nach der Floriade Expo 2022 hier wachsen wird.

Neben den Vorbereitungen für das Entstehen einer neuen, zukunftsfähigen Stadt hat Almere die Welt eingeladen, sich zu präsentieren. Gut 30 Länder errichteten deshalb einen eigenen Pavillon, in dem sie ihre Ideen für die grüne Stadt der Zukunft vorstellen. In diesem Kontext zeigen zum Beispiel die Niederlande wie mit biologischen Produkten nachhaltig und klimaschonend gebaut werden kann. China hingegen lädt zu einem Rundgang durch einen wachsenden Bambusgarten ein. Im Pavillon von Indien gehen die Besucher*innen auf eine spirituelle Reise. Der Staat Katar zeigt auf der Floriade 2022, wie durch traditionelle Bauformen und moderne Technologien Wüsten ergrünen.

Deutschlands Ausstellungsbereich mit studio grüngrau

Gemeinsam mit gtp2 architekten und insglück hat studio grüngrau Landschaftsarchitektur 2021 den 1. Preis für die Gestaltung des deutschen Ausstellungsbereichs gewonnen. Ihr Konzept auf der Floriade Expo 2022 heißt BIOTOPIA – Growing Community. Schon von Weitem ist die Konstruktion des Pavillons aus hölzernen Kuben zu erkennen. Das zweistöckige Gebäude ist auch Teil eines Gartens. Dazu tragen insbesondere seine bepflanzten Fassaden bei, die sich wie ein lebendiges Ökosystem ständig verändern. Die Ideen für BIOTOPIA stammen von gtp2 architekten und insglück, die mit studio grüngrau Landschaftsarchitektur den Deutschen Garten in Almere gestalteten.

Wo einst Meer war, ist heute Almere

Neben den zahlreichen Pavillons bringt eine spektakuläre, 850 Meter lange Seilbahn die Besucher*innen zum Staunen. Ihre Höhe garantiert einen atemberaubenden Blick auf das Gelände der Floriade 2022 und reicht bis zur Skyline der Stadt Almere. Aber auch das Arboretum ist besonderer Natur. Es zieht sich wie ein grüner Faden durch das gesamte Gelände der Weltausstellung.

Nicht nur die Exponate der Floriade Expo 2022 sind innovativ. Schon der Veranstaltungsort, die Stadt Almere, ist besonderer Natur. Sie hat etwa 220 000 Einwohner*innen und gilt als die jüngste Stadt der Niederlande. Denn vor kaum 50 Jahren dominierte hier noch das Meer. Der Untergrund für die Stadt wurde dem Wasser regelrecht abgerungen. Damit ist Almere noch heute ein Symbol für den Kampf gegen die Naturgewalten oder vielmehr ein Zeichen für den geschickten Umgang mit der Natur.

Klassische niederländische Idylle hat Almere allerdings nicht zu bieten. Die Stadt wurde vielmehr auf dem Reißbrett entworfen und dann mit spektakulären Architekturen bestückt. Das geht weiter, denn Almere wächst. Vom City-Strand sind bereits Konturen des neuesten Stadtviertels zu erkennen. Hier entsteht ein verlockender, grüner Dschungel namens Hortus. Doch bevor hier die neuen Bewohner*innen das Viertel beziehen, kommen wahrscheinlich noch zwei Millionen Besucher*innen der Floriade 2022 vorbei.

Etwa 50 Prozent des Quartiers Baumkirchen Mitte bleiben als öffentliche Grünflächen erhalten, die nicht nur Erholung bieten, sondern auch eine ökologische Vernetzung fördern, die für die Tierwelt von großer Bedeutung ist. Foto: Marcus Hassler

Wo Lokomotiven einfuhren, wächst seit 2013 das visionäre Stadtquartier „Baumkirchen Mitte“ in Berg am Laim heran. Hier verschmelzen städtische Lebensräume und Natur zu einem harmonischen Ensemble, das nicht nur Wohnraum und Arbeitsplätze, sondern auch großzügige Grünflächen und ökologische Oasen bietet. Durch die organischen Bauformen und die Liebe zum Detail hat das Areal eine unverwechselbare Identität erhalten – ein Ort, der Vergangenheit und Moderne in spannender Symbiose vereint. Im Folgenden stellt das Büro mahl gebhard konzepte sein Projekt selbst vor. 

Ein neues Stadtquartier mit historischer Prägung

Auf dem 15 Hektar großen Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerkes München 4 in Berg am Laim entsteht seit 2013 das Stadtquartier „Baumkirchen Mitte“. Fast 70 Jahre lang wurden hier Lokomotiven und Güterwaggons rangiert und repariert. Nun bietet das Areal Raum für etwa 1 300 Einwohner*innen, Arbeitsplätze, Einzelhandel und öffentliche Grünflächen. Grundlage für das Bebauungsplanverfahren war ein 2010 von der Landeshauptstadt und CA Immo durchgeführter städtebaulicher und landschaftsplanerischer Ideenwettbewerb, aus dem der Entwurf von Peter Ebner & Friends und von Mahl Gebhard Konzepte siegreich hervor ging. Der Entwurf überzeuge die Jury im besonderen Maße durch eine für das Gebiet neuartige Struktur. Es entstünde eine einheitliche Bebauung, die von ausgedehnten Grünflächen umschlossen wird. Dieser Entwurf, der sich durch mutig, geschwungene Baukörper auszeichnet, die fließende Räume erzeugen war Grundlage für das sich anschließende Bauleitplanverfahren. Die Freiflächen mit ihren integrierten Spielflächen sollen die Anwohner sowie Besucher zum Verweilen und Erholen einladen.

Freiflächengestaltung und ökologische Balance

Die Landschaftsarchitekt*innen von mahl gebhard konzepte (München) achteten bei der Entwicklung des Quartiers auf eine doppelte Innenentwicklung: So ist für das Quartier Baumkirchen Mitte neben den unverwechselbaren, organisch anmutenden Gebäudekörpern, der sehr hohe Grünanteil prägend. Etwa 50 Prozent des Gesamtareals sind bebaut, die restliche Fläche bleibt im Hinblick auf urbanes Grün als öffentliche Grünfläche und ökologische Vorrangfläche erhalten und wird als Landschaftspark gestaltet. Durch den Erhalt der ökologischen Vorrangfläche bleibt, die für München so relevante Kaltluftschneise erhalten und dennoch kann die geforderte städtische Dichte eingehalten werden. Einen weiteren Mehrwert stellen die neu entstandenen Wohnhöfe bzw. Quartiersmitten wie der Mattoneplatz dar. Sie sprechen grundsätzlich die Sprache des Gesamtareals und verstärken die geschwungenen Strukturen.

Integration von Natur und Stadtplanung

Durch sie wurde eine qualitativ wie quantitativ gute Versorgung der Wohngebiete mit öffentlichen Grün- und Freiflächen für die Erholung verwirklicht – insbesondere auch unter dem Gesichtspunkt der Verringerung des Nutzungsdruckes auf die ökologische Vorrangfläche. Bei der Lage der öffentlichen Grünflächen wurde auf gute räumliche Zuordnung und weitere mögliche Aneignungs- und Verknüpfungsmöglichkeiten besonders auch in Richtung des Rosenheimer Bahndamms geachtet. An der übergeordneten Grünstruktur orientierten sich daraufhin die Baukörper. Im Entwurf soll ein Nebeneinander unterschiedlicher Nutzungsräume entstehen, die sich verschränken und überlagern. Die Privatheit der Wohnhöfe soll davon unberührt bleiben.

Bäume als Leitbild

Wiederkehrendes Gestaltungselement ist die waggonartige Reihung von drei bis fünf zu pflanzenden Bäumen, die den genius loci der ehemaligen Nutzung in der neu gebauten Fläche anschaulich machen sollen. Um den jeweiligen Räumen eine eindeutig wahrnehmbare Gestalt zu geben, bestehen die Baumgruppen aus jeweils einer Gattung und Art. Die öffentlichen und privaten Freiflächen erhalten durch die unterschiedliche Pflanzenverwendung (Leitbaumarten, Wuchsklassen) eine jeweils eigenständige Identität. Dabei wurden je 200 Quadratmeter nicht überbaute Grundstücksfläche ein Baum gepflanzt. Auf die entsprechende Mindestüberdeckung der Substratstärke über Tiefgarage ist zu achten. Die Pflanzauswahl in den Höfen enthält mindestens 50 Prozent Bäume zweiter Ordnung.

Der Bestand als „Hot Spot“ der Biodiversität

Pflanzenwuchs auf aktiven Bahnflächen unterliegt permanenter Störungen. Fallen Bahnflächen aus der Nutzung, so regiert die Vegetation relativ rasch darauf. Deshalb sind die stillgelegten Gleisanlagen heute von mosaikartiger Vegetation geprägt und erhalten ihren eigenen Charme durch die offenen Ruderalflächen, die sich mit aufkommenden Birken und rahmenbildenden, älteren Gehölzen abwechseln.

Kurzum: Das Bahnbetriebswerk entwickelte sich durch die Stilllegung zu einer naturnahen Bahnbrache. Humusarme Substrate (z.B. Gleisschotter) speichern kaum Wasser und begünstigen dadurch schüttere Magerrasen. So ist hier ein „Hot Spot“ der Biodiversität entstanden, das dem Areal in Kombination mit der belassenen Gleisanlage eine besondere Identität verleiht. Mehrere geschützte Tier- und Pflanzenarten (48 Rote-Liste-Arten) haben aufgrund der für sie idealen, trockenen und heißen Standortbedingungen und der Mischung aus lückiger, niedriger Vegetation und besonnten Säumen und Gebüschen einen Vorkommensschwerpunkt. Die angrenzenden noch aktiven Bahnanlagen sind darüber hinaus als Ausbreitungsachse und somit für den Biotopverbund bedeutend. Von den in mehreren Kartierungsdurchgängen in den Jahren 2008 und 2009 nachgewiesenen Arten sind die streng geschützte Zauneidechse sowie die besonders geschützte Blauflügelige Ödlandschrecke und die Blauflügelige Sandschrecke von hoher naturschutzfachlicher Bedeutung und daher wertbestimmend. Aber auch kleine Wirbeltiere wie die Zauneidechse können auf der Vorrangfläche beobachtet werden – sie sind streng geschützt (§7 (2) 14, ‎BNatSchG).

Pflege- und Schutzkonzept für die Biodiversität

Die Habitate der Bahnanlagen sind charakteristische Bestandteile der Natur in der Stadt und spielen eine wichtige Rolle für den Artenschutz. Um diesen naturnahen Trockenstandort mit seiner hohen Artenvielfalt zu erhalten, wurde ein Pflege- und Entwicklungskonzept aufgestellt. Die Sukzession führt ohne weitere Pflege zu waldartigen Beständen, weshalb die immer wiederkehrende Zurücknahme des

Gehölzaufwuchses und die Freihaltung geeigneter, besonnter Standorte wichtige Maßnahmen darstellen. Im Bereich der Sukzessionsflächen wird das Totholz belassen, um Insekten und kleinen Wirbeltieren Unterschlupf zu bieten. Die Rohbodenrotation bietet nicht nur Reptilien wie der Zauneidechse einen idealen Standort, um ihre Eier in die sandigen Böden zu legen.

Nachhaltige Stadtentwicklung

Die naturschutzfachlichen Entwicklungsziele für das Untersuchungsgebiet umfassen den Erhalt und die Pflege von Flächen, die als bevorzugte Lebensräume für die Zauneidechse gelten. Ebenso wird der größtmögliche Erhalt von Flächen mit hoher und mittlerer Bedeutung für die Wert bestimmenden Tierarten angestrebt. Weiterhin soll der räumliche Verbund der Flächen zu angrenzenden Lebensräumen gesichert und die Standorte als Teil einer linearen Vernetzungsachse erhalten und optimiert werden. Ein weiteres Ziel ist die Sicherung und Förderung der Populationen der geschützten Arten durch gezielte Pflegemaßnahmen im Bereich der ökologischen Vorrangfläche. Diese Maßnahmen sollen durch ein dynamisches, dreistufiges Pflegekonzept erreicht und langfristig gesichert werden, das sowohl den fachlichen Ansprüchen als auch der pragmatischen Umsetzbarkeit in Bezug auf die Topografie gerecht wird.

Minimaler Eingriff – Monitoring und Erlebnispfad

Die geplante Umsetzung des gesamten Bauvorhabens wurde in 10 Bauabschnitte unterteilt, deren Abfolge sich von Osten (Baumkirchner Straße) nach Westen erstreckt, und somit eine sinnvolle logistische bauliche und nutzungsbezogene Abwicklung in mehreren Schritten mit geringerer Baustellenbelastung bedeutet. Eine besondere Herausforderung stellte die Zugänglichkeit der ökologischen Vorrangfläche dar: Mittels aufwändigen Monitorings und eigens entwickelter Stege konnten naturschutzfachliche Belange eingehalten werden und dennoch von Anwohnern als naturnaher Erholungsraum barrierefrei erschlossen werden. Der enorme Höhenunterschied zwischen Wohnbebauung und ökologischer Vorrangfläche konnte mit Rampen ausgeglichen werden. Der Erlebnispfad im tieferliegende Gleisbereich ist auf der Westseite über Treppen und an der Ostseite durch eine barrierefreie Rampe erreichbar. Der aufgeständerte Weg führt vorbei an der historischen Eisenbahn-Drehscheibe, mit der früher Waggons und Lokomotiven bewegt wurden. Hier ist eine Tribüne entstanden, sodass die Lokdrehscheibe als Freilufttheater dienen kann.

mahl gebhard konzepte

Das Büro mahl·gebhard·konzepte mit Sitz in München wurde 1986 gegründet und 2009 in eine Partnerschaftsgesellschaft mit Andrea Gebhard und Johannes Mahl-Gebhard als Geschäftsführer umfirmiert. 2022 wurden Markus Anzengruber, Johannes Kruck, Annette Pfundheller und Katrin Rismont PartnerInnen des Büros. Seither steht Johannes Mahl-Gebhard als Berater zur Verfügung. mahl·gebhard·konzepte beschäftigt 40 Mitarbeiter*innen aus den Disziplinen der Landschaftsarchitektur, Landschaftsplanung, Umweltökologie, Stadtplanung, Architektur und Urban Design.

In der Nutzung von Ansätzen, Denkweisen oder Methoden verschiedener Fachrichtungen sehen wir nicht nur die Möglichkeit, Planungen an den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Zeit zu orientieren, sondern auch die Chance Ökologie und Ästhetik zukunftsweisend zu verbinden. Langjährige Erfahrung, erworbene Vielseitigkeit, effiziente Arbeitsabläufe, eine klare gestalterische Sprache und realisierbare Visionen helfen uns dabei, das besondere Gesamte zu schaffen.

Landschaftsarchitektur sucht im Spannungsfeld der Planungen von Architektur, Städtebau und Infrastruktur nach neuen räumlichen Aussagen, kulturellen Eigenarten und gestalterischen Perspektiven. Hierbei ist die Rückkopplung von Landschaftsarchitektur mit den gesellschaftlichen Strukturen und zeitgenössischen Kontexten nicht nur notwendig, sondern unerlässlich.

Weiterlesen: In der G+L 09/24 stellen wir 54 Stadtoasen aus fünf Ländern vor. Das Heft ist im Shop erhältlich. Weiter grüne Oasen sind hier zu entdecken.

 Übrigens: Die Internationale Bauausstellung (IBA) der Metropolregion München 2034 sucht nach Ideen für die Mobilität der Zukunft.