11.05.2022

Projekte

Paketpost-Areal München – die never ending Diskussion

von Julia Treichel
155 Meter sollen die zwei zentralen Hochhäuser in die Höhe ragen. (Foto:Herzog & de Meuron / LHM)

155 Meter sollen die zwei zentralen Hochhäuser in die Höhe ragen. (Foto:Herzog & de Meuron / LHM)

Herzog & de Meuron haben gemeinsam mit Vogt Landschaftsarchitekten eine Vision für das Paketpost-Areal in München entwickelt. Diese stößt jedoch immer wieder auf Kritik – von unterschiedlichen Seiten. 

Die Debatte zur Entwicklung des Paketpost-Areal in München hält an. Anstelle des ehemaligen Gewerbegebiets soll dort ein neues Wohn- und Geschäftsviertel entstehen. Die im Stadtbild prominente Paketposthalle soll saniert und zum Kulturtreff umgestaltet werden. Neben der denkmalgeschützen Halle sind zwei 155 Meter hohe Hochhäuser geplant. Weiterhin mehrere kleinere Hofgebäude für Wohnen, Gewerbe und Gastronomie. So soll ein lebendiges Areal mit zwei weithin sichtbaren, neuen Marken für die Münchner Skyline entstehen. Bereits im Oktober 2019 liefen die Planungen an. Damals stimmte der Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung einem noch nicht finalisierten Masterplan für die Bebauung grundsätzlich zu. Die Pläne für die Umgestaltung trafen jedoch nicht flächendeckend auf Gegenliebe und sind seither Gegenstand von Kontroversen. Um die Wogen zu glätten und eine Akzeptanz für die Entwicklung des Areals zu schaffen, bezog die Stadt die Münchner Bürger*innen frühzeitig ein. Bis Mitte Oktober 2021 lief dazu ein Bürger*innengutachten.

155 Meter sollen die zwei zentralen Hochhäuser in die Höhe ragen. (Foto:Herzog & de Meuron / LHM)
155 Meter sollen die zwei zentralen Hochhäuser in die Höhe ragen. (Foto:Herzog & de Meuron / LHM)

Müncher*innen werden einbezogen

Das Bürger*innen-Gutachten wurde als aufwendiger Prozess durchgeführt. Insgesamt 112 zufällig ausgewählte Müncher*innen zwischen 14 und 80 Jahren hatten die Chance, sich über vier Tage lang intensiv mit der Thematik zu beschäftigen und ihre Vorstellungen einzubringen. Aufgeteilt auf vier Gruppen konnten sie am Tagungsort im Backstage in unmittelbarer Nähe zum Paketpost-Areal diskutieren. Input-Vorträge von Investor*innenseite, sowie von Sachverständigen und Kritiker*innen gleichermaßen, machten sie mit den wesentlichen Punkten der bisherigen Planung vertraut.

Im Anschluss und nach ausgiebiger Diskussion formulierte jede Gruppe Empfehlungen, die dann in einem Gesamtgutachten zusammengefasst wurden. Grundsätzlich sind die Bürger*innen mit dem Masterplan einverstanden. Allerdings brachten sie einige Punkte ein, deren Beachtung sie sich in der weiteren Bearbeitung wünschen würden. So fordern die Planungsgruppen ein nachhaltiges Quartier mit hohem Grün- und Freiflächenanteil. Weiterhin soll vorrangig bezahlbarer Wohnraum, anstelle von Gewerbe entstehen. Eine kulturelle Umnutzung der Paketposthalle traf ebenfalls auf Zustimmung. Uneinigkeit herrscht hingegen zur Gestaltung der Hochhaustürme. 

Paketpost-Areal München: Alternativen sind gefragt

Tatsächlich befürwortet eine Mehrheit der Teilnehmenden den grundsätzlichen Bau der 155 Meter hohen Türme, wie sie der Masterplan vorsah. Die äußere Gestaltung der Gebäude ist jedoch umstritten. Einige Gruppen sprachen sich für den Entwurf von Herzog & de Meuron aus. Andere warfen diesem „Effekthascherei“ vor. An der Außenfassade sind sich kreuzende Aufzüge vorgesehen, die das öffentlich zugängliche Dach erschließen sollen. Sie erinnern an ein stilisiertes M, das für München stehen könnte – einigen Teilnehmenden jedoch zu viel des Guten ist. Ein Sprecher des Investors Büschl erklärte, man sei für einen Fassaden-Wettbewerb offen.

Auch die Stadtverwaltung fordert Varianten. Nicht nur für die Hochhäuser, auch für die weiteren Baufelder seien jeweils Realisierungswettbewerbe vorgesehen. Herzog & de Meuron selbst sind derzeit bereits daran, ein alternatives Design auszuarbeiten. Gemeinsam mit Vogt Landschaftsarchitekten hatten sie den Masterplan für das Paketpost-Areal entwickelt. Beide Büros wollen die Empfehlungen aus dem Bürger*innen-Gutachten zusammen mit der Büschl-Unternehmergruppe in einen angepassten Entwurf einfließen lassen. 

(Foto:Herzog & de Meuron / LHM)
(Foto:Herzog & de Meuron / LHM)

Investor Büschl spricht Drohung aus

Allerdings nicht zu jedem Preis. So ließ der Sprecher der Unternehmensgruppe Büschl unter anderem verlauten, sollte es zu keiner Verwirklichung des Masterplans kommen, dann baue man gemäß bisherigem Baurecht Büros an der Wilhelm-Hale-Straße und lasse die Paketposthalle brachliegen. Nur wenn Neubauten im bisher geplanten Ausmaß genehmigt würden, sieht der Investor sich in der Pflicht, den Industriebau zu sanieren und umzuwidmen. Die Ansage steht als Drohung im Raum. Und den Forderungen des Bürger*innen-Gutachtens konträr gegenüber. Der 27 Meter hohe Industriebau aus den Sechzigerjahren soll Ort für Kultur und Sport werden. Hans-Georg Stocker, Chef des benachbarten Backstage, hält Kooperationen dabei für denkbar. Er sieht die geplanten Baumaßnahmen als Chance und unterstützt die Bestrebungen des Investors. Der Bezirksausschuss schlug für das spätere Betriebskonzept außerdem eine Betriebsgenossenschaft vor, in welcher sich Akteur*innen aus dem Stadtquartier einbringen könnten. Ob in öffentlicher oder privater Hand – die Nutzungsrechte könnten der Öffentlichkeit im Grundbuch dauerhaft zugesichert werden.

Der Weiterentwicklung des Masterplans 2021 wurde zugestimmt. (Foto: Herzog & de Meuron / LHM)

Paketpost-Areal München: Grünes Licht für die Zukunft

So will man der Bevölkerung nach der Beteiligung im Vorfeld auch in Zukunft die Teilhabe ermöglichen. Das Stichwort „Zukunft“ ist generell als relevanter Überbegriff bedeutsam. Die Ergebnisse des Gutachtens zeigen, dass sich die Teilnehmenden ein urbanes, lebendiges und dabei ökologisch nachhaltiges Quartier wünschen. Sowohl die Neubauten als auch das Mobilitätkonzept sollen unter dieser Prämisse gedacht werden. Dies bedeutet möglichst wenig Autoverkehr und dafür ein durchdachtes Fuß- und Radwegesystem. Das Gutachten spricht sich weiterhin für eine hohe Dichte zugunsten weitläufiger Freiräume aus. Grüne Strukturen sollen vor bebauten Flächen Priorität haben. Durch die ausgesprochenen Empfehlungen verspricht man sich ein Leuchtturmprojekt. Nicht wegen des Beitrags zur Münchner Skyline, sondern aufgrund höchster Nachhaltigkeitsstandards.

Am 30. März gab der Planungsausschuss des Stadtrats für die Weiterentwicklung des Masterplans für das neue Paketpost-Areal Grünes Licht. Die Öffentlichkeit soll nun auch weiterhin intensiv an der Planung beteiligt werden. Dazu findet im Herbst 2022 eine Erörterungsveranstaltung statt. 2023 soll dann der Bebauungsplan feststehen.

Mehr über die Paketposthalle München und die Kritik am Masterplan von HdM lesen Sie hier.

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