20.11.2023

Event

Protestarchitektur: Ausstellung in DAM und MAK

von Anne Heinkelmann
2013-2014, Majdan-Proteste, Kyjiw, Ukraine. Quelle: CC / Oleksandr Burlaka
2013-2014, Majdan-Proteste, Kyjiw, Ukraine. Quelle: CC / Oleksandr Burlaka

„Proteste müssen stören, sonst wären sie wirkungslos. Wenn Störungen in den öffentlichen Raum ausgreifen und sich dort festsetzen, wenn sie ihn dauerhaft blockieren, verteidigen, schützen oder erobern, dann entsteht Protestarchitektur“.
Die Rede ist von einer aktuellen Ausstellung des Deutsches Architekturmuseums DAM in Kooperation mit dem Museum für angewandte Kunst MAK, Wien. Sie trägt den Titel „Protest/Architektur. Barrikaden, Camps, Sekundenkleber“.

1968, Resurrection City, Washington, DC, USA. Quelle: Public Domain / Thomas O'Halloran
1968, Resurrection City, Washington, DC, USA. Quelle: Public Domain / Thomas O'Halloran

100 m2 für Protestarchitektur

Auf hundert Quadratmetern präsentiert das DAM nun Protestarchitektur. Was kann man sich hierunter vorstellen? Die Ausstellung fokussiert sich auf dreizehn Protestereignisse zwischen 1968 und 2023. Diese befinden sich in den Ländern Ägypten, Brasilien, Deutschland, Hongkong, Indien, Österreich, Spanien, Ukraine und USA. Der Auswahlprozess beruhte dabei auf den starken räumlichen Komponenten der Protestcamps und der Leidenschaft, Energie und Risikobereitschaft der Protestierenden.
Die Protestarchitektur wird durch unterschiedliche Medien präsentiert. Zum einen sind das detailreiche Modelle und Fotografien. Ein Beispiel hierfür ist das 1:10-Hängemodell des Barrios Beechtown. Auch entwickelte der Frankfurter Regisseur Oliver Hardt die sechzehn-minütliche Filminstallation „Protest/Architecture“. Hier kann man eine Zusammenstellung von Dokumentaraufnahmen aus acht verschiedenen Protestcamps auf sich wirken lassen. Ein weiteres Highlight bildet die originale Hängebrücke der Baumhaus-Protestsiedlung im Hambacher Wald. Und aus dem 2023 geräumten Protestcamp im Fechenheimer Wald in Frankfurt am Main schaffte es die Spitze eines sogenannten „Monopods“ in die Ausstellung. 

2020–2023, Lützerath, Bundesrepublik Deutschland. Quelle: CC / Anna-Maria Mayerhofer
2020–2023, Lützerath, Bundesrepublik Deutschland. Quelle: CC / Anna-Maria Mayerhofer

Die Beziehung zwischen Architektur und Protest

Was hat Architektur mit Protesten zu tun, könnte man sich fragen. Architektur hat für das Erreichen von Protestzielen tatsächlich oftmals eine wesentliche Bedeutung.
Protestarchitekturen sind räumlich abgegrenzte Gegenwelten innerhalb einer Gesellschaft. Sie manifestieren sich in den räumlichen Dimensionen von Protestbewegungen. Orte werden dann für verschiedene Zwecke umgewandelt, blockiert, gekennzeichnet und verteidigt. Der französische Philosoph Michel Foucault nannte diese räumlichen Strukturen „tatsächlich realisierte Utopien“. Doch sie müssen nicht zwingend baulich sein. Als Mittel können bereits die Körper der Protestierenden eingesetzt werden, indem sie Räume besetzen und Formationen bilden. Zum Beispiel haben Individuen, die sich mit Sekundenkleber auf eine Straße festkleben für einen begrenzten Zeitraum ein Stück Raum erobert und agieren als menschliche Barrikaden. 

2017–2018, MTST-Protestcamp „Povo Sem Medo“, São Paulo, Brasilien. Quelle: CC / Mídia Ninja
2017–2018, MTST-Protestcamp „Povo Sem Medo“, São Paulo, Brasilien. Quelle: CC / Mídia Ninja
2011, Tahrir-Platz, Kairo, Ägypten. Quelle: CC / Ahmed Abd El-Fatah
2011, Tahrir-Platz, Kairo, Ägypten. Quelle: CC / Ahmed Abd El-Fatah

Das Aussehen von Protestarchitektur

Protestarchitekturen sind mehr oder weniger raumgreifend, effektiv, risikofreudig, verteidigungsbereit, ironisch häuslich und vor allem symbolisch. Sie reichen von Ad-hoc-Ansätzen bis hin zur Vorfabrikation und Ingenieurskunst. Dabei sind die Strukturen in Größe und Gestalt so vielfältig wie die Protestbewegungen selbst. Die dreizehn Case Studies der Ausstellung zeigen dabei, welche experimentelle Bauten in verschiedenen gesellschaftspolitischen Kontexten aus begrenzten Ressourcen entstehen können. Manche Protestcamps errichtete man als regelrechte Festungen. Andere waren so konstruiert, dass tausende Wohnungslose sie innerhalb einer einzigen Nacht aufbauen konnten. 

2013, Gezi-Park-Proteste, Istanbul, Türkei. Quelle: CC / Ian Usher
2013, Gezi-Park-Proteste, Istanbul, Türkei. Quelle: CC / Ian Usher

Die Langlebigkeit von Protestarchitektur

Die Lebensdauer von Protestarchitekturen ist vom Erfolg der Aktion bestimmt. Aber eins ist klar — Protestarchitektur ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Konnten sich die Protestierenden durchsetzen, haben die Strukturen ihren Zweck erfüllt. Scheitert der Protest, werden die Bauten meist sofort zerstört.


Apropos Zeit: Vom 16. September 2023 bis 14. Januar 2024 befindet sich die Ausstellung Protestarchitektur im Interimsquartier des Deutschen Architekturmuseums DAM OSTEND. Ab dem 14.Februar 2024 bis zum 25.August 2024 zieht sie in das MAK – Museum für angewandte Kunst MAK in Wien um. Weitere Informationen finden Sie hier.

2019–2020, Hongkong. Quelle: CC / Studio Incendo
2019–2020, Hongkong. Quelle: CC / Studio Incendo
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