30.04.2014

Gesellschaft

Island zu Gast auf der Buchmesse (2011)

von Robert Schäfer

David Oddsson hat nicht mehr viele Freunde in Island, aber wohl die richtigen. Seit Urzeiten ein Garant fürs Überleben. Das war 1997 noch anders, als der Ministerpräsident sein Buch „Schöne Tage ohne Gudny“ (deutsch 2001 bei Steidl) mit Erfolg veröffentlichte, und, na ja, weil er in den Jahren zuvor Gewerbesteuer, Einkommenssteuer und Erbschaftssteuer senkte, die Privatisierung der Wirtschaft vorantrieb. Als Chef der Zentralbank Islands ab 2005 wurde er bald als einer der Hauptschuldigen am Bankencrash entlarvt, konnte jedoch nur durch ein Spezialgesetz 2009 aus dem Amt gehebelt werden. Nur ein halbes Jahr später wurde er Chefredakteur der angesehen Tageszeitung Morgunblad, entließ erfahrene kritische Journalisten, worauf ein Drittel der Abonnenten kündigten, der Verlag tief ins Minus rutschte.

In Reykjavik wird am Samstag, 15. Oktober, die inzwischen weltumfassende Aktion „Wir sind die 99%“ ab 15 Uhr den Laekjartorgi besetzen. Die Isländer mischen sich ein. Hieß es direkt nach dem Crash „wir sind ins 10 Grad kalte Meer gesprungen und dann haben wir einen Komiker als Bürgermeister von Reykjavik gewählt“, gönnt man sich inzwischen wieder ein Bad in einer der heißen Quellen und den Bädern und setzt sich in allen Künsten mit der gesellschaftlichen Situation auseinander.

Abseits etablierter Medien hatten sich kritische Blogs entwickelt, so der englischsprachige Wetterreport icelandweatherreport.com der Journalistin und Autorin Alda Sigmundsdóttir, die eine sehr gefragte Anlaufstelle war in der Krise. Jedoch, das Engagement zahlte sich nicht aus, die Macherin darbte, der Blog wurde eingestellt und wanderte erfolgreich zu Facebook. Aldas aktuelles Buch „Living inside the meltdown“ ist als e-book erhältlich.

Der Komiker als Bürgermeister heißt Jón Gnarr, der mit „Die Beste Partei“ im vergangenen Jahr zur Kommunalwahl antrat und prompt 34,7 Prozent der Stimmen erhielt. Hinter dem TV-Comedian versammelten sich Künstler aller Sparten, das Programm war nur vordergründig spaßig. Gelegentlich erreichen Eisbären auf Eisschollen Island. Dort wurden sie bisher immer abgeschossen. Gnarr möchte dem Zoo ein Eisbärengehege verschaffen, um diese bedrohten Tiere unterzubringen. Gnarr bezeichnet sich als Anarchist und anstelle der verdeckten Korruption will er laut Parteiprogramm die offene einführen. Seine Rolle schildert er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk vor wenigen Tagen als Gast der Buchmesse in Frankfurt: „Es geht vor allem darum Menschen zu sensibilisieren, für Werte wie Schönheit und Zufriedenheit. Weil das am meisten zählt.“ Staatspräsident Olafur Grimmson äußerte sich bei der Eröffnung der Buchmesse kongruent: „Islands Auftritt als Ehrengast in Frankfurt ist ein Zeichen dafür, dass selbst der kleinste Garten der Welt Blumenschmuck und Nutzpflanzen bescheren kann, Literatur, Dichtung und wissenschaftliche Arbeiten, die den Vergleich mit den Früchten aus größeren Sprachgemeinschaften nicht zu scheuen brauchen.” Jedenfalls wachsen in Island die Bäume nicht in den Himmel solange eine halbe Million Schafe jeden saftigen Keimling abgrasen. Die Buchproduktion gedeiht dagegen wie auch die Gurken- und Tomatenproduktion, diese allerdings in geothermal beheizten Gewächshäusern in Hveragerdi. Acht Bücher kauft ein jeder Isländer im Schnitt pro Jahr, das ist Weltrekord. In Frankfurt sind mehr Autoren präsent als im vergangenen Jahr, als das etwas größere China Gastland war. Im isländischen Pavillon zeigt sich die Insel von ihrer schönsten Seite. Gemütliche Räume, mit Bücherregalen und bequemen Sesseln, wie in einem Wohnzimmer. Projektionen zeigen Isländer beim Lesen.

Island unternimmt einiges, um den Tourismus weiter anzukurbeln. Das Land hatte bedingt durch die nun erträglichen Wechselkurse bereits in diesem Jahr einen schönen Besucherzustrom. Nun laden Isländer tatsächlich ein zu einem Besuch im trauten Heim, was manchen Menschen, die sowieso keine Lust auf den Exotenstatus „Isländer“ mit all den Klischees haben, nicht behagt. Sie wollen nicht wie die Tiere im Zoo besucht und bestaunt werden. Besser man trifft sich im realen Leben in der Stadt, auch in der Nacht. Derzeit verpasst jeder Freund aktueller Musik eines der interessantesten Festivals, das noch bis Sonntag dauert: airwaves. 3.000 Festivalbesucher aus dem Ausland sind eingetroffen. Wer nicht Literat ist in Island, scheint Musiker zu sein – Jón Gnarr war auch mal Punkrocker. Oder man ist beides. Zu schade, sich immer nur auf Björk und GusGus sowie Sigur Rós (empfehlenswert die DVD „Heima“ von 2007, auf der auch ein Lithophon zum Einsatz kommt) zu beschränken. Kenner besuchen sowieso den Laden 12 Tónar mit eigenem kleinem Label (direkt neben dem größten isländischen Landschaftsarchitekturbüro Landslag gelegen).
Was die Autorin Gudrun Mínervudóttir, sie stellt ihr Buch „Der Schöpfer“ (btb) vor und hatte die Ehre, die Eröffnungsrede auf der Buchmesse halten zu dürfen, an der isländischen Literatur kritisiert („in den letzten zehn Jahren hat vor allem der Mainstream zugenommen, die Verleger trauen sich kaum mehr was“), scheint für die Musik nicht zuzutreffen. Künstlerinnen wie Hafdís Bjarnadóttir sind eine Entdeckung wert; zum Verlieben ihr Comic zum ersten Stück ihrer ersten CD „Froschblues“.

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Einiges ab experimenteller Kunst ist auch im Begleitprogramm der Buchmesse in Frankfurt zu entdecken. So der Deutsche Claus Sterneck, der in Reykjavik als Briefträger arbeitet und jetzt Bilder und Geräusche seiner Wahlheimat präsentiert.

Island hat 320.000 Einwohner, zwei Drittel wohnen im Großraum Reykjavik , der Rest verteilt sich am Küstensaum um die ganze Insel, verbunden durch die Ringstraße Hringurinn. Noch vor hundert Jahren waren die Islandpferde unentbehrlich für Reisen durch die Insel. Am Rande: Genetisch bedingt verfügen nur sie über die Gangarten Tölt und Pass, was sie zum Vier- oder Fünfgänger macht, der aus der Schulter „tanzt“, wie Wikipedia schön beschreibt.Staatspräsident Grimmson wies mit besonderem Stolz auf die Edda-Lieder und die Isländersagas hin, die für die Buchmesse neu übersetzt wurden. Die Sagen sind ja keine Märchen sondern Erzählungen aus der Zeit der Landnahme und danach. Alle Isländer kennen die Geschichten und die reiche Literaturszene fußt selbstverständlich auf dieser Tradition. Die Handlungen reihen sich aneinander, das Geschehen ist wild und direkt: „Svart und Skidi gerieten in Streit wegen des Weiderechts, und es endete damit, dass Skidi von Svart erschlagen wurde“. Ein Beispiel aus der „Sage von den Leuten am Vapnafjord“. In einem der sechs Tanks des Heißwasserspeichers Perlan (Perle) auf einem Hügel in Reykjavik, befindet sich das Sagamuseum. Häuser, Gehwege und auch Straßen werden mit dem heißen Wasser beheizt. Doch die Nutzung der Geothermie bringt etliche Konflikte mit dem Schutz der Landschaft, den ja sowohl Jón Gnarr wie Olafur Grimmson im Auge haben. Andri Snaer Magnason ist einer der bekanntesten isländischen Autoren. Er wurde Umweltaktivist: „Unser landeseigener Strombedarf ist längst gedeckt. Doch anstatt sich damit zufrieden zu geben, wird die Energiegewinnung maßlos ausgeweitet.“ Und das in weltweit einzigartigen Landschaften, die manche Isländer als heilig empfinden. Magnason wurde bekannt mit Fantasy-Romanen, doch als Fantasy unter der extrem neoliberalen Marktwirtschaft in Island zur Realität wurde, legte er seine fiktiven Texte zur Seite und recherchierte. Jetzt liegt sein Buch „Traumland. Was bleibt, wenn alles verkauft ist?“ (Orange Press) vor. Die Originalausgabe trug den Untertitel „Selbsthilfebuch für eine verängstigte Nation“ und schlug ein wie eine Bombe, wie Björk im Vorwort zum Buch schreibt. Es geht um die Verschwendung von Energie und Land an die Schwerindustrie, hauptsächlich Aluminiumwerke, die nur aufgrund des Energievorteils in Island errichtet wurden. Architektin Margrét Hardardóttir beschrieb das Problem bereits in Topos 69. Im selben Heft findet sich auch ein Essay des Autors Gudmundur Andri Thorsson: „Writing and Reading the Land“. Er beschreibt, dass es im Isländischen das Wort Kultur gar nicht gibt, ja, dass die Isländer auch kein Konzept für Kultur besitzen. Im Isländischen benutzt man das Wort „menning“, das vom Menschen und seiner Geisteskraft abgeleitet ist, in dem unsere Begriffe Zivilisation und Kultur verschmelzen.

Heißes Wasser ist in Island nicht nur zum Heizen da, sondern auch zum Baden. Es geht um Badekultur bei der interdisziplinären Planergruppe Vatnavinir. Sie erhielt in diesem Jahr eine der fünf unter der Schirmherrschaft der UNESCO verliehenen Auszeichnungen des „Global Award for Sustainable Architecture“. Vatnavinir (friends of water) möchte das reine Wasser, die geothermische Energie und die vulkanisch geprägte Landschaft schützen und angemessen nutzen. Sie haben alle nutzbaren heißen Quellen kartiert und erarbeiten Vorschläge für einen nachhaltigen Badebetrieb. Dass Nachfrage besteht, beweist die Erfolgsgeschichte der Blauen Lagune, die sich von einem technisch bedingten Abkühlbecken zu einem Kieselgur-Thermalbad inmitten eines Lavafeldes wandelte.

230 neue Bücher über Island gibt es zur Messe. Was soll man lesen? Vielleicht von „Kultautor“ Halgrímur Helgason („101 Reykjavik“) die Geschichte einer 80-jährigen, die die letzten Dinge in die Hand nimmt: „Eine Frau bei 1000°“ (Klett-Cotta). Vor allem aber Jón Kalman Stefánsson (am besten zuerst das ältere „Himmel und Hölle“), dessen Buch „Der Schmerz der Engel“ den existenziellen Kampf des Menschen gegen die Naturgewalten Islands hautnah beschreibt.Engel und Elfen sind allgegenwärtig in isländischen Erzählungen und Filmen. Gudrún Mínervudóttir sei das Schlusswort überlassen. In einem Interview mit der ZEIT meinte sie. „Heute glaube ich mehr an Elfen als Banker“.

Foto: Wasserfall Dynjandi in den südlichen Westfjorden Islands, Robert Schäfer

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