Die Lehre an den Hochschulen ist kein statisches Konstrukt, sie entwickelt sich immer weiter. Semester um Semester werden Konzepte analysiert, neue Themenfelder diskutiert und innovative Projekte entwickelt. Studentische Entwürfe finden nur selten den Weg in die Öffentlichkeit. Zu Unrecht. Weisen die Arbeiten doch auch immer darauf hin, welche Arbeitsfelder Landschaftsarchitekten künftig beschäftigen werden. Aus diesem Grund haben wir einige Landschaftsarchitektur-Professoren gebeten, für uns die besten Abschlussarbeiten auszuwählen und den Absolventen die Möglichkeit zu geben, ihre Masterarbeiten dem Fachpublikum zu präsentieren.

Projekt: Kreidegrubenland – ein Räumliches Entwicklungskonzept für die Kreidegruben in Lägerdorf.

Marcella Knaack, Leibniz Universität Hannover, Verfasserin:
“Sie sind gigantisch groß, unheimlich tief, majestätisch weiß, schimmern milchig türkisblau oder flauschig grün. Die Gruben in Lägerdorf sind durch den Kreideabbau zur Zementproduktion entstanden. Die abgebauten Rohstoffe haben sich über Millionen von Jahren entwickelt. Die Rohstoffgewinnung stellt dabei nur eine Raumnutzung auf Zeit dar. Die bereits aufgeschlossene Kreide wird in einigen Jahren erschöpft sein. Was könnte also der nächste Schritt im Veränderungsprozess der beeindruckenden Buddellandschaften sein? Diese Masterarbeit betrachtet verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten des durch Abbau entstandenen Grubenlandes. Sie will Kombinationsmöglichkeiten, Synergieeffekte und Multifunktionales aufspüren. Das ‘Produktive Kreidemeer’ stellt dabei eine mögliche Zukunft des atemberaubenden Kreidegrubenlandes dar”.

Prof. Dr.-Ing. Martin Prominski, Betreuer: 
“Der Faktor Zeit steht für Marcella Knaack beim räumlichen Entwicklungskonzept für die Kreidegruben in Lägerdorf (Schleswig-Holstein) im Vordergrund. Der Kreideabbau der momentan erschlossenen Gruben wird bis 2035 abgeschlossen sein und schon jetzt sind Planungen gefragt für die Zeit danach. Die Arbeit akzeptiert, dass mehrere Entwicklungspfade möglich sind und entwirft nach einer ausführlichen Analyse des Ortes, bestehender Abbauprozesse sowie politischer und rechtlicher Vorgaben fünf Szenarien für das 270 ha große Gebiet: Erlebnisland, Energieland, Abbauland, Schutzland und Wasserland. Jedes Szenario wird in einer sehr gut lesbaren Axonometrie räumlich dargestellt, weiterhin werden ihre Vor- und Nachteile bewertet.  Aufgrund der Ungewissheit über den tatsächlichen Entwicklungspfad werden entlang eines Zeitstrahls in einer hierarchischen Matrix auch die möglichen Kombinationen zwischen den jeweiligen Szenarien aufgezeigt. Um noch genauere Eindrücke der räumlichen Qualität der Szenarien zu geben zeigt die Masterarbeit am Ende zwei maßstäbliche Entwürfe mit Lageplänen, Schnitten und Perspektiven. Marcella Knaack gelingt es damit, sowohl großräumig-strategisch als auch kleinräumig-atmosphärisch zu entwerfen”.

Das könnte Sie auch interessieren
Flussbett im Museum
Blick auf den geplanten Stadteingang.
Hamburger Senat nimmt Rahmenplan zu Stadteingang Elbbrücken an
Städtebaupreis 2014 ausgelobt
luftbildaufnahme-plaza-mit-baumen-und-gebauden-_NpSkRaTy0A
Planung in der Polykrise – Multikrisen-Management in der kommunalen Praxis
Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Regenwasserversickerung Berechnung
Regenwasserversickerung Berechnung: Funktion, Vorteile und Umsetzung
Technik und Ästhetik im Einklang
Zuhause bei … nonconform
ein-grosser-gruner-baum-vor-einem-gebaude-bBwuyopsdmE
Baumartenwahl für Hitzestandorte – was pflanzt die klimaresiliente Stadt?
topos 117 gastkuratiert
West 8 gastkuratiert – topos 117
Cities Initiative: Forum Connective Spaces

Auf dem Londoner Regent´s Kanal ließ sich Anfang August 2018 ein besonderes Gefährt entdecken: Ein goldenes, aufblasbares Bootstheater. AirDraft nennt sich die Konstruktion, entworfen von den Architekten Thomas Randall-Page und Benedetta Rogers. Das Boot hat den ersten Platz des diesjährigen Antepavilion gewonnen – einem Wettbewerb, der experimentelle Installationen auf öffentlichen Plätzen auszeichnet.

Schneller aufgeblasen als die Luftmatratze

Das Bootstheaters ist nicht nur hübsch anzuschauen, sondern auch clever designt: Die goldene Kuppel lässt sich in zwölf Minuten aufblasen, die Luft wieder rauszulassen kostet sogar nur halb so viel Zeit. Dank dieser Flexibilität manövriert es sich unter den zahlreichen Brücken des Kanals deutlich leichter. Das Architekten-Duo Randall-Page und Rogers arbeitete rund zehn Wochen an ihrer Vision. Dass die Kosten des ambitionierten Projekts mit rund 28 000 Euro überraschend gering ausfielen, zeigt, dass außergewöhnliches Design nicht immer teuer sein muss.

Ein Zeichen für die Kunst

Doch was wäre eine Bühne (ob auf dem Wasser oder nicht), ohne ein gutes Programm? Nicht viel und deshalb ist für die acht tägige Festivaltour auch einiges geboten: Ob Live Konzerte, Poetry Slams oder Stand-Up Comedy, für Unterhaltung auf dem Wasser ist gesorgt. Dabei ist den Architekten besonders wichtig, lokalen Künstlern eine Plattform zu bieten. Das Boot solle so auch ein Zeichen für den Erhalt der Londoner Independent Kunst Szene setzen, welche auf Grund steigender Miete immer mehr um ihren Platz kämpfen müsse, betont Randall-Page.

Alle Bilder: Jim Stephenson

„Sugar Valley“: Münchens neues Stadtquartier

Im Südwesten von München soll ein neues, nachhaltiges Stadtquartier namens Sugar Valley entstehen. ©Salvis Consulting AG
Im Südwesten von München soll ein neues, nachhaltiges Stadtquartier namens Sugar Valley entstehen. ©Salvis Consulting AG

Rund um die ehemalige Sendlinger Betonfabrik im Münchener Südwesten befand sich bisher vor allem ein Industriegebiet. Doch mit dem geplanten Stadtquartier „Sugar Valley“ möchte die Stadt dies nun in Rekordzeit ändern. Jetzt gibt es erste architektonische Einblicke in das Fünf-Minuten-Quartier.

Das Sugar Valley, entwickelt von der Salvis Consulting AG, soll auf etwa 150.000 Quadratmetern Mietfläche und 20.000 Quadratmetern Freifläche als neues, stilbildendes Quartier in der bayerischen Hauptstadt entstehen. Angedacht ist eine „moderne Arbeits- und Lebenswelt, in der Architektur und Außenanlagen sowie Nachhaltigkeit, Mobilität, Digitalisierung, Nutzungsmix und New Work miteinander verbunden sind“, so die Salvis Consulting AG, ein Entwickler aus München.

Dabei soll Sugar Valley auch eines der nachhaltigsten Quartiere Deutschlands werden. Das Energiekonzept basiert ausschließlich auf natürlichen Ressourcen. Weder beim Bau noch beim Betrieb soll das Projekt zusätzliches CO2 ausstoßen und sich tatsächlich ganz auf erneuerbare Energien konzentrieren.

Besser als daheim

Die Stadt München zeigte von Anfang an viel Interesse für die Bebauung des Areals rund um die alte Sendlinger Betonfabrik. Der Aufstellungsbeschluss erfolgte im Mai 2019, gefolgt vom ersten stadtplanerischen Workshop für ein derartiges Projekt in der Stadt. Innerhalb kurzer Zeit konnte die Stadt einen Bebauungsplan verabschieden und so ihrem Ziel, die gut an den ÖPNV angebundene städtische Brache zu entwickeln, ein Stück näherkommen.

Das Sugar Valley soll laut Stadtbaurätin Prof. Dr. Elisabeth Merk ein zukunftsfestes Stadtquartier werden, „welches Impulsgeber für die gesamte Stadt und für Obersendling ein identitätsstiftender und vielfältig nutzbarer Ort sein wird“.

Im ersten Bauabschnitt sollen bis 2027 drei Gebäude mit Büroflächen, öffentlichen Funktionen und eine Veranstaltungs- und Markthalle entstehen. Im Vergabeverfahren setzten sich die Architekturbüros J.MAYER.H und Partner, Architekten mbH aus Berlin und Cobe aus Kopenhagen gegen zehn andere internationale Büros durch. Laut Jury konnten beide Büros die Blaupause für eine positive Work-Life-Integration sehr gut umsetzen. Die beiden Entwürfe unterstützen damit das Motto von Sugar Valley: „besser als daheim“. Die Herausforderung wird darin bestehen, Menschen durch außergewöhnlich hohe Aufenthaltsqualität dazu einzuladen, ihr Homeoffice zu verlassen.

Die Aufenthaltsqualität in dem neuen Stadtteil mit seinen vielseitigen Nutzungen soll sehr hoch werden. ©Salvis Consulting AG
Die Aufenthaltsqualität in dem neuen Stadtteil mit seinen vielseitigen Nutzungen soll sehr hoch werden. ©Salvis Consulting AG

Eine Fünf-Minuten-Stadt in Bayern

Das Sugar Valley ist ein Leuchtturmprojekt für München. Unter anderem macht es 20.000 Quadratmeter Grün- und Freifläche für die Bevölkerung zugänglich – an einem Ort, wo früher täglich 175 Lkws verkehrten. Die voll versiegelte, leerstehende Industriebrache mit ihren Ruinen wird zu einer blühenden, nachhaltigen Landschaft. Dies soll laut Ulrich O. Fischer, Vorstand der Salvis Consulting AG, ein „architektonisches Ausrufezeichen auf internationalem Niveau“ werden und den Münchener*innen zugleich mehr Freiraum mit über 150 neu gepflanzten Bäumen geben.

Angedacht ist eine Fünf-Minuten-Stadt innerhalb der bayerischen Hauptstadt. Möglich wird dies durch die durchdachte Mischnutzung mit Bereichen für Arbeiten, Wohnen und Freizeitgestaltung. Obersendling bietet gute Voraussetzungen: Der Stadtteil ist sehr gut an das ÖPNV-Netzwerk angebunden, befindet sich fußläufig zur Isar und punktet mit schönen Blicken auf die Alpen sowie die Stadtsilhouette von München.

Weiterlesen: München streitet darüber, wie hoch Neubauten in der Stadt sein dürfen. Der Knackpunkt: Sollen die Türme der Frauenkirche mit ihren 99 Metern die Obergrenze darstellen?

Zwischennutzungsaspekte werden weitergeführt

Zum Sugar Valley gehört auch der Sugar Mountain, eine Anspielung auf den Zuckerhut in Rio de Janeiro. Rund um die alte Betonfabrik in Sendling befindet sich bereits dieses Areal, das im Rahmen einer Zwischennutzung zum Anwohnertreffpunkt für Kultur und Freizeit geworden ist. In Teilen soll diese Idee in das neue Konzept integriert werden.

Aber der beliebte bunte Turm, der derzeit den Sugar Mountain markiert, wird im September 2024 abgerissen. Danach beginnt der Neubau des neuen Quartiers Sugar Valley. Ein lachendes und ein weinendes Auge begleiten den geplanten Abriss. So erfreut sich etwa der bisherige Basketballplatz des Sugar Mountain einer intensiven Nutzung. Er könnte demnächst auf eines der neuen Dächer umziehen. Auch ein Pool sowie begrünte Dachterrassen sind auf den Türmen geplant. Denn die Aspekte Kunst, Kultur, Freizeit und Sport, die die Zwischennutzung definierten, sollen auch im Sugar Valley eine zentrale Rolle haben.

Aus dem bisherigen Sugar Mountain wird ab 2027 das Sugar Valley, wobei der sportlich-kulturelle Charakter der Zwischennutzung nach Möglichkeit erhalten bleiben soll. ©Salvis Consulting AG
Aus dem bisherigen Sugar Mountain wird ab 2027 das Sugar Valley, wobei der sportlich-kulturelle Charakter der Zwischennutzung nach Möglichkeit erhalten bleiben soll. ©Salvis Consulting AG

Sugar Valley könnte bis 2031 fertig sein

Insgesamt werden im Sugar Valley elf Gebäude entstehen, drei davon Hochhäuser mit Co-Working, Gastro, Fitness und Büros sowie Wohnungen. Über 30 Nutzungsarten aus allen Lebensbereichen und für alle Bevölkerungsgruppen sind vorgesehen. Dabei stehen die Mischnutzung und die Idee einer 5-Minuten-Stadt im Vordergrund. Soziale Begegnungsräume, Arbeitsplätze und direkte Einkaufsmöglichkeiten sollen leicht erreichbar sein.

Auch nachhaltig soll es zugehen: In einem 100-Punkte-Plan sind 100 Einzelmaßnahmen vorgesehen, die die Nachhaltigkeit des Projektes von Anfang an sichern sollen. Dazu gehören etwa Prinzipien der Kreislaufwirtschaft, die Nutzung oberflächennaher Geothermie, Sonne und Wind, der Einsatz von Wärmepumpen sowie ein klimaneutraler Bau. So könnte das Sugar Valley Münchens erstes Quartier werden, das beim Heizen und Kühlen CO2-neutral vorgeht.

Das Mobilitätskonzept klingt sehr modern: Oberirdisch soll das Sugar Valley autofrei sein. Parken ist in einer neuen Tiefgarage möglich, die Platz für 1.200 Autos bietet und auch E-Ladesäulen hat. 1.500 Radstellplätze sowie ein Radweg mitten durch das Quartier, der bis an die Isar führt, bieten Alternativen. Und mit der U-Bahn ist der Marienplatz in 13 Minuten erreicht.

2027 sollen für einen Preis von 300 Millionen die ersten drei Gebäude, inklusive einem 80 Meter hohen Büroturm, stehen. Bis zum letzten Bauabschnitt des Vorhabens könnte es 2031 werden. Es braucht also noch etwas Geduld, um das ganze Ergebnis zu sehen. Die 250 geplanten Mietwohnungen, davon 80 gefördert und 170 frei finanziert, werden gegen Ende des Projektes fertiggestellt.

Übrigens: Auch am Münchner Dreilingsweg soll ein neues Quartier entstehen, das aus einer vorwiegend landwirtschaftlich genutzten Fläche eine attraktive Nachbarschaft macht.