Noch mehr Tacheles!

Prof. Lilli Licka (Foto: privat)

Wenn Sie heute nochmal Student wären. Was würden Sie anders machen als Ihre Studenten?

Die G+L vom September 2019 ist den Studenten der Landschaftsarchitektur gewidmet. Professoren, Absolventen und Studenten kommen zu Wort. Wir haben sie gefragt, was sie anders machen würden, wo die größten Herausforderungen liegen und ob das Studium auf das Berufsleben vorbereitet. Hier sind mehr von ihren Antworten.

Lilli Licka, Professorin

Wenn ich heute noch einmal Studentin wäre, würde ich versuchen, aus all den Angeboten an Weiterbildung, internationalem Austausch und aus der Verbindung von Praxis und Studium das meiste herauszuholen. Dafür müsste ich weniger auf durchgängige Top-Noten hinarbeiten als auf Wissen und Erfahrungen, die mich das Gelernte einordnen und priorisieren lassen. Dabei würde ich die Möglichkeit der Auszeit vom Studium ebenso in Erwägung ziehen, etwa um ein internationales Praktikum zu machen oder in ein anderes verwandtes Fach zu schnuppern, als auch die Angebote an anderen Universitäten in derselben Stadt in Anspruch nehmen und Kunstunis, technische Unis oder im Rahmen von Austauschprogrammen auch internationale Universitäten besuchen.

Worin liegen Deiner Ansicht nach aktuell die größten Herausforderungen im Studium?

Svenja Schmitz, Studentin

In der Landschaftsarchitektur kann man sich leicht verlieren. Das Feld ist groß und interdisziplinär. An der Uni bemühen sie sich, uns ein größtmögliches Spektrum an Wissen zu vermitteln. Das ist gut gemeint. Bei all den Pflichtblöcken ist es aber schwer, sich auf das zu spezialisieren, was einen begeistert. Vor allem bei der fehlenden Zeit – für mich die zweite Herausforderung. Es gibt so viele berühmte Landschaftsarchitekten, deren Werke man gesehen, deren Bücher man gelesen haben muss. Dafür bleibt kaum Zeit, weil ich mich in unsere Projekte reinhänge und parallel arbeite. Ich würde gerne mal tagelang nach Inspiration stöbern, ohne dabei nur ans Projekt zu denken.

Was kommt im Studium heute zu kurz?

Fühlst du dich gut auf das reale Arbeitsleben vorbereitet?

Prof. Martin Prominski

Zu kurz kommt heute der persönliche Freiraum, denn durch die Bolognareform sind die Unis verpflichtet, die Studierenden mit einer 40 Stunden-Woche zu füttern. Dieses begünstigt eine Konsumentenhaltung statt Eigeninitiative.

Tobias Guggenberger, Absolvent

Ich empfand es als großen Vorteil, nach dem Bachelor ein Gapyear zu machen, um umfangreiche Berufserfahrungen zu sammeln. Im Master konnte ich mich dadurch bewusster auf die Inhalte des Studiums fokussieren. Durch diese intensive Auseinandersetzung konnte ich vorallem aus den Semester-Studios viel für den Beruf mitnehmen. Auch erfolgreiche Teilnahmen an unterschiedlichen Wettbewerben waren  hilfreiche Vorbereitungen auf das (Arbeits-)Leben nach der Uni.

 

Weitere Fragen und mehr Antworten finden Sie in der G+L 09/2019 mit dem Thema Studentische Arbeiten.

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Stadtplätze – Die G+L im Dezember 2022

Stadtplätze – Die G+L im Dezember 2022. Coverfoto: Paola Corsini
Stadtplätze – Die G+L im Dezember 2022. Coverfoto: Paola Corsini

Vom repräsentativen Marktplatz bis hin zum kleinen Quartiersplatz: Die Gestaltung von Stadtplätzen zählt zu den Lieblingsdisziplinen von Landschaftsarchitekt*innen. In der Dezemberausgabe 2022 stellen wir die neusten Highlight-Projekte im europäischen Raum vor und diskutieren mit gesondertem Blick auf Klimawandel und Nutzungskonflikte, was ein Stadtplatz je nach Maßstab heute können muss.

Auf dem Wochenmarkt einkaufen, Freunde treffen, Kinder flitzen lassen

In der Regel langweilen mich Juryentscheide zu neuen Plätzen. „… ein Ort zum Verweilen, nachhaltig, klimagerecht, der sich klar und gut ins städtebauliche Umfeld einfügt.“ Sie klingen alle gleich. Man hat ganz automatisch kaum noch Lust, sich den Gewinnerentwurf anzuschauen. Der kann dann noch so gut sein. Aber Mensch, hier geht es doch um Stadtplätze! Gerade die müssen doch so viel mehr leisten können. Oder?

Auf Stadtplätzen trifft man schließlich tags wie nachts spontan, ohne große Verabredung oder Hin- und Hergetexte Freunde und Bekannte, fährt mit dem Rad vorbei, hält kurz oder länger an, kauft Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt, trinkt abends vielleicht mal ein, zwei Glaserl Wein, mal grüßt man nur flüchtig, mal versackt man, lässt die Kinder durch die Gegend flitzen, nickt den Älteren zu, wechselt ein paar freundliche Worte, wie es denn so geht, und läuft irgendwann dann glücklich nach Hause.

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Aufenthalt kaum planbar

So oder so ähnlich zumindest meine vollkommen überzogen romantische Vorstellung eines Stadtplatzlebens. Und ich muss eingestehen: Sie ist keine Realität. Leben findet in der Stadt statt, ja, aber immer weniger auf dem Stadtplatz. Vielmehr ruht hier der ein oder andere Obdachlose. Auch voll okay, aber mit einer lebendigen Piazza haben hierzulande die wenigsten Plätze etwas zu tun.

Wir müssen drei Punkte anerkennen: 1.) Die Nutzung von Stadtplätzen, von Quartiers-, aber auch von repräsentativen Plätzen wie Kirch- oder Rathausplätzen, verändert sich. Fortlaufend. 2.) Der tatsächliche Aufenthalt ist kaum planbar – etwas, das VOGT Landschaftsarchitekten im Artikel zum Klosterplatz Einsiedeln im Übrigen auch bestätigen. 3.) Wir haben ein massives Problem mit zu vielen versiegelten Flächen in der Stadt.

 

Aus Stadtplatz wird Stadtwald

Warum also nutzen wir den Platz nicht anders und reagieren auf alle drei Punkte? Wir könnten jetzt sämtliches Wissen zu Stadt- plätzen einfach über Bord werfen und auf Bestandsplätzen nur noch überall Stadt-Biotope, Stadtwälder oder urbane Rückhaltebecken installieren. Oder aber wir trauen uns eine Mischung und agieren wieder stärker je nach Raum (und Stadt) bedürfnisorientiert.

Wie das aussehen kann, das zeigen die Projekte im vorliegenden Heft. Mit dabei sind unter anderem S2L, die in Genf einen unaufgeregten, aber maximal intelligenten Entwurf realisiert haben, das dänische Büro SLA, das in Silkeborg aus Stadtplätzen Stadtwälder machte, sowie die Idee eines überdachten Stadtplatzes im Rahmen des umstrittenen Herzog & de Meuron Hochhausprojekts der Paketposthalle in München.

So oder so: Das Potenzial zu genialen neuen Projekten ist da. Auf also in eine Zukunft, in der das Lesen von Juryentscheiden hoffentlich bald wieder mehr Spaß macht und Neugier weckt.

Die G+L 12/22 zu „Stadtplätzen“ ist bei uns im Shop erhältlich.

Im November ist die gastkuratierte Ausgabe der G+L erschienen. Die These das Landschaftsarchitekturbüros SINAI in dem Heft: Wir stehen vor einer radikalen Wende in der Kultur unserer Raumproduktion. Mehr dazu hier.

 

Thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans

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Stimmungsvolles Stadtpanorama mit Gebäudereihe und bewölktem Himmel, fotografiert von Wolfgang Weiser

Hitzewellen, tropische Nächte, überhitzte Plätze: Die Klimakrise macht unsere Städte zum Härtetest für Mensch, Material und Stadtgrün. Wer heute resilient planen will, braucht valide Daten zu thermischen Belastungen – und zwar nicht irgendwann, sondern am besten sofort. Thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans bietet genau das: präzise, dynamisch und überraschend alltagstauglich. Aber wie funktioniert das Verfahren? Wo wird es eingesetzt? Und wie verändert es die Praxis von Stadtplanung und Landschaftsarchitektur? Zeit, dem Thema auf den Grund zu gehen – und dabei die Stadt wortwörtlich in einem neuen Licht zu sehen.

  • Thermische Resilienzmessung als Schlüssel für klimaangepasste Stadtplanung
  • Funktionsweise und Vorteile von Infrarot-Scans im urbanen Raum
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Integration von Thermodaten in digitale Stadtmodelle und Planungsprozesse
  • Herausforderungen, Datenschutz und Interpretation von Infrarot-Messwerten
  • Bedeutung für nachhaltige Quartiersentwicklung und urbane Freiräume
  • Innovative Ansätze für Monitoring, Beteiligung und adaptive Planung
  • Ausblick: Wie Infrarot-Scans die Zukunft der Stadtgestaltung prägen werden

Thermische Belastung sichtbar machen: Was leisten Infrarot-Scans wirklich?

Die Suche nach effizienten Methoden zur Messung urbaner Hitzeinseln beschäftigt Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Umweltämter seit Jahren. Doch während klassische Wetterstationen punktuelle Daten liefern und aufwändige Simulationen oft an der Komplexität scheitern, eröffnen Infrarot-Scans einen ganz neuen Zugang: Sie machen die thermische Realität des Stadtraums unmittelbar sichtbar. Mit modernster Sensorik – meist auf Drohnen, Fahrzeugen oder sogar zu Fuß getragen – werden Oberflächentemperaturen im Stadtraum großflächig und hochauflösend aufgenommen. Die dabei entstehenden Thermogramme zeigen in Echtzeit, wo sich Asphaltflächen aufheizen, wo Fassaden Hitze speichern oder welche Grünflächen tatsächlich kühlen. So lässt sich das Mikroklima in einer bislang unerreichten Detailtiefe erfassen und analysieren.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Jede Oberfläche sendet in Abhängigkeit ihrer Temperatur Infrarotstrahlung aus. Infrarot-Kameras detektieren diese Strahlung und übersetzen sie in Farbbilder, die Temperaturunterschiede auf wenigen Grad genau abbilden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Messung zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern der Vergleich über verschiedene Tageszeiten, Wetterlagen und sogar Jahre hinweg. Dadurch entsteht ein dynamisches Bild der städtischen Wärmeverteilung, das weit über die Möglichkeiten klassischer Messverfahren hinausgeht.

Doch wie werden diese Daten genutzt? In Pilotprojekten etwa in München, Basel oder Wien dienen Infrarot-Scans längst nicht mehr nur der wissenschaftlichen Analyse. Sie helfen, gezielt Maßnahmen zu planen: Wo lohnt sich die Nachrüstung von Verschattungen? Welche Straßen sollten entsiegelt oder begrünt werden? Wo sind Fassadenbegrünungen besonders wirkungsvoll? Die Thermogramme liefern dafür eine objektive Grundlage, die Planungsentscheidungen belegbar und nachvollziehbar macht. Für Förderanträge, Bürgerbeteiligung und politische Kommunikation sind diese bildhaften Daten oft Gold wert.

Ein weiterer Vorteil: Infrarot-Scans sind flexibel einsetzbar. Sie lassen sich sowohl im Bestand als auch in Neubauquartieren durchführen. Sogar temporäre Effekte – etwa nach Starkregen oder während Hitzewellen – können gezielt erfasst werden. Damit werden Planer in die Lage versetzt, die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Steigerung der thermischen Resilienz direkt zu überprüfen und bei Bedarf nachzusteuern. Die Technologie ist dabei keineswegs Zukunftsmusik, sondern in der Praxis angekommen – sofern man sie richtig einzusetzen weiß.

Nicht zuletzt sind Infrarot-Scans ein mächtiges Instrument, um die Diskussion um Stadtklima aus der Grauzone abstrakter Zahlen in die sinnlich erfahrbare Realität zu holen. Sie machen sichtbar, was sonst verborgen bleibt – und liefern damit nicht nur Planern, sondern auch Bürgern und politischen Entscheidern ein überzeugendes Argumentarium für eine klimaresiliente Stadtentwicklung.

Von der Messung zur Planung: Integration von Thermodaten in urbane Prozesse

Die eigentliche Kunst beginnt nach der Messung: Wie werden die gewonnenen Thermodaten in den Planungsalltag integriert? Hier zeigt sich, dass Infrarot-Scans ihren vollen Wert erst im Zusammenspiel mit digitalen Stadtmodellen, GIS-Systemen und partizipativen Prozessen entfalten. Moderne Infrarot-Sensorik ist heute in der Lage, Daten punktgenau zu verorten und mit bestehenden Geodaten zu verschneiden. So entstehen Layer, die sich mit Informationen zu Vegetation, Versiegelung, Gebäudenutzung oder Verkehrsaufkommen kombinieren lassen. Für Planer eröffnen sich dadurch ganz neue Analyseoptionen: Wo entstehen Hotspots in dicht bebauten Quartieren? Wie verändert sich die Temperatur nach Umgestaltungsmaßnahmen? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Grünflächen und angrenzender Bebauung? Die Antworten liefern nicht länger Mutmaßungen, sondern messbare Fakten.

Besonders spannend ist die Verknüpfung der Thermodaten mit Urban Digital Twins – also digitalen Zwillingen der Stadt. Hier werden Infrarot-Scans zum Herzstück eines datengetriebenen Planungsprozesses. Sie ermöglichen Simulationen, in denen verschiedene Varianten der Flächengestaltung, Begrünung oder Materialwahl auf ihre Wirkung hin getestet werden können. Was passiert, wenn ein Parkplatz entsiegelt wird? Wie stark kühlt ein neuer Stadtpark tatsächlich? Welche Dachbegrünung bringt messbare Effekte? Solche Fragen lassen sich im Digital Twin nicht nur hypothetisch, sondern unter Einbeziehung realer Messdaten beantworten.

Auch für das Monitoring thermischer Resilienz sind Infrarot-Scans ein Quantensprung. Wiederholte Messungen im Jahresverlauf oder nach Umsetzung von Maßnahmen ermöglichen eine objektive Bewertung der Entwicklung. So kann überprüft werden, ob ein neues Baumdach tatsächlich für kühlere Oberflächentemperaturen sorgt – oder ob zusätzliche Eingriffe notwendig sind. Die Thermodaten werden so zu einem Steuerungsinstrument, das adaptive Planung und kontinuierliche Optimierung erlaubt.

Ein weiterer Aspekt ist die Kommunikation: Thermogramme sind anschaulich, leicht verständlich und eignen sich hervorragend für Bürgerbeteiligung sowie politische Entscheidungsprozesse. In Beteiligungsverfahren können sie genutzt werden, um Betroffenheit zu visualisieren, Handlungsoptionen zu diskutieren und die Wirkung von Maßnahmen zu vermitteln. Damit wird die oft abstrakte Debatte um Stadtklima und Resilienz konkret und nachvollziehbar.

Die Integration von Infrarot-Scans in urbane Planungsprozesse ist allerdings kein Selbstläufer. Sie erfordert Know-how, geeignete Schnittstellen und eine strategische Einbettung in bestehende IT- und Dateninfrastrukturen. Wer jedoch die Chancen erkennt und systematisch nutzt, verschafft sich einen entscheidenden Vorsprung in der klimaresilienten Stadtentwicklung.

Praxisbeispiele: Wie Städte im DACH-Raum auf Infrarot-Scans setzen

Werfen wir einen Blick auf die Praxis: In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es mittlerweile zahlreiche Kommunen, die Infrarot-Scans als festen Bestandteil ihrer Klimaanpassungsstrategien nutzen. Ein Vorreiter ist die Stadt Wien, die bereits 2020 das gesamte Stadtgebiet mit mobilen und stationären Infrarot-Sensoren kartiert hat. Die daraus entstandenen Hitzekarten werden für die Planung neuer Parks, die Begrünung von Straßen und die gezielte Förderung von Gründächern genutzt. Besonders in dicht bebauten Gründerzeitquartieren liefern die Daten wertvolle Hinweise, wo Schatten und Verdunstung dringend fehlen.

Auch die Stadt Basel hat in den vergangenen Jahren umfangreiche Thermoscans durchgeführt. Hier lag der Fokus auf Schulhöfen, Spielplätzen und öffentlichen Plätzen – mit teils überraschenden Ergebnissen. So zeigte sich, dass nicht nur Asphaltflächen, sondern auch bestimmte Arten von Kunststeinbelägen zu massiven Hitzeinseln werden können. Die Stadt reagierte prompt: Materialvorgaben wurden angepasst, Beschattungen nachgerüstet und Pilotflächen begrünt. Die Wirkung wird durch regelmäßige Nachmessungen überprüft – ein Paradebeispiel für evidenzbasierte, adaptive Planung.

In München setzt das Referat für Stadtplanung und Bauordnung auf eine Kombination von Drohnenbefliegungen und bodengestützten Infrarot-Scans. Hier werden neben Oberflächentemperaturen auch Daten zu Luftfeuchtigkeit und Strahlungsfluss erfasst. Die so entstandenen Modelle dienen nicht nur der Planung neuer Grünflächen, sondern auch der Priorisierung von Maßnahmen zur Entsiegelung und Verschattung. Besonders im dicht besiedelten Innenstadtbereich helfen diese Daten, gezielt die am stärksten belasteten Hotspots zu entschärfen.

Ein weiteres Beispiel liefert die Stadt Zürich: Dort werden Infrarot-Scans im Rahmen des Projekts „Stadtklima Zürich“ systematisch in die Stadtentwicklung integriert. Die Daten fließen direkt in den städtischen Digital Twin ein und werden mit Verkehrs-, Energie- und Biodiversitätsdaten kombiniert. Auf dieser Basis werden Szenarien für die klimatische Entwicklung ganzer Quartiere erstellt – und gezielt Maßnahmen zur Steigerung der thermischen Resilienz abgeleitet.

Diese Beispiele zeigen: Infrarot-Scans sind längst mehr als ein nettes Gimmick für Wissenschaftler. Sie sind ein praxistaugliches, vielseitiges Werkzeug, das die klimaresiliente Entwicklung urbaner Räume messbar, steuerbar und kommunizierbar macht. Wer sich heute damit beschäftigt, gestaltet die Stadt von morgen aktiv mit.

Herausforderungen und Grenzen: Was Planer beim Einsatz von Infrarot-Scans wissen müssen

So verlockend die Möglichkeiten auch sind: Der Einsatz von Infrarot-Scans in der Stadtplanung wirft eine Reihe von Herausforderungen auf, die es zu beachten gilt. Zunächst ist da die Frage der Datenqualität. Oberflächentemperaturen werden durch zahlreiche Faktoren beeinflusst – Sonneneinstrahlung, Wind, Materialeigenschaften, Verschattung oder Feuchtigkeit. Wer belastbare Aussagen treffen will, muss Messungen unter vergleichbaren Bedingungen durchführen und die Daten sorgfältig interpretieren. Ohne meteorologisches Know-how und Erfahrung mit Sensorik drohen Fehlinterpretationen, die schnell zu falschen Planungsentscheidungen führen können.

Ein weiteres Thema ist der Datenschutz. Gerade bei hochauflösenden Drohnenaufnahmen können sensible Bereiche wie private Gärten, Balkone oder Fenster versehentlich erfasst werden. Auch wenn Infrarot-Bilder keine Personen im klassischen Sinn abbilden, ist eine datenschutzkonforme Erhebung und Verarbeitung unerlässlich. Viele Kommunen setzen daher auf Transparenz, Information der Öffentlichkeit und technische Maßnahmen zur Anonymisierung betroffener Bereiche.

Die Integration in bestehende Planungsprozesse erfordert zudem eine offene IT-Infrastruktur. Datenformate müssen kompatibel sein, Schnittstellen zu GIS- und BIM-Systemen funktionieren und die Speicherung langfristig gesichert werden. In vielen Städten sind diese Voraussetzungen noch nicht flächendeckend gegeben – hier ist Pionierarbeit gefragt. Nicht zu unterschätzen ist auch der Schulungsbedarf: Planer, Behörden und Dienstleister müssen im Umgang mit Thermodaten geschult werden, um das Potenzial voll auszuschöpfen.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Skalierbarkeit. Während punktuelle Scans schnell und kostengünstig durchgeführt werden können, ist eine flächendeckende, wiederholte Messung des gesamten Stadtgebiets aufwendig. Hier sind Kooperationen zwischen Kommunen, Forschungseinrichtungen und Technologieanbietern gefragt, um Synergien zu nutzen und Ressourcen effizient einzusetzen. Auch Open-Data-Ansätze können dazu beitragen, die Verfügbarkeit und Nachnutzung der Daten zu erhöhen.

Trotz aller Herausforderungen ist klar: Infrarot-Scans sind kein Allheilmittel, aber ein mächtiges Werkzeug im Arsenal der klimaresilienten Stadtplanung. Wer ihre Stärken kennt und ihre Schwächen berücksichtigt, kann damit einen echten Beitrag zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels leisten.

Ausblick: Die Zukunft der thermischen Resilienzmessung und ihre Rolle für die Stadt von morgen

Die Thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans steht erst am Anfang ihrer Möglichkeiten. Technologische Entwicklungen schreiten rasant voran: Neue Sensoren bieten noch höhere Auflösungen und Genauigkeiten, KI-gestützte Auswertung automatisiert die Interpretation der Messdaten, und mobile Anwendungen machen Thermogramme für Planer, Behörden und sogar Bürger direkt vor Ort verfügbar. In Verbindung mit digitalen Stadtmodellen entsteht so eine neue Generation von Echtzeit-Monitoring-Systemen, die eine bislang unerreichte Steuerbarkeit urbaner Hitzeinseln ermöglichen.

Besonders spannend ist die Kombination mit Citizen Science: In mehreren Städten werden bereits Pilotprojekte durchgeführt, bei denen engagierte Bürger mit einfachen Infrarot-Handscannern eigene Messungen beitragen. Die so entstehende Datenvielfalt erhöht die Genauigkeit der Modelle und stärkt die Akzeptanz von Klimaanpassungsmaßnahmen. Auch in der Bildungsarbeit eröffnen sich neue Möglichkeiten: Schulen, Universitäten und Umweltbildungszentren nutzen Thermogramme, um Stadtklima und die Bedeutung von Grünflächen anschaulich zu vermitteln.

Für Planer und Landschaftsarchitekten ergeben sich durch die zunehmende Verfügbarkeit von Thermodaten neue Rollen und Aufgabenfelder. Sie werden zu Datenmanagern, Moderatoren und Vermittlern zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Die Fähigkeit, Thermodaten zu interpretieren und in wirksame Maßnahmen zu übersetzen, wird zum zentralen Kompetenzfeld klimaanpassungsorientierter Stadtentwicklung.

Auch auf politischer Ebene zeichnet sich ein Umdenken ab: Förderprogramme und Richtlinien nehmen zunehmend Bezug auf objektive Messdaten. Die Integration von Thermoscans in Förderanträge und Planungsnachweise wird in vielen Ländern zum Standard. Damit steigt der Druck auf Städte und Gemeinden, die nötigen Kompetenzen und Infrastrukturen aufzubauen – eine Chance und Herausforderung zugleich.

Letztlich wird die thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans zur zentralen Schnittstelle zwischen Technologie, Planung und gesellschaftlicher Teilhabe. Sie macht die oft unsichtbaren Folgen des Klimawandels sichtbar, steuerbar und verhandelbar. Wer diesen Weg frühzeitig einschlägt, gestaltet die Stadt von morgen nicht nur nachhaltiger, sondern auch lebenswerter – für alle, die in ihr wohnen, arbeiten und sich erholen wollen.

Fazit: Die thermische Resilienzmessung durch Infrarot-Scans ist weit mehr als ein technisches Gimmick für Spezialisten. Sie ist ein Gamechanger für die klimaresiliente Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum – wissenschaftlich fundiert, praxistauglich und kommunikativ überzeugend. Sie ermöglicht es, Hitzeinseln zu identifizieren, Maßnahmen gezielt zu planen und die Wirkung objektiv zu überprüfen. Gleichzeitig eröffnet sie neue Wege für Beteiligung und adaptive Planung, stellt aber auch hohe Anforderungen an Datenmanagement und Interpretation. Wer sich als Planer, Stadt oder Landschaftsarchitekt heute mit Infrarot-Scans beschäftigt, investiert in die Zukunft der Stadt – und sichert sich einen entscheidenden Vorsprung im Rennen um die lebenswerte, resiliente Stadt von morgen. Und seien wir ehrlich: Wer möchte die Stadt nicht endlich in ihrer ganzen thermischen Wirklichkeit sehen?