22.11.2023

Projekt
EGKK Landschaftsarchitektur

Wiens erstes Supergrätzl

von Anne Heinkelmann
Vom Grätzl zum Supergrätzl. Quelle: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler
Vom Grätzl zum Supergrätzl. Abbildung: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler

In Wien werden Häuserblocks als sogenannte Grätzl zusammengefasst, vergleichbar zu den Kiezen in Berlin. Am 20. Oktober gab es den Spatenstich für das erste dauerhaft umgestaltete Grätzl – das Supergrätzl. Hiermit sind Maßnahmen zur Quartiersverbesserung gemeint. Als Vorbild gelten dabei die Superblocks in Barcelona. Erfahren Sie hier mehr, was das Wiener Supergrätzl in sich hat.


Supergrätzl als Werkzeug gegen Klimakrise

Städte müssen zunehmend auf den Klimawandel reagieren. Während die Urbanisierung ihren Lauf nimmt, bringen auch Extremwetterereignisse neue Herausforderungen mit sich. Da Wien diese Auswirkungen bereits spürt, reagiert es stadtplanerisch. Zukunftsweisende und effektive Projekte müssen her. Das Supergrätzl ist also eine Antwort auf die Klimakrise in dicht bewohnten Städten. Denn die Transformation zu einem Supergrätzl beschreibt eine verbesserte Aufenthalts- und Lebensqualität im Quartier. Im Zentrum steht dabei das Wohlbefinden der Anwohner*innen. Dafür richtet man die Nutzung und Gestaltung der öffentlichen Straßenzüge neu aus. Durch Verkehrsberuhigung- und sicherheit entstehen neue Freiräume, die man zur Abkühlung begrünen und zur Freizeitnutzung bespielen kann.

Startschuss für Wiens erstes Supergrätzl. Foto: PID/Christian Fürthner

Pilotphase — Bürger*innendialog — Bauphase

Das erste Supergrätzl setzt die Stadt Wien im zehnten Gemeindebezirk Favoriten um. Genauer gesagt auf 9,5 Hektar zwischen Gudrunstraße, Leebgasse, Quellenstraße und Neilreichgasse. Warum wählte man dieses Grätzl aus? Es ist dicht besiedelt und verfügt über nur wenige Freiräume. Daher leidet das Gebiet in den Sommermonaten besonders stark unter der Hitze. Der Park am Erlachplatz bildet dementsprechend einen wichtigen Knotenpunkt. Im Favoritener Grätzl befinden sich außerdem mehrere Bildungseinrichtungen. Somit sind hier auch Verkehrsberuhigung und -sicherheit wichtige Schlüsselfaktoren. 

Seit Juni letzten Jahres arbeitete man in einer Pilotphase also an einer neuen Verkehrsorganisation. Dafür brachte man farbliche Bodenmarkierungen auf und drehte elf Einbahnstraßen um. So wurde der motorisierte Verkehr aus dem Grätzl gehalten. Der Fuß- und Radverkehr erfolgte jedoch weiterhin uneingeschränkt. Dadurch entstanden neue qualitätsvolle Freiräume. Im Sommer 2023 konnten Anwohner*innen während einer Veranstaltung dann ihre Eindrücke, Wünsche und Vorstellungen zu dem Pilotprojekt teilen. Das, was bei ihnen gut ankam, wird man nun aus- beziehungsweise umbauen. Diese Umbauarbeiten finden in zwei Bauphasen statt. Die Erste startete im Oktober und wird ein Jahr dauern, dann folgt die zweite Phase. 

Planungsstadträtin Ulli Sima sagt über das Projekt: „Auf dieses Grätzl im Herzen Favoritens wartet eine großartige Verwandlung. Die intensive Pilotphase hat bereits aufgezeigt, wieviel Potenzial für mehr Aufenthaltsqualität und Begrünung es hier gibt. Ich freue mich, dass all das nun zur Realität wird und bedanke mich beim Bezirk für die Bereitschaft, Wiens erstes Supergrätzl gemeinsam mit uns zu gestalten“. 

Verkehrsberuhigt und grün. Abbildung: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler

Supergrätzl als urbanes Wohnzimmer

„Für die Anwohner*innen und Nutzer*innen wird es künftig mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität, mehr Sicherheit sowie weniger Verkehr geben. Jetzt geht es Schritt für Schritt in die Umsetzung“, so Bezirksvorsteher Marcus Franz. NEOS Wien Stadtplanungssprecherin Selma Arapović äußert sich wie folgt: „Zu den Elementen des Supergrätzl-Konzepts gehören nicht nur Maßnahmen zur Begrünung und Anpassung an den Klimawandel, sondern auch die Belebung der Erdgeschosszonen und die Aufwertung des öffentlichen Raums“. Das Supergrätzl soll zu einer Art „urbanem Wohnzimmer“ werden. Dafür bringt das Supergrätzl mehr Grün und Blau in das Quartier. All das erhöht die Aufenthalts- und Lebensqualität erheblich. Und gleichzeitig trifft man Klimawandelanpassungen. Schließlich muss die Stadt gegen den urbanen Hitzeinseleffekt ankämpfen. 

Zusätzlich zu den bestehenden 47 Bäumen ziehen jetzt 62 Bäume und 94 Grünflächen in Favoriten ein. Das sorgt neben einem ästhetischeren Stadtbild auch für Schatten und Abkühlung im Sommer. Den Kern des Supergrätzls bildet eine permanente Fußgängerzone. Diese wird um die Mittelschule Herzgasse eingerichtet. Auch verbreitert man den Gehweg vor dem städtischen Kindergarten in der Gudrunstraße und ergänzt dort Sitzmöglichkeiten. In den Kreuzungsbereichen entstehen 17 sogenannte Mikrofreiräume. Diese sollen zum Verweilen und Spielen anregen sowie Möglichkeiten der Abkühlung bieten. Hier findet man auf entsiegelten Flächen Vernebelungsanlagen und Wasserspiele. Helles Pflaster wird die neuen Aufenthaltsorte fortan markieren. 

So könnte Favoriten bald aussehen. Quelle: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler
So könnte Favoriten bald aussehen. Abbildung: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler

Durchzugsverkehr unterbinden für mehr Wohnlichkeit

Ein weiterer Schlüsselfaktor ist die Unterbindung des Durchzugsverkehrs. In Favoriten leitet man jetzt den Autoverkehr mit sogenannten Modal- oder Diagonalfiltern auf die Hauptstraßen ab. Die Diagonalfilter bestehen dabei je aus vier begrünten Betonringen und einem herausnehmbaren Stahlpoller. Somit verhindert man eine Durchfahrt durch das Gebiet. Zu- und Abfahrten sind für die Anwohner*innen natürlich weiterhin gegeben. Auch Routen für Service- und Einsatzfahrzeuge werden nicht beeinträchtigt. Mit dieser Maßnahme wird im Supergrätzl das zu Fuß gehen und Fahrradfahren angenehmer und bietet eine attraktive Alternative zum Privatauto. Auch interessant — im Sinne der Kreislaufwirtschaft sind die Betonringe der Diagonal- und Modalfilter umfunktioniert. Zuvor konnte man sie als Abfallbehälter auf der Donauinsel finden. 


Smart City Wien: Grüner, kühler, verkehrsberuhigter

Das Supergrätzl ist ein neues Werkzeug für ein lebenswertes Wien. Es wurde dafür in der Smart Klima City Strategie Wien, im Wiener Klimafahrplan wie auch im Regierungsübereinkommen der Fortschrittskoalition fest verankert. In dieser Quartiersmaßnahme sind außerdem verschiedene Zielbereiche des Stadtentwicklungsplans STEP kombiniert, zum Beispiel Mobilität und Verkehr, Klimawandelanpassung und Klimaschutz, Partizipation, soziale Inklusion, Gesundheit und Wohlbefinden. Das Supergrätzl hilft also, Wien schrittweise in Richtung Klimamusterstadt zu transformieren.

Die Inspiration hinter dem Supergrätzl: Alles zum Thema Superblocks in der Stadtplanung finden Sie hier.

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