Zwei unterschiedliche, durch eine Bundesstraße voneinander getrennte Areale verbinden, und einen großen See schaffen – die Herausforderungen der Landesgartenschau in Lahr meisterte das Büro club L94 ohne große Hindernisse. Burkhard Wegener führt uns vor Ort durchs Gelände.

Herr Wegener, was war Ihre Motivation, 2011 am Wettbewerb zur Landesgartenschau in Lahr teilzunehmen?
Es war die Auslobung mit der Aufgabe, einen existierenden Park zu überarbeiten und Ackerflächen eine neue Identität zu geben, sie zu einem Park zu entwickeln. Und darüber hinaus: beide Teilbereiche über zwei Bundesstraßen hinweg mit einer Brücke zu verbinden – alles in allem eine komplexe Aufgabe. Zudem hat es in unseren Kalender gepasst …

Haben Sie die Vorgaben im Planungsprogramm als einengend empfunden – etwa den Wunsch nach einem See, neuen Kleingärten und einem Landschaftspark, in den ein bestehendes Pappelwäldchen mit Krähenhabitat integriert werden sollte?
Eigentlich nicht, eher als Herausforderung. Zumal wir viel Freiraum bei der Ideenfindung hatten und angehalten wurden, Neues zu entwickeln, das sich mit Vorhandenem verbinden sollte.

Woran hatten Sie am meisten zu knabbern? Was hat Ihnen die größten Probleme beim Planen und Bauen gemacht?
Das war der See. Er sollte mehrere Hektar groß werden, aber wir konnten ihn nicht – wie anfangs gedacht – durch den Aushub von Boden realisieren. Es stellte sich schnell heraus, dass es Probleme mit dem Grund­wasser gegeben hätte. So kamen wir auf die Idee, den See auf das bestehende Gelände aufzusetzen. Als Landschaftssee konzipiert, ist er nun rund 2,7 Hektar groß, aber nur zwei bis drei Meter tief. Insgesamt haben wir rund 100 000 Kubikmeter Füllboden im Gelände verarbeitet.

Der See wird diagonal von einem Steg gequert, dadurch scheint er zweigeteilt. Hat das eine tiefere Bedeutung?
Ja. Offziell ist der See ein Badesee und braucht dazu eine entsprechend hohe Wasserqualität. Das erreichen wir, indem wir das Wasser umwälzen, über eine Pflanzenkläranlage filtern und fehlendes Wasser über Pumpen aus dem Grundwasser zuführen. Der Steg über den See sitzt wiederum auf einer Mauer auf, die den Badesee vom Landschaftssee trennt und ihn aus einer anderen Perspektive als von den Ufern aus erlebbar macht. Die Ufer sind bewusst unterschiedlich gestaltet: im Badebereich mit einer harten, urbanen Kante samt Badestrand, im Landschaftsteil mit weichen Übergängen, die sich aus der Bepflanzung der Uferbereiche mit Röhricht und Wasserpflanzen ergeben.

Gab es noch andere Themen, die Ihnen beim Entwurf der Landesgartenschau besonders wichtig waren?
Zum Beispiel, dass auf der langen Seite des Sees eine Promenade entstehen sollte. Diese haben wir mit einer einreihigen Allee aus Trauerweiden bepflanzt, deren hängende Zweige wir lieben.

Alle Fotos: Karl H.C. Ludwig.

Sie haben noch nicht das Krähennest angesprochen, das ja auch eine Besonderheit darstellt …
Genau, das war uns auch von Anfang an wichtig. Zwar in etwas anderer Form als es nach dem dafür ausgelobten Wett­bewerb geworden ist, aber wir finden es dennoch gut. Es steht vor dem Pappel­wäldchen, in dem zahlreiche Krähennester zu finden sind, die den Anstoß zur Idee gegeben haben. Konkret liegt es in dem neuen Auenwäldchen, in dem sich Lichtungen, Pfade aus Rindenmulch und Farninseln finden, die die Basis für ökologische Vielfalt und Lebensräume für Pflanzen und Tiere darstellen und zeigen.

Was waren die Maximen und Ziele für die Überarbeitung des Bürgerparks? Der kam in unserer Unterhaltung bislang etwas zu kurz …
Der Bürgerpark liegt direkt am Schul­quartier und wurde von uns konzeptionell als Teil der Stadt interpretiert. Im Gegensatz zum landschaftlichen Seepark ist der Spiel-­ und Sportpark urban gestaltet. Die Konzeptionen für die neuen Gebäude dort – Kita, römisches Streifen­haus und Sporthalle – entwickelten wir in der städtebaulichen Findungsphase zusammen mit dem Architekturbüro Aldinger. Die neue Kita mit der tonnen­förmigen Dachstruktur, die ich mitsamt den Spielbereichen für sehr gelungen halte, markiert den Parkzugang im Osten. Zu einem besonderen gestalterischen Element wurde auch die „via ceramica“, die sich – obwohl sprachlich nicht ganz korrekt – auf die keramischen Funde der Römer in Lahr bezieht.


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Blick über den See.

12 Via Ceramika Image club
Via Ceramica.

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Seepromenade.

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Blick über den See.

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Via Ceramica.

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Seepromenade.

Das alles klingt nach dem Ergebnis einer guten Zusammenarbeit mit anderen Planern und der Stadt.
Die Zusammenarbeit war – von einzelnen Ausnahmen abgesehen – in der Tat ganz gut. Das gilt sowohl für die Verantwort­lichen der Stadt, als auch für die LGS GmbH und andere Architekten und Planer. Grundsätzlich hätten wir uns gewünscht, dass sich die Ausstellungsbei­träge – vor allem im Seepark – etwas mehr in die Grundkonzeption der Daueranlage eingefügt und einen etwas weniger lauten Auftritt gemacht hätten. Im Kleingartenpark am jetzigen Haupteingang der LGS wurden sie mit dem Landschaftsbau und dessen Gärten deutlich besser in die Grund­struktur der Anlage integriert.

Zum Interviewpartner: Burkhard Wegener ist einer der vier Gründer und Geschäftsführer des Kölner Büros club L94 Landschaftsarchitekten. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Objektplanung und Wettbewerbe. Am FB Architektur der Hochschule Bochum lehrt er als Honorarprofessor.

 

 

Alle Fotos: Karl H.C. Ludwig.

Sie haben noch nicht das Krähennest angesprochen, das ja auch eine Besonderheit darstellt …
Genau, das war uns auch von Anfang an wichtig. Zwar in etwas anderer Form als es nach dem dafür ausgelobten Wett­bewerb geworden ist, aber wir finden es dennoch gut. Es steht vor dem Pappel­wäldchen, in dem zahlreiche Krähennester zu finden sind, die den Anstoß zur Idee gegeben haben. Konkret liegt es in dem neuen Auenwäldchen, in dem sich Lichtungen, Pfade aus Rindenmulch und Farninseln finden, die die Basis für ökologische Vielfalt und Lebensräume für Pflanzen und Tiere darstellen und zeigen.

Was waren die Maximen und Ziele für die Überarbeitung des Bürgerparks? Der kam in unserer Unterhaltung bislang etwas zu kurz …
Der Bürgerpark liegt direkt am Schul­quartier und wurde von uns konzeptionell als Teil der Stadt interpretiert. Im Gegensatz zum landschaftlichen Seepark ist der Spiel-­ und Sportpark urban gestaltet. Die Konzeptionen für die neuen Gebäude dort – Kita, römisches Streifen­haus und Sporthalle – entwickelten wir in der städtebaulichen Findungsphase zusammen mit dem Architekturbüro Aldinger. Die neue Kita mit der tonnen­förmigen Dachstruktur, die ich mitsamt den Spielbereichen für sehr gelungen halte, markiert den Parkzugang im Osten. Zu einem besonderen gestalterischen Element wurde auch die „via ceramica“, die sich – obwohl sprachlich nicht ganz korrekt – auf die keramischen Funde der Römer in Lahr bezieht.


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Blick über den See.


12 Via Ceramika Image club
Via Ceramica.

08 Seeprromenade01
Seepromenade.

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Blick über den See.

12 Via Ceramika Image club
Via Ceramica.

08 Seeprromenade01
Seepromenade.

Das alles klingt nach dem Ergebnis einer guten Zusammenarbeit mit anderen Planern und der Stadt.
Die Zusammenarbeit war – von einzelnen Ausnahmen abgesehen – in der Tat ganz gut. Das gilt sowohl für die Verantwort­lichen der Stadt, als auch für die LGS GmbH und andere Architekten und Planer. Grundsätzlich hätten wir uns gewünscht, dass sich die Ausstellungsbei­träge – vor allem im Seepark – etwas mehr in die Grundkonzeption der Daueranlage eingefügt und einen etwas weniger lauten Auftritt gemacht hätten. Im Kleingartenpark am jetzigen Haupteingang der LGS wurden sie mit dem Landschaftsbau und dessen Gärten deutlich besser in die Grund­struktur der Anlage integriert.

Zum Interviewpartner: Burkhard Wegener ist einer der vier Gründer und Geschäftsführer des Kölner Büros club L94 Landschaftsarchitekten. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Objektplanung und Wettbewerbe. Am FB Architektur der Hochschule Bochum lehrt er als Honorarprofessor.

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Round about nature – Entwurfsstudio „Into the Wild“

Visualisierung der Steganlage in der Wiese. Grafik: Marlene Werner
Visualisierung der Steganlage in der Wiese. Grafik: Marlene Werner

Statt dem Menschen herrschen im Entwurf „Round about Nature“ die Tiere über den Prenzlauer Berg. Der Entwurf von Marlene Werner – entstanden im Rahmen des Entwurfsstudios „Into the Wild“ der TU Berlin – gibt der Natur große Teile des Volksparks Prenzlauer Berg zurück. Der Mensch wird dabei zum respektvoll Beobachtenden, der auf Pfaden und Stegen zu Gast bei Mutter Natur ist.

Nicht nur in unserer Septemberausgabe 2023 machen wir Raum für Projekte aus dem Studium. Auch auf unserer Webseite stellen Studierende ihre eigenen Arbeiten selbst vor – zum Beispiel in diesem Beitrag. Die Projekte finden Sie alle auf unserer Themenseite „Studium“ und die Septemberausgabe gibt’s in unserem Shop.

Zwei Zonen im Volkspark – eine für Tiere, eine als Puffer

Der Entwurf „Round about nature“ nimmt die wild lebenden Tiere des Volksparks Prenzlauer Berg als Hauptakteure wahr. Den Tieren wird in dem Park ein geschützter Raum gegeben, wo sie ungestört vom Menschen leben können. Im Inneren des Parks werden dafür nahezu alle Bestandswege entfernt. Für die Haupterschließung bleibt ein bestehen.

Durch den Rundweg entstehen zwei Zonen im Volkspark – die Tierzone innerhalb des umfassenden Wegs und eine Art Pufferzone außerhalb des Rundwegs. In der Pufferzone ist eine Hundauslauffläche sowie ein Spielplatz verortet. Die Besucher*innen des Volksparks können sich hier frei bewegen.

Ein Aussichtsturm für das Gefühl der Höhe

In der Tierzone sind die Menschen an vorgegebene Wege gebunden, welche an drei besondere Aufenthaltsflächen anschließen: Im Dickicht – Zwischen den Gräsern – Auf dem Berg. Diese drei Flächen heben die vielfältigen Bereiche des Parks mit ihren unterschiedlichen Charakteren hervor. So geht man „Im Dickicht“ des Walds auf schmalen Pfaden eng an dichtem Gebüsch und hohen Bäumen vorbei. Punktuell gibt es Stationen, an denen man die Tiere und Pflanzen mit verschiedenen Sinnen wahrnehmen kann.

In der Wiesenfläche des Volksparks befindet man sich auf einem leicht erhöhten Steg gefühlt „Zwischen den Gräsern“. Mithilfe der Steganlage spaziert man ohne direktes Betreten inmitten der Wiese und kann diesen besonderen Lebensraum erleben.

Neben dem großen Waldareal und der Wiese, ist die Topografie ein kennzeichnendes Merkmal des Parks. In diesem Entwurf wird einer von zwei bestehenden Berggipfeln für die Besucher*innen betretbar gelassen. „Auf dem Berg“ wird das Gefühl der Höhe durch einen Aussichtsturm noch mehr verstärkt. Von dort hat man einen Ausblick über den Park sowie eine Sichtachse zur Innenstadt Berlins.

Piktos Aufenthaltsflächen. Grafik: Marlene Werner
Piktos Aufenthaltsflächen. Grafik: Marlene Werner

Mensch und Tier – alle Nutzer*innen gleichermaßen mitbedenken

Diese drei Aufenthaltsorte geben den Menschen die Möglichkeit, den Park zu erleben und mit der Natur vor Ort in Kontakt zu kommen, ohne diese zu zerstören. Unerwünschtes Betreten der „wilden“ Areale wird durch räumliche Abgrenzungen unterbunden. Mit natürlichen Materialien, wie Holz, Naturstein und Benjeshecken, soll eine deutliche Trennung entstehen.

Der Rundweg wird mit einem Betonband eingefasst, welches sich gelegentlichen zu Sitzmöglichkeiten herausformt. Diese Einfassung ist nur einseitig, auf der Seite der Tierzone, vorgesehen. Eine Abgrenzung zur Pufferzone ist nicht geplant. Dadurch soll den Besucher*innen subtil verdeutlicht werden, welche Bereiche im Park frei betretbar sind und welche nicht.

Im Entwurf wird beispielhaft auf bestimmte Zielarten eingegangen. Durch die Planung sollen diese einen sicheren Lebensraum erhalten, welcher für die jeweilige Art alle lebensnotwendigen Bedürfnisse erfüllt. Der Volkspark soll somit zu einem Park für Tier und Mensch werden, in welchem alle Nutzer*innen gleichermaßen mitbedacht und berücksichtigt werden.

Piktos Neuordnung des Volkparks. Grafik: Marlene Werner
Piktos Neuordnung des Volkparks. Grafik: Marlene Werner

Der Entwurf entstand im Rahmen des Entwurfsstudios „Into the Wild“ an der TU Berlin. Mehr über die Hintergründe des Studios und den Volkspark Prenzlauer Berg lesen Sie hier, und weitere Entwürfe von Studierenden gibt’s hier zu entdecken.

Stadtplanung als Schulfach? – Bildungspolitik trifft Baukultur

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Urbanes Stadtleben mit Stau und architektonischer Skyline, fotografiert von Bin White





Stadtplanung als Schulfach? – Bildungspolitik trifft Baukultur



Stadtplanung als Schulfach? Klingt nach Utopie, nach zu viel Fantasie – oder nach einem echten Gamechanger für unsere gebaute Umwelt. Was, wenn junge Menschen schon in der Schule lernen, Städte zu verstehen, Freiräume zu gestalten und Baukultur kritisch zu betrachten? Bildungspolitik und Baukultur treffen sich selten auf Augenhöhe – höchste Zeit, das zu ändern. Dieser Artikel zeigt, warum es für die Zukunft unserer Städte keinen Weg an der Stadtplanung in der Schule vorbeiführt, welche Chancen und Stolpersteine lauern und wie ein solches Fach die Stadt von morgen prägen könnte.

  • Hintergründe: Warum Stadtplanung als Schulfach heute relevanter ist denn je
  • Bildungspolitische und gesellschaftliche Argumente für eine Verankerung der Baukultur im Curriculum
  • Internationale Beispiele und Pilotprojekte: Wo Stadtgestaltung bereits erfolgreich in Schulen gelehrt wird
  • Potenziale für Nachhaltigkeit, Beteiligungskultur und Demokratiebildung
  • Herausforderungen: Bildungsföderalismus, Lehrermangel, Curriculumentwicklung
  • Risiken: Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, politische Vereinnahmung, Überforderung der Schulen
  • Vorschläge für die konkrete Umsetzung und Integration in bestehende Bildungsstrukturen
  • Langfristige Auswirkungen auf Stadtentwicklung, Baukultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt
  • Fazit: Stadtplanung als Schulfach – das unterschätzte Fundament für die Stadt von morgen

Warum Stadtplanung in die Schule gehört – Zeitdiagnose und Notwendigkeit

Wer heute durch deutsche, österreichische oder schweizer Städte schlendert, erlebt sie in vielen Facetten: Mal sind sie einladend und lebendig, mal zersiedelt, versiegelt, unübersichtlich oder schlicht langweilig. Dass die Gestaltung unserer Städte kein Zufallsprodukt ist, sondern Ergebnis komplexer Planungs- und Entscheidungsprozesse, dringt bis heute kaum ins öffentliche Bewusstsein. Noch weniger wird jungen Menschen in der Schule vermittelt, was Stadtplanung, Baukultur und Landschaftsarchitektur für ihr eigenes Leben bedeuten. Während Klimawandel, Flächenknappheit, soziale Spaltung und Mobilitätsfragen die großen Themen unserer Zeit sind, bleibt die Frage, wie Städte funktionieren und wie sie besser werden können, im Schulalltag schlicht unterrepräsentiert.

Die schulische Vermittlung von Stadtplanung ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz bisher ein Nischenthema. Hierzulande dominiert ein Kanon aus Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen, während Baukultur und Stadtentwicklung höchstens punktuell in Geografie, Kunst oder Gesellschaftslehre angerissen werden. Das ist erstaunlich, denn gerade die gebaute Umwelt prägt die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen tagtäglich. Ob Spielplatz, Schulweg, Wohnviertel oder Stadtpark – überall begegnen sie den Ergebnissen von Planungsprozessen, ohne diese einordnen oder kritisch hinterfragen zu können.

Die Notwendigkeit, Stadtplanung als Schulfach zu etablieren, ergibt sich nicht zuletzt aus den dramatisch steigenden Anforderungen an nachhaltige Entwicklung, Partizipation und Resilienz. Wer morgen in einer Stadt leben will, die auf Klimaneutralität, Mobilitätswende und soziale Integration setzt, muss schon heute lernen, wie solche Ziele planerisch umgesetzt werden können. Bildung für nachhaltige Entwicklung bleibt ohne einen Blick auf die gebaute Umwelt Stückwerk. Hier kann schulische Stadtplanung Brücken schlagen.

Zugleich wächst das Bewusstsein, dass Baukultur mehr ist als schöne Fassaden oder Denkmalschutz. Sie umfasst das Zusammenspiel von Architektur, Freiraumgestaltung, Infrastruktur, sozialem Miteinander und kultureller Identität. Doch wie kann ein Kind lernen, Baukultur wertzuschätzen, wenn sie nie Thema im Unterricht ist? Ein fundiertes Schulfach Stadtplanung könnte genau hier ansetzen und einen transdisziplinären Ansatz verfolgen, der Kunst, Technik, Gesellschaft und Ökologie verknüpft.

Der Zeitpunkt für diese Debatte könnte günstiger nicht sein. Die junge Generation ist so politisiert wie selten zuvor, sie protestiert für Klimaschutz und fordert Mitsprache. Gleichzeitig erleben Schulen einen Innovationsdruck, der nach neuen, relevanten Inhalten verlangt. Die Integration von Stadtplanung als Schulfach wäre nicht nur ein bildungspolitischer Meilenstein, sondern ein gesellschaftlicher Quantensprung – für eine informierte, handlungsfähige Stadtgesellschaft von morgen.

Schule als Laboratorium der Stadt – Chancen für Baukultur und Demokratie

Stellen wir uns vor: Schülerinnen und Schüler entwickeln im Unterricht eigene Quartiersmodelle, analysieren den Schulhof aus Perspektive der Inklusion, simulieren Verkehrsflüsse, gestalten grüne Dächer oder organisieren Beteiligungsprojekte im eigenen Stadtteil. Was heute wie eine utopische Vision klingt, wird in einigen internationalen Pilotprojekten bereits erfolgreich praktiziert. In Dänemark, Finnland oder den Niederlanden haben Ansätze, die gebaute Umwelt und Stadtgestaltung als festen Unterrichtsgegenstand zu verankern, längst Einzug gehalten. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Kinder und Jugendliche werden nicht nur kreativer und selbstbewusster, sondern entwickeln auch ein tiefes Verständnis für räumliche Zusammenhänge und gesellschaftliche Verantwortung.

Ein Schulfach Stadtplanung bietet die Chance, Baukultur als Querschnittsthema zu etablieren. Dabei geht es nicht um verstaubte Theorie oder die Vermittlung trockener Gesetzestexte, sondern um lebendige Projekte, die Städte als gemeinsame Lebensräume begreifbar machen. Durch die Analyse und Gestaltung der eigenen Umgebung erfahren Schülerinnen und Schüler, wie ihre Lebenswelt gestaltet wird – und wie sie diese aktiv mitprägen können. Demokratiebildung wird so nicht als abstraktes Prinzip vermittelt, sondern am eigenen Lebensraum konkret erfahrbar.

Die Vorteile eines solchen Ansatzes liegen auf der Hand: Wer früh lernt, wie Entscheidungen über Bebauungspläne, Grünflächennutzung oder Verkehrsführung getroffen werden, ist später als Bürger engagierter und kompetenter. Beteiligungskultur wird nicht verordnet, sondern eingeübt. Gleichzeitig fördert das Fach die dringend benötigte MINT-Kompetenz, indem es Mathematik, Informatik, Technik und Naturwissenschaften mit gesellschaftlichen Fragestellungen verknüpft. Nachhaltigkeit, Klimaanpassung und Ressourcenschonung werden nicht nur theoretisch behandelt, sondern im Kontext der eigenen Stadt praktisch erlebbar.

Ein weiterer Aspekt, der nicht unterschätzt werden darf: Stadtplanung als Schulfach kann dazu beitragen, Berührungsängste mit Architektur, Landschaftsarchitektur und Bauwesen abzubauen. Gerade in Deutschland, wo Planungsprozesse oft als intransparent und elitär gelten, könnte das frühzeitige Erlernen planerischer Grundprinzipien langfristig zu einer breiteren, diverseren und kreativeren Nachwuchsgeneration in den Planungsberufen führen. Gleichzeitig profitieren auch andere Disziplinen von einer gestärkten Baukulturkompetenz – von der Politik über die Verwaltung bis zur Wirtschaft.

Schließlich ist die Schule als Laboratorium der Stadt geradezu prädestiniert, innovative Beteiligungsformate zu erproben. Planspiele, digitale Stadtmodelle, partizipative Entwurfsprozesse oder Exkursionen machen die Stadtplanung greifbar. Wer schon als Jugendlicher erlebt, wie spannend und relevant Stadtgestaltung sein kann, wird später mit größerer Wahrscheinlichkeit Verantwortung für den eigenen Lebensraum übernehmen – als engagierter Bürger, als Planer oder als politischer Akteur.

Herausforderungen und Stolpersteine – von Bildungsföderalismus bis Curriculum

So verlockend die Idee klingt, Stadtplanung als Schulfach einzuführen, so groß sind auch die Hürden auf dem Weg dorthin. Die erste große Baustelle ist der Bildungsföderalismus, der in Deutschland bekanntlich jede Reform zu einer Geduldsprobe macht. Während einige Bundesländer bereits zaghafte Schritte in Richtung Baukulturvermittlung gehen, fehlt eine bundesweit einheitliche Strategie. In Österreich und der Schweiz sieht es nicht viel anders aus: Die Zuständigkeiten für Curricula, Lehrpläne und Fächer liegen bei Ländern, Kantonen oder sogar einzelnen Schulen. Eine koordinierte Einführung eines neuen Schulfachs gleicht somit einer Herkulesaufgabe.

Hinzu kommt der akute Lehrermangel, der sämtliche Innovationen im Schulsystem erschwert. Wer soll Stadtplanung unterrichten? Gibt es genügend Fachkräfte mit planerischem, architektonischem und didaktischem Know-how? Fortbildungen, Studiengänge und Zertifikate müssten geschaffen werden, um einen qualifizierten Lehrkörper aufzubauen. Zudem müssten bestehende Lehrer für die Bedeutung von Baukultur sensibilisiert werden – kein Selbstläufer in einem ohnehin überlasteten System.

Auch die Entwicklung passender Curricula ist alles andere als trivial. Stadtplanung ist ein interdisziplinäres Feld, das von Technik bis Soziologie, von Umweltwissenschaft bis Kunst reicht. Wie lassen sich die vielfältigen Themen in altersgerechte, praxisnahe und zugleich wissenschaftlich fundierte Unterrichtseinheiten übersetzen? Welche Kompetenzen sollen vermittelt werden? Sollen die Inhalte verpflichtend oder als Wahlfach angeboten werden? Und wie lässt sich eine sinnvolle Verknüpfung mit bestehenden Fächern wie Geografie oder Kunst herstellen, ohne diese zu verwässern?

Ein weiteres Risiko ist die Gefahr der Überforderung – sowohl der Schulen als auch der Schülerinnen und Schüler. Stadtplanung ist komplex, oft konfliktbeladen und mit politischen oder wirtschaftlichen Interessen verflochten. Wie gelingt es, die Komplexität zu vermitteln, ohne zu vereinfachen oder zu indoktrinieren? Hier braucht es kluge Didaktik, die sowohl kritische Reflexion als auch Kreativität und Problemlösungskompetenz fördert.

Nicht zuletzt ist die politische Dimension zu beachten: Wer bestimmt, welche Inhalte vermittelt werden? Droht die Vereinnahmung durch bestimmte Lobbys oder politische Strömungen? Die Unabhängigkeit und Neutralität des Fachs müssen ebenso garantiert werden wie seine Anschlussfähigkeit an aktuelle stadtgesellschaftliche Debatten. Die Integration von Stadtplanung ins Curriculum ist also kein Selbstläufer, sondern verlangt langen Atem, Engagement – und einen klaren politischen Willen.

Von der Idee zur Umsetzung – Wege in die schulische Baukultur

Wie könnte der Weg zu einem flächendeckenden Schulfach Stadtplanung konkret aussehen? Zunächst bedarf es mutiger Pilotprojekte, die zeigen, wie Baukulturvermittlung in der Praxis funktionieren kann. Modellschulen, Kooperationen mit Universitäten, Architekturbüros oder kommunalen Planungsämtern könnten als Innovationslabore dienen. Hier ließen sich neue Unterrichtsformate, digitale Tools oder partizipative Projekte erproben und wissenschaftlich begleiten. Die Erfahrungen aus diesen Pilotprojekten sollten systematisch ausgewertet und in die breite Debatte eingebracht werden.

Eine zentrale Rolle spielt die Fort- und Weiterbildung des Lehrpersonals. Fachübergreifende Seminare, digitale Lernplattformen oder Zertifikatsprogramme könnten helfen, Lehrkräfte fit für die Vermittlung von Stadtplanung zu machen. Gleichzeitig sollten Berufsverbände, Kammern und Hochschulen ihre Expertise einbringen, um praxisnahe Materialien und Unterrichtseinheiten zu entwickeln. Die enge Zusammenarbeit zwischen Bildungspolitik, Wissenschaft und Praxis ist hier der Schlüssel zum Erfolg.

Auch die Integration in bestehende Fächer ist ein möglicher Weg, um Stadtplanung schrittweise ins Curriculum zu holen. Projektwochen, Wahlpflichtkurse oder fächerübergreifende Module können als Türöffner dienen, bevor ein eigenständiges Schulfach etabliert wird. Wichtig ist dabei die kontinuierliche Evaluation und Anpassung der Inhalte – Stadtplanung entwickelt sich dynamisch, gesellschaftliche Herausforderungen ändern sich rasch. Flexibilität und Innovationsfreude sind gefragt.

Darüber hinaus müssen auch außerschulische Lernorte und digitale Formate stärker genutzt werden. Stadtspaziergänge, Planspiele, Virtual-Reality-Modelle oder Beteiligungsplattformen bieten vielfältige Möglichkeiten, die gebaute Umwelt greifbar und erlebbar zu machen. Gerade in einer zunehmend digitalisierten Welt kann die Verbindung von analogem und virtuellem Lernen neue Perspektiven eröffnen – und die Begeisterung für Baukultur nachhaltig wecken.

Letztlich steht und fällt der Erfolg mit politischem Willen und gesellschaftlicher Unterstützung. Bildungspolitiker, Kommunen, Planer und Eltern müssen gemeinsam an einem Strang ziehen, um das Thema Stadtplanung aus der Nische zu holen. Es braucht Lobbyarbeit, Öffentlichkeitsarbeit und einen langen Atem. Doch der Aufwand lohnt sich: Die Ausbildung einer neuen Generation von Stadtbewohnern, die ihre Umwelt versteht, gestaltet und schützt, ist das beste Fundament für eine lebenswerte, resiliente und nachhaltige Stadt der Zukunft.

Langfristige Wirkung – Stadtplanung als Fundament der Stadtgesellschaft

Die Einführung von Stadtplanung als Schulfach hätte tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesellschaft, weit über den Bildungsbereich hinaus. Sie würde ein neues Bewusstsein für Baukultur, Nachhaltigkeit und Partizipation schaffen – und damit das Fundament für die Stadt von morgen legen. Wer als Kind oder Jugendlicher lernt, wie Städte entstehen, wie Interessen abgewogen werden und wie man sich einbringen kann, wird später eher Verantwortung für die eigene Umgebung übernehmen. Das stärkt nicht nur die Demokratie, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Langfristig würde eine breite Baukulturkompetenz die Qualität von Stadtentwicklung, Architektur und Landschaftsplanung verbessern. Planerische Fehlentwicklungen, intransparente Prozesse und Akzeptanzprobleme könnten reduziert werden, weil die Bevölkerung besser informiert und aktiver beteiligt ist. Städte würden resilienter auf Krisen reagieren, nachhaltiger wachsen und lebenswerter werden. Die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts – Klimawandel, Ressourcenknappheit, soziale Spaltung – lassen sich nur mit einer informierten und engagierten Stadtgesellschaft meistern.

Auch die Planungsberufe selbst würden profitieren. Ein Schulfach Stadtplanung könnte dazu beitragen, mehr junge Menschen für Architektur, Landschaftsarchitektur, Stadtplanung oder Ingenieurwesen zu begeistern. Die Diversität der Planungsdisziplinen würde gestärkt, neue Perspektiven und kreative Lösungen könnten entstehen. Gleichzeitig würde die Wertschätzung für die oft unterschätzte Arbeit der Planer in Politik und Öffentlichkeit steigen.

Die Integration von Stadtplanung in den Schulunterricht wäre zudem ein klares Bekenntnis zur Bedeutung der gebauten Umwelt für das Gemeinwohl. Städte sind mehr als Verkehrsadern und Immobilienmärkte – sie sind Lebensräume, soziale Bühne und kulturelles Erbe zugleich. Wer das früh versteht, wird später sorgsamer, innovativer und verantwortungsbewusster mit ihnen umgehen.

Am Ende geht es um nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit unserer Städte. Bildung ist der Schlüssel dazu. Stadtplanung als Schulfach kann der Hebel sein, um das große gesellschaftliche Ziel einer nachhaltigen, demokratischen und lebenswerten Stadt für alle zu erreichen. Es ist höchste Zeit, den Mut aufzubringen und diesen Schritt zu wagen.

Fazit: Stadtplanung als Schulfach – kein Luxus, sondern Notwendigkeit

Stadtplanung als Schulfach ist keine abgehobene Vision mehr, sondern eine bildungs- und gesellschaftspolitische Notwendigkeit. Die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft verlangen nach einer neuen Generation von Stadtbewohnern, die ihre gebaute Umwelt versteht, kritisch reflektiert und aktiv mitgestaltet. Durch die Integration planerischer, architektonischer und landschaftsbezogener Inhalte in den Schulunterricht können zentrale Kompetenzen für Nachhaltigkeit, Demokratie und Baukultur frühzeitig vermittelt werden. Die Umsetzung ist anspruchsvoll, aber machbar – wenn Politik, Bildung und Planung an einem Strang ziehen. Am Ende steht die Chance auf eine Stadtgesellschaft, die nicht nur Häuser baut, sondern Zukunft gestaltet. Garten und Landschaft bleibt Ihr Kompass auf diesem spannenden Weg – mit Expertise, Leidenschaft und einem klaren Blick für die Stadt von morgen.