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Die langjährige Senatsbaudirektorin Regula Lüscher beendet ihre Tätigkeit in Berlin. Ende Juli 2021 geht sie in den Ruhestand. Ob die neue Lebensphase ruhig wird, ist offen. Dessen ungeachtet, verlässt sie nach 14 Jahren auf eigenen Wunsch ihren Posten in Berlin.

In Berlin liegen die Baugeschicke demnächst in anderen Händen. Denn Frau Lüscher beendet ihr Tätigkeit in der Hauptstadt. Nach 14 Jahren bittet die Senatsbaudirektorin um Versetzung in den Ruhestand. Es sind keine Streitigkeiten, die den Weggang veranlassen. Vielmehr will die Schweizerin nach vielen Jahren intensiver beruflicher Aktivität wieder Zeit für andere Dinge haben. Darüber hinaus will sie wieder mit ihrer Familie an einem Ort leben.

Regula Lüscher: Eine Schweizerin in Berlin

2007 stand in Berlin in ein Wechsel an. Hans Stimmann verliess Ende 2006 den Posten des Berliner Senatsbaudirektors. Seine Tätigkeit fand nicht überall Anklang. Zahlreiche Architekt*innen empfanden seine Vorgaben als zu rigide. Mit Regula Lüscher kam frischer Wind nach Berlin. Sie tauschte damals ihren Arbeitsplatz in Zürich gegen die Senatsbaudirektion in Berlin. Im Nachbarland hatte sie sich einen Namen als Architektin und im Städtebau gemacht. Aber mit dem politischen Berlin verband sie damals wenig.

Werdegang von Regula Lüscher

Nach dem Abitur in Basel studierte Regula Lüscher zunächst Architektur an der ETH Zürich. In dieser Stadt arbeitete sie auch als Architektin. Dann wechselte sie nach Wien. Dort heuerte sie im Atelier von Adolf Krischanitz an. Schließlich kehrte sie in die Schweiz zurück. Dort führte von 1989 bis 1998 ein eigenes Büro in Zürich. Ende der 1990er Jahre kehrte sie der Bürowelt den Rücken und wechselte in die Verwaltung. Zunächst war sie im Amt für Städtebau der Stadt Zürich tätig. Ab 2000 leitete sie dort die gesamte Stadtplanung. Schließlich war sie stellvertretende Direktorin des Amt für Städtebau der Stadt Zürich. In die Zeit ihrer Zürcher Tätigkeit fallen wegweisende Projekte. So entwickelte Regula Lüscher unter anderem das Gewerbeareal Zürich West. Aus dem ehemaligen Produktionsstandort inmitten der Stadt wuchs ein bedeutendes Wohn- und Dienstleistungsviertel.

Ende der Berliner Tätigkeit

 

Die Entwicklung von Zürich West galt lange als vorbildlich. Das Projekt lenkte auch den Blick der Berliner Senatorin für Stadtentwicklung auf Regula Lüscher. Die Senatorin sah in Regula Lüscher eine fachlich kompetente Expertin der Stadtentwicklung mit exzellentem Ruf. Diese Expertin lockte die Senatorin Junge-Reyer nach Berlin. So wurde die Schweizerin Regula Lüscher am 1. März 2007 Senatsbaudirektorin in Berlin. Die Position hielt Regula Lüscher bis jetzt. Auch der damalige Senator Michael Müller bestätigte die Schweizerin im Amt. Ebenso wie sein Nachfolger. Auch Andreas Geisel setzte als Senator die Zusammenarbeit mit Regula Lüscher fort. Zuletzt wurde ihr Amt vom rot-rot-grünen Berliner Senat 2016 bestätigt.

Nun stimmte sich Regula Lüscher wieder mit Michael Müller ab. Denn Michael Müller hat sie als regierendem Bürgermeister und Stadtentwicklungssenator mitgeteilt, dass sie Ende Juli 2021 Berlin verlassen will. Die Entscheidung hat sie mit Bedacht getroffen und entsprechend frühzeitig abgestimmt. Es sind also keine Konflikte oder Differenzen, die den Weggang bedingen. Vielmehr hat Regula Lüscher das Gefühl, dass die Stadt Berlin am richtigen Punkt angekommen ist. Themen wie Gemeinwohl, Architekturqualität, Partizipation und Klimaschutz sind präsenter. Das hat sie sich gewünscht. Darauf hat sie in ihren 14 Jahren im Amt hingearbeitet. Nun empfiehlt Regula Lüscher, die Leitung der Senatsbaudirektion in jüngere Hände zu geben.

Stadtentwicklung und -gestaltung

Lüscher steht für eine moderne Architektur. Die prägt auch die Europacity am Berliner Hauptbahnhof. Die Entwicklung dieses gemischt genutzten Stadtviertels fällt in ihre Amtszeit. Ebenso begleitete sie den Bau zweier Hochhäuser am Breitscheidplatz. Weitere Hochhäuser auf dem Karstadt-Areal am Kurfürstendamm hingegen lehnte sie ab. Die Meinung teilte auch das von ihr berufene Baukollegium. Das berät Regula Lüscher in wichtigen Fragen der Stadtgestaltung. Mit diesem von ihr initiierten Baukollegium ist es ihr gelungen, einen intensiven baukulturellen und stadtentwicklungspolitischen Diskurs in Berlin zu etablieren.

Blick nach vorne

Neben Neubauten galt ihre Aufmerksamkeit auch dem Bestand. Sie setze sich für den Erhalt von Gebäuden der Ost-Moderne am Alexanderplatz ein. Auch Kulturbauten wie die Deutsche Staatsoper, die Komische Oper und die Hochschule für Schauspielkunst profitierten von ihrem Engagement. Historischen Rekonstruktionen hingegen stand sie kritisch gegenüber. Vielmehr richtet Lüscher den Blick nach vorne. Der wird sich auch im Schumacher Quartier zeigen. Das neue Wohnquartier am Flughafen Berlin Tegel soll zum Modellquartier für den städtischen Holzbau werden.

Lob und Dank

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller wird Regula Lüscher vermissen. Er lobt die Senatsbaudirektorin und schätzt ihre Erfahrung, ihr Einfühlungs- und ihr Durchsetzungsvermögen. Er lobt aber auch ihre kreativen Ideen für Prozesse der Beteiligung. Auch der Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel lobt die Zusammenarbeit. Sie sei eine Bereicherung gewesen. Aus seiner Sicht hat Regula Lüscher in Berlin positive Spuren hinterlassen: im Stadtbild und der Verwaltung. Dabei hätte sie das Thema Nachhaltigkeit nie aus den Augen verloren.

Kritik und Unverständnis

Nicht alle Stimmen sind positiv. Der Verein Berliner Historische Mitte kritisiert Regula Lüscher. Sie hätte sich nicht für das alte Berlin eingesetzt. Die Senatsbaudirektorin hätte das Vokabular und die Grammatik der Stadt nicht verstanden. Dabei sei die zwischen Gründerzeit und Erstem Weltkrieg entstandene Bebauung unglaublich nachhaltig. Sie war fortschrittlich und ist noch heute klimagünstig und flexibel. Regula Lüscher hätte gut daran getan, diese Qualitäten zu schützen und weiterzuentwickeln, so der Verein. 

Regula Lüscher blickt zurück

Die Senatsbaudirektorin blickt mit Stolz auf ihre Arbeit in Berlin. Sie geht mit mehr als einem weinenden Auge. Das faszinierende Amt hätte sie all die Jahre sehr erfüllt. Sie blickt auf viele interessante und inspirierende Begegnungen sowie Erfahrungen zurück. Sie geht aber auch in freudiger Erwartung auf eine neue Ära und überlegt eine Ausbildung im künstlerischen Bereich zu machen. Vor allem aber will sie mehr Zeit mit ihrer Familie in der Schweiz verbringen. Einen Wohnsitz in Berlin wird sie behalten. Sie sei schließlich über die Jahre Berlinerin geworden. Seit 2016 auch mit doppelter Staatsangehörigkeit.

Mit dem Haus der Statistik wird ein Projekt mit Nutzungsmix aus Kultur, Bildung, Sozialem, öffentlicher Verwaltung und bezahlbarem Wohnraum geschaffen und Regula Lüscher freut sich sehr darüber. Lesen Sie hier mehr zum Projekt.

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Molkenmarkt Berlin: Der älteste Platz wird umgestaltet

Bernd Albers Architekten und Vogt Landschaftsarchitekten gewinnen mit ihrem Entwurf

Bernd Albers Architekten und Vogt Landschaftsarchitekten gewinnen mit ihrem Entwurf

Der Molkenmarkt in Berlin soll neugestaltet werden. Nach dem Planungswettbewerb stehen nun zwei Gewinnerteams fest. Dazu zählen auch Vogt Landschaftsarchitekten. Was die Jury-Entscheidung nun für den Molkenmarkt bedeutet, lesen Sie hier.

Der Molkenmarkt in Berlin ist ein besonderer Ort für die Hauptstadt. Bereits vor der ersten Erwähnung Berlins bezeugen Quellen die Relevanz des Molkenmarktes als Handelsplatz. Die Stadt selbst betitelt ihn als Ort der Berliner Stadtgründung. Und er zählt als ältester Platz der Stadt. Die wechselhafte Geschichte der letzten Jahrhunderte hat ihn gezeichnet.

Molkenmarkt in Berlin: Wettbewerbsgewinner*innen gehen in die zweite Runde

Bereits in den 1930er-Jahren fielen einige anliegende Gebäude dem Ausbau des Mühlendammes zum Opfer. Im zweiten Weltkrieg wurden dann beinahe alle noch umstehenden Häuser zerstört. Nur das Palais Schwerin und das Alte Stadthaus widerstanden den Angriffen. Nach den Kriegshandlungen überprägte der Umbau zur autogerechten Stadt den Molkenmarkt in Berlin. Seither bestimmen Fahrspuren und Verkehrskreuzungen das Bild dort. Eine Asphaltdecke hat sich über die Spuren der Geschichte gelegt. Das zentral in Berlin Mitte gelegene historische Stück Stadt soll zukünftig wieder zu einem lebendigen Quartier entwickelt werden. Dazu hatte die Stadt im vergangenen Jahr einen städtebaulichen Ideenwettbewerb ausgeschrieben und gleich zwei erste Preise vergeben.

Kurz vor Jahresende verkündete die Jury im Dezember die Entscheidung. Aus den zehn Teams, die an der Ausschreibung teilgenommen hatten, blieben am Ende zwei übrig. So verlieh die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einerseits dem Team um den Berliner Architekten Bernd Albers mit Vogt Landschaftsarchitektur aus Zürich einen ersten Preis. Andererseits erhielt auch das dänische Büro OS Arkitekter aus Kopenhagen gemeinsam mit Czyborra Klingbeil Architekturwerkstatt aus Berlin den Zuspruch. Der offene Wettbewerb hatte von Beginn an eine weitere Bearbeitungsphase vorgesehen. So verpflichteten sich die Büros mit ihrer Teilnahme im Falle einer Prämierung am anschließenden Werkstattverfahren mitzuwirken. Bereits im Februar steht der erste Termin für eine offene Bürgerwerkstatt an. Im April folgt dann das zweite öffentliche Beteiligungsverfahren. Dabei sind die Bürger*innen gefragt, ihre Bedenken und Anregungen vorzubringen. Im Abschlusskolloquium am Ende der zweiten Bearbeitungsphase wird die Jury sich dann endgültig entscheiden müssen. Das ausgewählte Projekt dient als Grundlage für die zukünftig geplante Umsetzung.

OS Architekter mit Czyborra Klingbeil Architekturwerkstatt – Radikal nachhaltig

Durch die weitere Ausarbeitung erhofft sich das Preisgericht eine eindeutige Tendenz. Die prämierten Entwürfe setzen auf unterschiedliche Konzepte sowie Gestaltungsprinzipien. Das Team um OS Architekter fordert einen modernen Ansatz. Sie wollen den Molkenmarkt in Berlin als klimaneutrales und innovatives Viertel radikal neu denken. Dabei stehen Überlegungen zur Nutzung alternativer Baumaterialien sowie die Entwicklung nachhaltiger Gebäudestrukturen im Vordergrund. Es entsteht ein nach außen durch große Baukörper gefasstes und dadurch eher geschlossenes Bild.

Im Inneren entwickelt sich eine differenzierte Bebauung in Holzbauweise. Die historisch bedeutsame Ruine der Franziskaner Klosterkirche wird durch einen neu angelegten Kulturpfad für Fußgänger*innen mit dem Kulturstandort an der Alten Münze verbunden. Vor dem Alten Stadthaus entsteht analog ein sogenannter Kulturhof. Er schließt an den Kulturpfad an. So sollen die archäologischen Funde auf dem Areal integriert und erfahrbar werden. Neben den Straßen sowie Plätzen, die Fußgänger*innen und Radfahrer*innen vorbehalten sind, entstehen neue Grünflächen. Für die Freiraumqualität sind diverse Baumpflanzungen vorgesehen.

Büro Albers mit Vogt – Historisch interpretiert

 

Die Büros Albers und Vogt verfolgen hingegen einen anderen Ansatz. Sie schlagen eine traditionelle Blockrandbebauung vor. Eine kleinteilige Parzellierung der Baublöcke erinnert an die Situation, wie sie historisch im Molkenmarkt-Viertel vorzufinden war. Der Entwurf zeichnet eine eher traditionelle Stadtvision und bildet daher einen klaren Kontrast zur Radikalität von OS Architekter.

Am Jüdenhof sehen Albers und Vogt eine Varianz an Fassaden vor. Sowohl Neuinterpretationen als auch exakte Fassadenrekonstruktionen würde um das Bodendenkmal des Jüdenhofes entstehen. Der Ort soll als Denkmal jüdischen Lebens im Mittelalter in Szene gesetzt werden. Auch die ehemalige Französische Kirche wird als Bodendenkmal lesbar bleiben. Dazu schlägt der Entwurf vor, die Abmessungen des Kirchenschiffs als Innenhof nachzuzeichnen. Die beiden charakteristischen Höfe werden über einen Weg durch den gesamten Block verbunden. Das Büro Albers konnte in der Vergangenheit bereits an anderer Stelle in der Hauptstadt Erfahrungen sammeln. Die Architekt*innen realisierten Bauvorhaben am Stresemann-Quartier und am Potsdamer Platz.

Molkenmarkt in Berlin und seine vielen Gesichter

 

Für den Molkenmarkt bedeutet der Wettbewerb ein neues Gesicht. In den Entwurfsarbeiten waren klare Aussagen zur Art der Bebauung und Ausgestaltung der Erdgeschosszonen gefordert. Weiterhin ein Freiraumkonzept, das ökologische, nutzungsstrukturelle und denkmalpflegerische Anforderungen einbezieht. Bereits 1999 schrieb das viel diskutierte Planwerk Innenstadt fest, das Areal als Neuinterpretation des mittelalterlichen Stadtgrundrisses zu rekonstruieren. Der 2016 festgesetzte und weiterhin gültige B-Plan fußt auf einer Überarbeitung jenes Planwerks. Unter Berücksichtigung all dieser Vorgaben galt es, eine neue Identität für den Molkenmarkt in Berlin zu entwickeln. Eine Identität, welche durch Vielschichtigkeit geprägt ist. Das Quartier gilt als Nadelöhr des Verkehrs.

Gleichzeitig laufen vor Ort archäologische Ausgrabungen des Landesdenkmalamtes. Die Arbeiten der diversen Interessensgruppen bedeuten ein komplexes Gefüge an Eingriffen in die Stadtgestalt. Gesucht ist schließlich die Vision für ein Quartier, in dem man sich gerne aufhält. Dazu besitzen beide prämierten Projekte das Potential. Die Senatsverwaltung muss sich nun für eine Entwurfshaltung entscheiden, die zukünftig weiterverfolgt wird.

Die Siegerentwürfe des Ideenwettbewerbs können Sie zudem in einer digitalen Ausstellung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen sichten. Zur Ausstellung geht es hier.

Sieben Kilometer von dem Molkenmarkt in Berlin entfernt liegt das Areal Hertzallee Nord. Dort sollen die Siegerentwürfe des Ideenwettbewerbs 2011 nun umgesetzt werden. Mehr zu den Plänen für das neue Quartier „Hertzallee Nord Berlin“ lesen Sie hier.

Corona und die Städte

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In ihrem Buch analysiert Ingrid Karl, welchen Einfluss die dichten, stets wachsenden Städte auf die Corona-Pandemie und die erodierende Demokratie haben und wie die fortschreitende Globalisierung das Virus begünstigt. Warum der Untertitel “Suche nach einer neuen Normalität” nicht hält was er verspricht, aber wieso das Buch trotzdem absolut lesenswert ist, erklärt Anne Fischer. Eine Buchrezension.

Potenzial zum Klassiker

Worum es geht: Ingrid Krau analysiert, wie dicht bebaute, wachsende Städte die erodierende Demokratie und die Globalisierung den Pandemieverlauf begünstigen. Dabei richtet sie den Blick auf asiatische Megalopolen als wahrscheinlichen Virus-Ursprungsort, auf Urbanität als Lebensform, die dessen Ausbreitung begünstigt, und die Desorientierung vieler Bürger*innen durch soziale Medien, die dafür sorgt, dass im Lockdown giftige Debatten über die politische Entscheidungsgewalt ausbrechen. Im Zentrum ihrer planerischen Überlegungen stehen Städte, die sich, so die Autorin, trotz Klimakrise und daraus folgender Probleme „ihrer früheren Planungsmaxime ‚Licht, Luft und Sonne‘ in erstaunlichem Maß entledigt haben“ – und somit die perfekte Virenumgebung bieten.

Was die Autorin auszeichnet: Die Architektin und Autorin Ingrid Krau lehrte bis 2007 als Professorin für Städtebau und Stadtentwicklung an der TU München. Bereits zu dieser Zeit beschäftigte sie sich mit den Risiken, die extreme Bebauungen mit sich bringen. Krau schreibt vor allem über Städtewachstum und die Folgen fossiler Energiegewinnung.

Das ist die beste Aussage: „Die Vorstellung, wenn jetzt alle zusammen für eine kurze Zeit in den Shutdown gehen, wäre das Virus gebannt, ist ökonomisches Wunschdenken. Es bleibt wegen der Unordnung des Urbanen in den Nischen übersehener Populationen lebendig und tritt an unerwarteter Stelle wieder ans Tageslicht.“

Das erwartet die Leser*innen: Die Unterzeile „Suche nach einer neuen Normalität“ führt Erwartungen in die Irre – denn Krau seziert lediglich den Status quo. Das Buch bietet weniger Anleitung aus dem Schlamassel als präzise Analyse dazu, welchen Anteil der Städtebau an dessen Entstehung trägt. Erst auf den letzten 30 Seiten fordert sie konkrete Maßnahmen für die Zukunft, etwa Bodenfonds für Wohnzwecke, die Be- grenzung von Nachverdichtung, die Erweiterung von Grün- und Durchlüftungsräumen. Sie plädiert für „politischere“ Planung – ohne allerdings der Illusion zu erliegen, es sei einfach, den Boden der Städte „aus seiner Rolle als Spekulationsobjekt internationaler Transaktionen herauszuführen“.

Mehr Klassiker als Trend, weil … Pandemien und ihre verheerenden Auswirkungen auf die Gesellschaft eigentlich genauso wenig neu sind wie planerische Anstrengungen, Antworten auf das Städtewachstum zu finden, die möglichst wenig Luft und Grün opfern – aber, wie Krau es formuliert: „Wachstum und Fortschritt verbinden sich mit Naturvergessenheit.“

Corona und die Städte – das Buch

Haptik: Die Planerin, der Nachhaltigkeit am Herzen liegt, hat sich folgerichtig einen Verlag gesucht, der mit Öko-Anspruch druckt – und auch auf E-Books setzt.

Design: Nicht vom futuristisch-platt geratenen Cover abschrecken lassen.

Lesefluss: Krau kombiniert umfangreiches Wissen mit präziser und geschliffener Sprache, hier und da wiederholt sie sich aber.

Fazit: Krau liefert eher meinungsstarkes Essay als lupenreines Sachbuch und zeigt Zusammenhänge im großen Erzählbogen auf: von historischen Pandemien über Kompaktwohnformen im frühen 20. Jahrhundert, die Nachverdichtung europäischer Metropolen und Lebensbiotope, die sich Menschen und Wildtiere durch zunehmende Urbanisierung teilen müssen, bis hin zur aktuellen Pandemielage, die öffentliche Räume, aber auch das Arbeiten ins Netz verlagert (und so nebenbei den Flächenbedarf verändert) und wohl langfristige Auswirkungen auf städtebauliche Konzepte haben wird. Das macht das Buch zur kurzweiligen Lektüre für Planer*innen.

Corona und die Städte. Suche nach einer neuen Normalität.

Ingrid Krau

120 Seiten
ISBN: 978-3-96238-291-9
Oekom Verlag, 2021

Print 16 Euro, E-Book 12,99 Euro

Mehr zum Thema Planung, Städte und Corona erfahren Sie in hier.