Kühn geschwungene Formen und elegante Betonkonstruktionen – damit verbindet man das Werk Oscar Niemeyers. Der große Meister brasilianischer Architektur starb am 5. Dezember, nur zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag. Das Werk des in Rio des Janeiro aufgewachsenen Sohns eines deutschstämmigen Kaufmanns ist immens: Über 600 seiner Entwürfe wurden gebaut, hinzu kommen rund 20 Gebäude, die zurzeit realisiert werden. Es verwundert daher nicht, dass der Architekt in einem Interview anlässlich seines letzten Geburtstags den Enthusiasmus für die Architektur und sein Schaffen beteuerte. Schon der Beginn der beruflichen Karriere des Verehrers schöner Frauen und guter Zigarren war vielversprechend: Eines seiner ersten Bauten war das Ministerium für Bildung und Gesundheit, das er gemeinsam mit keinem geringeren als Le Corbusier – dessen Assistent er kurz nach Abschluss seines Studiums war – sowie seinen Landsmännern Lúcio Costa und Eduardo Reidy Ende der 1930er-Jahren in seiner Heimatstadt baute. Verantwortlich für die Gestaltung des Außenraums war der Studienfreund Roberto Burle Marx, mit dem Niemeyer in den folgenden Jahren mehrmals zusammen arbeitete.

Der eigentliche Durchbruch gelang dem Architekten zu Beginn der 1960er mit dem Bau der Regierungsgebäude für die in nur vier Jahren aus dem Boden gestampften Hauptstadt Brasília. Gemeinsam mit dem Stadtplaner Lúcio Costa entwickelte er hier eine den Prinzipien der Moderne folgende Stadt, die bis heute als Gesamtkunstwerk zu lesen ist 1987 von der Unesco zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt wurde. Doch auch außerhalb Brasiliens hinterließ Niemeyer seine Spuren: In Paris entstand die Zentrale der kommunistischen Partei, bei Mailand das Verlagsgebäude Mondadori oder im Berliner Hansaviertel das Interbau-Wohnhochhaus.

Die schönsten Gebäude stehen aber in seiner Heimat: Dort geht seine Interpretation der klassischen Moderne mit ihren weichen Linien in der üppigen Natur auf – so im Parque do Ibirapuera, wo die vor tropischen Regengüssen und sengender Sonne schützende, langgestreckte Dachkonstruktion weiß getüncht und mit kühnem Schwung die Besucher bis heute zu begeistern vermag.

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Die Neuigkeiten im Januar

Wettbewerbsübersicht Januar 2019 (2/2)

Brassel

Rathausvorplatz Bayreuth, 1. Rang HAHN HERTLING VON HANTELMANN, Berlin

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen monatlich über die spannendsten Wettbewerbsergebnisse.

Neugestaltung Marktplatz und Bohl in St. Gallen, 1. Preis Lorenz Eugster, Zürich, mit Brassel Architekten, Zürich, und Flühler Architektur, St. Gallen

Die Prinzipien „fließender Raum“ und „Platz in Platz“ bilden die Basis des Siegerentwurfs von HAHN  HERTLING  VON HANTELMANN für den Rathausvorplatz in Bayreuth. Mit ersterem stärken sie die ursprüngliche Idee des Rathausquartiers als offene Stadtlandschaft mit fließenden Übergängen. Nur wenige grüne Setzungen brechen den Platzraum auf und schaffen eine durchlässige Raumbildung. Die ehemalige Raumkante zum Luitpoldplatz deuten die Planer durch Bäume an – Hochstämme mit lichter Krone, die mit wohldefinierter Lücke den Haupteingang zum Rathaus inszenieren. Die Pflanzenpolster schaffen einen Platz im Platz. Dieser Binnenraum nimmt die Lauf- und Blickbezüge nach außen auf und verzahnt sie mit dem Umfeld. Trotz der Durchlässigkeit der Polster, ordnen sie den Platzraum in verschiedene Bereiche. Die Vorder- und Rückseiten werden dabei aber nicht gewichtet. Der Platz erschließt sich erst nach und nach, was die Jury als reizvoll erachtet. Ebenso begrüßt sie, dass die Planer das verbindende Thema Wasser aufgreifen und einen weiteren „Wassertrittstein“ zwischen Rotem Main und Mühlengraben schaffen.

 

MORO „lebendige Regionen“, Region Stuttgart, 1. Preis SPACE4, Stuttgart, Daniel Schönle Architektur und Stadtplanung, Stuttgart

Marktplatz und Bohl bilden den Kern der St Gallener Altstadt und sind wichtige Halte- und Umsteigeorte des ÖPNV. Der Siegerentwurf stellt die bisherige verkehrsbedingte räumliche Trennung von Marktgasse, Marktplatz und Bohl infrage. Er rückt die ursprüngliche, nordsüdlich gerichtete Hauptachse, die Marktgasse, in den Mittelpunkt. Diese Achse steht als großer flexibel nutzbarer Raum für Feste und Markt zur Verfügung; Marktplatz und Bohl bilden die angrenzenden „Platznischen“ als Orte des lebendigen Alltags, so die Intention der Verfasser. Die Schnittstelle bildet einen offenen, großzügigen urbanen Raum, der flexible Szenarien für vielseitige Nutzungen zulässt. Dafür muss die in der Achse liegende „Rondelle“, ein Markt- und Imbisspavillon aus den 1950er Jahren, weichen. Ersatz bietet eine Pavillon-Doppelstruktur im nordwestlichen Bereich des Marktplatzes. Die Jury lobt den Siegerentwurf als „mutigen Befreiungsschlag“. Der Entwurf biete mit der neugeschaffenen Leere einen Mehrwert und damit das eigentliche „Kapital“ für ein wiederbelebtes Zentrum.

 

Mit einer „Landschaftsparkroute“ beteiligt sich die Region Stuttgart am Modellvorhaben der Raumordnung (MORO) als eine von zwölf Modellregionen. Dafür will sie den bestehenden Museumsradweg von Weil der Stadt nach Nürtingen aufwerten, landschaftliche Zusammenhänge vermitteln, sowie die Heimatverbundenheit stärken. Die Szenographen SPACE4 und Daniel Schönle Architektur und Stadtplanung setzen auf emotionale und interaktive Themeninszenierung, taktile Elemente und digitale Vertiefung mit Hörbeiträgen. Der Radfahrer steht im Mittelpunkt, die Infostationen dienen als erlebnisorientierte Einstiegsorte. Die Gestaltung setzt dabei durch ihre Farbigkeit auf eine hohe Wiedererkennung. Die Elemente in Signalfarbe kennzeichnen das „Abholen“ an der Auftaktstation, das „Leiten“ in Form von Wegweisern und Bodenmarkierungen, sowie das „Orientieren“ an Haltestationen mit Karten- und Standortinformationen. Sogenannte „Ausblicke“ fokussieren als wegbegleitende Infoelemente Kultur, Kunst und Naturgeschichte der Region. Ein wiedererkennbares Zeichen entlang der Route bilden die Infostationen in archetypischer Hüttenform, die zugleich die Präsentation schützt.

 

Urban Mining – Die neue G+L im Juli 2026!

Foto: waiheng_tobi via Unsplash

Besonders beim Ausmisten merkt man, wie absurd unser Verhältnis zu Dingen geworden ist. Da steht ein Tisch, der noch Jahrzehnte halten könnte, aber weder will man ihn selbst noch nutzen noch will ihn jemand abholen. Nicht mal kostenfrei. Eine Lampe funktioniert, ein Kinderwagen rollt. Trotzdem werden sie zur Last. Zu schade für den Sperrmüll. Zu wertlos, um sie weiterzuverkaufen. Die einfache Lösung: Ab in die Verschenken-Box vor die Haustür. Problem gelöst, Gewissen beruhigt. Dieses Vorgehen war in den letzten Jahrzehnten so beliebt, dass Berlin im Sommer 2025 neue Bußgelder für das „illegale Entsorgen von Müll“ festsetze.  

Stadt als Vorrat

Feststeht: Wert kippt nicht, weil ein Gegenstand kaputt ist. Wert kippt, weil unser System keine Geduld mit Dingen hat. Diese Logik prägt auch den Umgang mit Häusern und Baustoffen. Deutschland produzierte laut Umweltbundesamt 2023 rund 198,8 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle. Während Europa über Rohstoffsicherheit und Klimaziele redet. Man muss diese Gleichzeitigkeit aushalten: Wir suchen Material am anderen Ende der Welt und übersehen, was längst vor unseren Füßen liegt. 

Urban Mining setzt an diesem Widerspruch an. Der Begriff klingt nach Werkzeugkasten und Staub. Doch er verlangt mehr als bessere Sortieranlagen. Er zwingt uns, die Stadt als Vorrat zu lesen, bevor der Bagger Fakten schafft. Wir halten diesen Blick für richtig. Wer Bestand als Rohstofflager ernst nimmt, kann Abriss nicht mehr als beiläufigen Startpunkt behandeln. 

Diese Ausgabe der G+L zeigt, wie konkret das in Stadtplanung und Landschaftsarchitektur wird. In Heidelberg rückt das Patrick-Henry Village die Frage in den Maßstab eines ganzen Stadtteils. Die Grellgasse 3 in Wien zeigt, dass Wiederverwendung Entwurf verlangt, und nicht allein gute Absicht ist. Und im Gespräch mit Dirk Hebel vom KIT sprechen wir mit ihm über die Grenzen von Urban Mining, aber auch darüber, was Deutschland von Äthiopien lernen kann.   

Grüner Trostpreis

Und das ist auch dringend nötig. Der Circularity Gap Report 2025 beziffert den Anteil sekundärer Materialien an der globalen Wirtschaft auf 6,9 Prozent. Von Kreislaufwirtschaft sind wir weit entfernt. Die Linie dominiert, nur das Vokabular klingt besser. UNEP warnt im Global Resources Outlook 2024 vor weiter steigendem Rohstoffverbrauch. Wir können also weiter so tun, als lösten Technik und Moral das schon irgendwie. Oder wir fragen endlich, warum neu so oft einfacher, billiger und rechtlich sicherer ist als weiterverwenden. Urban Mining wird erst dann ernst, wenn es nicht als grüner Trostpreis für Abriss dient. Der beste Rohstoff bleibt der, den wir gar nicht erst ausbauen müssen. 

Die Juniausgabe gibt es hier im Shop.

In unserer Juniausgabe drehte sich alles um das Thema Quartiersentwicklung. Lesen Sie hier mehr davon.