Nieder mit dem Kapitalismus!

Die Ausstellung „Living in the City“ in der Abflughalle des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhofs soll die Teilhabe von Bürger*innen an der Stadtentwicklungspolitik in Europa aufzeigen. Eine politische Ausstellung, die vor allem mit dem Kapitalismus abrechnet.

Fotos: Schnepp Renou

Deutschland hat derzeit die EU-­Rats­präsidentschaft inne. In diesem Zusammenhang will die Bundesregierung, genauer gesagt das Bauministerium, den Fokus auf Stadtentwicklungspolitik richten. „Living in the City. Von Städten, Menschen und Geschichten“, heißt eine Ausstellung (bis 20. Dezember, Platz der Luftbrücke 5), für die man die Abflughalle des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof gemietet hat.

Probleme nicht vergleichbar

Ein Ort, den zu bespielen den Kurator*innen Lukas Feireiss, Tatjana Schneider und dem Team TheGreenEyl sichtlich Spaß gemacht hat. Das stellt man sich nicht einfach vor, mit Beispielen aus ganz Europa zu zeigen, wie Städte durch aktive Teilhabe der Bürger*innen gestaltet werden können beziehungsweise wurden.

Die Ausstellung und der opulente Katalog (24 Euro) liefern denn auch keine Rezepte, sondern erzählen ein halbes Hundert „Geschichten“ und illustrieren dergestalt die „narrative Multi­ perspektivität von Stadt“. So umschifft man das Dilemma, dass es in jeder einzelnen Stadt vielgestaltigste Situationen, Probleme und Lösungsansätze gibt, die kaum mit­einander vergleichbar sind. Und wenn man dann den Blick über ganz Europa weitet, nach Kiruna zum Beispiel, das transloziert wird, weil es dem Bergbau im Weg steht, wird es gänzlich illusorisch, voneinander zu lernen. Da steht neben dem hippen Fluss­badetrend in der Schweiz der kalabrische Ort Riace, dessen Absterben dadurch verhindert wurde, dass Flüchtlingen aus nahöstlichen und afrikanischen Ländern vom Verein Città Futura eine neue Heimat gegeben wurde.

Ratlos, aber nicht gelangweilt

Die sicherlich verdienstvollen Aktivitäten der Gruppe Rotor in Belgien, die die Wiederverwendung von Abrissmaterial propagiert und betreibt, haben ja nur am Rande mit dem Thema Stadtentwicklungspolitik zu tun, so wenig wie die „afrofuturistische Vision“ des nigerianisch­amerikanischen Künstlers Olalenkan Jeyifous, der in Collagen Paris afrikanisch überwuchern lässt, gewisser­maßen als reziproke Kolonialisierung.

Die von Staatssekretärin Anne Katrin Bohle aufgeworfene Frage „Wie soll oder muss eine Stadt für alle aussehen?“ wird in der Ausstellung jedenfalls nicht beantwortet. Mir hat sich nur eine Erkenntnis aufgedrängt: Nieder mit dem Kapitalismus! Denn das eint fast alle erzählten „Geschichten“: Sie klinken sich aus aus dem System der privatwirtschaftlichen Vermarktung von Grund und Boden. Eine politische Aus­stellung also. Langeweile befällt die Besucher*innen nicht, manches wird sie interessiert oder überzeugt haben. Aber ein wenig ratlos tauchen sie wieder ein in die real existierende Stadt vor der Haustür.