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Reallabore für eine klimaresiliente Quartiersentwicklung

Thema Klimaresilienz – was kann man selbst gegen Hitzestress, vertrocknete Stadtbäume und Überflutung tun? Ein Praxishandbuch für Kommunen des Difu zeigt, wie Bürger*innen gemeinsam Quartiere verändern können, damit Städte trotz Klimawandel lebenswert bleiben. Es ist Teil des Forschungsprojekts iResilience.

Das Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) hat im Rahmen des Forschungsprojekts iResilience ein Praxishandbuch für Kommunen veröffentlicht. Es dient als „Drehbuch“ für Quartiere und soll ihnen dabei helfen, dem Klimawandel zu trotzen. Denn die Folgen des Klimawandels sind auch hierzulande schon längst in den Städten zu spüren.

Das Difu möchte gemeinsam mit Partnern wie der Technischen Universität Dortmund, der Stadt Köln und vielen weiteren Akteuren zeigen, wie Städte trotz Klimawandel lebenswert bleiben. Das praktische Handbuch ermutigt die Stadtgesellschaft dazu, selbst und gemeinsam Quartiere zu verändern.

Schon heute müssen Städte viele Anforderungen erfüllen. Zum Beispiel haben sie mit Flächennutzungskonkurrenz um Wohnraum, Gewerbe, Mobilität und Infrastruktur zu tun. Aber die Stadt von morgen muss laut Difu den verfügbaren Raum neu überdenken und effizient anpassen, um Maßnahmen zur Klimaanpassung zu integrieren.

Gemeinsam mit seinen Partnern untersucht das Difu im Forschungsprojekt iResilience, wie „Reallabore“ zu einer klimaresilienten Quartiersentwicklung in Deutschland beitragen könnten. Dabei handelt es sich um „Testräume, in denen neue Ideen unter realen Bedingungen und unter Einbeziehung der lokalen Akteure erprobt werden“, so das Difu.

Praxispartner wie die Quartiere Köln-Deutz, Dortmund-Jungferntal und Dortmund-Hafen haben gezeigt, wie es möglich ist, gemeinsam mit den Anwohnenden zukunftsfähige Lösungen zu schaffen und zugleich neue Formen der Kooperation zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft zu eröffnen.

Die Difu-Veröffentlichung beschreibt die Erfahrungen aus den Reallaboren von iResilience im Detail und stellt zugleich ein Drehbuch dar. So können auch andere Kommunen von den Erfahrungen aus zwei Jahren praktischer Quartiersarbeit profitieren. Alle wichtigen Erkenntnisse wurden anschaulich gebündelt und zeigen, welche Faktoren für ein erfolgreiches Reallabor zur Klimaanpassung im Quartier wichtig sind.

Zudem zeigt das Drehbuch von iResilience, wie sich lokale Akteure einbinden lassen, wie Arbeitsprozesse vor Ort ablaufen und welche Maßnahmen als mögliche Ergebnisse entstehen könnten. Die digitale Durchführung von Beteiligungsformaten wird ebenfalls beschrieben.

Anhand von Grafiken und weiterführenden Links erhalten Interessierte eine tiefergehende, anschauliche Darstellung und weitere Informationen zu den Methoden und Formaten von iResilience. Letztendlich soll das Drehbuch so bei der Entscheidung helfen, ob in der eigenen Kommune ein Reallabor in Frage kommt.

Das Forschungsprojekt iResilience

Die Veröffentlichung des Difu stellt den Abschluss des iResilience-Forschungsprojektes dar, das seit 2018 läuft. Es wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und vom Difu durchgeführt.

Unter dem Titel „Soziale Innovationen und intelligente Stadtinfrastrukturen für die resiliente Stadt der Zukunft“ lief das Projekt drei Jahre lang. Ein interdisziplinäres Team aus Forschung und Praxis hat den Prozess begleitet.

iResilience ging davon aus, dass Städte aufgrund der Folgen des Klimawandels vor großen Herausforderungen stehen. Dazu zählt etwa der Umgang mit Starkregenereignissen, anhaltenden Hitzewellen und Stürmen. Entsprechend müssen Städte und die Menschen, die in ihnen leben und arbeiten, ihre Klimaresilienz verbessern, also „robuster für und angepasster an die Folgen des Klimawandels sein“.

Die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt sollen auch andere Städte in Deutschland sowie darüber hinaus inspirieren. Daher stellt das iResilience-Forschungsprojekt die Ergebnisse und das Drehbuch kostenlos zur Verfügung. Zum Download geht es weiter unten.

Die drei Pilotprojekte

Mithilfe der drei Pilotprojekte in Dortmund und Köln erprobte iResilience neue Vorgehensweisen und Kooperationen für eine lokale Klimavorsorge. Das Ziel bestand darin, Akteure für klimatische Veränderungen und deren Folgen vor Ort zu sensibilisieren und aktivieren. Dabei entwickelte das Team gemeinsam mit der Bevölkerung Maßnahmen für die Starkregen- und Hitzevorsorge sowie für die Klimafunktion des Stadtgrüns. Die Ideen wurden in Fahrplänen oder Roadmaps zusammengefasst und teils im Reallabor ausprobiert.

In Köln-Deutz wurde das iResilience-Pilotprojekt gemeinsam mit dem Stadtentwässerungsbetrieben Köln durchgeführt. Der Kern des Projektes bestand darin, verschiedene Akteure im Reallabor zusammenzubringen, um Klimaanpassungsmaßnahmen bei Hitze zu entwickeln. Dabei ging es insbesondere um die Handlungsfelder Urbanes Grün, Überflutungsvorsorge und Gesundheitsschutz.

Gemeinsam mit Vertreter*innen der Stadt entwickelten Anwohner*innen Ideen zur Entschärfung eines Starkregen-Hotspots an der Kasemattenstraße, einen „Hitzespickzettel“ für Senior*innen sowie ein Urban Gardening Projekt am Hochbunker in Köln-Deutz.

Das Projekt zeigte nicht nur, wie Deutz „klimafit“ werden kann, sondern auch, was alles möglich ist, wenn Bürger*innen und Stadt zusammenarbeiten. Die entwickelten Maßnahmen wurden im Handbuch „Klimafittes Düx – gemeinsam packen wir es an“ festgehalten.

Weitere Informationen zu diesem und den anderen iResilience-Pilotprojekten in Köln und Dortmund gibt es im Drehbuch zu den Reallaboren für eine klimaresiliente Quartiersentwicklung.

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Raum als Algorithmus – wie Szenario-Software Entscheidungen vorbereitet

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Luftaufnahme einer Stadt. Foto von Ivan Louis auf Unsplash.

Stellen Sie sich eine Stadt vor, die nicht nur gebaut, sondern in Echtzeit gedacht, simuliert und gesteuert wird – ein urbaner Organismus, der auf Knopfdruck alternative Zukünfte entwirft. Szenario-Software und der algorithmische Blick auf den Raum verändern Planung radikaler als jeder Masterplan. Willkommen in der Welt, in der Raum zum Algorithmus wird – und Entscheidungen plötzlich datenbasiert, dynamisch und demokratischer getroffen werden können als je zuvor.

  • Einführung in das Konzept Raum als Algorithmus: Von statischer Planung zu dynamischer Entscheidungsfindung.
  • Erklärung und Anwendung moderner Szenario-Software im urbanen Kontext – von Digital Twins bis zur KI-gestützten Simulation.
  • Praxisbeispiele: Wie Städte wie Helsinki, Wien und Zürich algorithmische Tools in der Planung einsetzen.
  • Chancen und Herausforderungen: Governance, Transparenz, Partizipation und technologische Hürden.
  • Risiken algorithmischer Entscheidungsprozesse: Bias, Black Box-Effekte und Kontrollverlust.
  • Die Rolle von Open Urban Platforms und der Kampf um Datensouveränität.
  • Wandel im Berufsbild von Planern durch neue digitale Werkzeuge.
  • Potenziale für Klimaresilienz, Mobilitätswende und adaptive Stadtentwicklung.
  • Kritische Reflexion: Wie viel Algorithmus verträgt der Raum?
  • Fazit: Warum algorithmisches Denken die Zukunft der Stadtplanung prägen wird.

Raum als Algorithmus – Die Geburt einer neuen Planungslogik

Die klassische Stadtplanung war jahrzehntelang eine Disziplin der Pläne, Karten und Gutachten. Entscheidungen wurden auf Grundlage statischer Modelle, langwieriger Abstimmungsprozesse und oft veralteter Daten getroffen. Doch mit der Digitalisierung urbaner Systeme hat sich der gesamte Planungskosmos verschoben. Plötzlich stehen nicht mehr starre Flächen oder festgezurrte Nutzungen im Mittelpunkt, sondern dynamische Beziehungen, Prozesse und Szenarien. Raum wird algorithmisch – das heißt, er lässt sich als System von Zuständen, Regeln und Wechselwirkungen begreifen, die sich laufend verändern und simulieren lassen.

Das Zauberwort heißt Szenario-Software. Diese digitalen Werkzeuge übersetzen den Raum in Datenströme, Variablen und Entscheidungsbäume. Ein Algorithmus ist dabei nichts anderes als eine strukturierte Handlungsanweisung, die auf Basis bestimmter Eingangsdaten verschiedene Entwicklungspfade berechnet. In der Stadtentwicklung bedeutet das: Die Software kann auf Knopfdruck durchspielen, wie sich Verkehrsflüsse, Mikroklima, soziale Mischung oder Energieverbrauch verändern, wenn bestimmte Parameter – etwa eine neue Straßenführung, eine Nachverdichtung oder eine Begrünungsmaßnahme – angepasst werden. Damit entsteht eine vollkommen neue Form der Entscheidungsunterstützung.

Die Relevanz dieses Paradigmenwechsels lässt sich kaum überschätzen. Während früher Planer mit Papier und Bleistift zahlreiche Varianten durchdeklinieren mussten, können heute tausende Szenarien in Sekunden berechnet werden. Und das nicht nur im luftleeren Raum: Dank der Integration von Echtzeitdaten aus Sensorik, Geoinformationssystemen und Bürgerfeedback werden die Modelle zum digitalen Zwilling der Stadt – und damit zum Herzstück einer wirklich adaptiven, lernenden Stadtentwicklung. Das bedeutet auch: Fehlentscheidungen, die auf veralteten Annahmen basieren, lassen sich frühzeitig erkennen und verhindern.

Doch Raum als Algorithmus bedeutet mehr als nur technische Spielerei. Es ist ein neues Planungsverständnis, das klassische Hierarchien infrage stellt. Entscheidungen werden nicht mehr nur auf Basis von Expertenwissen oder politischem Willen getroffen, sondern als Resultat transparenter, nachvollziehbarer Simulationen. Die Planungslogik verschiebt sich von der Kontrolle zur Steuerung, von der Prognose zur kontinuierlichen Anpassung. Das eröffnet nicht nur neue Chancen für klimaresiliente und soziale Stadtentwicklung, sondern fordert auch Governance, Verwaltung und Öffentlichkeit heraus, sich auf neue Rollen einzulassen.

Allerdings: Der Weg dorthin ist steinig. Szenario-Software und algorithmische Modelle stellen hohe Anforderungen an Datenqualität, Interdisziplinarität und technisches Know-how. Gleichzeitig wächst die Sorge vor einer „Black Box“-Planung, in der Entscheidungen von undurchsichtigen Algorithmen getroffen werden. Damit steht die Branche vor einer doppelten Herausforderung: Die Möglichkeiten des Algorithmus zu nutzen, ohne demokratische Kontrolle oder planerische Sorgfalt zu verlieren. Doch wer sich dieser Aufgabe stellt, wird mit einer neuen Souveränität in der Stadtplanung belohnt – und mit der Chance, die urbane Zukunft nicht nur zu verwalten, sondern aktiv zu gestalten.

Von Digital Twins zu Szenario-Software: Werkzeuge für die adaptive Stadtplanung

Der digitale Zwilling ist in aller Munde – doch was unterscheidet einfache 3D-Modelle von echten Szenario-Systemen? Während klassische Stadtmodelle vor allem der Visualisierung dienen, sind Urban Digital Twins datengetriebene, vernetzte und kontinuierlich aktualisierte Abbilder der realen Stadt. Sie integrieren Informationen aus unterschiedlichsten Quellen: Verkehrssensoren, Wetterstationen, Gebäudeautomationen, Satellitenbilder, Bürger-Apps oder Energieverbrauchsdaten. Das Ziel: ein möglichst vollständiges, dynamisches Abbild der urbanen Realität zu schaffen, das als Grundlage für Simulationen und Prognosen dient.

Hier kommt die Szenario-Software ins Spiel. Sie ermöglicht es, auf Basis des digitalen Zwillings verschiedene Entwicklungspfade zu modellieren. Planer können beispielsweise prüfen, wie sich der Umbau einer Kreuzung auf den Verkehrsfluss auswirkt, welche Folgen eine neue Grünfläche für das Stadtklima hat oder wie sich eine Umwidmung auf die soziale Mischung im Quartier auswirkt. Die Software rechnet alternative Szenarien in Echtzeit durch und liefert damit Entscheidungsgrundlagen, die weit über klassische Machbarkeitsstudien hinausgehen.

Ein anschauliches Beispiel liefert die Stadt Helsinki, wo ein Urban Digital Twin nicht nur für die Visualisierung genutzt wird, sondern als Plattform für die Simulation von Mobilität, Energie und Klima agiert. Die Stadt kann etwa verschiedene Straßenführungen, Baumstandorte oder Bauvolumina virtuell testen und die Auswirkungen auf Luftqualität, Temperatur, Wind oder Verkehrsdichte unmittelbar ablesen. In Wien wiederum werden Szenario-Systeme eingesetzt, um die Entwicklung neuer Stadtteile auf Hitzestress, Schattenwurf und Luftzirkulation zu optimieren – lange bevor die ersten Bauarbeiten beginnen.

Die technologische Basis dieser Systeme ist anspruchsvoll: Sie erfordert leistungsfähige Datenplattformen, interoperable Schnittstellen, Cloud-Computing und eine enge Verzahnung mit bestehenden Planungsprozessen. Immer häufiger kommen auch Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen zum Einsatz, um Muster zu erkennen, Prognosen zu verbessern und Vorschläge für optimale Lösungen zu generieren. Damit entsteht eine neue Generation von Planungstools, die nicht nur reaktiv, sondern proaktiv und lernend agieren können.

Für Planer bedeutet das eine echte Revolution. Statt sich auf starre Annahmen oder Bauchgefühl zu verlassen, können sie auf eine evidenzbasierte, transparente Entscheidungsgrundlage zurückgreifen. Gleichzeitig müssen sie aber auch lernen, mit der Komplexität und Unsicherheit solcher Systeme umzugehen. Denn kein Algorithmus ist unfehlbar – und jede Simulation bleibt letztlich ein Modell der Wirklichkeit, das mit Bedacht interpretiert werden muss.

Chancen und Fallstricke: Governance, Transparenz und algorithmische Kontrolle

So faszinierend die Möglichkeiten algorithmischer Stadtplanung auch sind – sie bergen erhebliche Herausforderungen in Sachen Governance und Transparenz. Wer entscheidet eigentlich, welche Daten in die Szenario-Software einfließen? Wer legt die Parameter und Gewichtungen fest, nach denen der Raum simuliert wird? Und wie lässt sich sicherstellen, dass die Algorithmen nicht bestehende Ungleichheiten, Vorurteile oder blinde Flecken reproduzieren?

Eine der zentralen Herausforderungen besteht darin, die Hoheit über Daten und Modelle zu sichern. Viele Szenario-Plattformen werden von privaten Softwareanbietern entwickelt, deren Algorithmen und Datenverarbeitungsprozesse nicht immer offenliegen. Das birgt das Risiko, dass städtische Entscheidungen zunehmend von externen Akteuren beeinflusst werden – oder dass die Stadt ihre digitale Infrastruktur aus der Hand gibt. Die Lösung liegt in offenen, modularen Urban Platforms, die es Kommunen ermöglichen, Kontrolle und Anpassungsfähigkeit zu behalten.

Transparenz ist dabei das A und O. Nur wenn die Funktionsweise der Algorithmen offenliegt und die Ergebnisse nachvollziehbar sind, kann das Vertrauen in die neuen Planungswerkzeuge wachsen. Das gilt besonders für Fragen der Beteiligung: Szenario-Software bietet enorme Chancen, Bürger frühzeitig in die Planung einzubinden, alternative Zukünfte sichtbar zu machen und Konflikte konstruktiv zu bearbeiten. Voraussetzung ist jedoch, dass die Modelle verständlich kommuniziert und ihre Grenzen klar benannt werden.

Gleichzeitig besteht die Gefahr des sogenannten technokratischen Bias. Algorithmen tendieren dazu, das zu optimieren, was messbar ist – während weiche Faktoren wie Lebensqualität, kulturelle Vielfalt oder soziale Beziehungen schwerer zu modellieren sind. Das erfordert eine bewusste Steuerung und regelmäßige Überprüfung der Modelle, um sicherzustellen, dass sie nicht an der Realität vorbeiplanen. Hier sind interdisziplinäre Teams aus Planern, Datenwissenschaftlern, Sozialwissenschaftlern und Bürgervertretern gefragt, um die Balance zwischen Technik und Mensch zu wahren.

Ein weiteres Risiko liegt im sogenannten Black-Box-Effekt: Wenn die Berechnungen und Entscheidungswege der Algorithmen nicht mehr nachvollziehbar sind, droht ein Verlust an demokratischer Kontrolle. Gerade in sensiblen Fragen wie Flächennutzung, Verkehrsführung oder sozialer Durchmischung müssen die Modelle offen und überprüfbar bleiben. Nur so kann Stadtplanung algorithmisch unterstützt, aber nicht entmündigt werden.

Praxis, Potenziale und Perspektiven: Wie Szenario-Software die Planung verändert

Wer die aktuellen Pilotprojekte in europäischen Städten betrachtet, erkennt schnell: Die algorithmische Planung ist längst keine Zukunftsmusik mehr. Städte wie Wien, Helsinki, Rotterdam oder Zürich setzen Digital Twins und Szenario-Software gezielt ein, um komplexe Herausforderungen wie Klimaanpassung, Mobilitätswende oder Quartiersentwicklung anzugehen. Die Resultate sind beeindruckend: Schnellere Entscheidungsfindung, passgenauere Maßnahmen und eine neue Transparenz im Planungsprozess.

Ein besonders großes Potenzial liegt in der Klimaresilienz. Mit Hilfe von Szenario-Software können Städte frühzeitig simulieren, wie sich Hitzewellen, Starkregen oder Luftverschmutzung auf unterschiedliche Quartiere auswirken – und gezielt Gegenmaßnahmen entwickeln. In Wien etwa werden alternative Begrünungsstrategien, neue Wasserflächen oder Verschattungsmaßnahmen virtuell getestet, bevor sie umgesetzt werden. Das spart Zeit, Ressourcen und verhindert teure Fehlplanungen.

Auch im Bereich Mobilitätsmanagement eröffnen sich neue Horizonte. Städte wie Zürich nutzen Digital Twins, um Verkehrsflüsse in Echtzeit zu analysieren und alternative Routen oder Steuerungskonzepte zu simulieren. Das ermöglicht eine adaptive Verkehrslenkung, die Staus reduziert, Emissionen senkt und die Lebensqualität verbessert. Gleichzeitig können Bürger über Online-Plattformen an der Entwicklung teilhaben, eigene Vorschläge einbringen und die Auswirkungen ihrer Ideen direkt nachvollziehen.

Die adaptive Stadtentwicklung profitiert ebenfalls enorm. Szenario-Systeme ermöglichen es, verschiedene Nutzungsvarianten, Bebauungsdichten oder soziale Konzepte durchzuspielen und ihre Folgen für Infrastruktur, Umwelt und Nachbarschaft zu bewerten. Damit wird Planung zum iterativen, lernenden Prozess – und eröffnet neue Chancen für innovative Quartiere, nachhaltige Nachverdichtung und sozial ausgewogene Stadtteile.

Natürlich bleiben Herausforderungen. Die Integration der Systeme in bestehende Verwaltungsstrukturen, die Sicherung der Datenqualität und die Schulung des Fachpersonals sind aufwendig. Hinzu kommen rechtliche Fragen rund um Datenschutz, Haftung und Vergaberecht. Doch der Trend ist unaufhaltsam: Wer sich heute mit Szenario-Software und algorithmischer Planung auseinandersetzt, gestaltet die urbane Zukunft mit – statt ihr hinterherzulaufen.

Fazit: Algorithmischer Raum – eine Revolution mit Risiken und Nebenwirkungen

Die Transformation des Raums zum Algorithmus ist weit mehr als ein technischer Hype. Sie markiert einen Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie Städte geplant, verstanden und gesteuert werden. Szenario-Software und Digital Twins eröffnen ungeahnte Möglichkeiten, Stadtentwicklung dynamisch, datenbasiert und partizipativ zu gestalten. Sie machen es möglich, Alternativen sichtbar zu machen, Fehlentwicklungen frühzeitig zu vermeiden und die Resilienz urbaner Systeme zu stärken.

Doch mit der neuen Macht der Algorithmen wachsen auch Verantwortung und Risiken. Die Kontrolle über Daten, die Transparenz der Modelle und die Einbindung aller relevanten Akteure werden zur zentralen Herausforderung. Wer algorithmische Systeme als reine Black Boxes einsetzt, riskiert Intransparenz, Demokratieverlust und technokratische Verzerrungen. Deshalb braucht es offene Standards, klare Governance-Strukturen und eine bewusste Einbindung von Fachleuten und Öffentlichkeit.

Für Planer, Verwaltungen und Stadtgesellschaften bedeutet das: Es reicht nicht mehr, sich auf Erfahrung, Intuition oder Einzelgutachten zu verlassen. Die Zukunft der Stadtplanung ist hybrid – sie verbindet menschliches Urteilsvermögen mit algorithmischer Unterstützung, klassische Kompetenzen mit digitalen Werkzeugen. Das Berufsbild wandelt sich, neue Fähigkeiten werden gefragt, und die Bereitschaft zur interdisziplinären Zusammenarbeit wird zum Schlüssel für den Erfolg.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Der Raum als Algorithmus ist kein Selbstzweck. Er ist ein Werkzeug – kraftvoll, faszinierend, aber auch fehleranfällig. Wer ihn klug einsetzt, kann Städte resilienter, lebenswerter und gerechter machen. Wer ihn unkritisch übernimmt, läuft Gefahr, die Kontrolle über die eigene urbane Zukunft zu verlieren. Es liegt an uns, das Gleichgewicht zu halten und die Chancen des algorithmischen Denkens für die Stadt von morgen zu nutzen.

Die Revolution ist in vollem Gange. Die Frage ist nicht mehr, ob sich Stadtplanung algorithmisiert – sondern wie wir diese Entwicklung gestalten wollen. Denn eines steht fest: Der Raum denkt mit. Und die spannendsten Szenarien entstehen dort, wo Algorithmen und Menschen gemeinsam entscheiden.

Drei Jugendliche springen in einen blauen See. Didi Sattmann, Seestadt Aspern, 2014, Sammlung Wien Museum © Didi Sattmann
In der Ausstellung „Augenblick! Straßenfotografie in Wien“ zu sehen: Didi Sattmann, Seestadt Aspern, 2014 (Sammlung Wien Museum © Didi Sattmann).

Das Wien Museum zeigt im Sommer 2022 mehrere Ausstellungen zum Thema öffentlicher Raum. Sie blicken aus verschiedenen Blickwinkeln auf unsere Straßen, Plätze und Parks; teilweise finden sie dort selbst und nicht in Museen statt. Wir stellen Ihnen hier vier Ausstellungen rund um Stadtgeschichte und -möblierung sowie den öffentlichen Raum mit seinen Nutzungen und Akteur*innen vor.

Ausstellungen des Wien Museum im und über den öffentlichen Raum

Das Leben in der Stadt spielt sich in unterschiedlichen Räumen ab. Einer davon – der öffentliche Raum – scheint sich im Sommer 2022 als Thema durch das Ausstellungsprogramm des Wien Museums zu ziehen. Dabei ist der öffentliche Raum auf unterschiedliche Arte und Weise Bestandteil der Ausstellungen, steht mehr oder weniger stark im Fokus. Zwei der Ausstellungen finden gleich selbst im Stadtraum statt, zwei andere greifen das Leben auf den Plätzen, in den Straßen und den Parks auf. Gerade im Sommer, in dem der*die ein*e oder ander*e mehr Zeit im öffentlichen Raum verbringen dürfte, können die unterschiedlichen Perspektiven interessant sein.

Öffentlicher Raum im Wandel der Zeiten

Seit dem 18. Mai 2022 möchte das Wien Museum MUSA Besucher*innen in die Geschichte der Wiener Straßenfotografie und somit auch der Stadt selbst eintauchen lassen. In der Ausstellung „Augenblick! Straßenfotografie in Wien“ zeigt das Museum Aufnahmen aus den eigenen Beständen zusammen mit Exponaten aus nationalen und internationalen Fotografiesammlungen. Anhand der Fotografien sollen Besucher*innen nachverfolgen können, wie sich die Stadt Wien sowie das Leben auf ihren Straßen im Laufe der Zeit veränderten – von den 1860er-Jahren bis in die Gegenwart.

Dem Museum zufolge umfasst die Schau neben ikonischen Aufnahmen von Wien auch solche Fotografien, die den Alltag und das Leben der Bewohner*innen vermitteln. Eingefangen in den Aufnahmen seien verschiedene Momente des städtischen Lebens – die Betriebsamkeit auf Straßen und Plätzen, Begegnungen und Vergnügungen. Neben einer visuellen Reise durch die Geschichte Wiens solle die Schau auch zeigen, wie das Medium Fotografie neue Stadtbilder mitprägen und verbreiten konnte, so das Museum. Die Ausstellung zeichne insgesamt ein neues Porträt der Donaumetropole. Sie läuft weiterhin noch bis zum 23. Oktober 2022.

Die Parkbank – Sitzgelegenheit und sozialer Ort

Wem gehört der öffentliche Raum? Unter anderem als Positionen zu dieser Diskussion versteht die Ausstellung in der Startgalerie NEU des Wien Museums die dort gezeigten künstlerischen Arbeiten. Die Schau „Nehmen Sie Platz! Die Parkbank als soziale Skulptur“ läuft seit dem 7. Juli. In deren Zentrum steht die Parkbank, in Städten alltäglicher und allgegenwärtiger Bestandteil des öffentlichen Raums. Der Galerie zufolge stehen allein in den Wiener Parks 19 884 Bänke. Parkbänken kämen im öffentlichen Raum verschiedene Funktionen und Eigenschaften zu – sei es als Sitzgelegenheit oder als Designobjekt, als sozialer Ort oder als strukturierendes Element, das durch „Hostile Design“ bestimmte Nutzungen teilweise auch unterbinde.

Alina Stmljan und Vincent Elias Weisl, beide Curatorial Fellows an der Stabstelle Bezirksmuseen am Wien Museum, kuratierten die Ausstellung. Junge Künstler*innen setzten sich auf Einladung der Kurator*innen mit der Möblierung des Wiener Stadtraums auseinander. Entstanden seien Arbeiten in verschiedenen Medien: Fotografien, Installationen sowie Möbel, die Besucher*innen benutzen können. Die Schau ist ebenfalls bis zum 23. Oktober 2022 zu sehen, der Eintritt ist frei.

Wien Museum Karlsplatz Open Air, „Urban Cultures. Street Art am Bauzaun“, Ausstellungsansicht, Foto: Christoph Schleßmann
Wien Museum Karlsplatz Open Air, „Urban Cultures. Street Art am Bauzaun“, Ausstellungsansicht, Foto: Christoph Schleßmann

Öffentlicher Raum hoch zwei am Bauzaun des Wien Museums

Seit 2019 ist das Wien Museum am Karlsplatz geschlossen; die Wiedereröffnung nach Umbau und Sanierung soll Ende 2023 erfolgen. Währenddessen nutzt das Museum den Zaun um die Baustelle als Ausstellungsfläche. 2022 stehen die Ausstellungen des Karlsplatz Open Air unter dem Titel „Urban Cultures“. Wie auch schon im vorherigen Jahr dient der Bauzaun dabei als Trägermaterial für Street Art.

Die diesjährige Ausstellung findet nicht nur im öffentlichen Raum statt – sie hat diesen auch zum Thema. Dem Museum zufolge setzten sich verschiedene Künstler*innen in zwei aufeinanderfolgenden Teilen mit dem Karlsplatz, an dem der Bauzaun steht, und seinen unterschiedlichen Nutzungen auseinander. Stand 2021 in der Ausstellung „Urban Natures“ das Zusammenspiel von Stadt und Natur im Fokus, werde nun der öffentliche Raum befragt, auf dessen Gestaltung und Akteur*innen geblickt. In „Part I“, der noch bis zum 31. Juli zu sehen ist, tun dies die Street-Art-Künstler David Leitner und Perk_up. Ab dem 11. August werden Besucher*innen dann die neue Gestaltung des Bauzauns durch das Kollektiv feministischer Street-Art-Künstler*innen „Feminist Killjoy Vienna“ sehen können.

Ausstellung „Der Brunnenmarkt im Wandel. gestern → heute → morgen!“ Von li. nach re.: Veronica Kaup-Hasler (Stadträtin für Kultur und Wissenschaft), Cornelia Dlabaja (Universität Wien), Vincent Weisl (Curatorial Fellow Bezirksmuseen Reloaded), Copyright: David Bohmann / PID
Ausstellung „Der Brunnenmarkt im Wandel. gestern → heute → morgen!“ Von li. nach re.: Veronica Kaup-Hasler (Stadträtin für Kultur und Wissenschaft), Cornelia Dlabaja (Universität Wien), Vincent Weisl (Curatorial Fellow Bezirksmuseen Reloaded), Copyright: David Bohmann / PID

Stadtgeschichte vor Ort

Die Kunst am Bauzaun des Wien Museums ist diesen Sommer nicht die einzige Ausstellung im öffentlichen Raum in Wien. Denn die Wanderausstellung „Der Brunnenmarkt im Wandel. gestern → heute → morgen“ ist so konzipiert, dass Thema und Präsentationsort zusammenfallen: Die Besucher*innen sollen sich an dem Ort befinden, dessen Geschichte erzählt wird. Die Ausstellung basiert auf der Forschung von Soziologin und Kulturwissenschaftlerin Cornelia Dlabaja von der Universität Wien zum Brunnenmarkt. Gemeinsam mit Vincent Weisl, auch Kurator der oben erwähnten Ausstellung in der Startgalerie, konzipierte sie die Wanderausstellung. Für diese kooperierte die Servicestelle für die Bezirksmuseen am Wien Museum – „Bezirksmuseen Reloaded“ – und das Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien.

Die Ausstellung möchte Stadtgeschichte aus verschiedenen Blickwinkeln vermitteln. Sie erzählt „die bislang nicht erzählte Geschichte des Wandels, der Arbeit und Migration, des Protests, Stadtentwicklung und Arbeitsalltags am Markt“, wie auf der eigenen Projektwebsite zu lesen ist. Hier findet sich zudem eine Onlineausstellung, die mit dem Projekt in Zusammenhang steht. Die Ausstellung soll über den Sommer bis in den Herbst hinein durch Ottakring, Wiens 16. Bezirk, wandern. Vom Yppenplatz (1. Juli bis 1. August) geht es zum Richard-Wagner-Platz (2. August bis 15. September) und schließlich in die Garage Grande (16. September bis 31. Oktober).

Dieses Jahr erhielt die Stadt Wien zudem nachträglich den Lee-Kuan-Yew World City Preis 2020. Mehr über den Preis sowie die Begründung der Jury lesen Sie hier.