Ein Friedhof  ist nicht nur ein Bestattungsort. Viele sind zugleich Räume für kontemplative Spaziergänge im Kontext kultureller Zeugnisse und einer spezifischen Naturszenerie mit hohem ökologischen Wert. Da viele Friedhöfe heute unter großem ökonomischen Druck stehen, stellt sich die Frage, ob das Potential dieser „sekundären“ Nutzungen und Qualitäten helfen kann, eine neue Attraktivität als Bestattungsort zu formulieren.

Pflegemanagement unterstützt artenreiche Wiesenflächen

Auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Berlin-Kreuzberg sind auf einer Gesamtfläche von 2,6 Hektar derzeit nur noch wenige Grabstellen in Pflege. Eine Nachfrage für neue Beisetzungen war in den vergangenen Jahren überhaupt nicht mehr zu verzeichnen. Im Gegensatz dazu steht der Friedhof im Fokus verschiedenster gesellschaftlicher Interessen. Er ist als Gartendenkmal zu erhalten und besitzt durch seinen Strukturreichtum eine große ökologische Bedeutung. Viele Anwohner schätzen den Friedhof als Freiraum mit besonderer Atmosphäre, die von Natur, Kultur, Ruhe und Vergänglichkeit geprägt ist.

Ziel des Konzeptes von relais Landschaftsarchitekten ist es, die städtische Bedeutung des Luisenstädtischen Friedhofs in kultureller, ökologischer und sozialer Hinsicht durch eine gestalterische Inwertsetzung auszuformulieren. Dazu präzisierte relais den Bestand motivisch und legte ein Pflegemanagement fest. Grabstellen ohne Denkmalschutz und ohne Grabnutzungsrecht wurden abgeräumt. Ein wesentliches Ziel bestand darin, die Vegetationsstruktur als Element der räumlichen Ordnung zu stärken. Gehölzaufwuchs wurde zur Freistellung markanter Alleestrukturen und Baumgruppen entfernt und die geschlossene Struktur der Alleepflanzungen wiederhergestellt. Ergänzend zur regelmäßigen Struktur der Hauptwege entstand ein an der Topographie ausgerichtetes System von Rasenwegen und gemähten Lichtungen, das die frühere informelle Durchwegung der Friedhofsquartiere aufgreift. Dieses differenzierte Pflegemanagement trägt zur Erhaltung und Entwicklung der artenreichen Wiesenflächen bei.

Friedhof als Freiraum stärken

Diese Wiesen definieren zugleich Aufenthaltsräume im Freien. Differenzierte Angebote dafür bietet eine freie Bestuhlung, die zur Erholung, für Trauerfeiern im Freien und Veranstaltungen genutzt werden kann. Zur atmosphärischen Verdichtung stellte relais in einem der Wiesenräume eine Regenwasserschale auf. Sie inszeniert Witterungsprozesse, bietet mit ihrer spiegelnden Fläche optisch reizvolle Perspektiven und wirkt sich günstig auf das Kleinklima aus. Diese gestalterischen Maßnahmen werden als Rahmen für verschiedene Formen neuer Bestattungsangebote aufgefasst.

Auf diese Weise wird das Profil des Friedhofs als Freiraum gestärkt. Dies kann zur Fortführung der Friedhofsnutzung beitragen oder Initiale für künftige Konversionsprozesse bieten.

Bauherr: Evangelischer Friedhofsverband Berlin Stadtmitte
Landschaftsarchitekt: relais Landschaftsarchitekten
Planung: Leistungsphase 1-9 nach § 39 HOAI
Fertigstellung: 2019
Fläche: 26 000 Quadratmeter

Lesen Sie mehr zur Konzeption von Friedhöfen in der G+L 03/2020.

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Quartier Glückstraße: Nachbarschaftliches Wohnen in Dortmund Derne

Der grüne Quartierpark im neuen Quartier Glücksstraße in Dortmund-Derne
Der grüne Quartierpark im neuen Quartier Glücksstraße in Dortmund-Derne, Abbildung: © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH / club L94 Landschaftsarchitekten GmbH

Auf dem ehemaligen Gelände des Kraftwerks Gneisenau in Dortmund-Derne möchte die Firma „Wilma Immobilien“ ein neues Wohnquartier errichten. Gemeinsam mit der Stadt Dortmund riefen sie einen städtebaulichen Wettbewerb ins Leben, dessen Siegerentwurf nun feststeht. Der Beitrag des Teams Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH und Club L94 Landschaftsarchitekten konnte das Preisgericht überzeugen und wurde bis zum 18. Juni im Bürgertreff in Dortmund-Derne ausgestellt.

Von Kohlekraftwerk zu Wohnquartier

Nachdem Wilma Immobilien aus Ratingen das Areal rund um das einstige Kohlekraftwerk an der Glückstraße erwarb, initiierten sie in Zusammenarbeit mit der Stadt Dortmund einen städtebaulichen Wettbewerb. Am 9. Mai 2023 wurde der Siegerentwurf für das rund 400 Wohneinheiten umfassende Quartier im Dortmunder Norden bekanntgegeben. Das Preisgericht, bestehend aus Fachkundigen aus der Planung sowie Vertretenden aus Politik und Verwaltung, kürte aus sieben eingereichten Entwürfen den Beitrag des Teams Pesch Partner Architektur Stadtplanung aus Dortmund und Club L94 Landschaftsarchitekten aus Köln zum Sieger.

Grün-Schwarz-Plan © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH
Grün-Schwarz-Plan © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH

Quartier Glückstraße: Motive aus Dortmunder Arbeitersiedlungen

Der Entwurf der nordrhein-westfälischen Arbeitsgemeinschaft überzeugt durch das Aufgreifen und Neuinterpretieren von gartenstädtischen Motiven aus den umliegenden charakteristischen Dortmunder Arbeitersiedlungen. Tragende Elemente sind hier der zentrale Quartierspark und die über das gesamte Areal verteilten Wohnhöfe. Während die unterschiedlich ausgeprägten Wohnhöfe zufällige generationenübergreifende Begegnungen ermöglichen, fungiert der baumüberstandene Quartierspark als zentraler Treffpunkt des neuen Wohngebiets. Hier wird die Aufenthaltsqualität durch eine sonnige Terrasse mit Gastronomie und Bewohnertreff nachhaltig gestärkt. Sitzstufen markieren den Übergang zum begrünten Park, der viel Raum zum Spielen bereitstellt. Bei starken Regenereignissen kann eine große Retentionsmulde temporär Wasser aufnehmen und langsam versickern.

Vogelflugperspektive © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH
Vogelflugperspektive © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH

Signifikante Grünstrukturen

Der gartenstädtische Charakter macht nicht an den Grenzen des Bearbeitungsgebiets halt, sondern zieht sich über das neu geschaffene Wegenetz bis in die umgebende Landschaft. So werden zwei Pfade, die vom Quartierspark in der Mitte hin zur urbanen Natur nördlich des  Wohngebiets führen, durch signifikante Grünstrukturen besonders hervorgehoben. Ihre Fortsetzung sollen die grünen Wohngassen im landschaftlichen Bereich in Form einfacher Holzstege finden. Weitere Wege verknüpfen das Quartier mit dem Bahnhof im Süden und den umliegenden Siedlungsgebieten. So ergibt sich eine fächerartige Figur, die sich selbstverständlich aus den städtebaulichen Richtungen der umliegenden Strukturen ergibt.

Hinsichtlich der Mobilität wird ein Fokus auf den Fuß- und Radverkehr gelegt. Über das dichte Netz an verkehrsberuhigten Wohnstraßen kann das gesamte Quartier bequem und gefahrlos unmotorisiert erschlossen werden. Die Erreichbarkeit mit dem PKW bleibt dabei dennoch gegeben. Hierbei erfolgt die Haupterschließung über die als Tempo-30-Zone ausgebildete und identitätsstiftende Glückstraße.

Schnitt © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH
Schnitt © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH

Klimakonzept im Quartier Glückstraße

Über die nachhaltige Verkehrsplanung hinaus zeigt sich das gesamte Konzept im Hinblick auf ein sich veränderndes Klima und dadurch drohenden Extremwetterlagen resilient. So sorgt der erhaltene Baumbestand durch Verdunstungskälte und Schatten für Abkühlung in Hitzeperioden. Helle Fassaden und Wegeflächen reflektieren einen großen Teil der einfallenden Sonnenstrahlung und vermeiden so eine starke Aufheizung des Quartiers. Überdies nutzen Photovoltaik und Kollektoren auf den Dachflächen die Sonnenenergie  für eine nachhaltige Stromversorgung. Starkregenereignissen begegnen die Planenden im Sinne der Schwammstadt mit vielfältigen Versickerungsmöglichkeiten und einer hohen Durchgrünung.

Der Plan für ein nachhaltiges und generationenübergreifendes Miteinander im neuen Quartier Glückstraße steht. Wenn nun auch die nächsten Schritte in der Umsetzung gelingen, kann der Name zum Programm werden und eine glückliche Nachbarschaft entstehen.

Auch das Erni-Areal in der Nähe von Zürich wurde vom Industriegebiet zum Wohnquartier: Alles zum „Quartier der tanzenden Paare“ hier.

Namibia, Foto: Unsplash
Namibia, Foto: Unsplash

In Namibia entsteht ein Projekt der Superlative. Eine neue Anlage zur Produktion grünen Wasserstoffes ist in Planung. Das Vorhaben stößt auf Zuspruch und Kritik gleichermaßen. 

Mammut-Projekt zu grünem Wasserstoff

Im Kampf gegen den Klimawandel und beim Ausbau erneuerbarer Energien ist auch grüner Wasserstoff vermehrt ein Thema. Dabei macht ein Vorhaben in Namibia derzeit besonders Schlagzeilen. Im Süden des Landes plant das Unternehmen Hyphen Hydrogen Energy ein Mammut-Projekt. Geht es nach den Verantwortlichen, soll die gigantische Anlage zur Spaltung von Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff, noch vor Ende des Jahrzehntes fertiggestellt werden. Fortan könnte sie dann jährlich zwei Millionen Tonnen Ammoniak produzieren und von dort aus in die ganze Welt verschiffen. Über 14 000 Quadratkilometer große Konzessionen im Tsau-Khaeb-Nationalpark sind dafür vorgesehen. Nicht nur die schiere Größe setzt Maßstäbe. Um die Prozesse der Spaltung und Weiterverbarbeitung zu ermöglichen, werden zukünftig rund 7 000 Megawatt Strom benötigt. Derzeit liegt der aktuelle Maximalverbrauch des gesamten Landes bei knapp über 600 Megawatt. Darüberhinaus werden weitere Infrastrukturen ausgebaut werden müssen. Beispielsweise eine neue Entsalzungsanlage, kilometerlange Pipelines und schließlich ein neuer Hafen in Lüderitz.

Wasserstoff ist ein Gas und tritt in Reinform nicht in der Natur auf – deshalb muss es erst aus Wasser gewonnen werden. Foto: Unsplash
Wasserstoff ist ein Gas und tritt in Reinform nicht in der Natur auf – deshalb muss es erst aus Wasser gewonnen werden. Foto: Unsplash

Von Inventionen und Teilhabenden

Es sind große Investitionen. Gleichsam hält das Projekt für Namibia enorme wirtschaftliche Chancen bereit. So James Mnyupe, der Wasserstoff-Sonderbeauftragte der namibischen Regierung: „Wir wissen, dass dieses spezielle Projekt fast 20 Prozent der heutigen Steuereinnahmen des Staates einbringen könnte“. Diese Zahl ist an Steuerabgaben, Lizenzgebühren und die Verpachtung der benötigten Gebiete im Nationalpark gekoppelt. Außerdem will Namibia mit 24 Prozent Anteilseignerin an dem Projekt zu werden. Bisherige Teilhaber von Hyphen sind die deutsche Aktiengesellschaft Enertrag sowie die britische Nicholas Holdings.

Namibia muss nun innerhalb der nächsten sechs Monate 90 Millionen US-Dollar investieren. Da sich das Projekt derzeitig noch im Entwicklungsstadium befinde, hielten sich die Kosten im erschwinglichen Rahmen. Sobald das Projekt zu einem Finanzierungsabschluss kommt, könnten die Kosten jedoch drastisch steigen. Mnyupe weist daraufhin, dass sich die Regierung dann entscheiden müsse, entweder die gesamten Anteile zu halten oder lieber Geld in die Entwicklung der notwendigen Infrastruktur zur Nutzung von grünem Wasserstoff und Ammoniak in Namibia selbst zu investieren.

Bisher sind von den prognostizierten zwei Millionen Tonnen Ammoniak keine zur Nutzung vor Ort vorgesehen. Vielmehr hat Hyphen Hydrogen Energy bereits Absichtserklärungen zur Abnahme des Rohstoffes mit ausländischen Interessierten getroffen. So etwa mit dem deutschen Energieversorger RWE, dem südkoreanischen Wasserstoffunternehmen Approtium und einem nicht namentlich genannten europäischen Chemiekonzern. Die Investitionen in Namibia sind auch deshalb nicht unumstritten.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe?

Gerade Deutschland hat in Namibia eine unrühmliche Vergangenheit. Das Land war von 1884 bis 1915 unter deutscher Kolonialbesetzung. In dieser Zeit wurden grausame Verbrechen an der Bevölkerung verübt. Der Völkermord an den Herero und Nama durch die deutschen Truppen forderte schätzungsweise bis zu 100 000 Opfer – und wurde bis heute von der Bundesregierung nie als Genozid anerkannt. Ein Projekt wie die Wasserstofffabrik der Hyphen hat somit auch eine große politische Dimension. Bei gemeinsamen Regierungsverhandlungen sagten die Bundesregierung und das Entwicklungsministerium (BMZ) Unterstützung bei der Stadtplanung im Umfeld der geplanten Produktionsanlagen in Lüderitz und bei der Ausbildung von Fachkräften zu. Weitere Fördergelder sind für Klimaanpassungen, den Schutz der Artenvielfalt und Verbesserungen in der Wasserversorgung vorgesehen.

Kritik und Ausblick

Noch im vergangenen Jahr kritisierte zum Beispiel Joseph Isaacks, der Vorsitzende des Regionalrats der Kharas-Region, die fehlende Einbeziehung der regionalen Politiker bei der Entwicklung des Projekts. Nach einer Einladung zur Unterzeichnung der Machbarkeitsvereinbarung lobte er nun Namibias Staatspräsidenten Hage Geingob für seine Visionskraft rund um die geplante Wasserstoffindustrie. Bevor die Vision Realität wird, stehen in den kommenden zwei Jahren umfassende Umwelt- und Machbarkeitsstudien an. Obeth Kandjoze, Vorsitzende des namibischen Regierungsgremiums für grünen Wasserstoff ist zuversichtlich hinsichtlich der Zukunft seines Landes: „Namibia muss seinen rechtmäßigen Platz als Drehscheibe für saubere Energie in Afrika einnehmen!“

Auch andernorts sucht man nach nachhaltigen Energien für die Zukunft, und zwar mithilfe von Energieinseln in der Nordsee.