Fangt einfach Feuer!

Junger Wilder trifft alten Hasen: Deniz Dizici, 39, und Jürgen Weidinger, 54, stehen für zwei Generationen Landschaftsarchitektur. Wie haben die beiden den Sprung in den Job geschafft? Für die Novemberausgabe der Garten + Landschaft „Junge Talente“ trafen sich die beiden mit Philipp Sattler in Berlin und sprachen über junge Landschaftsarchitekten und ihre Zukunft.

Wir wollen heute über die Perspektiven für junge Landschaftsarchitekten sprechen. Jürgen, wie haben Sie den eigenen Einstieg in den Beruf erlebt?
JW: Ich habe während meines Studiums in Wien, in Berlin und in Versailles immer nebenher in Landschaftsarchitekturbüros gearbeitet. Unmittelbar nach dem Studium habe ich meine selbstständige Arbeit begonnen. Das würde ich heute nicht mehr so machen, sondern versuchen bei besonderen Gestaltern besondere Erfahrungen zu machen.

Wann war das und auf welche Bedingungen sind Sie gestoßen?
JW: Das war am Beginn der 1990er-Jahre in der Umbruchsituation der Nachwendezeit, in der ein Planungs- und Bauboom einsetzte. Ich schaffte es, Projekte in den Plattenbaugebieten im Ostteil Berlins zu als junger Selbständiger, übrigens noch ohne Kammereintragung, zu bearbeiten. Auf dieser entwurflichen und auch ökonomischen Basis habe ich mich dann mit Wettbewerben beschäftigt.

Deniz, wie war das bei Ihnen?
DD: Ich habe auch während des Studiums viel gemacht, also außerhalb der Uni gearbeitet, vornehmlich aber in eigener Sache. Und habe dabei gedacht, da sind jede Menge Leute, an denen ich mich messen will! Ich habe mit Kommilitonen schon ganz früh angefangen, eigene Wettbewerbe zu machen. Zum Beispiel im dritten und vierten Semester neben dem Studium bei Hans Loidl und Michael Heurich den Lennépreis 2002/3. Das Thema war die Straße des 17. Juni, und den haben wir zu viert gewonnen.

Also der klassische Einstieg über Wettbewerbe?
DD: Ja, der Gewinn war natürlich ein Schlüsselerlebnis. Und ein Jahr darauf haben wir wieder teilgenommen, wir hatten die Möglichkeit, den Wettbewerb als ein selbstbestimmtes Projekt an der TU zu machen. Und haben dann nochmal gewonnen. Da habe ich gemerkt, das funktioniert, da ist was da. Parallel habe ich für Hans Loidl gearbeitet, hier an der TU als Tutor und im Büro als Praktikant und später studentischer Mitarbeiter für Wettbewerbe. Aus dem zweiten Lennépreis in Bern ergab sich dann später auch der erste Auftrag für unser Büro.

JW: Auch anhand meiner ersten kleineren Projekte habe ich herausgefunden, was ich gerne anders und besser als andere machen möchte. Diese Überlegungen habe ich auf meine Wettbewerbstätigkeit, dann mit einer Kammereintragung, übertragen. Zu Beginn meiner Selbstständigkeit gab es in Berlin zahlreiche große Landschaftsarchitektur-Wettbewerbe, wie Potsdamer Platz, Regierungsviertel und einige großen Industriebrachen. Da lagen anspruchsvolle Themen sozusagen „vor der Tür“ und man konnte sich ausprobieren.

Wo fand das statt – gab es den klassischen Küchentisch?
DD: Nein, Anfang der 2000er Jahre haben wir vom Leerstand in den jetzt so angesagten Berliner Bezirken profitiert. Also haben wir uns in irgendwelche Ladenlokale im Osten reingesetzt und zum ersten Mal Büro gespielt. Wir haben einfach Hausverwaltungen gefragt, ob wir die Läden nutzen dürfen und haben so nomadisch in zwei Jahren fünf verschiedene Adressen gehabt. Aber immer ohne Miete, nur die Betriebskosten mussten wir bezahlen.

JW: Bei mir bestand das erste „Büro“ aus dem berühmten Türblatt aus dem Holzfachgeschäft in der Wohnung. Parallel zur praktischen Arbeit, habe ich dann 1994 begonnen, als Assistent an der TU Berlin zu arbeiten. Diese Kombination von Büro und Universität begleitet mich schon einige Zeit und beeinflusst mein landschaftsarchitektonisches Denken auch heute noch. Nach ein, zwei Jahren war die Wohnung zu klein, da ich nicht mehr allein gearbeitet habe und wir zogen in eine ehemalige Fabriketage.

Wie hat sich das weiterentwickelt, wer waren die ersten Mitarbeiter?
JW: Das waren zunächst Bekannte, mit denen ich studiert habe. Ich konnte sie von anderen Büros abwerben. Ich bot an, dass es interessanter wäre und mehr Spaß machen würde mit mir zusammen zu arbeiten. Später habe ich auch Studenten und frische Absolventen angesprochen. Gerade für die Arbeit an Wettbewerben passte das gut. Sie wollten lernen, wie man das macht und ich bekam notwendige Unterstützung.

DD: Bei uns war das ja per se anders, weil wir zu viert begonnen haben. Auch wenn die Diskussionen viel Zeit gekostet haben, waren wir als Gruppe extrem produktiv, wenn wir das Ziel vor Augen hatten. Wir haben viel gestritten, aber in der Konkurrenz mit anderen hat uns diese Teamstruktur schon sehr geholfen, unseren Weg zu finden. Externe Mitarbeiter kamen dann erst Jahre später, so um 2007.

Worauf lag in Ihrer Anfangszeit der inhaltliche Fokus?
JW: Als Student haben mich eindrucksvolle Orte, wie u.a. der Olympiapark München, Planten und Blomen in Hamburg oder La Villette angesprochen. Da damals an deutschen Universitäten gelehrte nutzerbezogene Freiraumplanung hat mich wenig interessiert. Ich wollte Orte schaffen, die nicht immer gleich aussehen und hatte die Überzeugung des Berufsanfängers, das besser machen zu können. Somit richtete sich der Blick dahin, wo die Aufgabe atmosphärische Orte zu gestalten auch explizit gestellt ist, zum öffentlichen Raum als dem Königsproblem der Landschaftsarchitektur. Es geht darum, Räume zu entwerfen, die Charakter haben und die es auch schaffen alle oder zumindest die meisten Menschen dabei „mitzunehmen“.

DD: Bei uns war die Hauptinspiration diese unfertige Stadt Berlin selbst. Wir wollten nicht Antworten aus fertigen Räumen auf das Unfertige übertragen. Berlins Baustellen und Kräne, das war die Faszination. Also ging es um das Temporäre, Individuelle. Parallel dazu lernten wir an der TU bei Martin Prominski etwas über Prozesstheorie. Beim Schinkelpreis 2004 zum Rangierbahnhof Pankow konnten wir mit diesen Theorien landschaftsarchitektonisch arbeiten: Forstwirtschaft, Umwälzung, Bodenbewegungen. Aus dieser Situation des Unfertigen haben wir unsere Entwurfshaltung abgeleitet.

Wo haben Sie sich gesehen, wo wollten Sie sich platzieren?
JW: Wie gesagt, ich wollte immer Orte machen und es ging mir darum, Besonderheiten nachzuspüren. Berlin war ein gutes Umfeld dafür – ziemlich viele Besonderheiten und sonderbare Orte. Im internationalen Vergleich hat sich die institutionalisierte Landschaftsarchitektur hierzulande immer schwergetan, weil sie den großen Bogen von der Umweltplanung bis zur Objektplanung spannt, der an erster Stelle in Rahmenbedingungen in Form von Gesetzen und Richtlinien mündete. Ich sehe das ambivalent, einerseits schätze ich diese solide und verlässliche Entwicklungsbasis, aber zu Ausschlägen neigt das nicht. Jede Generation hat die Aufgabe diese Grenzen des Normalen und Akzeptierten zu hinterfragen und eigenen Ideen zu finden und umsetzbar zu bekommen.

DD: Wir hatten vielleicht das Glück, dass wir echte Urbanität hier in Berlin zum ersten Mal zusammen erlebt haben. Und der zweite Lennépreis war ein zentraler urbaner Raum in Bern, ein Stadtpark, den die Stadtverwaltung Bern dann von uns überarbeitet haben wollte. Ohne, dass sie nach Kammerzugehörigkeit oder Architektentitel gefragt hätten! Diese Auseinandersetzung mit dem umkämpften urbanen Raum und die Haltung der Stadt gegenüber, ist dann auch unser Hauptfokus im Büro geworden. Das warst übrigens Du, Jürgen, der uns damals gesagt hat: macht doch da einfach mit bei professionellen Wettbewerben!

JW: Verwaltungen könnten das viel öfter machen. Der Deal wäre dann, dass ab und an junge Entwerfer einbezogen werden, etwas weniger Honorar bekommen, aber dafür erste Kontakte und Referenzen sammeln können und im Schutzraum einer „mütterlichen“ Auftraggeberseite starten können. Das ist auch heute kein schlechtes Modell.

Für Sie war es prägend, schon während des Studiums auf Praxis-Erfahrungen zu setzen. Ist dies heute schwieriger, Stichwort Bolognaprozess?
JW: Da ist leider was dran. Die verschulten Studiengänge, die mir bei der Einführung nicht gefallen haben und es immer noch nicht tun, sind oberflächiger und lassen weniger Spielräume.

DD: Sicher, aber das Punktesammeln kann man ein halbes Jahr später noch! Bei mir hat sich daraus natürlich eine lange Studienzeit ergeben, ich habe mein Abschlusszeugnis erst nach zehn Jahren an der Uni bekommen.

Zehn Jahre, ist das die Dauer, die es braucht von Studienbeginn bis zur Selbständigkeit?
JW: Zehn Jahre sind notwendig, bis man weiß, was man tut. Vorher experimentiert man, hofft und überspielt die Unsicherheit.

DD: In dieser Zeit muss dann aber auch etwas passieren! Meiner Ansicht nach gibt es zwar die Chancen nicht ständig, aber eben immer wieder! Wichtig ist, dass man die Augen auf hält und sich Unterstützer sucht, wie wir damals Michael Heurich oder Dich Jürgen beim Wettbewerb in Italien. Daraus entwickeln sich dann Referenzen.

Was braucht es für den eigenen Weg? Im Vorgespräch fielen schon Churchills berühmte Worte von „blood, sweat and tears“?
JW: Ja, man muss das schon wirklich wollen. Es gilt dann, sich in eine unbekannte Konstellation hineinzubegeben. Dafür braucht es einen Optimismus, der interessanterweise überwiegend auf Gefühl oder Instinkt beruht, weniger auf Wissen (hat man ja noch nicht). Notwendig ist also Instinkt, Optimismus, Beweglichkeit und Einsatz.

DD: Natürlich ist das auch ein enormes materielles Risiko, man bekommt keine vermögenswirksamen Leistungen, kein Weihnachtsgeld und ist nicht abgesichert, wenn man nicht wie Jürgen an der Uni beschäftigt ist. Dafür sieht man Orte belebt und verhandelt, die man selber gestaltet hat.

JW: Es ist verständlich, wenn jemand den Weg der Selbstständigkeit nicht verfolgen will. In der Landschaftsarchitektur gibt es nicht so vielfältige und vorstrukturierte Aufstiegschancen wie in der Wirtschaft. Dann stellt sich allerdings die Frage, ob es nicht besser ist um eine Karriere zu machen, Jura oder Materialwissenschaften oder Landschaftsarchitektur mit einer anderen Disziplin zusammen zu studieren. Leistungen der Landschaftsarchitektur sind im Vergleich zu anderen Disziplinen schlechter bezahlt. Es sind andere Werte, die man in der Landschaftsarchitektur erhalten kann, wie zum Beispiel das ganzheitliche Tätigkeitsprofil, das ethische, technische, ökonomische und ästhetische Kenntnisse und Fertigkeiten umfasst. Das ist ungewöhnlich und toll.

Bei Ihnen war das anders, aber was ist mit dem “klassischen“ Werdegang, also zunächst angestellt arbeiten und dann selbständig?
JW: Das ist der Normalfall. Aber vielleicht ist der Normalfall, für jemanden der selbst etwas erreichen möchte, doch zu normal? Es stellt sich die Frage, wie man den Absprung aus der Anstellung schafft? In der heutigen Boomsituation werden erfahrene Mitarbeiter benötigt, so werden Angebote für spannendere Aufgaben und bessere Entlohnung gemacht.

DD: Ich glaube, das könnte aber zukünftig doch ein Modell werden, weil durch die gute Auftragslage auch hierzulande die Büros wachsen und sich damit solche Wege auftun, z. B. Senior oder sogar Partner zu werden.

In Deutschland sind 30-40 Mitarbeiter eher die Ausnahme: Sehen Sie, Deniz, eine Tendenz zu weniger aber größeren Landschaftsarchitektur-Büros?
DD: Weniger nicht unbedingt, aber größer aufgrund der guten Konjunktur. Wenn man sich zum Beispiel Vogt oder Hager anschaut oder RMP, die auf mehreren Standorten präsent sind! Und da gibt’s dann wie in anderen Wirtschaftsbereichen auch die Stellen als Partner oder leitende Mitarbeiter.

Ist es heute – Stichworte steigende Mieten, Konkurrenz durch Ämter – für Büros schwieriger, gute Mitarbeiter zu bekommen und zu halten?
DD: Da mag ein Teilaspekt sein, aber Berlin war als Arbeitsort für junge Landschaftsarchitekten auch deswegen immer reizvoll, weil die Stadt an sich attraktiv ist und die Atmosphäre inspirierend. Wir haben zurzeit immer noch eine hohe Fluktuation, aber auch einen festen Kern von Leuten, die schon mehrere Jahre dabei sind. Dazu kooperieren wir mit Lavaland, um Engpässe zu kompensieren. Aber das Thema der Lohnerhöhungen d.h. die Anpassung an die höheren Lebenshaltungskosten in Berlin schlägt durch. Für die aufwendigeren Felder wie Ausschreibung und Bauleitung, in denen wir selber nicht firm sind, suchen wir uns Subplaner oder Projektpartner, Stichwort Netzwerk, so wie in Aspern oder am Mehringplatz.

Jürgen, wie sehen Sie das?
JW: In der heutigen Boomphase ist es für die Büros schwieriger, als in wirtschaftlich schwächeren Phasen, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Dazu kommt eine parallele Entwicklung, d.h. dass die Öffentliche Verwaltung wieder Landschaftsarchitekten einstellt. Das finde aber gut und wichtig. Ich hoffe sehr stark, dass dort auch wieder konzeptionelle Kompetenz gesucht wird und nicht nur die Kenntnisse eines Verwaltungswirts. Es sollten in der Verwaltung Kollegen eingestellt werden, die entwerfen können, um für die selbständigen Landschaftsarchitekten kenntnisreiche Partner auf der Seite der Verwaltung zu bekommen. Dann entsteht noch mehr Konkurrenz um die Besten.

Wie stellt sich für Euch die Situation im Vergleich zu früher im Hinblick auf öffentliche Ausschreibungen dar?
JW: In Deutschland gibt es noch zahlreiche kleinere Landschaftsarchitekturbüros und nicht wie im anglosaxonischen oder asiatischen Raum häufig nur noch große design firms. Das halte ich für eine Qualität. Die Folgen der Gesetze für Transparenz und Wettbewerb bei Vergaben öffentlicher Aufträge, führen dazu, dass Vergabeverfahren immer weiter aufgebläht werden. Offiziell ist es kaum mehr möglich, einen Auftrag zu erhalten, ohne dass man die gleiche Projekttypologie schon mehrmals realisiert hat. Was machen dann die jungen Kollegen? Glücklicherweise ist es so, dass die meistens Bewertungskriterien nicht quantifizierbar sind. Die Prüfung der Kriterienerfüllung bleibt weiterhin „Auslegung“, d.h. die Verwaltungen schaffen es, meist, ihre Wunschkandidaten, d.h. auch mal jüngere Kollegen, zu platzieren.

Wie seht Ihr die Zukunft der vielfältigen Bürolandschaft, wenn womöglich schon bald die HOAI zu Fall kommt?
DD: Zunächst fühle ich mich sehr wohl, wenn ich auf Basis der HOAI anbieten darf. Das Anbieten im Ausland hat mir oft Schauder eingejagt, weil man da völlig im Freien schwebt. Andererseits weiß ich nicht, ob der Zusammenhang zwingend ist, da in Österreich trotz des Fehlens einer solchen Honorarordnung viele kleine Büros existieren und sich anbieten und bei europaweiten Ausschreibungen auch nicht von den Großen überrannt werden.

JW: Die HOAI bietet eben einen schützenden Rahmen, vor allem weil sie Leistungen definiert und dafür Honorierungsvorgaben macht. Die HOAI fördert so die ausdifferenzierte Landschaft von Landschaftsarchitekten. Ohne einen solchen Rahmen musst du dir andere Verfahren einfallen lassen, um die zum Überleben notwendigen Honorare verlangen zu können. Das kann geschehen durch den Aufbau einer Design-Marke (das schafft nicht jeder), Spezialist für Sonderprobleme werden oder schneller und effizienter sein, das bedeutet weniger Zeit für das Nachdenken und mehr copy and paste, also schlechtere Landschaftsarchitektur.

Ist die jetzige gute Baukonjunktur auch eine Chance für Einsteiger?
JW: Planung und Bauwirtschaft profitieren von der immer noch schwelenden Eurokrise, die dazu führt, dass viel Geld in den Immobilienbereich gepumpt wird. Dazu kommt der mächtige Verstädterungsprozess mit den Themen Wohnen, Lebensqualität, Mobilität. Von beiden Einflüssen profitieren auch Berufseinsteiger. Es ist aber unklar, wie lange der Boom andauern wird.

DD: Ich denke zumindest peripher profitieren alle von der Verdichtungsentwicklung, wir auch z. B. mit dem Projekt hier an der TU. Die Uni wächst, es gibt Erweiterungen, damit entsteht auch die Notwendigkeit, den Außenraum mit zu ziehen. Dazu haben wir jetzt auch ein Projekt im Wohnungsneubau, das mit einem GÜ-Verfahren verknüpft ist, ganz wohl ist mir da aber nicht dabei. Also im Verbund mit einem Bauunternehmen, 36 Monate schlüsselfertig zum Fixpreis pro vermietbaren Quadratmete. Und das Binnenverhältnis der Gruppe ist entsprechend. Wir Landschaftsarchitekten wollen davon profitieren, aber das ist sicher viel Druck und wenig Spielraum, was gestalterische Qualität angeht.

Jürgen, wie erlebst Du als Hochschullehrer die heutige Generation von jungen Absolventen?
JW: Wir wissen ja, die Landschaftsarchitektur ist ein eigenartiges Feld, wo sich zu Beginn des Studiums unterschiedliche Motivationen treffen. Eine große Zahl von Studierenden beginnt das Studium aufgrund der Motivation „die Welt zu retten“, d.h. im Hinblick auf die Natur oder als Beschäftigung mit Gerechtigkeit. Ein anderer Teil ist durch den technischen oder gärtnerischen Bereich inspiriert und ein weiterer Teil beginnt aus einem Antrieb, gestalten zu wollen. Zu meiner Studienzeit war das nicht anders, auch wenn die gesellschaftlichen Themen heute andere sind. Und es ist immer noch so, wenn sich jemand intensiv mit Landschaftsarchitektur auseinandersetzt und Feuer fängt, egal aus welcher der genannten Richtungen er kommt, dann wird das was. Die meisten derjenigen, die Feuer gefangen haben, werden Entwerfer und Gestalter, hier scheint die Hitze am intensivsten zu sein.

Was würden Sie den jungen Kollegen auf den Weg geben?
JW: Wenn man selber etwas aufbauen möchte, nicht zu lange nachdenken! Es ergibt sich immer etwas zwischen dem getriebenen und aktiven Suchen und dem, was das englische „opportunity“ bezeichnet. Wenn man nicht selbständig sein möchte, gibt es andere Karrierewege. Man macht sich in einer existierenden Struktur unabkömmlich, dazu wird in Zukunft die Spezialisierung durch Zusatzqualifikationen gehören. Was ich als Hochschullehrer ablehne und verhindern möchte, ist die Teilung der Landschaftsarchitektur in ein Ebene des Designs und eine Ebene der technokratischen Sachbearbeitung.

DD: Bei uns hat sich das Büro ja unmittelbar aus der Studienstruktur ergeben, eben aus einer solchen Gruppe. Ich glaube, dass im Netzwerken – auch wenn das heute vielleicht nicht mehr unbedingt der angesagte Ausdruck ist – die große Chance für junge Kollegen liegt, sich in den Markt oder die Aufgabenstellungen hineinzubegeben. Also sich verstärken, indem man sich mit anderen assoziiert und so auf die jeweilige Anforderung oder Auftragslage anpasst. Und damit auch bundesweit den Fächer an Landschaftsarchitekturbüros erweitert, was schon per se eine Bereicherung darstellt.

Was ist Ihr Fazit aus diesem Gespräch, wie sehen Sie die Situation für „junge Talente“ in der Landschaftsarchitektur?
JW: Jede Zeit hat eigene Potentiale und eigene Schwierigkeiten. Mit denen muss man geschickt und klug umgehen, das bleibt so.

DD: Ich sehe auch heute das große Potenzial in der Wettbewerbskultur. Offene Verfahren sind ein guter Einstieg, weil sich in der Konkurrenz unabhängig von der Bürostruktur die besten Ideen durchsetzen. Und mit Hilfe der schon vorher beschriebenen Kooperationen können sich hier auch Berufsanfänger gut aufstellen.

Also nicht darauf warten, dass einem die gegenwärtige Struktur, egal ob Uni oder Büro, den Weg weist?
JW: Gute Wegweisungen sind jedem zu wünschen, aber der Anlass zur Selbstständigkeit muss aus einem selbst kommen.

DD: Aber ist das nicht widersprüchlich zu dem, was Du am Anfang sagtest? Nämlich du würdest dich nicht noch mal direkt nach der Uni selbständig machen?

JW: Schon, aber Gestalter wird man nicht durch Abwägungsprozesse, sondern durch Leidenschaft.

 

Fotos: Philipp Sattler