Wettbewerbsergebnisse im Oktober 2020

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen monatlich über die spannendsten Wettbewerbe. Hier die ersten Wettbewerbsergebnisse im Oktober 2020.

Alter Friedhof Judensand, Mainz; 1. Preis SINAI, Berlin, mit Holzer Kobler Architekturen, Zürich

Alle Bilder: © SINAI mit Holzer Kobler

Als einer der ältesten jüdischen Friedhöfe Europas zählt der Alte Friedhof Judensand in Mainz – entsprechend sensibel müssen die Planer bei der Aufwertung vorgehen. Der Siegerentwurf erreicht mit seiner klaren Gestaltung einen hohen Wiedererkennungswert für den bisher unscheinbaren Ort: Eine umlaufende Eibenhecke stärkt die Besonderheit des Ortes; nach außen schafft sie eine schützende Hülle und im Inneren erzeugt sie eine atmosphärische Dichte. Gezielt leiten Öffnungen als Sichtverbindungen von außen ins Innere und sollen so zur Auseinandersetzung mit dem Erinnerungs- und Glaubensort anregen. Die Hülle aus Heckenwand, Sockel und Öffnungen ermöglicht eine wieder sichtbare Präsenz im Stadtraum und verankert den Ort raumwirksam im heterogenen Umgebungsgefüge. Zugleich greift die Heckeneinfassung die historische Einfriedung des Judensands von 1779 auf und führt damit symbolisch das Erbe der jüdischen Gemeinde fort. Programmatisch und gestalterisch ergänzen die vorgeschlagenen Neubauten als Schutzbauten die neugeschaffene Hülle um das alte Friedhofsareal.

Fuldaufer zwischen den Brücken, Rotenburg; 1. Preis bbz landschaftsarchitekten berlin gmbh

Das Fuldaufer in Rotenburg soll sich als identitätsstiftender Freiraum der Stadt etablieren. bbz landschaftsarchitekten aktivieren den Flussraum durch Erlebnis- und Freizeitangebote und schaffen in großräumiger Geste zwei unterschiedlich ausgeprägte Ufer: Im Norden eine urbane Kante in klarer Geometrie, die den Stadtraum bis zur Fulda erweitert, im Süden das Gegenstück als breiter Auenraum mit geschwungener Uferkante, die den Fließlauf der Fulda aufgreift. Zur Stärkung des Uferraums verlegen die Landschaftsarchitekten den ruhenden Verkehr und lichten die teils kleinräumige Vegetation. Damit stellen sie den Blick frei zur prägnanten Fachwerksilhouette der Altstadt. Das urbane Ufer der Gegenseite fungiert als gegliederter Platzraum mit steinerner Veranstaltungsfläche und begrüntem Rückzugsraum. An die steinerne Platzfläche grenzt der Aussichtsbalkon an, der sich mit weitläufigen Sitzstufen zum Fluss hin erstreckt und in einem Podest am Wasser endet.

Studienauftrag Seefeld, in Horw, Schweiz; 1. Preis bbz bern mit Joos & Mathys Architekten, Zürich, und Plangrün AG, Rotkreuz

Alle Bilder: © bbz bern / Joos & Mathys / Plangrün

Ein weiterer Wettbewerbserfolg für bbz landschaftsarchitekten: Gemeinsam mit Planungspartnern siegten bbz bern im Studienauftrag für ein neues Seebad samt Sportanlagen und Ufergestaltung, das in den zeitlichen Planungshorizonten 2022 und 2035 umgesetzt werden soll. Die Siegervision sieht die Freizeit- und Sportnutzung im Einklang mit der ökologischen Aufwertung des Areals. Entsprechend soll ein vielfach nutzbarer Park entstehen, dessen Nutzungsfelder in die Landschaft eingebettet und von einer Vielzahl ökologischer Nischen begleitet werden. Der neue Park fungiert dabei als Bindeglied zwischen Siedlungsraum und See. Der Entwurf entfernt die aktuell existierenden künstlichen Aufschüttungen und stellt die ursprünglich flach verlaufende Topographie wieder her. Das ermöglicht eine visuelle Öffnung von der Bebauungskante über Park und Ufer bis zum See. Die geschickte Anordnung der Spielfelder und ihre Mehrfachnutzung lässt dem unverbauten Uferbereich und den Riedflächen ausreichend ökologische Pufferfläche. Den vorhandenen Steg zum Seeufer verlängern die Verfasser und leiten ihn über den neu geschaffenen Publikumsweiher.

Landesgartenschau Ellwangen 2026; 1. Preis relais Landschaftsarchitekten, Berlin

Alle Bilder: © relais Landschaftsarchitekten

Gemäß dem Motto „Ellwangen an die Jagst“ soll der Fluss bis zur Landesgartenschau 2026 naturnah umgestaltet, ökologisch aufgewertet und erlebbar werden. Der Siegerentwurf von relais Landschaftsarchitekten überzeugte mit einem durchgehenden Raumbild für das Flusstal: Im westlichen Teil weitet sich der Flussraum zu einem breiten Korridor auf, innerhalb dessen sich das Fließgewässer eigendynamisch entwickeln kann. Der innenstadtnahe Bereich erfährt dagegen eine intensive Gestaltung mit vielfältigen Nutzungsangeboten und zugänglichem Stadtstrand. Ein Funktionsband im Norden bündelt die für die Gartenschau notwendigen Einrichtungen. Die anschließenden stadtnahen Parkbereiche werden weiterhin für Veranstaltungen genutzt und präsentieren sich nun als weite Flussterrassen bis zum Ufer hin. Eine Fußgängerbrücke verbindet die Freiräume der Jagstaue mit der Ellwanger Altstadt und leitet in prägnanter Form in den intensiv gestalteten Auenbereich, den Brückenpark mit seinen Sport- und Aktivitätsflächen.

Hier geht es zur Wettbewerbsübersicht im September 2020.

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Warum sollten wir als Landschaftsarchitekten die Anforderungen an Nachhaltigkeit, Ökologie, Ressourcennutzung und Recycling noch stärker in die Konzeptentwicklung mit einbeziehen? Eine Antwort zu dieser Frage lautet: Weil der Kontext zwischen Stadt, Landschaft und Region, seine prägenden Elementen, seine Geschichte und seine Tradition auf dem Spiel stehen und weil sich durch die stärkere Einbeziehung von Ökologie, Ressourcennutzung und Recycling neue und nachhaltige Gestaltungsansätze realisieren lassen. Derzeitig ist es unseren Erfahrungen nach planerisch und logistisch extrem aufwendig bis unmöglich dem „Billigimport“ etwas entgegen setzen zu können.

Altes Material neu verwendet

Bei unserem Projekt „Straßen und Plätze in der Goethestadt Bad Lauchstädt“, einem kleinen Kurort in Sachsen Anhalt mit Kurpark, Schloss und Goethetheater, wollten wir das vorhandene Pflaster aus ortsüblichem Quarzit (Gommeraner) wiederverwenden. Das Material reichte jedoch bei weitem nicht für alle Flächen und ein Zukauf hätte den Kostenrahmen gesprengt.

Ressourcen schonen

Deshalb entschieden wir uns schon im Entwurf für eine Hybridlösung aus wiederverwendetem Altpflaster und chinesischem gelbgrauen Granit. Das vorhandene Quarzitpflaster aus unterschiedlichsten Größen, überwiegend polygonaler Formate, wurde mit großem Aufwand aussortiert, gesägt und in den „Gehwegen“ in „passe“ neu verlegt. Entstanden ist ein spannungsvoller, lebendiger Rahmen um die, mit chinesischem Großpflaster gepflasterten Fahrbahnen und Platzflächen. Der Kostenaufwand für das Aussortieren und Sägen des Pflasters, obwohl im Eigentum der Stadt, war wesentlich höher als die Verwendung importierten Materials. Dieses Vorgehen ermöglichte jedoch eine weitestgehend ressourcenschonende Nutzung der Materialien. Die Förderrichtlinien unterstützen Nachhaltigkeit indirekt, indem man eingesparte Fördergelder für andere Zwecke innerhalb des Projektes nutzen konnte. Das Bad-Lauchstädt-Projekt erhielt den Deutschen Natursteinpreis 2018 in der Sparte Freiraum unter anderem hinsichtlich seiner Nachhaltigkeitsaspekte.

Den gesamten Artikel finden Sie in der Märzausgabe 2019 der G+L.

„Pier 22“ auf der Donauinsel

Pier 22 auf der Donauinsel: Ein neuer, hochwertiger Freiraum mit barrierefreien Zugängen und vielseitigen Erholungsangeboten – für alle Wienerinnen und Wiener. Copyright: Mostlikely Architecture/ Quirin Krumbholz
Pier 22 auf der Donauinsel: Ein neuer, hochwertiger Freiraum mit barrierefreien Zugängen und vielseitigen Erholungsangeboten – für alle Wienerinnen und Wiener. Copyright: Mostlikely Architecture/ Quirin Krumbholz

Auf den Grün- und Freiflächen der Donauinsel schafft die Stadt Wien „Inselluxus für alle“, der zugleich den erforderlichen Hochwasserschutz einhält. Wie dies gelingen kann, zeigt folgender Bericht, der die Planungen des beauftragten Büros Mostlikely Architecture vorstellt. Der fertiggestellte Bauabschnitt 1 wurde im Sommer 2024 bereits rege genutzt und konnte sich sogar bei einem 30-jährigen Hochwasser bewähren.

Auf der beliebten Donauinsel im Wiener 22. Bezirk entsteht in drei Bauabschnitten ein hochwertiger Freiraum mit einem vielfältigen, ganzjährigen Angebot. Seit Juni 2024 ist Bauabschnitt 1 des neuen „Pier 22“ auf der Wiener Donauinsel fertig und für die Bevölkerung eröffnet. Der Freiraum umfasst das rechtsseitige Uferareal ab Stromkilometer 12,7 bis 12,9. „Es war sofort richtig viel los. Ganz unterschiedliche Nutzergruppen genossen während der sommerlich-heißen Tage vor allem die neuen Badebereiche am Wasser“, berichtet Architektin Marlene Lötsch, Projektleiterin bei Mostlikely Architecture. Das Wiener Architekturbüro hat den Wettbewerb für die Umgestaltung dieses bedeutenden Naherholungsgebietes der österreichischen Metropole gewonnen. „Ganz Wien kommt auf die Donauinsel“, so bringt Architekt Mark Neuner, Gründer von Mostlikely Architecture, die Bedeutung der Donauinsel für die Stadt Wien auf den Punkt. „Seit es herbstlich-kühler geworden ist, werden die Nutzungen vielfältiger Zum Beispiel werden die neu installierten Tische gut angenommen, um dort private Familienfeste zu veranstalten – denn wer hat schon zuhause eine so lange Tafel“, ergänzt Lötsch ihre Beobachtungen auf den neuen Freiflächen der Donauinsel.

Neue Nutzungen in hochwertiger Gestaltung

Die Donauinsel war schon immer eine Insel für alle. Jetzt wird die Donauinsel noch schöner und abwechslungsreicher. „Unser Wettbewerbsbeitrag war darauf ausgerichtet, neue Nutzungen auf das Areal zu bringen – für die gesamte Bevölkerung und ganzjährig“, so Neuner. Dafür hat sein Team eigens einen Nutzungskatalog erarbeitet und dabei verschiedene Stakeholdergruppen einbezogen. Für diese Herangehensweise haben sie den Zuschlag erhalten. Zusätzlich unterstreicht das Design der neuen Freiflächen die demokratische, inklusive Ausrichtung des Konzepts für die Donauinsel. „Inselluxus für alle“, so nennt es Mostlikely Architecture. Klare, geschwungene Linien und farbige Akzente erschaffen ein Ambiente mit hoher Aufenthaltsqualität auf der Donauinsel. Die Ausstattung und die Möblierung sind von Holz und glatten Oberflächen in Pastelltönen geprägt. Sie strahlen eine freundliche Eleganz aus. Langfristig wird sich üppiges Grün etablieren und die Freiräume der Donauinsel für ein naturnahes Freizeiterlebnis prägen.

Pier 22: Sima, Arapovic und Nevrivy eröffnen ersten Abschnitt der neugestalteten „Sunken City“. Copyright: Stadt Wien/Christian Fürthner
Pier 22: Sima, Arapovic und Nevrivy eröffnen ersten Abschnitt der neugestalteten „Sunken City“. Copyright: Stadt Wien/Christian Fürthner

Mit der U-Bahn auf die Donauinsel

Die Blickbezüge zur Skyline Wiens machen deutlich, dass die City erstaunlich nahe ist. In nur wenigen Minuten gelangt man mit der U-Bahn vom Stephansplatz auf die Donauinsel und erlebt Weite, frische Luft, Natur. Die 21 Kilometer lange Donauinsel ist mit den urbanen und dichten Quartieren eng verbunden. Die Donauinsel liegt zwischen der für den Hochwasserschutz künstlich geschaffenen neuen Donau und der originären Donau. Seit ihrer Eröffnung in den 1980er Jahren hat die Donauinsel eine lange Tradition als Naherholungsgebiet. An diese Tradition knüpft die Gestaltung an und schlägt zugleich ein ganz neues Kapitel auf. „Durch das vielfältige und hochwertige Angebot, die Möblierung und die Ausstattung wollen wir eine hohe Wertschätzung der Bevölkerung für den öffentlichen Raum erzeugen. Dadurch erhoffen wir uns einen guten Umgang und weniger Zerstörung, was bisher sehr gut funktioniert hat“, erläutert Neuner.

Barrierearme Ufergestaltung

Ein erleichterter Zugang zum Wasser ist einer der Schwerpunkte des fertiggestellten ersten Bauabschnitts auf der Donauinsel. Zuvor bestand eine teils harte Uferkante. Die neuen öffentlichen Freibereiche direkt am Ufer berücksichtigen die Dynamik der neuen Donau, die in ihrer regulierten Gehlinie um etwa einen Dreiviertel Meter auf- und niederschwankt. Das Ufer ist jetzt erschlossen über Stufenanlagen und einer über das Wasser ragenden, barrierefrei zugänglichen Badeplattform mit begrünten Inseln. Badeleitern, Sitzstufen und ein Flachwasserbereich mit Liegenetzen machen die neue Donau zusätzlich für weitere Zielgruppen und Anforderungen besser erlebbar. Die lange Uferpromenade lädt zum Flanieren ein. Holzplattformen am Ufer und am Hang mit Blick zur Donau wirken wie Kunstobjekte in der Landschaft und bieten Rückzugsmöglichkeiten zum Entspannen, Lesen oder Freunde treffen. Große Bäume wie die für eine Auenlandschaft typischen Weiden mit ihrem malerisch-individuellen Wuchs spenden Schatten. Die Blüten der Beete mit Präriestauden leuchten farbenfroh.

Hochwasserrisiko erfordert robuste Materialien

„Bei der Wahl der Ausstattung war auch zu gewährleisten, dass sie für ein mögliches Hochwasser geeignet und wartungsarm ist“, berichtet Neuner. „Die Materialen sind hochwertig und zugleich robust.“ Die Architekten setzten Beton, Stahl und Asphalt überall dort – aber auch nur dort – ein, wo eine mögliche Hochwassergefahr besteht. Und niemand konnte ahnen, dass der Bauabschnitt 1 bereits im ersten Sommer nach seiner Fertigstellung diese Bewährungsprobe erstmals meistern wird: Ein 30-jähriges Hochwasser flutete die Uferpromenade, die unterste Ebene von „Pier 22“ – und alle baulichen Elemente hielten ihm stand! Doch auch die Bepflanzung muss diese Dynamik tolerieren und den Kräften des Wassers standhalten. Sie ist in unterschiedliche Zonen gegliedert und dadurch sehr vielfältig. Direkt am Ufer wachsen Pflanzen, die zeitweilige Überschwemmung vertragen. In höheren Bereichen werden Arten etabliert, die Trockenheit tolerieren. Die bestehenden Betonstützmauern, die vorhandener Bestandteil des Hochwasserschutzes sind, werden langfristig grün überwuchert von selbstkletternden Arten wie Wilder Wein und Trompetenblume. So kommt auch vertikales Grün auf die Donauinsel.

Neue Ära: „Sunken City“ ist jetzt „Pier 22“

Auch der neue Name läutet die neue Ära auf der Wiener Donauinsel mit ein. Die bisherige „Sunken City“ wurde in „Pier 22“ umbenannt – was auf den 22. Bezirk verweist, in dem sich die Donauinsel befindet. Über 9.000 Menschen sind dem Aufruf der Stadt Wien gefolgt, haben online abgestimmt und den neuen Namen gewählt. Seit Oktober geht es nun stromabwärts weiter mit den Arbeiten an Bauabschnitt 2. Dieser fokussiert auf Renaturierung, Attraktivierung des Freiraums und neue Sportangebote auf der Donauinsel. Der einzigartige Wiener „Inselluxus für alle“ auf insgesamt rund 18.000 Quadratmetern wird voraussichtlich bis 2026 fertiggestellt sein. Weitere Beiträge zu diesem herausragenden Projekt in Zeiten, in denen die urbane Naherholung wichtiger denn je ist, werden folgen.