Eine Frau mit Helm fährt auf einem E-Tretroller über eine Straße.
Der E-Roller als Inbegriff der Mikromobilität: Welche Potenziale bietet diese eigentlich? Foto: JavyGo via unsplash

Mikromobilität ist ein wachsender Trend. Aber kann sie einen nennenswerten Beitrag zu nachhaltigerer Mobilität leisten? Mehr dazu lesen Sie hier.

Mikromobilität nimmt zu

Viel wird gestritten dieser Tage in Bezug auf die Verkehrswende. Neben spannenden Pilotprojekten mancherorts, tun sich andernorts immer noch viele Städte und Kommunen schwer damit, motorisierten Individualverkehr zu begrenzen und alternative Angebote attraktiv in die existierenden Infrastrukturen zu integrieren. Dabei ist die Liste an ebenjenen alternativen Verkehrsmitteln nicht zu kurz. Neben klassischem ÖPNV mit Bus und Bahn oder der Nutzung des Fahrrads, tauchen seit geraumer Zeit weitere Fortbewegungsmittel auf. Sie werden der sogenannten Mikromobilität zugerechnet.

Darunter versteht sich die Fortbewegung mit leichten, kompakten und individuell nutzbaren Geräten. Diese können sowohl elektrisch motorisiert als auch ohne elektrischen Antrieb konzipiert sein. Mikromobilitätsfahrzeuge sind meist für kurze Strecken von nur wenigen Kilometern konzipiert und fahren mit niedrigen Geschwindigkeiten, in der Regel unter 25 Kilometer pro Stunde. Bekanntestes Beispiel der Mikromobilität ist sicherlich der E-Tretroller, der vor einiger Zeit einen wahren Hype erfuhr. Zunächst hatte ein Sharing-Anbieter im Segment E-Tretroller im Herbst 2017 in Santa Monica/USA erste Modelle auf den Markt gebracht. Von dort verbreitete sich das Konzept rasch weltweit. Auch in Europa kamen die Roller an und sind nun aus kaum einer Innenstadt mehr wegzudenken. In Deutschland wurde im Juni 2019 gar eine eigene Verordnung über die Teilnahme von Elektrokleinstfahrzeugen (mit Lenk- und Haltestange) am Straßenverkehr verabschiedet, um die Nutzung der Tretroller im Stadtverkehr zu regeln.

Mehr als E-Roller

Neben den viel diskutierten E-Rollern gehören aber noch weitere Fortbewegungsmittel zur Mikromobilität. So zum Beispiel Segways, E-Leichtfahrzeuge, Hoverboards, Monowheels sowie E-Skateboards und klassische Skateboards zählen dazu. Durch ihre geringe Größe und Flexibilität bieten all diese Geräte gerade im städtischen Umfeld deutliche Vorteile gegenüber dem Pkw. Sie sind beispielsweise schnell eingepackt oder beinahe beliebig abstellbar und können außerdem auch in Zonen genutzt werden, die für den klassischen Autoverkehr gesperrt sind. Neben der Nutzer*innen-Freundlichkeit könnte die Mikromobilität dabei tatsächlich auch einen Beitrag zu einem besseren Stadtklima leisten. So schreibt das Deutsche Urbanistik Institut (Difu) in einem Bericht aus dem Jahr 2021: „Mikromobile leisten einen Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität, vor allem, wenn sie konventionelle PKW-Fahrten ersetzen.“

Kritik an Mikromobilität 

In dieser Aussage offenbart sich jedoch das Dilemma der Mikromobilität und ein großer Kritikpunkt. Denn Studien zeigen, dass Mikromobilität nicht in erster Linie dazu dient, bisherige Hauptverkehrsmittel zu ersetzen. So wird der E-Tretroller nicht statt des Autos, sondern oft zusätzlich benutzt. Für Strecken, die andernfalls zu Fuß  zurückgelegt werden würden. Dies ist bei einem Skateboard ohne Elektromotor nicht weiter dramatisch. Die Kleinstfahrzeuge mit E-Antrieb stehen hingegen in der Kritik. Denn die Umweltbilanz von Elektromobilität ist umstritten, da zum Beispiel der Abbau von Lithium vor Ort oft kaum als umweltverträglich und verantwortungsvoll zu garantieren ist.

Weiterhin hat das Überangebot an Rollern für die Infrastruktur der Stadt nicht nur Gutes getan. Vor allem unbedacht auf dem Gehsteig abgestellte E-Scooter können zum Beispiel für Menschen mit Sehbeeinträchtigung eine Gefahr darstellen. Roland Stimpel, Stadtplaner und Vorsitzender des Fußgängerschutzvereins FUSS e.V. etwa betont im Gespräch mit Deutschlandfunk, dass die Roller die bestehende Mobilität eher störten, als sie zu fördern. Viele Städte versuchen deshalb nachzujustieren. Vereinzelt finden sich bereits explizite Rollerparkplätze. Oder gleich Zonen, in denen das Abstellen und die Nutzung komplett verboten sind. So etwa in Paris. Dort tritt nach einer Bürger*innen-Befragung ab September diesen Jahres ein komplettes Verbot für E-Roller in der Innenstadt in Kraft.

Potenziale der Mikromobilität 

Ist die Mikromobilität also mehr Fluch als Segen? Ganz so simpel lässt sich die Debatte nicht auflösen. Denn gerade dort, wo keine anderen alternativen Verkehrsmittel zum Auto bestehen, entfaltet sie ihr Potenzial. Also zum Beispiel zur Verknüpfung von Umland, Stadtrand und Innenstadt. Dort können Tretroller, E-Leichtfahrzeuge oder E-Bikes als Zubringer auf der ersten bzw. letzten Meile im Zusammenspiel mit dem öffentlichen Verkehr zum Einsatz kommen. Dieser Lückenschluss im Netz des Öffentlichen Verkehrs macht die Nutzung der Mikromobilität attraktiver.

Ein weiterer positiver Aspekt ist das gemeinschaftliche Besitzmodell, das durch die Mikromobilität gefördert wird. Sharing-Angebote, die von einer Stadtverwaltung oder einer privaten Einrichtung unterhalten werden, beweisen, dass nicht zwingend jedes Individuum ein Fortbewegungsmittel besitzen muss. Vielmehr dient eine gemeinsame Flotte der Gemeinschaft und jeder nutzt frei nach Bedarf. Ein großer Pluspunkt gegenüber privaten PKWs, welche die meiste Zeit unbenutzt stehen. Auch aus ökonomischer Sicht ist ein solches Modell attraktiv. Denn der Abschluss einer Versicherung, die regelmäßige Wartung und der Kauf von Kraftstoff für den oder die Einzelne*n entfallen. 

Prognosen gehen davon aus, dass der Mikromobilitätsmarkt auch in Zukunft weiter wachsen wird. So prophezeit das Marktforschungsunternehmen Grand View Research aus den USA beispielsweise eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate des E-Scooter-Marktes von 7,6 Prozent zwischen 2021 und 2028. Wenn sich die Technologie dabei weiterentwickelt und es Städten gelingt, Herausforderungen in der Logistik auf kluge Weise zu meistern, könnte die Mikromobilität also tatsächlich zu einer nachhaltigeren Mobilität beitragen.

Mehr Beiträge zu Stadtmobilität und Verkehrswende finden Sie in unserem Themenspezial zu Mobilität.

 

Das könnte Sie auch interessieren
luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-GLnZNGNCqj4
Ensemble-Modelle erklärt – wie KI durch Schwarmintelligenz bessere Stadtentscheidungen trifft
Vergessene Garten-Perle in Palermo ausgezeichnet
drei gleiche Mock-Up Plakate des Flower Power Festival München hängen an einer dunklen Wand nebeneinander. Sie sind hellgrün mit einem lila-farmenen "P"
Flower Power Festival in München
Das Spiel von Licht und Schatten
“Steingärten haben einen negativen Einfluss auf die Lebensqualität”
eine-ampel-mit-einem-fahrradschild-daneben-w1L9gQYfGXE
KI-Optimierung für Verkehrsschilder und dynamische Hinweise
Lyon – Licht im Tunnel
luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-P2d8SKdbjEE
Hitze-Feedback-Tools für Bürger:innen – Messungen von unten
Eine gestaltete Garten- und Parkanlage zum Thema Großer Landschaftsgarten
Großer Landschaftsgarten: Grundlagen, Geschichte und Bedeutung
Reiseziel: München

Den Klimawandel leugnen – das kann man eigentlich nicht. Zu drückend sind die Erkenntnisse, die ihn offenkundig bestätigen. Einer schert sich darum gerade allerdings herzlich wenig: Donald Trump. Der hat ja nicht nur in jüngerer Zeit, sondern schon seit Jahren öffentlich und lauthals bekundet, dass er den Klimawandel für einen hoax, einen Schwindel, hält. Trump macht es sich einfach. Er gönnt sich den Luxus, sich aus der Verantwortung für die Ursachen des Klimawandels zu ziehen. Die, die aktuell im Alltag und im planerischen Prozess mit seinen Folgen – Starkregen, Hitze, Schneemassen – kämpfen, haben diese Möglichkeit schlicht und ergreifend nicht. Hier sind Lösungen gefragt, hier geht es ums Handeln und um Existenzen. Dabei spielt, und das ist der Schwerpunkt der Juliausgabe 2017 der Garten + Landschaft, klimagerechte Materialien eine immer größere Rolle. Wir haben neue Möglichkeiten und Technologien untersucht.


Hitze-Hotspot Stadt

Der urbane Raum fördert Wärmeinseln, die sich im Zuge des Klimawandels noch verstärken. Es kommt zur Überwärmung. Verantwortlich dafür sind die Gebäude selbst, die Versiegelung der Böden, fehlendes Grün und künstliche Materialien wie Beton und Asphalt. Wir sprachen mit Stadtplaner und Klimatologe Sebastian Kupski über Materialien, die sich positiv auf das Klima in urbanen Gebieten auswirken und darüber, wie eine klimabewusste Stadtentwicklung aussehen kann.

Smarte Straße
Der Bijlmerdreef in Amsterdam wird bis 2019 nach ökologischen Gesichtspunkten transformiert und damit einem grünen Facelift unterzogen. Der Entwurf der Landschaftsarchitekten karres+brands sieht eine Straße der Zukunft aus umweltfreundlichen Materialien vor, die Energie speichern, den Energieverbrauch verringern und sogar Wasser recyceln kann.

Eine Fliese gegen den Starkregen
Mithilfe eines neuen Regenwassermanagementsystems für Kopenhagens Gehwege will das Planungsbüro Tredje Natur auf die Folgen des Klimawandels reagieren. Um künftig große  Wassermassen durch Starkregen aufzunehmen, haben sie die „Klimafliese“ entwickelt. Das Projekt zeigt beispielhaft die Schwierigkeiten und Erfolgsaussichten urbaner Anpassungspläne an den Klimawandel, wobei Kopenhagen Versuchsfeld und globaler Vorreiter ist.


Die Wissen-Lieferanten

Sie bezeichnen sich als Zukunftsagentur, scannen den Markt nach innovativen Materialien und neuen Technologien der Materialherstellung. Ihr Wissen ist ihr Kapital. Mit diesem bringen sie Entwickler mit Unternehmen zusammen, Branche A mit Branche B, Forschungsinstitute mit Designern. Das große Ziel von Haute Innovation: Mit intelligenten Produkten die Kreisläufe der karbonisierten Industrie durchbrechen.

Klimawandel ist nicht für Weicheier
Falk Jaeger über die Bedeutungslosigkeit des Klimawandels – Eine Glosse

Mit Kunst gegen den Klimawandel
Klimaabkommen aufgekündigt, Rückkehr zur Nutzung von Kohle und Stahl, Depriorisierung des Umweltschutzes – wie sollen die USA eigentlich in zehn Jahren aussehen? In New York City setzt das interdisziplinäre Team Aesop nun ein Zeichen gegen den Klimawandel. Und dies überraschenderweise mit Aluminium.

Auf grünen Säulen gebaut
Seit März 2017 lehrt der Architekt Ferdinand Ludwig als Tenure-Track Assistant Professor an der TU München „Green Technologies in Landscape Architecture“. Zuvor leitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter das von ihm mitbegründete Forschungsgebiet Baubotanik an der Universität Stuttgart. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht – für einen Architekten ungewöhnlich – die Pflanze. Wir sprachen mit ihm über Vorteile und Herausforderungen des Baustoffs Pflanze in Zeiten des Klimawandels.

Frage: Wie gestalte ich meine Webseite?

Praxis: Wasser marsch! – Multicodierung von Flächen

Lösungen: Neue Lösungen und Systeme

Referenz: Bühnenreife Beleuchtung

Sichtachse: Zwischen Gosse und Kommerz

 

Hier geht’s zur Juli-Ausgabe 2017 Garten + Landschaft!

Hier geht’s zur Juni-Ausgabe 2017 Garten + Landschaft!

Feuervogel über Neu Holland

St. Petersburg

Die Installation „Firebird descent“ schwebte bis Ende September über dem von West 8 designten Stadtpark auf der Insel Neu Holland in St. Petersburg. Wechselnde Kunstinstallationen sind Teil des Parkkonzepts.

Neu Holland ist eine historische Landmarke unweit der Newa in St. Petersburg, Über drei Jahrhunderte von den Militärs genutzt und streng gehütet, war die Insel wohl im Bewusstsein der Einwohner der Stadt präsent, aber bis vor wenigen Jahren nicht zugänglich. Erst mit dem Ende der militärischen Nutzung setzte eine Diskussion über die mögliche Öffnung der Insel für die Bürger ein. Nach einem 2010 von Roman Abramovich gemeinsam mit Daria Zhukova entwickelten Konzept soll das Eiland in die Stadt integriert werden und neues Leben dorthin bringen. Der erste Schritt dazu war 2011 der Wettbewerb „Neue Ideen für Neu Holland“, den Work AC aus New York gewannen. Zudem wurde von 2011 bis 2013 getestet, wie das Areal von der Bevölkerung angenommen würde. Gut 700 000 Besucher in knapp zehn Monaten zeigten, wie begehrt der Ort ist und führten dazu, die erhaltenen Gebäude für Freizeit und Kultur umzunutzen sowie einen Stadtpark anzulegen.

Geplant von West 8 aus Rotterdam, öffnete er im Sommer 2016 und ist seither frei zugänglich. Dabei war es erklärtes Ziel der Planer, Kunstinstallationen im Park einzubringen. Wie etwa jetzt den „Firebird descent“ der Gruppe „Poetic Kinetics“ aus Los Angeles: Unter Bezug auf den magischen Feuervogel der slawischen Mythenwelt, der mit dem Wind lebt und den dieser bewegt, war der Feuervogel bis Ende September dort zu erleben. Zehn insgesamt rund 10 000 Quadratmeter große, über den Köpfen der Besucher wogende Schwingen aus schmalen Stoffstreifen – vom dezenten Aufplustern des vermeintlichen Gefieders bei leichten Brisen bis zum heftigen Auf und Ab der gesamten Installation bei kräftigen Böen. Gespannt warten nun alle, was dem Feuervogel folgen wird.