„Gemeinsam Prozesse gestalten, das ist die IBA Basel-Botschaft“

heutiger Oberbürgermeister von Rheinfelden (Baden)

Nachhaltig sinnvolle Projekte

Als IBA im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz ist die IBA Basel 2020 die erste grenzüberschreitende Internationale Bauausstellung. Mit ihrer Hilfe sind auf politischer, institutioneller, raumplanerischer und kultureller Ebene neue, grenzüberschreitende Verbindungen entstanden, die den Metropolitanraum Basel noch näher zusammengebracht haben. Ihr Weg war nicht immer einfach, ein Abenteuer für alle Beteiligten. Warum hat es sich dennoch gelohnt? Das haben wir in vier Gesprächen langjährige IBA-Wegbegleiter gefragt. Darunter auch Klaus Eberhardt, heutiger Oberbürgermeister von Rheinfelden (Baden), 2008 Bürgermeister in Weil am Rhein. Er hat den IBA-Prozess von Anfang an mitbegleitet.

 

Klaus Eberhardt, warum entschloss man sich 2008 eine Internationale Bauausstellung auszurufen? Welche Hoffnungen und Erwartungen hatte man an die IBA?

Internationale Bauausstellungen haben immer den Charakter eines Werkstattprozesses zu wichtigen Fragen der künftigen räumlichen und gesellschaftlichen Entwicklung eingenommen. Mit der Internationalen Bauausstellung Basel wollte man die Bedeutung und Notwendigkeit einer grenzüberschreitenden Betrachtung gemeinsamer Siedlungsräume, deren Perspektiven und Risiken in das Blickfeld nehmen. Im Zuge von Globalisierung und der Notwendigkeit in Europa länderübergreifend Prozesse zu gestalten, war dies eine wichtige Botschaft. Darüber hinaus wollte man diesen Prozess durch geeignete Fachexpertise und wissenschaftliches Know-how begleiten. In Bezug auf die Prozessgestaltung ist dieser Anspruch erfüllt worden.

Warum entschloss man sich für das Format „IBA“?

Die Komplexität unserer Aufgabenstellungen in einer grenzüberschreitenden Region führen oft zu eigenen Gefäßen, um anstehende Aufgaben sachgerecht und kompetent zu begleiten. Im Falle der Internationalen Bauausstellung schien aufgrund der zeitlichen Begrenzung dieses Prozesses die Gründung einer eigenständigen Organisation sinnhaft. Sie bot darüber hinaus auch die Chance einer besseren Außenwahrnehmung.

Was zeichnet die IBA Basel Ihrer Meinung nach aus?

Der IBA Basel 2020 ist es gelungen, aus den beteiligten drei Ländern kleine und große Gemeinden mit Projekten für eine gemeinsame Entwicklung und eine Raumstrategie zu binden. Die Notwendigkeit der Eigenfinanzierung war Grundlage dafür, dass nur nachhaltig sinnvolle Projekte in einen vertieften Bearbeitungsstand gelangten.

Gemeinsam definierte Handlungsfelder

Der IBA Basel wird immer wieder vorgeworfen zu wenige Bauaktivitäten umgesetzt zu haben. Ist die Kritik berechtigt?

Die IBA Basel 2020 unterscheidet sich signifikant von deutschen Internationalen Bauausstellungen, die schon von ihrem Etat aus Staatszuschüssen eine ganz andere Form der Umsetzung erreichen konnten als die IBA Basel 2020. Insofern liegen die materiellen Ergebnisse der IBA Basel 2020 deutlich hinter den deutschen Internationalen Bauausstellungen zurück. Die IBA Basel 2020 hat allerdings ein Instrumentarium der grenzüberschreitenden persönlichen und institutionellen Zusammenarbeit geschaffen, die genau das bewirkt, was ursprünglich im Memorandum gewünscht war: Zusammen wachsen auf Grundlage einer gemeinsamen Strategie und gemeinsam definierter Handlungsfelder.

Der Rhein als roter Faden

Welche IBA Projekte stehen Ihrer Meinung nach für die Ziele der IBA Basel 2020?

In Anbetracht der großen und kleinen Partizipanten an der IBA Basel 2020 war es klug, Projektfamilien wie die aktiven Bahnhöfe oder die Rheinliebe zu bilden. Bei den aktiven Bahnhöfen erfolgte eine Impulsgebung für die Inwertsetzung der Bahnhofsareale und deren städtebaulichen Weiterentwicklung im Umfeld in kleinen wie auch großen Gemeinden unabhängig von der jeweiligen Lage. Diese Perspektive beinhaltet mehr als nur Bahnhöfe; sie steht auch für Fragen des städtebaulichen Konzeptes und der künftigen Mobilität.

Beim Thema Rheinliebe wird auf die Gemeinsamkeiten im Frei-, Landschafts- und Stadtraum angeknüpft, wie auch an die persönlichen Erlebnisse der Menschen im Rheinknie um Basel herum. Der Rhein bildet den roten Faden in einem Siedlungsraum mit all seinen Chancen als Stadt-/ Natur- und Freizeitraum. Mit der Rheinliebe gelang auch eine Verknüpfung vieler kleinerer Gemeinden insbesondere auf deutscher und Schweizer Seite, die auf unterschwellige Form das Thema der konstruktiven Zusammenarbeit im Zuge des IBA-Prozesses als eigenen Erfolg verspüren konnte.

“Die Themenstellungen werden sich verschieben.”

2020 endet die IBA Basel offiziell. Welche Erfolge hat die IBA Basel der Region gebracht?

Der erkennbare Mehrwert liegt in dem komplikationsarmen Zusammenarbeiten der Institutionen und der verantwortlichen Menschen im Dreiländereck. Man hat sich mithilfe von Projekten gefunden und selbstverständliche, aber dennoch eigenbestimmte Formen der Zusammenarbeit entwickelt. Allein die schwierigen Finanzierungsfragen haben dazu geführt, dass viele Projekte aufgegleist, aber noch nicht den Punkt der qualitätsvollen Realisierung erreicht haben. Das Nachjustieren besteht somit in der Verpflichtung der Beteiligten, Qualitätssicherung zu betreiben.

Und welchen Herausforderungen muss sich die Region nun im Zuge der Verstetigung stellen?

Zukünftig werden sich die Themenstellungen verschieben: Eine zunehmende Bedeutung von Landschaft und Freizeitverhalten, die Erfordernisse, den Klimawandel in Stadt und Land zu entschleunigen, die Chancen der Digitalisierung in Bezug auf Raumentwicklung einzubinden, alternative Energiekonzepte auf der Basis regenerativer Energiegewinnung voranzubringen, und das Mobilitätsverhalten intelligenter zu gestalten, werden künftige Themen der Agenda bilden.

Des Weiteren muss es gelingen, auch künftig nachfolgende Akteure von der Bedeutsamkeit grenzüberschreitender Zusammenarbeit zu überzeugen.

 

Warum wir eine IBA-Basel-Serie gestartet haben? Das lesen Sie hier.

Sämtliche Beiträge zur IBA Basel 2020 finden Sie hier.

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Thermische Nachverdichtung – wie kompakt darf die Stadt noch werden?

Zum achten Mal trugen die Arketipos Association und der Bezirksrat der norditalienischen Stadt Bergamo die internationale Veranstaltung i maestri del paesaggi – Meister der Landschaft – aus. Die Ausgabe 2018 befasste sich mit der Grundlage jeder Landschaft: Pflanzen. Traditioneller Höhepunkt und gleichzeitiger Schlussakt war das zweitägige International Meeting am 21. und 22. September im Teatro Sociale mit Vorträgen namhafter Landschaftsarchitekten und -designern.

Die Verbindung von rural und urban, von gebautem Stein und Pflanze hätte besser nicht funktionieren können als beim diesjährigen i maestri del paesaggio: Zwei Schauplätze dominierten – die inhaltlichen Vorträge im historischen Teatro Sociale wechselten sich mit Pausen auf der grün gestalteten Piazza Vecchia ab.

Die grüne Metamorphose der Piazza Vecchia – ein Modell historisch gewachsener, urbaner Baukultur – war Kern und omnipräsentes Bindeglied der diesjährigen Veranstaltung mit dem Thema „Plant Landscape“. Da liegt es nahe, dass der niederländische Gartendesigner Piet Oudolf für die temporäre Intervention angefragt wurde. Vor der Gestaltung des sogenannten Green Square hatte Oudolf allerdings Bedenken: „Normalerweise entfaltet sich ein Garten erst über eine gewisse Zeit hinweg. Dieses Mal musste alles pünktlich zum Event funktionieren.“ Trotz all seiner Planung gehört laut Piet Oudolf ebenfalls viel Improvisation dazu. Das ist die große Kunst des Designers, der zur New Perennial-Bewegung gehört: Er plant, überlegt vorab, welche Pflanzen sich eignen, an welcher Stelle er welche Sorte pflanzt, er skizziert, konzipiert – und am Ende wirkt es umso naturalistischer, impulsiver, lebendiger. Dass es so fließend aussieht, liegt an der Art und Weise, wie er die Pflanzen, vor allem Stauden und Gräser, anordnet – in sogenannten „Drifts“ (engl. To drift: sich treiben lassen). Es ist ihm geglückt, das Atmosphärische einer wilden Landschaft einzufangen und in den urbanen Raum zu integrieren.

Von konkreter Gartengestaltung zu globalen Klimaanpassungen

Von dieser gefühlt wilden Landschaft, in der die Besucher lockere Gespräche führten, Entspannung und Atmosphäre italienischer Baukultur fanden, ging es im Inneren des Teatro Sociale, dem imposanten Bau mit Holzgeländer und Deckenbalken, über zu den Inhalten. In einer Talkshow diskutierten der niederländische Landschaftsgärtner Piet Oudolf, der US-amerikanische Gartenarchitekt und Autor Thomas Rainer sowie Nigel Dunnett, Professor für Pflanzendesign und Urbaner Gartenbau an der Sheffield University, unter anderem über ihr Verständnis eines Landschaftsdesigners. Dunnett ist Pionier eines neuen ökologischen Ansatzes bei der Anlage von Gärten und öffentlichen Räumen. Im Mittelpunkt von Nigel Dunnetts Arbeit steht die Integration von Ökologie und Gartenbau, um eine dynamische und vielfältige abgestimmte Landschaft mit geringem Aufwand und hohen Belastungen zu erreichen. Auch wenn die erhoffte feurige Diskussionen und spannende Gegenpositionen ausblieben, bildete die Talkshow eine inhaltsstarke Grundlage .

Während Louis Benech – ein Superstar unter Frankreichs Landschaftsarchitekten, der erste, der ein Stück des weltberühmten Versailles neu gestalten durfte – und Filippo Pizzoni, ein italienischer Landschaftsarchitekt, ihre Arbeitsethos und ihre bisher realisierten Gärten thematisierten, fokussierten sich Kristina Knauf, Stadtplanerin bei MVRDV, und Sandra Piesik, britische Architekten, auf eine weitgefasstere, grüne Stadtentwicklung in Zeiten des Klimawandels. Die Männer kümmerten sich um konkrete Beispiele, während die Frauen das Große und Ganze in den Blick nahmen.
Als Leiterin verschiedener Projekte erklärte Knauf, dass es dem Büro darum gehe, genügend Grün in ihren Plänen und Realisierungen bereitzustellen. „Es ist äußerst dringend, auf die Klimaanpassung einzugehen“, sagt Knauf. In einem aktuellen Projekt soll der Stadtkern Eindhovens in ein grünes Verbindungsstück zwischen drei Grünflächen verwandelt werden. Dafür sollen Wände und Dächer als Grünflächen ausgestaltet werden. „Es soll am Ende so aussehen, als hätten wir die Stadt einmal umgedreht und in einen grünen Farbtopf gedippt.“ Wichtig sei es aber, produktives Grün zu schaffen, zu überlegen, an welcher Stelle es sinnvoll ist.
Die Architektin Sandra Piesik ist Autorin von HABITAT: Vernacular Architecture for a Changing Planet. Ihre Publikation bringt ein internationales Team von mehr als hundert führenden Experten aus verschiedenen Disziplinen zusammen. Die Autoren untersuchen die vernakuläre Architektur im Kontext von Klimazonen, Ökosystemen, erneuerbaren Ressourcen und Stadtentwicklungen. Ihr Buch unternimmt einen Streifzug durch achtzig Länder und die fünf Klimazonen der Erde. Entstanden ist das Werk im Umfeld der UN-Klimarahmenkonvention.

Symbiose von Architektur und Landschaft

Ein Beispiel für das mögliche Gelingen einer Symbiose von Architektur und Landschaft ist der Projektentwurf des dänischen Architekturbüros BIG. Im vergangenen Jahr gewann die Bjarke Ingels Group den Wettbewerb zur Erweiterung der Fabrikanlage in San Pellegrino Terme. Dieses Werk befindet sich seit 1899 in San Pellegrino und ist umgeben von malerischer Natur, Flusswasser und Bergen. Die Marke San Pellegrino ist auch Teil der italienischen Wirtschaft und Kultur.
Es ist offensichtlich, dass Architekten bei der Realisierung von Projekten den kulturellen und sozialen Kontext respektieren müssen. Natürlich können neue Perspektiven einfließen, aber der Ort und sein Erscheinungsbild sollten nicht verdeckt werden. Die Bjarke Ingels Group verspricht, genau das mit dem Design der neuen Flagship Factory San Pellegrino zu tun. Das neue Design überlagert die Fabrik nicht mit fremden Elementen: Der Entwurf kombiniert die modulare Architektur der Fabrik mit repetitiven Elementen des italienischen Klassizismus und Rationalismus. Der Raum variiert durch die Erweiterung und Reduzierung der Spannweite der Bögen. Demnach bewegt und fließt die Architektur in gleicher Weise wie der Fluss vor Ort. Alles scheint eine fließende Struktur zu haben.

A dopo, Bergamo

Während Mailand Mode und Venedig Kunst und Architektur zu bieten haben, verschreibt sich Bergamo der Landschaftsarchitektur und Gartenkunst. Die Veranstaltung dient dem Austausch unterschiedlicher Disziplinen, die sich jedoch alle in irgendeiner Form der Landschaft verschrieben haben. In der diesjährigen Ausgabe war vor allem die Verschränkung zwischen Architektur und Landschaft sowie der Blick auf die Rolle von Pflanzen im Rahmen von Städtezuwachs, Nachverdichtung und Klimaanpassung impulsgebend.

Mehr zum Thema finden Sie in der Novemberausgabe 2018 der Garten+Landschaft.

Wo entsiegeln? KI trifft Rückbaupotenzial punktgenau

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Stimmungsvolle Luftaufnahme einer österreichischen Stadt mit Fluss von Carrie Borden





Wo entsiegeln? KI trifft Rückbaupotenzial punktgenau – Fachbeitrag für Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und urbane Transformation




Wo entsiegeln – und vor allem wie gezielt? Die urbane Debatte um Rückbaupotenziale und hitzegestresste Stadtquartiere ist längst kein akademisches Planspiel mehr. Mit nie dagewesener Präzision bringt Künstliche Intelligenz jetzt Licht in den Flickenteppich versiegelter Flächen. Der Schlüssel: Daten, Simulationen und digitaler Weitblick. Wer meint, die Entsiegelung urbaner Räume sei ein reines Operieren mit dem Presslufthammer, wird sich wundern, wie leise und elegant Rückbau künftig orchestriert wird – und wie die KI schon heute punktgenau zeigt, wo sich der Einsatz wirklich lohnt.

Zusammenfassung

  • Warum Entsiegelung das große Zukunftshema für Städte und Landschaftsarchitektur ist – und warum punktgenaue Flächenauswahl entscheidend ist
  • Wie Künstliche Intelligenz neue Maßstäbe bei der Analyse von Rückbaupotenzialen setzt
  • Welche Datenquellen und digitalen Modelle die Grundlage für smarte Entsiegelungsstrategien bilden
  • Wie Urban Digital Twins, Geodaten und Machine Learning zusammenwirken
  • Welche kommunalen und rechtlichen Hürden bestehen – und wie Planer sie meistern können
  • Praktische Einblicke: Pilotprojekte und Lessons Learned aus DACH-Städten
  • Risiken, Bias und ethische Fragen: Wer entscheidet, wo entsiegelt wird?
  • Transparenz, Partizipation und Governance als Schlüsselfaktoren für nachhaltigen Erfolg
  • Warum KI-gestützte Entsiegelung nicht nur Technik-, sondern auch Kulturwandel bedeutet

Punktgenau entsiegeln: Warum Rückbau nicht mehr auf Verdacht funktioniert

Die Diskussion um Entsiegelung und Rückbau urbaner Flächen hat in den letzten Jahren eine Dringlichkeit erreicht, die ihresgleichen sucht. Städte ächzen unter Hitzeinseln, Starkregen und versiegelten Böden – und die klassischen Methoden des Rückbaus wirken plötzlich wie Werkzeuge aus einer anderen Epoche. Wo früher nach dem Gießkannenprinzip Straßen, Plätze und ehemalige Industriebrachen aufgebrochen wurden, verlangt die heutige Stadtgesellschaft nach Präzision. Denn längst ist klar: Nicht jede entsiegelte Fläche bringt den erhofften ökologischen, klimatischen oder sozialen Mehrwert. Wo also ansetzen, wenn Ressourcen knapp, Flächen umkämpft und Zielkonflikte komplex sind?

Hier setzt die datenbasierte Stadtplanung an – und stellt mit Künstlicher Intelligenz das bisherige Entsiegelungsdogma fundamental auf den Kopf. Während das Bauchgefühl vieler Planer durchaus immer noch ein wichtiger Impulsgeber ist, fordern Fördermittelgeber, Politik und Öffentlichkeit zunehmend nachvollziehbare, effiziente und vor allem messbare Entsiegelungsentscheidungen. Flächen müssen nicht nur punktgenau lokalisiert, sondern auch auf ihr Rückbaupotenzial hin bewertet werden: Wie hoch ist die Bodenversiegelung? Wie hoch der ökologische Gewinn bei Rückbau? Welche Konflikte entstehen mit Infrastruktur, Eigentum oder Nutzung?

Die klassische Kartierung und Priorisierung stößt hier rasch an ihre Grenzen. Manuelle Erhebungen, Luftbilder und Einzelstudien liefern zwar wichtige Hinweise, doch die Dynamik und Vielschichtigkeit urbaner Systeme bleibt oft außen vor. Vor allem, wenn es um die Verknüpfung von Klimaresilienz, sozialer Infrastruktur, Mobilität und Stadtökologie geht, merken viele Kommunen: Wir brauchen ein Update – und zwar dringend.

Genau an dieser Schnittstelle entfaltet sich das Potenzial von KI-gestützten Analysetools. Sie transformieren Entsiegelung von einer starren Maßnahme zum lernenden, adaptiven Stadtentwicklungsprozess. Die entscheidende Frage lautet ab jetzt nicht mehr: Wo ist irgendetwas versiegelt? Sondern: Wo und wann bringt Rückbau den maximalen Systemnutzen? KI kann diese Frage in Echtzeit beantworten – und zwar auf Basis von Daten, die deutlich tiefer und breiter reichen als alles, was klassische Planungswerkzeuge leisten.

Für die Praxis bedeutet das: Entsiegelung wird zum maßgeschneiderten Eingriff. KI hilft, Zielkonflikte vorherzusehen, Synergien zu heben und Szenarien durchzuspielen. Planer gewinnen eine neue Souveränität im Umgang mit Unsicherheiten – und können Rückbaupotenziale nicht nur objektivieren, sondern auch gezielt kommunizieren. Wo früher der Presslufthammer regierte, wird heute mit Algorithmen ausgewählt, simuliert und priorisiert. Willkommen in der neuen Ära der urbanen Entsiegelung.

Die Datenrevolution: Wie KI Rückbaupotenziale sichtbar macht

Die technologische Grundlage der KI-gestützten Entsiegelungsplanung ist eine bislang unerreichte Datenfülle und deren intelligente Auswertung. Moderne Städte verfügen heute über ein komplexes Gewebe aus Geodaten, Fernerkundungsbildern, Sensordaten, Open Data Sets und historischen Bestandsdaten. Diese Datenströme bilden das Rohmaterial für Machine Learning und KI-Algorithmen, die in der Lage sind, Muster zu erkennen, Korrelationen herzustellen und bislang unsichtbare Rückbaupotenziale ans Licht zu bringen.

Ein zentrales Werkzeug in diesem Kontext sind Urban Digital Twins, also digitale Abbilder der Stadt, die in Echtzeit mit Daten aus unterschiedlichsten Quellen gespeist werden. Während klassische 3D-Stadtmodelle vor allem der Visualisierung dienten, können heutige Urban Digital Twins Flächenversiegelung und Rückbaupotenziale dynamisch analysieren. Sie berücksichtigen dabei nicht nur die aktuelle Flächen­nutzung, sondern auch mikroklimatische Effekte, Oberflächenabflüsse, Vegetationspotenziale und die Auswirkungen auf die urbane Biodiversität.

Künstliche Intelligenz geht noch einen Schritt weiter: Sie kann etwa Satellitendaten mit kommunalen Bebauungsplänen, Verkehrsdaten und Klimaprognosen verknüpfen. So entstehen Prognosen, die aufzeigen, wo Flächenentsiegelung das größte Potenzial zur Hitzereduktion, zur Verbesserung des Stadtklimas oder zur Entlastung der Kanalisation hat. Über neuronale Netze werden dabei nicht nur offensichtliche, sondern auch latent wirksame Versiegelungen erkannt – beispielsweise unter Asphalt verborgene Altlasten oder schlecht dokumentierte Hof- und Nebenflächen.

Ein weiterer Vorteil: KI-Modelle können verschiedene Szenarien durchspielen und auf ihre Wirksamkeit testen, bevor überhaupt eine einzige Baumaßnahme beginnt. So lassen sich Zielkonflikte frühzeitig erkennen: Vielleicht bringt die Entsiegelung eines Parkplatzes weniger ökologischen Gewinn als der Rückbau einer wenig genutzten Industriebrache? Oder der Rückbau einer Verkehrsfläche führt zu neuen Nutzungskonflikten, die im Vorfeld berechenbar werden. Die Fähigkeit, diese Situationen realitätsnah zu simulieren, bedeutet eine neue Planungsqualität – und einen entscheidenden Vorsprung für alle, die Entsiegelung als Teil einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung verstehen.

Kurz: Die Datenrevolution macht Rückbau nicht nur sichtbar, sondern strategisch steuerbar. Wer heute die richtigen Schnittstellen zwischen Geodaten, Urban Digital Twins und KI-Algorithmen schafft, kann Entsiegelung erstmals wirklich punktgenau orchestrieren – und schafft damit die Grundlage für eine klimaresiliente, lebenswerte Stadt von morgen.

Von der Vision zur Praxis: Pilotprojekte und Pioniererfahrungen

Wie sieht das Ganze in der Praxis aus? In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es inzwischen mehrere spannende Pilotprojekte, die zeigen, wie KI-gestützte Entsiegelung Realität wird. Ein Vorreiter ist die Stadt München, die im Rahmen ihres Smart City Programms eine KI-basierte Flächenanalyse entwickelt hat. Mithilfe von Machine Learning und Urban Digital Twins werden hier Verkehrsflächen, Parkplätze und Zwischenräume auf ihr Rückbaupotenzial hin durchleuchtet. Das System bewertet nicht nur die technische Machbarkeit, sondern auch ökologische, soziale und wirtschaftliche Effekte. Erste Ergebnisse zeigen: Viele Potenziale liegen dort, wo sie bislang niemand vermutet hätte – etwa in ehemaligen Lieferzonen oder kaum genutzten Randstreifen.

Auch Zürich setzt auf KI, allerdings mit einem besonderen Fokus auf Klimaanpassung. Hier werden Daten aus Wetterstationen, Bodenfeuchtesensoren und Verkehrszählungen in Echtzeit in ein Urban Digital Twin eingespeist. Das Ziel: Hotspots der Versiegelung identifizieren, an denen Rückbau besonders hohe Klimawirkung entfaltet. Die Stadt hat so nicht nur ihre Entsiegelungsstrategie überarbeitet, sondern auch die Priorisierung von Fördermitteln und baulichen Maßnahmen komplett neu aufgestellt.

Wien wiederum geht einen partizipativen Weg. Hier können Bürger über eine Open-Data-Plattform potenzielle Entsiegelungsflächen melden. Die Vorschläge werden von einer KI analysiert und mit städtischen Datenquellen abgeglichen. Besonders spannend: Die Plattform gibt Rückmeldung, wie hoch das Rückbaupotenzial tatsächlich ist und welche Nebeneffekte – etwa für Mobilität oder Mikroklima – zu erwarten sind. Das schafft Transparenz und steigert die Akzeptanz für spätere Maßnahmen.

In der Schweiz arbeitet Basel an einem KI-gestützten System, das mit Hilfe von Drohnenbildern und Machine-Learning-Algorithmen versiegelte Flächen kartiert und automatisch Vorschläge für Rückbau macht. Hier zeigt sich, wie schnell und effizient die Technologie inzwischen arbeitet: Wo früher monatelange Kartierungen nötig waren, liefert das System heute binnen Tagen eine Prioritätenliste – inklusive Handlungsempfehlungen für die Stadtplanung.

Übergreifend wird jedoch deutlich: Die Technologie ist zwar reif, doch die eigentlichen Herausforderungen liegen im Zusammenspiel von Technik, Recht und Organisation. Datenhoheit, Datenschutz und offene Schnittstellen sind zentrale Themen – ebenso wie die Frage, wer letztlich entscheidet, wo tatsächlich zurückgebaut wird. Aber klar ist auch: Die Pilotprojekte zeigen, wie groß das Potenzial ist, wenn KI und Stadtplanung an einem Strang ziehen. Die Entsiegelungswelle rollt – und sie wird smarter, leiser und zielgenauer als je zuvor.

Herausforderungen, Risiken und Governance: Wer steuert den Rückbau?

Die Euphorie rund um KI-gestützte Entsiegelung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Technik allein noch keinen nachhaltigen Wandel garantiert. Im Gegenteil: Je smarter die Systeme, desto größer die Anforderungen an Governance, Transparenz und gesellschaftliche Akzeptanz. Ein zentrales Thema ist die Datenhoheit. Wem gehören die Daten, auf deren Basis Rückbauentscheidungen getroffen werden? Wer kontrolliert die Algorithmen, die Flächen priorisieren? Und wie lässt sich sicherstellen, dass die Empfehlungen der KI nicht zu neuen sozialen oder ökologischen Schieflagen führen?

Hier zeigt sich schnell: KI kann bestehende Ungleichheiten reproduzieren, wenn sie auf lückenhaften oder einseitigen Daten basiert. Beispielsweise könnten ärmere Quartiere übersehen werden, weil sie schlechter dokumentiert sind – oder kommerziell attraktive Flächen erhalten Priorität, weil sie leichter zugänglich sind. Auch besteht die Gefahr, dass KI-basierte Entscheidungen als objektiv und unanfechtbar wahrgenommen werden, obwohl sie letztlich auf Annahmen, Gewichtungen und Zielkonflikten beruhen, die von Menschen vorgegeben wurden.

Die Lösung liegt in einer klugen Governance. Offene Schnittstellen, transparente Algorithmen und nachvollziehbare Entscheidungswege sind kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für Akzeptanz. Kommunen müssen die Hoheit über ihre Digital Twins und KI-Systeme behalten – und gleichzeitig für externe Prüfungen und Bürgerbeteiligung offenbleiben. Nur so lassen sich Fehlsteuerungen vermeiden und die Qualität der Rückbauplanung langfristig sichern.

Rechtliche Fragen spielen dabei eine ebenso große Rolle wie organisatorische. Datenschutz, Eigentumsrechte und die Abwägung zwischen öffentlichem Interesse und individuellen Ansprüchen müssen in jedem Planungsschritt mitgedacht werden. Besonders anspruchsvoll wird es, wenn KI-Empfehlungen in bestehende Planungsprozesse integriert werden: Wer trägt die Verantwortung, wenn sich ein Rückbau als Fehler erweist? Und wie werden Zielkonflikte zwischen verschiedenen Fachbereichen, etwa zwischen Verkehrsplanung und Stadtökologie, gelöst?

Am Ende bleibt festzuhalten: KI-gestützte Entsiegelung ist kein Selbstläufer. Sie verlangt nach einem neuen Verständnis von Planung, bei dem Technik, Transparenz und Teilhabe Hand in Hand gehen. Wer diese Balance schafft, kann die Chancen der Technologie heben – und die Risiken in den Griff bekommen. Wer sich allein auf den Algorithmus verlässt, riskiert gesellschaftliche Akzeptanz, ökologische Wirkung und letztlich die Legitimation des gesamten Rückbauprozesses.

Fazit: KI-gestützte Entsiegelung als Gamechanger für die Stadtentwicklung

Die Entsiegelung urbaner Räume steht vor einem Paradigmenwechsel. Was bislang vor allem als mühselige Pflichtübung galt, wird durch Künstliche Intelligenz zum strategischen Werkzeug intelligenter Stadtentwicklung. Nie zuvor konnten Rückbaupotenziale so präzise, transparent und dynamisch identifiziert werden. Die Verbindung von Urban Digital Twins, Machine Learning und partizipativen Plattformen eröffnet Städten, Landschaftsarchitekten und Planern ungeahnte Möglichkeiten – von der Hitzereduktion über Biodiversität bis zur Steigerung der Aufenthaltsqualität.

Die Praxis zeigt jedoch: Technologie ist nur so gut wie ihr Einsatzrahmen. Ohne offene Governance, kluge Schnittstellen und gesellschaftliche Einbettung bleibt das Potenzial der KI ungenutzt oder wird gar zum Risiko. Die Pilotprojekte aus München, Zürich, Wien und Basel machen Mut – sie zeigen, dass der Wandel möglich ist, wenn Mut zur Innovation, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Transparenz zusammenkommen.

Für Planer, Landschaftsarchitekten und kommunale Entscheider heißt das: Es gilt, die neuen Werkzeuge nicht nur technisch zu beherrschen, sondern auch ethisch und organisatorisch zu steuern. KI-gestützte Entsiegelung ist kein Ersatz für gute Planung, sondern ihr wichtigstes Update. Wer jetzt einsteigt, kann den Rückbau von morgen mitgestalten – smarter, gezielter und nachhaltiger als je zuvor.

Die größte Herausforderung bleibt: den Menschen mitzunehmen. Entsiegelung ist mehr als eine technische Aufgabe. Sie ist eine Frage der Stadtgesellschaft, der Kommunikation und der Mitwirkung. Aber genau hier bietet die neue Generation digitaler Werkzeuge die Chance, Entsiegelung als gemeinsames Projekt zu denken – sichtbar, nachvollziehbar und wirksam.

Das Fazit ist eindeutig: Wo KI trifft Rückbaupotenzial, entsteht ein neues Kapitel der Stadtplanung. Die Zeit der Entsiegelung auf Verdacht ist vorbei. Jetzt beginnt die Ära der punktgenauen, datenbasierten und partizipativen Flächenentwicklung. Wer das verschläft, verpasst nicht nur die Zukunft der Stadt – sondern die Chance, urbane Lebensqualität nachhaltig neu zu erfinden.