Vom Grätzl zum Supergrätzl. Quelle: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler
Vom Grätzl zum Supergrätzl. Abbildung: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler

In Wien werden Häuserblocks als sogenannte Grätzl zusammengefasst, vergleichbar zu den Kiezen in Berlin. Am 20. Oktober gab es den Spatenstich für das erste dauerhaft umgestaltete Grätzl – das Supergrätzl. Hiermit sind Maßnahmen zur Quartiersverbesserung gemeint. Als Vorbild gelten dabei die Superblocks in Barcelona. Erfahren Sie hier mehr, was das Wiener Supergrätzl in sich hat.

Supergrätzl als Werkzeug gegen Klimakrise

Städte müssen zunehmend auf den Klimawandel reagieren. Während die Urbanisierung ihren Lauf nimmt, bringen auch Extremwetterereignisse neue Herausforderungen mit sich. Da Wien diese Auswirkungen bereits spürt, reagiert es stadtplanerisch. Zukunftsweisende und effektive Projekte müssen her. Das Supergrätzl ist also eine Antwort auf die Klimakrise in dicht bewohnten Städten. Denn die Transformation zu einem Supergrätzl beschreibt eine verbesserte Aufenthalts- und Lebensqualität im Quartier. Im Zentrum steht dabei das Wohlbefinden der Anwohner*innen. Dafür richtet man die Nutzung und Gestaltung der öffentlichen Straßenzüge neu aus. Durch Verkehrsberuhigung- und sicherheit entstehen neue Freiräume, die man zur Abkühlung begrünen und zur Freizeitnutzung bespielen kann.

Startschuss für Wiens erstes Supergrätzl. Foto: PID/Christian Fürthner
Startschuss für Wiens erstes Supergrätzl. Foto: PID/Christian Fürthner

Pilotphase — Bürger*innendialog — Bauphase

Das erste Supergrätzl setzt die Stadt Wien im zehnten Gemeindebezirk Favoriten um. Genauer gesagt auf 9,5 Hektar zwischen Gudrunstraße, Leebgasse, Quellenstraße und Neilreichgasse. Warum wählte man dieses Grätzl aus? Es ist dicht besiedelt und verfügt über nur wenige Freiräume. Daher leidet das Gebiet in den Sommermonaten besonders stark unter der Hitze. Der Park am Erlachplatz bildet dementsprechend einen wichtigen Knotenpunkt. Im Favoritener Grätzl befinden sich außerdem mehrere Bildungseinrichtungen. Somit sind hier auch Verkehrsberuhigung und -sicherheit wichtige Schlüsselfaktoren. 

Seit Juni letzten Jahres arbeitete man in einer Pilotphase also an einer neuen Verkehrsorganisation. Dafür brachte man farbliche Bodenmarkierungen auf und drehte elf Einbahnstraßen um. So wurde der motorisierte Verkehr aus dem Grätzl gehalten. Der Fuß- und Radverkehr erfolgte jedoch weiterhin uneingeschränkt. Dadurch entstanden neue qualitätsvolle Freiräume. Im Sommer 2023 konnten Anwohner*innen während einer Veranstaltung dann ihre Eindrücke, Wünsche und Vorstellungen zu dem Pilotprojekt teilen. Das, was bei ihnen gut ankam, wird man nun aus- beziehungsweise umbauen. Diese Umbauarbeiten finden in zwei Bauphasen statt. Die Erste startete im Oktober und wird ein Jahr dauern, dann folgt die zweite Phase. 

Planungsstadträtin Ulli Sima sagt über das Projekt: „Auf dieses Grätzl im Herzen Favoritens wartet eine großartige Verwandlung. Die intensive Pilotphase hat bereits aufgezeigt, wieviel Potenzial für mehr Aufenthaltsqualität und Begrünung es hier gibt. Ich freue mich, dass all das nun zur Realität wird und bedanke mich beim Bezirk für die Bereitschaft, Wiens erstes Supergrätzl gemeinsam mit uns zu gestalten“. 

Verkehrsberuhigt und grün. Abbildung: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler
Verkehrsberuhigt und grün. Abbildung: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler

Supergrätzl als urbanes Wohnzimmer

„Für die Anwohner*innen und Nutzer*innen wird es künftig mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität, mehr Sicherheit sowie weniger Verkehr geben. Jetzt geht es Schritt für Schritt in die Umsetzung“, so Bezirksvorsteher Marcus Franz. NEOS Wien Stadtplanungssprecherin Selma Arapović äußert sich wie folgt: „Zu den Elementen des Supergrätzl-Konzepts gehören nicht nur Maßnahmen zur Begrünung und Anpassung an den Klimawandel, sondern auch die Belebung der Erdgeschosszonen und die Aufwertung des öffentlichen Raums“. Das Supergrätzl soll zu einer Art „urbanem Wohnzimmer“ werden. Dafür bringt das Supergrätzl mehr Grün und Blau in das Quartier. All das erhöht die Aufenthalts- und Lebensqualität erheblich. Und gleichzeitig trifft man Klimawandelanpassungen. Schließlich muss die Stadt gegen den urbanen Hitzeinseleffekt ankämpfen. 

Zusätzlich zu den bestehenden 47 Bäumen ziehen jetzt 62 Bäume und 94 Grünflächen in Favoriten ein. Das sorgt neben einem ästhetischeren Stadtbild auch für Schatten und Abkühlung im Sommer. Den Kern des Supergrätzls bildet eine permanente Fußgängerzone. Diese wird um die Mittelschule Herzgasse eingerichtet. Auch verbreitert man den Gehweg vor dem städtischen Kindergarten in der Gudrunstraße und ergänzt dort Sitzmöglichkeiten. In den Kreuzungsbereichen entstehen 17 sogenannte Mikrofreiräume. Diese sollen zum Verweilen und Spielen anregen sowie Möglichkeiten der Abkühlung bieten. Hier findet man auf entsiegelten Flächen Vernebelungsanlagen und Wasserspiele. Helles Pflaster wird die neuen Aufenthaltsorte fortan markieren. 

So könnte Favoriten bald aussehen. Abbildung: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler
So könnte Favoriten bald aussehen. Abbildung: EGKK Landschaftsarchitektur, Schreiner Kastler

Durchzugsverkehr unterbinden für mehr Wohnlichkeit

Ein weiterer Schlüsselfaktor ist die Unterbindung des Durchzugsverkehrs. In Favoriten leitet man jetzt den Autoverkehr mit sogenannten Modal- oder Diagonalfiltern auf die Hauptstraßen ab. Die Diagonalfilter bestehen dabei je aus vier begrünten Betonringen und einem herausnehmbaren Stahlpoller. Somit verhindert man eine Durchfahrt durch das Gebiet. Zu- und Abfahrten sind für die Anwohner*innen natürlich weiterhin gegeben. Auch Routen für Service- und Einsatzfahrzeuge werden nicht beeinträchtigt. Mit dieser Maßnahme wird im Supergrätzl das zu Fuß gehen und Fahrradfahren angenehmer und bietet eine attraktive Alternative zum Privatauto. Auch interessant — im Sinne der Kreislaufwirtschaft sind die Betonringe der Diagonal- und Modalfilter umfunktioniert. Zuvor konnte man sie als Abfallbehälter auf der Donauinsel finden. 

Smart City Wien: Grüner, kühler, verkehrsberuhigter

Das Supergrätzl ist ein neues Werkzeug für ein lebenswertes Wien. Es wurde dafür in der Smart Klima City Strategie Wien, im Wiener Klimafahrplan wie auch im Regierungsübereinkommen der Fortschrittskoalition fest verankert. In dieser Quartiersmaßnahme sind außerdem verschiedene Zielbereiche des Stadtentwicklungsplans STEP kombiniert, zum Beispiel Mobilität und Verkehr, Klimawandelanpassung und Klimaschutz, Partizipation, soziale Inklusion, Gesundheit und Wohlbefinden. Das Supergrätzl hilft also, Wien schrittweise in Richtung Klimamusterstadt zu transformieren.

Die Inspiration hinter dem Supergrätzl: Alles zum Thema Superblocks in der Stadtplanung finden Sie hier.

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Zwei unterschiedliche, durch eine Bundesstraße voneinander getrennte Areale verbinden, und einen großen See schaffen – die Herausforderungen der Landesgartenschau in Lahr meisterte das Büro club L94 ohne große Hindernisse. Burkhard Wegener führt uns vor Ort durchs Gelände.

Herr Wegener, was war Ihre Motivation, 2011 am Wettbewerb zur Landesgartenschau in Lahr teilzunehmen?
Es war die Auslobung mit der Aufgabe, einen existierenden Park zu überarbeiten und Ackerflächen eine neue Identität zu geben, sie zu einem Park zu entwickeln. Und darüber hinaus: beide Teilbereiche über zwei Bundesstraßen hinweg mit einer Brücke zu verbinden – alles in allem eine komplexe Aufgabe. Zudem hat es in unseren Kalender gepasst …

Haben Sie die Vorgaben im Planungsprogramm als einengend empfunden – etwa den Wunsch nach einem See, neuen Kleingärten und einem Landschaftspark, in den ein bestehendes Pappelwäldchen mit Krähenhabitat integriert werden sollte?
Eigentlich nicht, eher als Herausforderung. Zumal wir viel Freiraum bei der Ideenfindung hatten und angehalten wurden, Neues zu entwickeln, das sich mit Vorhandenem verbinden sollte.

Woran hatten Sie am meisten zu knabbern? Was hat Ihnen die größten Probleme beim Planen und Bauen gemacht?
Das war der See. Er sollte mehrere Hektar groß werden, aber wir konnten ihn nicht – wie anfangs gedacht – durch den Aushub von Boden realisieren. Es stellte sich schnell heraus, dass es Probleme mit dem Grund­wasser gegeben hätte. So kamen wir auf die Idee, den See auf das bestehende Gelände aufzusetzen. Als Landschaftssee konzipiert, ist er nun rund 2,7 Hektar groß, aber nur zwei bis drei Meter tief. Insgesamt haben wir rund 100 000 Kubikmeter Füllboden im Gelände verarbeitet.

Der See wird diagonal von einem Steg gequert, dadurch scheint er zweigeteilt. Hat das eine tiefere Bedeutung?
Ja. Offziell ist der See ein Badesee und braucht dazu eine entsprechend hohe Wasserqualität. Das erreichen wir, indem wir das Wasser umwälzen, über eine Pflanzenkläranlage filtern und fehlendes Wasser über Pumpen aus dem Grundwasser zuführen. Der Steg über den See sitzt wiederum auf einer Mauer auf, die den Badesee vom Landschaftssee trennt und ihn aus einer anderen Perspektive als von den Ufern aus erlebbar macht. Die Ufer sind bewusst unterschiedlich gestaltet: im Badebereich mit einer harten, urbanen Kante samt Badestrand, im Landschaftsteil mit weichen Übergängen, die sich aus der Bepflanzung der Uferbereiche mit Röhricht und Wasserpflanzen ergeben.

Gab es noch andere Themen, die Ihnen beim Entwurf der Landesgartenschau besonders wichtig waren?
Zum Beispiel, dass auf der langen Seite des Sees eine Promenade entstehen sollte. Diese haben wir mit einer einreihigen Allee aus Trauerweiden bepflanzt, deren hängende Zweige wir lieben.

Alle Fotos: Karl H.C. Ludwig.

Sie haben noch nicht das Krähennest angesprochen, das ja auch eine Besonderheit darstellt …
Genau, das war uns auch von Anfang an wichtig. Zwar in etwas anderer Form als es nach dem dafür ausgelobten Wett­bewerb geworden ist, aber wir finden es dennoch gut. Es steht vor dem Pappel­wäldchen, in dem zahlreiche Krähennester zu finden sind, die den Anstoß zur Idee gegeben haben. Konkret liegt es in dem neuen Auenwäldchen, in dem sich Lichtungen, Pfade aus Rindenmulch und Farninseln finden, die die Basis für ökologische Vielfalt und Lebensräume für Pflanzen und Tiere darstellen und zeigen.

Was waren die Maximen und Ziele für die Überarbeitung des Bürgerparks? Der kam in unserer Unterhaltung bislang etwas zu kurz …
Der Bürgerpark liegt direkt am Schul­quartier und wurde von uns konzeptionell als Teil der Stadt interpretiert. Im Gegensatz zum landschaftlichen Seepark ist der Spiel-­ und Sportpark urban gestaltet. Die Konzeptionen für die neuen Gebäude dort – Kita, römisches Streifen­haus und Sporthalle – entwickelten wir in der städtebaulichen Findungsphase zusammen mit dem Architekturbüro Aldinger. Die neue Kita mit der tonnen­förmigen Dachstruktur, die ich mitsamt den Spielbereichen für sehr gelungen halte, markiert den Parkzugang im Osten. Zu einem besonderen gestalterischen Element wurde auch die „via ceramica“, die sich – obwohl sprachlich nicht ganz korrekt – auf die keramischen Funde der Römer in Lahr bezieht.


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Blick über den See.

12 Via Ceramika Image club
Via Ceramica.

08 Seeprromenade01
Seepromenade.

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Blick über den See.

12 Via Ceramika Image club
Via Ceramica.

08 Seeprromenade01
Seepromenade.

Das alles klingt nach dem Ergebnis einer guten Zusammenarbeit mit anderen Planern und der Stadt.
Die Zusammenarbeit war – von einzelnen Ausnahmen abgesehen – in der Tat ganz gut. Das gilt sowohl für die Verantwort­lichen der Stadt, als auch für die LGS GmbH und andere Architekten und Planer. Grundsätzlich hätten wir uns gewünscht, dass sich die Ausstellungsbei­träge – vor allem im Seepark – etwas mehr in die Grundkonzeption der Daueranlage eingefügt und einen etwas weniger lauten Auftritt gemacht hätten. Im Kleingartenpark am jetzigen Haupteingang der LGS wurden sie mit dem Landschaftsbau und dessen Gärten deutlich besser in die Grund­struktur der Anlage integriert.

Zum Interviewpartner: Burkhard Wegener ist einer der vier Gründer und Geschäftsführer des Kölner Büros club L94 Landschaftsarchitekten. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Objektplanung und Wettbewerbe. Am FB Architektur der Hochschule Bochum lehrt er als Honorarprofessor.

 

 

Alle Fotos: Karl H.C. Ludwig.

Sie haben noch nicht das Krähennest angesprochen, das ja auch eine Besonderheit darstellt …
Genau, das war uns auch von Anfang an wichtig. Zwar in etwas anderer Form als es nach dem dafür ausgelobten Wett­bewerb geworden ist, aber wir finden es dennoch gut. Es steht vor dem Pappel­wäldchen, in dem zahlreiche Krähennester zu finden sind, die den Anstoß zur Idee gegeben haben. Konkret liegt es in dem neuen Auenwäldchen, in dem sich Lichtungen, Pfade aus Rindenmulch und Farninseln finden, die die Basis für ökologische Vielfalt und Lebensräume für Pflanzen und Tiere darstellen und zeigen.

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Blick über den See.


12 Via Ceramika Image club
Via Ceramica.

08 Seeprromenade01
Seepromenade.

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Blick über den See.

12 Via Ceramika Image club
Via Ceramica.

08 Seeprromenade01
Seepromenade.

Das alles klingt nach dem Ergebnis einer guten Zusammenarbeit mit anderen Planern und der Stadt.
Die Zusammenarbeit war – von einzelnen Ausnahmen abgesehen – in der Tat ganz gut. Das gilt sowohl für die Verantwort­lichen der Stadt, als auch für die LGS GmbH und andere Architekten und Planer. Grundsätzlich hätten wir uns gewünscht, dass sich die Ausstellungsbei­träge – vor allem im Seepark – etwas mehr in die Grundkonzeption der Daueranlage eingefügt und einen etwas weniger lauten Auftritt gemacht hätten. Im Kleingartenpark am jetzigen Haupteingang der LGS wurden sie mit dem Landschaftsbau und dessen Gärten deutlich besser in die Grund­struktur der Anlage integriert.

Zum Interviewpartner: Burkhard Wegener ist einer der vier Gründer und Geschäftsführer des Kölner Büros club L94 Landschaftsarchitekten. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Objektplanung und Wettbewerbe. Am FB Architektur der Hochschule Bochum lehrt er als Honorarprofessor.

Die Deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung und die Wüstenrot Stiftung schreiben seit fast 40 Jahren den Deutschen Städtebaupreis aus. Alle zwei Jahre zeichnet der Preis nachhaltige und innovative Gestaltungsvorschläge für den öffentlichen Raum aus. Dieses Jahr ist es wieder soweit.

Architekten, Landschaftsarchitekten und Städteplaner können bis zum 15. April Projekte einreichen, die seit dem 1. Januar 2013 in der Bundesrepublik Deutschland realisiert worden sind. Am 27. September 2018 werden die Wettbewerbsgewinner bekannt gegeben. Den Preisträger erwartet ein Preisgeld von 15 000 Euro und wird in einer Wanderausstellung präsentiert.

Der parallel dazu ausgelobte Sonderpreis widmet sich dem Thema ‚Orte der Bildung und Kultur im städtebaulichen Kontext‘. Im Rahmen des ‚European Year of Cultural Heritage 2018‘ werden Projekte ausgezeichnet die städtebauliche Ensembles zwischen 1949 und 1989 behandeln. Der Sonderpreis ist mit 5 000 Euro dotiert.

Weitere Informationen zu dem Deutschen Städtepreis findet ihre hier.