29.04.2021

Wettbewerb

Westpark Augsburg gewinnt Landschaftsarchitektur-Preis 2021

von Tanja Gallenmüller

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Heute Abend, der 13. Mai 2022, findet die Preisverleihung des Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2021 statt. Die rund 400 Gäste werden im Allianz Forum am Brandenburger Tor in Berlin erwartet. Lohaus · Carl · Köhlmos wird für das Projekt „Westpark Augsburg“ mit dem Ersten Preis geehrt. Die G+L-Redaktion sagt herzlichen Glückwunsch! Alles, was Sie zu dem Gewinnerprojekt wissen müssen, das erzählt uns hier Tanja Gallenmüller, Augsburgerin und langjährige Redakteurin der G+L.

Reese Park, Foto: Eckhart Matthäus

Ich erinnere mich noch gut an das laute Grollen der schweren Panzer der in Augsburg stationierten Amerikaner, wenn sie an unserer Wohnung vorbeifuhren – auf dem Weg von den Manövern außerhalb der Stadt zurück zu ihren Kasernen. Tausende Augsburger*innen arbeiteten dort. Tagaus, tagein passierten sie die Schranke zur Sheridan- oder Reese-Kaserne. Doch trotz der Präsenz der Soldat*innen im Alltag vieler Augsburger*innen waren die zusammen mehr als 100 Hektar großen militärischen Areale eine umzäunte Insel – gewisser­maßen Amerika inmitten von Bayrisch-Schwaben. Heute ist von dieser räum­lichen Barriere in der Stadt und zu Augsburgs Umland mit seinem Naher­holungsgebiet Westliche Wälder, nichts mehr zu sehen und zu spüren.

Seit 2006 entstand auf den ehemaligen Kasernen­geländen der Westpark, ein offener, weitläufiger und moderner Landschaftspark mit einem von Süd nach Nord mäandrierenden Weg als strukturierendes und verbindendes Hauptelement. Dem Park gelingt, was jahrzehntelang nicht möglich war: als durchgängiger Grünzug in Augsburgs Westen die Stadtteile Pfersee und Kriegshaber zu verknüpfen und die Innenstadt zum Umland zu öffnen. Die Akzeptanz und Beliebtheit des Parks bei den sonst eher skeptischen Augsburger*innen bestätigt, dass sich der lange Prozess lohnt. Und nun überzeugte das Projekt auch die Jury des Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2021.

Sheridan Park, Foto: Eckhart Matthäus
Sheridan Park, Foto: Eckhart Matthäus
Sheridan Park, Foto: Eckhart Matthäus

Impuls für die gesamte Stadt

 

Mit dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte 1998 bot sich für Augsburg eine einmalige Chance: die Konversion einer militärischen Brache als Impuls für die gesamtörtliche Entwicklung des Augsburger Westens. Die Stadt ergriff sie, kaufte durch ihre Stadtentwicklungsgesellschaft AGS die Areale von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), um dort neue Wohn- und Gewerbestandorte zu entwickeln. Die frühe und intensive Beteiligung der Bürger*innen machte schnell klar: Die neuen Quartiere mussten vor allem das erhebliche Freiraumdefizit der angrenzenden Stadtteile ausgleichen. Die aus verschiedenen Beteiligungswerkstätten hervorgegangenen Ideen und Anregungen der Bürger*innen flossen zunächst in die Auslobung eines städtebaulichen Wettbewerbs für das Sheridan-Gelände, den 2002 das Büro BS+ aus Frankfurt für sich entschied.

Lageplan Sheridan Park (Detail) © Lohaus · Carl · Köhlmos
Lageplan gesamt (Sheridan Park angeschnitten) © Lohaus · Carl · Köhlmos

Die Architekt*innen überzeugten mit einer klassischen Dreiteilung des langgestreckten Areals: Wohnen im Osten zur Innenstadt hin, einem Park im Zentrum und Gewerbe im Westen entlang der B17. Auf diesem klaren Gerüst baute der 2004 ausgelobte freiraumplanerische Wettbewerb auf, dessen Realisierungsteil konkrete Vorschläge für den Park auf dem ehemaligen Sheridan-Gelände und im Ideenteil für den Bereich der Reese-Kaserne und deren Verknüpfung miteinander suchte. Während die meisten Wettbewerbsbeiträge den Freiraum mit geometrischen Formen zu strukturieren versuchten, überzeugte der Entwurf der Landschaftsarchitekt*innen Lohaus · Carl · Köhlmos aus Hannover zwar nicht alle Jurymitglieder, aber dafür die Bau­herrin sofort.

Sheridan Park, Foto: Lohaus · Carl · Köhlmos
Sheridan Park, Foto: Eckhart Matthäus
Sheridan Park, Foto: Eckhart Matthäus
Sheridan Park, Foto: Eckhart Matthäus

Überzeugende Flexibilität

 

Der breite, mäandrierende Hauptweg, der hier und da auseinanderdriftet und so Inseln bildet, die Platz für Spiel, Sport und Pflanzungen bieten, ist ein einpräg­sames Bild. Es erinnert an die nahegelegenen Wertachauen. Die flexible Form des Weges war im Wettbewerb die beste Reaktion auf den großen erhaltenswerten Baumbestand der Kasernengelände. Nach umfangreichen Kartierungsarbeiten konnten die Bäume weitgehend erhalten und in den neuen Park integriert werden. Lose verstreut in den teils extensiven Wiesen rechts und links des Hauptwegs, unterstreichen sie die von den Landschaftsarchitekt*innen gewünschte Wirkung, die an die Weite der amerikanischen Landschaft erinnern soll. Die Geschichte des Areals tritt auch an anderen Stellen immer wieder zutage: Lohaus + Carl erhielten einige der Kasernengebäude. In der ehemaligen Kommandantur beispielsweise fand der ARCHE e.V. seinen Platz.

Sheridan Park, Foto: Eckhart Matthäus

Nordamerikanische Baumarten für den Landschaftsarchitektur-Preis 2021 Gewinner

 

Die Chapel wirkt als prägende Landmarke, ebenso wie das Casino. Die ehemalige Sporthalle am Appellplatz gegenüber der Kommandantur musste, wie auch die meisten anderen Bauwerke, aufgrund der hohen Schadstoffbelastung abgerissen werden. Auch der Appellplatz blieb in seiner Form erhalten. Dort kann man heute Beachvolleyball, Streetball und Tischtennis spielen. Für die Bepflanzung einiger der Wegeinseln wählten die Landschaftsarchitekt*innen nordamerikanische Baumarten, Präriestauden und -gräser. Der ursprünglich geplante Ortbeton für den Hauptweg, der oft für Fußwege in den USA verwendet wird, musste allerdings aufgrund des Klimas und der Erfahrungen in Augsburg einem Asphaltbelag weichen.

Sheridan Park, Foto: Lohaus · Carl · Köhlmos
Sheridan Park, Foto: Lohaus · Carl · Köhlmos
Sheridan Park, Foto: Lohaus · Carl · Köhlmos

Abenteuer in Vulkanlandschaft

 

Viel Kreativität und Mut der Planer*innen und Bauherrin beweisen die Spiel- und Sportangebote auf den unterschiedlich großen Inseln innerhalb des Weges. Ein Wasserspielplatz, Skatehügel, Kletterfelsen, ein Heckenlabyrinth mit Trampolinen, Rasenhügel oder Findlinge in einem Birkenhain wecken den Entdeckergeist und bieten Herausforderungen. Und das ist auch gewollt, so Irene Lohaus. Denn wo können Kinder sich heute noch ohne Gefahr durch den Autoverkehr oder ohne ständige Beobachtung der Eltern frei bewegen und ihre Grenzen testen? Letzteres ermöglicht insbesondere der im vergangenen Jahr eröffnete Spielplatz im ersten Bauabschnitt des Reeseparks. Der einem Flussbett nachempfundene Bereich mit Gleit- und Prallhang aus Beton, der vom Wegesrand drei Meter in die Tiefe fällt, bietet Seile, Netze, Balken und eine Rutsche, deren halsbrecherische Nutzung vielen Eltern den Schweiß auf die Stirn treibt. Noch mehr Abenteuer versprechen die weiteren Spiel- und Sportinseln: unter anderem eine Vulkanlandschaft für Skater und BMXler, Calisthenics und ein Hackschnitzel-Fußballfeld.

Reese Park, Foto: Eckhart Matthäus
Reese Park, Foto: Eckhart Matthäus
Reese Park, Foto: Eckhart Matthäus
Reese Park, Foto: Eckhart Matthäus

Entscheidung mit Weitblick

 

Der Wunsch der Bürger*innen für den Reesepark, dessen städtebauliche Idee auf den Europan-Wettbewerb 2003 zurückgeht, war es, auf Basis der gleichen Raumstruktur von Hauptweg und Inseln diese mit anderen Angeboten als im Sheridanpark zu füllen. Dem kommen Lohaus · Carl · Köhlmos nach. Sie wurden von der Stadt vorausschauend auch mit der Realisierung des zweiten großen Teils des Westparks beauftragt. Mit dieser Entscheidung gelang nicht nur die funktionale, sondern auch die gestalterische Einheit des Gesamtparks und seiner zwei Hauptbereiche Sheridan und Reese, deren mäandrierender Hauptweg sich als Thema auch über die dazwischenliegenden Straßen, Quartiere und den Sullivanpark entlang des Westfriedhofs fortsetzt.

Eine kleine Zäsur im sonst stimmigen Gesamtkonzept ist allein der Supplypark. Diesen plante der Investor des angrenzenden Wohngebiets bereits vor dem Wett­bewerb zum Westpark. Kurz kommt einem dort der Gedanke, wie der Westen Augsburgs 2021 wohl aussehen würde, hätte die BImA nicht an die Stadt beziehungsweise ihre Tochter AGS, sondern an verschiedene Investoren verkauft. Aber diese Frage stellt sich in Augsburg zum Glück nicht mehr.

Reese Park, Foto: Eckhart Matthäus
Reese Park, Foto: Eckhart Matthäus

Fakten zum Landschaftsarchitektur-Preis 2021 Gewinner “Westpark Augsburg”

 

Auftraggeber: Augsburger Gesellschaft für Stadtentwicklung und Immobilienbetreuung GmbH (AGS), Stadt Augsburg

Zeitraum Sheridanpark: 2008 bis 2014; Reesepark: seit 2014; Sullivanpark: seit 2016

Größe: rund 45 Hektar (Neubau), 60 Hektar (Gesamtpark)

Baukosten: Freiraum rund 12 Millionen Euro (netto), mit Mitteln des Programms Stadtumbau West

Landschafts­architekten: Lohaus · Carl · Köhlmos Landschaftsarchitekten + Stadtplaner

Mehr zum Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2021 lesen Sie hier.

Der Artikel von Tanja Gallenmüller erschien erstmals in der G+L 05/17 zum Heftthema “Konversion”.

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