Quartier Glückstraße: Nachbarschaftliches Wohnen in Dortmund Derne

Der grüne Quartierpark im neuen Quartier Glücksstraße in Dortmund-Derne
Der grüne Quartierpark im neuen Quartier Glücksstraße in Dortmund-Derne, Abbildung: © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH / club L94 Landschaftsarchitekten GmbH

Auf dem ehemaligen Gelände des Kraftwerks Gneisenau in Dortmund-Derne möchte die Firma „Wilma Immobilien“ ein neues Wohnquartier errichten. Gemeinsam mit der Stadt Dortmund riefen sie einen städtebaulichen Wettbewerb ins Leben, dessen Siegerentwurf nun feststeht. Der Beitrag des Teams Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH und Club L94 Landschaftsarchitekten konnte das Preisgericht überzeugen und wurde bis zum 18. Juni im Bürgertreff in Dortmund-Derne ausgestellt.

Von Kohlekraftwerk zu Wohnquartier

Nachdem Wilma Immobilien aus Ratingen das Areal rund um das einstige Kohlekraftwerk an der Glückstraße erwarb, initiierten sie in Zusammenarbeit mit der Stadt Dortmund einen städtebaulichen Wettbewerb. Am 9. Mai 2023 wurde der Siegerentwurf für das rund 400 Wohneinheiten umfassende Quartier im Dortmunder Norden bekanntgegeben. Das Preisgericht, bestehend aus Fachkundigen aus der Planung sowie Vertretenden aus Politik und Verwaltung, kürte aus sieben eingereichten Entwürfen den Beitrag des Teams Pesch Partner Architektur Stadtplanung aus Dortmund und Club L94 Landschaftsarchitekten aus Köln zum Sieger.

Grün-Schwarz-Plan © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH
Grün-Schwarz-Plan © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH

Quartier Glückstraße: Motive aus Dortmunder Arbeitersiedlungen

Der Entwurf der nordrhein-westfälischen Arbeitsgemeinschaft überzeugt durch das Aufgreifen und Neuinterpretieren von gartenstädtischen Motiven aus den umliegenden charakteristischen Dortmunder Arbeitersiedlungen. Tragende Elemente sind hier der zentrale Quartierspark und die über das gesamte Areal verteilten Wohnhöfe. Während die unterschiedlich ausgeprägten Wohnhöfe zufällige generationenübergreifende Begegnungen ermöglichen, fungiert der baumüberstandene Quartierspark als zentraler Treffpunkt des neuen Wohngebiets. Hier wird die Aufenthaltsqualität durch eine sonnige Terrasse mit Gastronomie und Bewohnertreff nachhaltig gestärkt. Sitzstufen markieren den Übergang zum begrünten Park, der viel Raum zum Spielen bereitstellt. Bei starken Regenereignissen kann eine große Retentionsmulde temporär Wasser aufnehmen und langsam versickern.

Vogelflugperspektive © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH
Vogelflugperspektive © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH

Signifikante Grünstrukturen

Der gartenstädtische Charakter macht nicht an den Grenzen des Bearbeitungsgebiets halt, sondern zieht sich über das neu geschaffene Wegenetz bis in die umgebende Landschaft. So werden zwei Pfade, die vom Quartierspark in der Mitte hin zur urbanen Natur nördlich des  Wohngebiets führen, durch signifikante Grünstrukturen besonders hervorgehoben. Ihre Fortsetzung sollen die grünen Wohngassen im landschaftlichen Bereich in Form einfacher Holzstege finden. Weitere Wege verknüpfen das Quartier mit dem Bahnhof im Süden und den umliegenden Siedlungsgebieten. So ergibt sich eine fächerartige Figur, die sich selbstverständlich aus den städtebaulichen Richtungen der umliegenden Strukturen ergibt.

Hinsichtlich der Mobilität wird ein Fokus auf den Fuß- und Radverkehr gelegt. Über das dichte Netz an verkehrsberuhigten Wohnstraßen kann das gesamte Quartier bequem und gefahrlos unmotorisiert erschlossen werden. Die Erreichbarkeit mit dem PKW bleibt dabei dennoch gegeben. Hierbei erfolgt die Haupterschließung über die als Tempo-30-Zone ausgebildete und identitätsstiftende Glückstraße.

Schnitt © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH
Schnitt © Pesch Partner Architektur Stadtplanung GmbH mit club L94 Landschaftsarchitekten GmbH

Klimakonzept im Quartier Glückstraße

Über die nachhaltige Verkehrsplanung hinaus zeigt sich das gesamte Konzept im Hinblick auf ein sich veränderndes Klima und dadurch drohenden Extremwetterlagen resilient. So sorgt der erhaltene Baumbestand durch Verdunstungskälte und Schatten für Abkühlung in Hitzeperioden. Helle Fassaden und Wegeflächen reflektieren einen großen Teil der einfallenden Sonnenstrahlung und vermeiden so eine starke Aufheizung des Quartiers. Überdies nutzen Photovoltaik und Kollektoren auf den Dachflächen die Sonnenenergie  für eine nachhaltige Stromversorgung. Starkregenereignissen begegnen die Planenden im Sinne der Schwammstadt mit vielfältigen Versickerungsmöglichkeiten und einer hohen Durchgrünung.

Der Plan für ein nachhaltiges und generationenübergreifendes Miteinander im neuen Quartier Glückstraße steht. Wenn nun auch die nächsten Schritte in der Umsetzung gelingen, kann der Name zum Programm werden und eine glückliche Nachbarschaft entstehen.

Auch das Erni-Areal in der Nähe von Zürich wurde vom Industriegebiet zum Wohnquartier: Alles zum „Quartier der tanzenden Paare“ hier.

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Hitzeaktionspläne als integriertes Steuerungsinstrument

Temperaturmessgerät im Sand zeigt 40 Grad und steht symbolisch für urbane Hitze, Klimaanpassung und Hitzeaktionspläne.
Hitzeaktionspläne: Steuerungsinstrument für klimaresilente Städte. Foto von Immo Wegmann auf Unsplash.

Hitze ist keine Sommerlaune mehr, sondern eine der größten Herausforderungen für Städte im deutschsprachigen Raum. Wie reagieren wir klug auf die Risiken extremer Temperaturen, schützen die urbane Bevölkerung und schaffen resiliente Stadträume? Hitzeaktionspläne sind weit mehr als ein weiterer Bericht für die Schublade: Sie sind das neue Steuerungsinstrument, das Planung, Verwaltung, Sozialarbeit und Stadtentwicklung zwingend zusammenführt. Wer sie ignoriert, wird von der Realität – und den Hitzewellen – überrollt.

  • Definition und Bedeutung von Hitzeaktionsplänen im Kontext urbaner Klimaresilienz
  • Die wichtigsten Bausteine eines integrierten Hitzeaktionsplans: Früherkennung, Risikobewertung und Maßnahmenkatalog
  • Wechselwirkung zwischen Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Gesundheitswesen
  • Gesetzliche Grundlagen, normative Anforderungen und aktuelle Förderprogramme
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – von Köln bis Wien
  • Integration in bestehende Steuerungsstrukturen und Herausforderungen der Governance
  • Erfolgsfaktoren für die Umsetzung: Daten, Partizipation und Kommunikation
  • Innovative Tools: Monitoring, GIS-gestützte Analysen und digitale Hitzeatlanten
  • Grenzen, Risiken und der Umgang mit Zielkonflikten
  • Ausblick: Wie Hitzeaktionspläne die Stadtplanung der Zukunft prägen werden

Hitzeaktionspläne – Definition, Notwendigkeit und Rechtsrahmen

Hitzewellen sind längst keine seltenen Ausnahmen mehr, sondern ein fester Bestandteil des städtischen Klimas geworden. Die Sommer der vergangenen Jahre haben auch in mitteleuropäischen Städten gezeigt, wie dramatisch die Auswirkungen auf Gesundheit, Infrastruktur und Lebensqualität sein können. Hitzeaktionspläne sind die strategische Antwort darauf. Doch was genau ist ein solcher Plan? Im Kern handelt es sich um ein strukturiertes Maßnahmenbündel, das darauf abzielt, die negativen Folgen extremer Hitze zu minimieren. Anders als Einzelmaßnahmen oder spontane Ad-hoc-Reaktionen sind Hitzeaktionspläne systematisch, integriert und an den tatsächlichen urbanen Bedingungen ausgerichtet.

Ein Hitzeaktionsplan besteht aus mehreren ineinandergreifenden Bausteinen: Der erste Schritt ist die Risikoanalyse. Hier werden besonders gefährdete Quartiere, Infrastrukturen und Bevölkerungsgruppen identifiziert. Es folgen Früherkennungs- und Warnsysteme, die auf meteorologischen und gesundheitsbezogenen Daten basieren. Anschließend werden konkrete Maßnahmen für Akutphasen und langfristige Anpassungen definiert. Diese reichen von kurzfristigen Interventionen wie der Einrichtung kühler Zufluchtsorte bis zu langfristigen städtebaulichen Veränderungen, etwa der Entsiegelung von Flächen oder der Integration grüner Infrastruktur.

Rechtlich fußen Hitzeaktionspläne in Deutschland und der Schweiz auf Empfehlungen der WHO und nationalen Gesundheitsbehörden. In Österreich sind sie eng mit den Vorgaben des Klimaschutzgesetzes und den Rahmenbedingungen der Landesregierungen verknüpft. Dennoch gibt es bislang keine bundesweit verbindlichen Standards. Viele Städte orientieren sich daher an Leitfäden, etwa des Umweltbundesamts oder der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. Förderprogramme wie die „Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen“ oder das „Zukunft Stadtgrün“-Programm bieten finanzielle Anreize, sind aber oft an bestimmte Voraussetzungen gebunden.

Die Notwendigkeit solcher Pläne ist unstrittig. Studien zeigen, dass während Hitzewellen die Mortalitätsrate in Städten signifikant steigt. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Kinder und chronisch Kranke. Die Infrastruktur leidet: Straßenbeläge verformen sich, Schienen dehnen sich aus, Stromnetze geraten an ihre Grenzen. Gleichzeitig werden soziale Ungleichheiten durch Hitze verschärft. Wer über wenig Wohnraum, geringe Einkommen oder eingeschränkten Zugang zu Grünflächen verfügt, ist besonders gefährdet. Hitzeaktionspläne sind daher nicht nur Klimaanpassungsstrategie, sondern auch ein Instrument sozialer Gerechtigkeit.

Die Implementierung in bestehende Verwaltungsstrukturen ist herausfordernd. Es braucht klare Zuständigkeiten, gut abgestimmte Kommunikationswege und eine enge Verzahnung mit Stadtentwicklungs- und Gesundheitsämtern. Ohne eine solide rechtliche Verankerung und kontinuierliche Finanzierung drohen Hitzeaktionspläne jedoch zum Papiertiger zu verkommen. Hier sind Bund, Länder und Kommunen gleichermaßen gefordert, ambitionierte und verbindliche Rahmenbedingungen zu schaffen.

Bausteine integrierter Hitzeaktionspläne: Von der Analyse bis zur Umsetzung

Die Entwicklung eines wirksamen Hitzeaktionsplans beginnt mit einer umfassenden Bestandsaufnahme. Zentrale Fragen lauten: Wo entstehen innerstädtische Hitzeinseln? Welche Quartiere sind besonders vulnerabel? Wie ist die Verteilung von Grünflächen, Wasserflächen und versiegelten Arealen? Moderne Stadtplanung nutzt hierfür GIS-Analysen, digitale Hitzeatlanten und satellitengestützte Fernerkundung. Auch die Zusammenarbeit mit meteorologischen Diensten und Gesundheitsbehörden ist unerlässlich, um die Dynamik von Hitzeereignissen präzise abzubilden.

Im Anschluss folgt die Erstellung eines Risiko- und Maßnahmenkatalogs. Er unterscheidet zwischen kurzfristigen und langfristigen Interventionen. Kurzfristig stehen Warnsysteme, gezielte Informationskampagnen und die Einrichtung kühler Zufluchtsorte im Fokus. Viele Städte haben sogenannte Cooling Centers eingerichtet: klimatisierte Räume in Bibliotheken, Schulen oder Gemeindezentren, die während Hitzewellen öffentlich zugänglich sind. Ebenso wichtig sind Notfallpläne für Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser und soziale Dienste. Hierzu zählt die Versorgung mit Trinkwasser, die Anpassung von Arbeitszeiten und die gezielte Ansprache besonders gefährdeter Gruppen.

Langfristige Maßnahmen sind vor allem städtebaulicher und landschaftsarchitektonischer Natur. Die Entsiegelung von Flächen steht ganz oben auf der Agenda: Jeder Quadratmeter entsiegelter Boden verbessert das Mikroklima und erhöht die Verdunstung. Stadtbäume, Dach- und Fassadenbegrünung sowie Wasserflächen haben nachweislich kühlende Effekte. Innovative Ansätze wie die Schwammstadt, die Wasser retention fördert und Verdunstungskühle nutzt, gewinnen zunehmend an Bedeutung. Auch die Umgestaltung von Straßenräumen zu klimaresilienten Aufenthaltsorten gehört zum Maßnahmenpaket: breitere Baumalleen, helle Beläge und verschattete Sitzbereiche sind hier die Stichworte.

Die Umsetzung erfordert sektorübergreifende Zusammenarbeit. Stadtplanung, Gesundheitsämter, Umweltbehörden, soziale Träger und die Zivilgesellschaft müssen an einem Strang ziehen. Ohne eine zentrale Koordination und klare Governance-Strukturen droht das berühmte Silodenken. Viele Städte setzen daher auf interdisziplinäre Arbeitsgruppen oder eigens eingerichtete Koordinationsstellen für Klimaanpassung. Digitale Tools wie Monitoring-Plattformen und Dashboard-Lösungen sorgen für Transparenz und ermöglichen eine laufende Überprüfung der Maßnahmenwirkung.

Ein weiterer zentraler Baustein ist die Kommunikation. Hitzeaktionspläne entfalten ihre Wirkung nur, wenn sie von der Bevölkerung verstanden und akzeptiert werden. Öffentlichkeitsarbeit, gezielte Informationskampagnen und partizipative Formate sind daher essenziell. Viele Städte setzen auf mehrsprachige Broschüren, mobile Apps und interaktive Karten, um die Menschen niedrigschwellig zu erreichen. Hier zeigt sich: Klimaanpassung ist nicht nur eine technische, sondern immer auch eine soziale Herausforderung.

Praxisbeispiele: Hitzeaktionspläne im deutschsprachigen Raum

Ein Blick auf die Praxis offenbart eine breite Vielfalt an Ansätzen und Umsetzungsgraden. Köln zählt zu den Vorreitern in Deutschland: Die Stadt hat bereits vor Jahren einen eigenen Hitzeaktionsplan entwickelt, der auf einer detaillierten Vulnerabilitätsanalyse basiert. Besonders innovativ ist das Konzept der „Coolen Straßen“, bei dem temporäre Straßensperrungen, mobile Wasserspender und zusätzliche Begrünungen für Abkühlung sorgen. Auch die enge Zusammenarbeit mit sozialen Trägern und das Monitoring der Maßnahmenwirkung via digitaler Plattformen gelten als vorbildlich.

In München setzt man auf ein mehrstufiges Frühwarnsystem, das meteorologische Daten in Echtzeit auswertet und gezielt Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen informiert. Ergänzt wird dies durch ein umfassendes Baumkataster, ein ambitioniertes Entsiegelungsprogramm und den Ausbau von Wasserspielen und Nebelduschen im öffentlichen Raum. Die Stadt sieht Hitzeaktionspläne ausdrücklich als integralen Bestandteil ihres gesamtstädtischen Klimaanpassungskonzepts und bindet sie in die Stadtentwicklungsplanung ein.

Wien kann als Vorreiter im österreichischen Raum gelten. Hier wurde ein umfangreiches Hitzeschutzpaket geschnürt, das neben technischen Maßnahmen auch starke soziale Komponenten enthält. Das Projekt „Coole Straßen“ setzt auf temporäre Umnutzungen, zusätzliche Verschattung und gezielte Begrünung, unterstützt von partizipativen Prozessen mit Anwohnern und lokalen Akteuren. Das Wiener Modell betont die Bedeutung der sozialen Infrastruktur und die gezielte Ansprache vulnerabler Gruppen, etwa durch Hausbesuche und Nachbarschaftsinitiativen.

Auch in der Schweiz gibt es spannende Beispiele. Basel hat einen eigenen Hitzeaktionsplan erarbeitet, der auf vier Säulen basiert: Früherkennung, akute Maßnahmen, bauliche Anpassungen und Kommunikation. Besonders hervorzuheben ist die konsequente Einbindung von Gesundheitsdiensten, die während Hitzewellen proaktiv auf gefährdete Menschen zugehen. Zürich setzt auf die Integration von Klimadaten in die kommunale Planung und die Entwicklung digitaler Hitzeatlanten, die eine präzise Steuerung von Maßnahmen ermöglichen.

Diese Praxisbeispiele zeigen: Erfolgreiche Hitzeaktionspläne sind immer maßgeschneidert, interdisziplinär und prozessorientiert. Sie verbinden technische Innovation mit sozialer Verantwortung und setzen auf eine enge Einbindung der Bevölkerung. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass die Übertragbarkeit von Lösungen begrenzt ist: Jede Stadt muss ihren eigenen Weg finden, um lokale Besonderheiten, demografische Strukturen und klimatische Bedingungen angemessen zu berücksichtigen.

Governance, Integration und die Kunst der Steuerung

Ein Hitzeaktionsplan entfaltet seine Wirkung nur dann, wenn er konsequent in die bestehenden Steuerungsstrukturen der Stadt integriert wird. Das klingt trivial, ist in der Praxis aber hochkomplex. Stadtplanung, Gesundheitswesen, Umweltverwaltung, Sozialarbeit und Katastrophenschutz arbeiten traditionell in getrennten Zuständigkeitsbereichen. Die Herausforderung besteht darin, die verschiedenen Fachbereiche zusammenzuführen, Synergien zu schaffen und Zielkonflikte konstruktiv zu lösen.

Integrierte Steuerung bedeutet, dass alle relevanten Akteure gemeinsam Verantwortung für Planung, Umsetzung und Monitoring übernehmen. Das erfordert neue Formen der Zusammenarbeit, etwa interdisziplinäre Steuerungsgruppen oder ressortübergreifende Koordinationsstellen. In vielen Städten ist dies ein Lernprozess, der mit Widerständen, Reibungsverlusten und gelegentlich auch mit Kompetenzgerangel einhergeht. Dennoch zeigen erfolgreiche Beispiele, wie viel Potenzial in einer konsequenten Integration steckt.

Ein zentrales Steuerungselement ist das Monitoring. Ohne belastbare Daten zu Temperaturverläufen, Maßnahmenwirkung und sozialen Auswirkungen bleibt der Hitzeaktionsplan ein Blindflug. Moderne Städte setzen daher auf digitale Monitoring-Systeme, die meteorologische, medizinische und infrastrukturelle Daten zusammenführen. GIS-gestützte Analysen, Echtzeitdaten und Prognosemodelle ermöglichen eine flexible Anpassung der Maßnahmen und eine transparente Berichterstattung gegenüber Politik und Öffentlichkeit.

Die Governance von Hitzeaktionsplänen steht zudem vor der Herausforderung, Zielkonflikte zu moderieren. Ein klassisches Beispiel: Die Nachverdichtung in Innenstädten steht häufig im Widerspruch zur Schaffung neuer Grünflächen. Auch der Umgang mit knappen Ressourcen, konkurrierenden Investitionsbedarfen und divergierenden Interessen verlangt Fingerspitzengefühl. Hier sind Planer und Stadtentwickler gleichermaßen gefragt, innovative Lösungen zu entwickeln, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Anforderungen in Einklang bringen.

Schließlich ist die Einbindung der Bevölkerung ein entscheidender Erfolgsfaktor. Partizipative Formate, Mitwirkungsmöglichkeiten und transparente Kommunikation fördern die Akzeptanz der Maßnahmen und tragen dazu bei, lokale Expertise zu nutzen. Die besten Hitzeaktionspläne sind daher immer auch ein Gemeinschaftswerk – getragen von Politik, Verwaltung, Fachleuten und Stadtgesellschaft.

Chancen, Risiken und der Blick in die Zukunft

Hitzeaktionspläne sind kein Allheilmittel, aber ein zentraler Baustein für die klimaresiliente Stadt der Zukunft. Sie ermöglichen eine vorausschauende, koordinierte und sozial ausgewogene Reaktion auf die wachsende Herausforderung urbaner Hitze. Gleichzeitig werfen sie neue Fragen auf: Wie lassen sich die Pläne nachhaltig finanzieren? Wie gelingt die Integration in bestehende Planungsprozesse? Und wie gehen wir mit Unsicherheiten, Zielkonflikten und begrenzten Ressourcen um?

Die Chancen sind enorm. Gut gemachte Hitzeaktionspläne fördern Innovation, stärken die sektorübergreifende Zusammenarbeit und sorgen für mehr soziale Gerechtigkeit. Sie machen Städte widerstandsfähiger gegenüber Klimarisiken und erhöhen die Lebensqualität für alle Bewohner. Gleichzeitig beschleunigen sie die Transformation hin zu nachhaltigen, grünen und lebenswerten Stadträumen. Sie bieten zudem eine Plattform für den Einsatz digitaler Tools, die Planung, Monitoring und Bürgerbeteiligung auf ein neues Niveau heben.

Doch es gibt auch Risiken. Ohne klare Governance-Strukturen drohen Verantwortungsdiffusion und Ineffizienz. Unzureichende Finanzierung kann dazu führen, dass Maßnahmen nur halbherzig umgesetzt werden. Zielkonflikte zwischen Klimaanpassung, Nachverdichtung und ökonomischen Interessen sind vorprogrammiert und erfordern kreative Lösungen. Auch die Gefahr, dass sozial benachteiligte Gruppen übersehen werden, ist real – insbesondere, wenn Partizipation und Kommunikation vernachlässigt werden.

Die Zukunft der Hitzeaktionspläne liegt in ihrer Weiterentwicklung zu echten Steuerungsinstrumenten, die flexibel auf neue Herausforderungen reagieren können. Dies erfordert eine kontinuierliche Anpassung, laufendes Monitoring und den Mut, neue Wege zu gehen. Der Einsatz digitaler Technologien, etwa KI-gestützter Analysen und automatisierter Frühwarnsysteme, wird dabei eine immer größere Rolle spielen. Ebenso wichtig ist die internationale Vernetzung: Der Erfahrungsaustausch zwischen Städten und Regionen kann helfen, bewährte Ansätze zu verbreiten und gemeinsame Standards zu entwickeln.

Letztlich sind Hitzeaktionspläne ein Prüfstein für die Innovationsfähigkeit und Resilienz moderner Stadtgesellschaften. Sie zwingen uns, Planung neu zu denken, interdisziplinär zu arbeiten und die Bedürfnisse aller Stadtbewohner in den Mittelpunkt zu stellen. Wer diese Herausforderung annimmt, kann nicht nur das urbane Klima verbessern, sondern auch einen Beitrag zu einer gerechteren, lebenswerteren Stadt leisten.

Fazit: Hitzeaktionspläne als Kompass für die klimaresiliente Stadt

Hitzeaktionspläne sind weit mehr als ein weiterer Baustein im Werkzeugkasten der Stadtplanung. Sie sind der Kompass für die klimaresiliente Stadt und zwingen Verwaltung, Planung, Landschaftsarchitektur und Sozialwesen zu echter Zusammenarbeit. Sie machen deutlich, dass Klimaanpassung kein Nischenthema mehr ist, sondern zur zentralen Aufgabe moderner Stadtentwicklung geworden ist. Erfolgreiche Hitzeaktionspläne verbinden technische Innovation mit sozialer Verantwortung, setzen auf klare Governance-Strukturen und fördern die Integration in bestehende Steuerungsprozesse. Sie bringen Daten, Menschen und Maßnahmen zusammen – und machen aus der Herausforderung Hitze eine Chance für Innovation, Lebensqualität und Gerechtigkeit. Wer Hitzeaktionspläne als integriertes Steuerungsinstrument ernst nimmt, gestaltet nicht nur die Stadt von morgen, sondern gibt ihr auch eine neue, widerstandsfähige Identität.

Nach architects4future nun Bürger*innen4future?

Advertorial Artikel Parallax Article

Unter der Schirmherrschaft des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler nahm der „Bürgerrat Klima“ diesen Montag seine Arbeit auf. Wie die insgesamt 160 ausgelosten Bürger*innen die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommen retten könnten, lesen Sie hier.

Aus den verschiedensten Lebensverhältnissen stammen die Bürger*innen des kürzlich gegründeten „Bürgerrat Klima“. Sie sollen so einen guten Querschnitt der Bevölkerung darstellen, eine Art „Mini-Deutschland“ nennen es die Initiator*innen. Auf wen die Wahl in den verschiedenen Bevölkerungsschichten letztendlich fiel, entschied das Los. Die Initiator*innen schließen dadurch aus, dass die Arbeit des Klima-Bürgerrats von Wiederwahlinteressen beeinflusst wird. Zwölf Mal wird sich der „Bürgerrat Klima“ zwischen April und Juni 2021 treffen. Dabei diskutiert der Bürgerrat Themen, deren inhaltlicher Rahmen von einem Kuratorium aus ca. 25 Wissenschaftler*innen festgelegt wird.

Neuer Schwung für die Klimapolitik erhofft

Neuen Schwung, so erhoffen sich seine Organisator*innen, sollen die Ideen des Bürgerrats Klima in die Politik bringen. Dabei diskutieren die Mitglieder des Rats über vier Handlungsfelder. Die Leitfrage ist, wie Deutschland die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens unter Berücksichtigung gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und ökologischer Gesichtspunkte erreichen kann.

Handlungsfeld Mobilität
Die Teilnehmenden stellen sich hier die Frage, wie der Umstieg auf alternative und klimafreundliche Transportkonzepte in der Stadt und auf dem Land gelingen kann. Ihr Ziel ist es, Treibhausgasemissionen aus dem Straßenverkehr zu verringern, gleichzeitig überall in Deutschland Mobilität zu gewährleisten.

Handlungsfeld Energie
In diesem Handlungsfeld diskutieren die Teilnehmer*innen Wege, durch die der Umbau der deutschen Energieversorgung schneller und sozial verträglich gestaltet werden kann. Der Anteil von ca. 80 Prozent der Energie, der hierzulande aus Kohle, Öl und Gas stammt, soll verringert werden, der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben.

Handlungsfeld Gebäude und Wärme
Hier diskutieren die Teilnehmenden das Thema Gebäudesanierung, wie man die Kosten dafür sozial gerecht verteilen könnte und wie eine stärkere Nutzung erneuerbarer Energien möglich wäre. Um den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern, steht die Isolation von Gebäuden gegenüber Hitze und Kälte in diesem Handlungsfeld im Vordergrund.

Handlungsfeld Ernährung
Mit der Frage, wie die Produktion und der Konsum von Nahrungsmitteln klimaschonender und nachhaltig gestaltet werden kann, beschäftigen sich hier die Teilnehmer*innen. Den größten Anteil am Ausstoß von Treibhausgasen im Bereich der Ernährung hat die Haltung von Tieren. Wegen seiner Zusammenhänge mit Ernährungsgewohnheiten ist dieser Punkt einer der sensibelsten in der gesamten Klimadebatte.

Corona hilft Deutschland, Klimaschutzziele einzuhalten

Bemerkenswert ist: Der Bürgerrat Klima wurde von der Initiative „Scientists for Future“ und dem „BürgerBegehren Klimaschutz e.V.“ über eine online-Petition ins Leben gerufen, in deren Anschluss der Petitionsausschuss des Bundestags dazu verpflichtet war, sich des Themas anzunehmen. Die Bundesregierung musste als sozusagen dazu gezwungen werden, einen Bürger*innenrat zum Thema Klimaschutz anzuhören. Dabei hinkt die deutsche Klimapolitik ihren selbst gesteckten Zielen noch hinterher. Bis zum Jahr 2030 sollen die Treibhausgasemissionen in Deutschland um mindestens 55 Prozent im Vergleich zu 1990 reduziert werden. Zwar wurden in den letzten Jahren die Treibhausgasemissionen stetig weniger und im Jahr 2020 das Zwischenziel von 40 Prozent sogar knapp übererfüllt, aber an einer besonders gelungenen Klimapolitik scheint das nicht zu liegen. Nach Angaben des Umweltbundesamtes zeigen die Daten nämlich, dass etwa ein Drittel der Reduzierung im Jahr 2020 auf das Konto des pandemiebedingten Lockdowns geht. Höchste Zeit also für neue Ideen und vor allem Taten.

Dass die Empfehlungen des Bürgerrats Klima tatsächlich dazu beitragen können, dass Deutschland das Pariser Klimaschutzziel erreicht, dürfte nicht unwahrscheinlich sein. Schließlich können die Teilnehmer*innen des Bürger*innenrats ihre vielfältigen Alltagserfahrungen mit einbringen und sind in der Lage auch die kleinen Details ihrer Lebensrealitäten in den Fragestellungen zu berücksichtigen. Dass sie aber tatsächlich umgesetzt werden, ist aber fragwürdig, denn letztendlich gibt der Bürgerrat Klima auch nur das: Empfehlungen. Und ob die tatsächlich zur Anwendung kommen, wird sich zeigen müssen. „Hallo Deutschland – wir müssen reden“, so beginnt ein Video des Bürgerrats Klima. Hoffen wir, dass es beim lediglichen Reden nicht bleibt.

Die Sitzungstermine von „Bürgerrat Klima“

Mehr Informationen zum Bürgerrat Klima können Sie hier finden.

Hier geht es zum Youtube-Kanal, auf dem Sie die Sitzungen des Bürgerrats Klima im Livestream verfolgen und Aufzeichnungen vergangener Sitzungen ansehen können.

26.04.2021: Einführung in das Thema Klimawandel und Kennenlernen (zur Aufzeichnung)
28.04.2021: Handlungsoptionen und Zukunftsbilder (zur Aufzeichnung)
05.05.2021: Austausch zu Zukunftsbildern und Erarbeitung von Leitsätzen
08.05.2021: Thematische Einführung zu den Handlungsfeldern
12.05.2021: Austausch zwischen den Handlungsfeldern
19.05.2021: Erste Empfehlungen
29.05.2021: Rückmeldung aus Wissenschaft und Politik
05.06.2021: Diskussionen
09.06.2021: Austausch zwischen den Handlungsfeldern
16.06.2021: Überarbeitung von Empfehlungen
19.06.2021: Erstellung der finalen Empfehlungen
23.06.2021: Abstimmung und Feier

Wie sich Andere mit Klimaschutz auseinander setzen, zeigt zum Beispiel Nord Stream 2. Erfahren Sie hier mehr über den deutschen Klimaschutzverein Nord Stream 2.