Minecraft inspiriert Schüler zur Stadtplanung

Ein 14-jähriger Gymnasiast aus München gewinnt mit seinem eigens entwickelten Programm für klimafreundliche Stadtplanung den bayerischen Landeswettbewerb „Schüler experimentieren“. Welche Rolle das Computerspiel Minecraft dabei spielt, lesen Sie hier. 

Schlecht für die Augen, schlecht für die Haltung, schlecht für die Psyche. Computerspielen wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder schlechter Einfluss diagnostiziert. Wie oft haben Eltern den Kopf geschüttelt, wenn das 15-jährige Kind bei Sonnenschein und 30 Grad vor dem Bildschirm hing, im abgedunkelten Zimmer Monster tötete oder seine Fantasyfigur durch Abenteuerwelten schickte. Statt sich mit Freunden draußen im Stadtpark zu verabreden, zockte das Kind mit Kopfhörern und Mikrofon gegen die Gaming-Community. 

Dass Computerspiele auch einen inspirierenden Einfluss haben und positives Verhalten fördern können, verliert sich hingegen häufig bei all den kursierenden negativen Assoziationen. Nicht alle Spiele sind Ballerspiele. Viele Spiele setzen auf Taktik, Strategie, Kreativität und eine offene, freie Dramaturgie. Zum Beispiel Minecraft. Nach aktuellem Stand ist das sogenannte „Open-World-Videospiel“ das absatzstärkste Computerspiel. Rund 200 Millionen Einheiten wurden bislang davon verkauft. 

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Programm für Stadtplanung gewinnt Sonderpreis

Nun brachten der Algorithmus und Aufbau des Spiels den 14-jährigen Münchner Schüler Nicolas vom Scheidt dazu, ein eigenes Programm für klimafreundliche Stadtplanung zu entwickeln. Er gewann den bayerischen Landeswettbewerb „Schüler experimentieren“, den Vorentscheid des bundesweiten Wettbewerbs „Jugend forscht“, und wurde mit dem Sonderpreis des Bayerischen Staatsministeriums ausgezeichnet. Mit seinem Programm lassen sich Städte virtuell planen und in 3D erkunden. Am Ende wird die Klimabilanz berechnet. Und alles sieht aus wie bei Minecraft. 

In Minecraft sind die Spieler*innen sich selbst überlassen, einmal angefangen, können sie Häuser bauen, Tiere züchten oder ganze Städte erstellen. Sie müssen dabei keine Aufgaben lösen oder Wettrennen gegen die Zeit gewinnen. Sie leben im virtuellen Raum vor sich hin. Die Sonne, ein gleißendes Quadrat am hellblauen Horizont, scheint zehn Minuten, dann ist der Tag vorbei. Einige Spieler sprechen von „Lego für Erwachsene“. Pixel für Pixel schaffen sie digitale Welten. 

 

Stadt und Gebäude simulieren, Klimabilanz berechnen

„Ich spiele gern Computerspiele und wollte auch etwas gegen den Klimawandel tun“, sagt der Achtklässler des Maria-Theresia-Gymnasiums in der Au in München gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Im Vorfeld habe er umfassend recherchiert, sich mit unterschiedlichen Bauweisen, CO2-Emissionen und Stadtplanung auseinandergesetzt. 

Um mit seinem Programm eine Stadt und ihre Gebäude zu simulieren und schließlich auch die Klimabilanz zu berechnen, kann man zwischen drei verschiedenen Baustofftypen – Glas, Holz oder Beton – wählen. Auch Straßenbreiten, Einwohner*innenzahl und Parkflächen lassen sich einkalkulieren. Die benutzerdefinierte Stadt verändert sich auf diese Weise dann je nach Parameter in Echtzeit. 

 

Minecraft blieb nostalgisch – und genau das ist sein Erfolg

Vom Scheidts 3D-Städte erinnern an die Pixelwelten aus den frühen 2000er-Jahren, als Computer noch fünf Stunden brauchten, bis sie hochgefahren waren und es ein Highlight war, Sonntagnachmittag eine Runde Lemmings zu spielen. Minecraft hat dieselbe Optik. Selbst zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung setzen die Entwickler*innen bei Microsoft auf einfache Texturen und Oberflächen. Die Pixel sind hier so groß wie der eigene Daumen auf dem Joystick. Bäume sind grüne Rechtecke, Monster keine bluttriefenden, schiefzähnigen Ungetüme, sondern Quadrate mit Strichbeinen. Und ein Gänseblümchen ist ein gelber Kreis mit weißem Kranz drumherum. Wie ein Spiegelei. 

Während die meisten Softwarefirmen und Programmierer heute ihre Grafik so weit optimieren, dass kaum mehr ein Unterschied zwischen Film und Videospiel festzustellen ist, blieb Minecraft nostalgisch. Genau das ist sein Erfolg – und führt dazu, dass es selbst diejenigen inspiriert, die ins Zeitalter der 4K-Auflösung und Virtual Reality-Technologie hineingeboren wurden. 

Sei Architekt und Stadtplaner


Ein Beispiel dafür, wie Bauwerke wie Kirche in Minecraft aussehen können, zeigt das Video.

Neben dem Schüler Nicolas vom Scheidt nutzen noch weitere Spieler*innen Minecraft als Werkzeug für Gebäude- und Stadtentwürfe. Jean-Marie Plich aus Bayern hat die Klosterkirche Münsterschwarzach Stein für Stein nachgebaut. Die Kirchen freut das. Und zwar so sehr, dass das Bistum Augsburg im ersten Corona-Lockdown vor einem Jahr einen Minecraft-Kirchenbau-Wettbewerb veranstaltet hat. Auch berühmte Gebäude und Landschaften wie die Hollywood Hills in Kalifornien oder das Brandenburger Tor in Berlin begegnen dem Spieler in den sogenannten Minecraft Maps, die man sich herunterladen kann. 

Neben Tutorials wie man zum Beispiel das Brandenburger Tor in Berlin baut, gibt es in der Virtuellen Welt auch Einblicke in die Bautätigkeiten anderer Spieler*innen. Wie hier in den Bau der New Yorker Freiheitsstatue.

Ob jemand wie Nicolas vom Scheidt nach seinem Schulabschluss in ein paar Jahren in die Stadtplanung einbiegen wird? Wer weiß. Dass die digitalen Fähigkeiten junger Menschen aber vielversprechend für die Entwicklung der gebauten und geplanten Umwelt sein werden, ist beinahe selbsterklärend.

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