Halb voll oder halb leer?

In der Sonne sitzen und das Dolce Vita genießen – davon konnte man auf der Piazza del Liberty in Mailand bis letztes Jahr nur träumen. Parkplätze statt Aperitivo. Dann kam Apple. Das Unternehmen wählte die Mailänder Innenstadt für seinen ersten Flagship-Store Italiens und gestaltete mit dem Büro Foster + Partners die Piazza del Liberty komplett um. Heute zeichnet ein modernes Amphitheater den Raum und bietet den perfekten Platz für ein Gelato. Von den Stufen aus richten die Besucher den Blick auf das Herzstück der Piazza: den Glasbrunnen. Dieser fungiert gleichzeitig als Eingang zum unterirdischen Apple Store. Die Beteiligung privatwirtschaftlicher Unternehmen an der Gestaltung des öffentlichen Raums ist in Mailand nicht neu. Der Flagship-Store ist nicht das erste Projekt, bei dem die Stadt mit dem Geld von Investoren wie Apple, Prada oder der Allianz Versicherung Stararchitekten verpflichtet. Sie gestaltet die City so Stück für Stück radikal um. Wir fragen uns: Gewinnt die Stadt damit langfristig?

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Bild: Nigel Young, Foster + Partners

Zeitgenössische Interpretation der Piazza

Zum neuen Apple-Store in Mailand erklärt das Büro Foster + Partner, es habe sich vom italienischen öffentlichen Raum inspirieren lassen: als zeitgenössische Interpretation der Piazza – und damit der teils klischeehaften Bühne italienischer Lebensfreude und sozialer Interaktion. Eine Referenz, die ausländische Architekten gerne verwenden, wenn sie in Italien bauen. Eine, die oft nur leeres Gerede bleibt. Beim neuen Apple-Store in Mailand aber haben die Architekten den Bezug zweifellos zu nutzen gewusst. Denn die „Piazza del Liberty“, der Bauplatz, sah vor der Verwandlung wie alles andere, nur nicht wie eine Piazza aus. Wenige Meter vom Dom entfernt, diente sie wegen ihre zentralen, versteckten Lage meist als Parkplatz für die Büroangestellten und Einkäufer in der Mailänder Altstadt.

Ein spektakulärer Eingang

Im Unterschied zu den meisten europäischen Apple-Läden, die einfach in das Erdgeschoss von bestehenden Gebäuden integriert werden, ist die neue Handelsfläche in der Mitte des Platzes sowohl in ihrer Erschließung als auch in ihrem Erscheinungsbild etwas völlig Neues. Drei Hauptelemente bestimmen den Entwurf: die unterirdische Verkaufsfläche, die sich in den ehemaligen Kinosälen ausbreitet, eine darüber liegende breite, abgetreppte Freifläche und eine Brunnenanlage aus Glas, die die drei Ebenen verbindet. Die letztere, mit dem Apple-Logo versehen, besteht aus einem einfachen Glasquader, der von 56 Wasserdüsen überflutet wird. An seiner Schmalseite betreten die Besucher eine überdachte Treppe, die zwischen den beiden Wasserfällen hinunter zu den unteren Ebenen führt. Die mit Steinplatten belegte Stahltreppe besteht aus freitragenden Stufen. Von unten betrachtet scheint sie durch die Reflexion auf ihren spiegelnden Flächen zu verschwinden. Wände, Böden und Stufen – sowohl im Innen- als auch im Außenraum – sind mit Plattengneis Beola Grigia, ein in Mailand häufig verwendeter Stein aus dem Ossolatal, bekleidet.

Ein zweiter Flagship Laden folgt

Der neue Mailänder Laden wurde als erster Flagship-Store in Italien letzten Juli mit großem Tamtam eröffnet. Die Filiale ist zweifellos einer des bemerkenswertesten Europas. Mit derselben Strategie, mit der Mailand in den letzten Jahren zahlreiche neue Facetten erhalten hat – etwa durch die Quartiere „Porta Nuova“, „CityLife“ und die Fondazione Prada, um die bekanntesten zu nennen – entstand nun erneut durch die Zusammenarbeit mit einer Privatfirma die Chance, dass die Stadt ihren öffentlichen Raum radikal neu gestalten kann. Der zweite italienische Apple-Laden ist übrigens, ebenfalls mit Foster + Partners, gerade in der römischen Altstadt im Bau.