In Deutschland finden 2021 vier Gartenschauen statt: eine Bundesgartenschau in Erfurt, zwei Landesgartenschauen in Ingolstadt und Überlingen sowie eine Gartenschau in Lindau.

Nach der vielbeachteten und hochgelobten Bundesgartenschau in Heilbronn 2019 wird in diesem Jahr die thüringische Landeshauptstadt Erfurt hunderttausende Gäste zum Mega-Event der Gartenbaubranche empfangen. Wie keine zweite Stadt Deutschlands ist Erfurt als Stadt des Gartenbaus in die Geschichtsbücher eingegangen. Nicht zufällig hat das Deutsche Gartenbaumuseum in Erfurt seinen Sitz. Auch als Ausstellungsort des Gartenbaus hat Erfurt eine Bedeutung. Hier fand 1865 die erste internationale Gartenschau statt.

Die Bundesgartenschau präsentiert sich an drei Kernorten, davon an zwei prominenten Orten Erfurts – erstens im egapark am südwestlichen Stadtrand und zweitens auf dem Petersberg, der über der Altstadt thront. Neben egapark und Petersberg erlangt die Nördliche Geraaue durch die BUGA für die Stadt eine große Bedeutung. Nun zieht sich die Aue als durchgängiges grünes Band bis in die Innenstadt.

Gartenschauen 2021: Landesgartenschau in Ingolstadt

 

Alle Fotos: BUGA Erfurt 2021 / Steve Bauerschmidt Photographie

Europas größtes ornamentales Blumenbeet

Gärtner*innen und Landschaftsarchitekt*innen dürfte der egapark schließlich ein Begriff sein. Er wurde für die „Erste Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder . iga 1961“ von Reinhold Lingner angelegt. Hier pocht also das Herz der diesjährigen Gartenschau. Der Park präsentiert sich, wie man es von einer dem Gartenbau, der Blumenzucht und des Samenhandels verbundenen Stadt erwartet. „Blüten ohne Ende“ verspricht die BUGA. Dieses Versprechen könnte sie allein mit Europas größtem ornamentalen Blumenbeet einlösen, das den ega-Besucher*innen immer schon empfangen hat. Auf 6 000 Quadratmetern zeigen die Gärtner*innen, dass die Stadt ihrem Ruf verpflichtet ist. Auf vielen anderen Flächen, insgesamt 36 Hektar, steht das Blühende im Zentrum. Der vorhandene Rosengarten mit 20 000 Quadratmetern wurde um neue Sorten ergänzt. Wenn dort der Hauptblütenflor verblasst, werden Dahlienblüten übernehmen. Mit dem Liliengarten oder dem Karl-Foerster-Garten zieht die Schau bewusst Linien zurück in die Entstehungszeit des Parks, dessen landschaftsarchitektonisches Konzept international gelobt wurde.

BUGA mit insgesamt 25 Außenstandorte

Neu entstanden zur Gartenschau ist außerdem das Wüsten- und Regenwaldhaus „Danakil“, benannt nach der lebensfeindlichen Wüste in Äthiopien. Hier werden spezifische Pflanzen und ihre Strategien für ein Überleben bei Wassermangel und -überfluss dargestellt. Wie zu erwarten werden den Besucher*innen Themengärten, Hallenschauen (stolze 23!) und aufwendig gestaltete Kinderspielplätze geboten. Bei schlechtem Wetter dürfte das Gartenbaumuseum besonders attraktiv sein.
Aus gartenbaulicher Sicht etwas beschaulicher geht es auf dem Petersberg zu – hier sind die Lage über der Altstadt und der historische Gebäudekomplex die großen Highlights. Doch sind die Freiflächen für die BUGA landschaftsarchitektonisch und gärtnerisch stark aufgewertet worden. Neben den neuen Wegeverbindungen und der daraus entstandenen Flächengliederung, ist das Thema Nutzpflanzen in den Fokus gerückt.
Über die drei Kernbereiche hinaus hat die Bundesgartenschau 25 Außenstandorte in ihr Konzept einbezogen, vorwiegend prominente Garten- und Parkanlagen Thüringens, an denen der Freistaat so reich ist und die im Zuge der BUGA aktiv vermarktet werden.

Die an der BUGA beteiligten Planer*innen gibt die Gartenschaugesellschaft wie folgt an:

Europas größtes ornamentales Blumenbeet

Alle Fotos: BUGA Erfurt 2021 / Steve Bauerschmidt Photographie

 

Gärtner*innen und Landschaftsarchitekt*innen dürfte der egapark schließlich ein Begriff sein. Er wurde für die „Erste Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder . iga 1961“ von Reinhold Lingner angelegt. Hier pocht also das Herz der diesjährigen Gartenschau. Der Park präsentiert sich, wie man es von einer dem Gartenbau, der Blumenzucht und des Samenhandels verbundenen Stadt erwartet. „Blüten ohne Ende“ verspricht die BUGA. Dieses Versprechen könnte sie allein mit Europas größtem ornamentalen Blumenbeet einlösen, das den ega-Besucher*innen immer schon empfangen hat.

Auf 6 000 Quadratmetern zeigen die Gärtner*innen, dass die Stadt ihrem Ruf verpflichtet ist. Auf vielen anderen Flächen, insgesamt 36 Hektar, steht das Blühende im Zentrum. Der vorhandene Rosengarten mit 20 000 Quadratmetern wurde um neue Sorten ergänzt. Wenn dort der Hauptblütenflor verblasst, werden Dahlienblüten übernehmen. Mit dem Liliengarten oder dem Karl-Foerster-Garten zieht die Schau bewusst Linien zurück in die Entstehungszeit des Parks, dessen landschaftsarchitektonisches Konzept international gelobt wurde.

BUGA mit insgesamt 25 Außenstandorte

Neu entstanden zur Gartenschau ist außerdem das Wüsten- und Regenwaldhaus „Danakil“, benannt nach der lebensfeindlichen Wüste in Äthiopien. Hier werden spezifische Pflanzen und ihre Strategien für ein Überleben bei Wassermangel und -überfluss dargestellt. Wie zu erwarten werden den Besucher*innen Themengärten, Hallenschauen (stolze 23!) und aufwendig gestaltete Kinderspielplätze geboten. Bei schlechtem Wetter dürfte das Gartenbaumuseum besonders attraktiv sein.

Aus gartenbaulicher Sicht etwas beschaulicher geht es auf dem Petersberg zu – hier sind die Lage über der Altstadt und der historische Gebäudekomplex die großen Highlights. Doch sind die Freiflächen für die BUGA landschaftsarchitektonisch und gärtnerisch stark aufgewertet worden. Neben den neuen Wegeverbindungen und der daraus entstandenen Flächengliederung, ist das Thema Nutzpflanzen in den Fokus gerückt.
Über die drei Kernbereiche hinaus hat die Bundesgartenschau 25 Außenstandorte in ihr Konzept einbezogen, vorwiegend prominente Garten- und Parkanlagen Thüringens, an denen der Freistaat so reich ist und die im Zuge der BUGA aktiv vermarktet werden.

Die an der BUGA beteiligten Planer*innen gibt die Gartenschaugesellschaft wie folgt an:

Gartenschauen 2021: Gartenschau Lindau

 

Ebenfalls mit einem Jahr Verspätung öffnete die Landesgartenschau Überlingen. So finden in diesem Jahr gleich zwei Gartenschauen am Bodensee, an dessen Ufern bislang noch keine Veranstaltung dieser Art beheimatet war. Auf die Gartenschau Lindau kommen wir aber später noch.
Das Ufer des Schwäbischen Meeres ist über weite Strecken das Terrain, auf dem sich die Besucher*innen bewegen – wenn es durch die Villengärten und den Uferpark geht. In den Rasenflächen mit altem Baumbestand legte man während der Gartenschau Beete an. Den schmalen Streifen des westlich gelegenen heutigen Uferparks räumten relais Landschaftsarchitekten aus Berlin und Stuttgart auf. Sie gestalteten diesen „im Spannungsfeld von ökologischem Anspruch und den Nutzungsanforderungen eines Bürgerparks“ neu, wie die Gartenschaugesellschaft es formuliert. Die ökologische Dimension wird in Überlingen symbolisch durch das vom Aussterben bedrohte Vergissmeinnicht Myosotis rehsteineri gezeigt, das nur noch am Bodensee und am Starnberger See vorkommt.

Unter anderem beteiligt: relais Landschaftsarchitekten

Attraktivitätssteigernd wirkt für die Gartenschau, neben dem omnipräsenten Bodensee, ein Spaziergang durch den Stadtgraben hinauf zu den Rosennobelgärten und den Menzinger Gärten, die die Gartenschau dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Hier spielen unter anderem die Themen Obst- und Gemüseanbau eine Rolle. Wen dies nicht interessiert, wird immerhin durch Ein- und Ausblicke in verschwiegene Winkel der Altstadt oder von oben auf den Bodensee belohnt.
Neben dem Büro relais, das auch die Sanierung der Korrespondenzprojekte Landungsplatz, Uferpromenade und Mantelhafen geplant hat, waren noch die Büros 365° freiraum + umwelt (Überlingen) für die Grünvernetzung in der Stadt, Petra Pelz (Sehnde) für den Wechselflor und Mark Krieger (Hamburg) für die Staudenbepflanzung verantwortlich. Herbert Dreiseitl plante einen halbrunden Steg im Bodensee, an den die „Schwimmenden Gärten“ andocken.

Unter dem Motto „Neues Grün für Generationen“ findet die Landesgartenschau Ingolstadt im dicht besiedelten Nordwesten der Stadt auf 23 Hektar Fläche die bayerische Landesgartenschau statt – wegen Corona mit einjähriger Verspätung. Es ist ein neuer Landschaftspark entstanden mit einem 6 000 Quadratmeter großen See sowie weitläufigen Wiesen, Spiel- und Sportflächen für die Menschen, die hier leben und arbeiten. Umgeben von Siedlungen, Straßen, Gewerbe und industrieller Landwirtschaft fanden die Landschaftsarchitekt*innen zu einer strengen Gestaltungssprache. Auf das Gelände führt der neue Piussteg, eine Fußgänger*innen- und Radfahrer*innenbrücke. Sie und die rund sechs Kilometer Rad- sowie Fußwege innerhalb des Parks werden auch nach der Schau viele Familien mit Kindern, alte und junge Menschen und die Mitarbeiter*innen der umliegenden Betriebe in die grüne Lunge locken.

4 000 Quadratmeter Obstwiese, 600 neu gepflanzte Bäume

Der Piussteg, geplant vom renommierten Stuttgarter Büro Schlaich Bergermann, ist inzwischen wichtiger Teil des aktuell entstehenden Ingolstädter Radschnellwegenetzes. Mit „Inspiration Natur“ hat man ein durchaus spannendes Motto gefunden, das die Gartenschaumacher*innen erstens auf zirka 4 000 Quadratmeter in Themengärten und zweitens im sogenannten Stadtlabor mit Leben füllen.

Neben dem üblichen Veranstaltungsprogramm einer Gartenschau werden darüber hinaus in Ingolstadt die jungen Besucher*innen zu bunten Mitmachaktionen und zu Entdeckungstouren durch das Gartenschaugelände eingeladen. In die Daueranlage werden unter anderem rund 600 neu gepflanzte Bäume, 4 000 Quadratmeter Obstwiese und fünf Hektar Blumenwiese eingehen. Verantwortlich für die Gesamtplanung war das Büro Därr aus Halle an der Saale.

Ebenfalls mit einem Jahr Verspätung öffnete die Landesgartenschau Überlingen. So finden in diesem Jahr gleich zwei Gartenschauen am Bodensee, an dessen Ufern bislang noch keine Veranstaltung dieser Art beheimatet war. Auf die Gartenschau Lindau kommen wir aber später noch.

Das Ufer des Schwäbischen Meeres ist über weite Strecken das Terrain, auf dem sich die Besucher*innen bewegen – wenn es durch die Villengärten und den Uferpark geht. In den Rasenflächen mit altem Baumbestand legte man während der Gartenschau Beete an. Den schmalen Streifen des westlich gelegenen heutigen Uferparks räumten relais Landschaftsarchitekten aus Berlin und Stuttgart auf. Sie gestalteten diesen „im Spannungsfeld von ökologischem Anspruch und den Nutzungsanforderungen eines Bürgerparks“ neu, wie die Gartenschaugesellschaft es formuliert. Die ökologische Dimension wird in Überlingen symbolisch durch das vom Aussterben bedrohte Vergissmeinnicht Myosotis rehsteineri gezeigt, das nur noch am Bodensee und am Starnberger See vorkommt.

Unter anderem beteiligt: relais Landschaftsarchitekten

Attraktivitätssteigernd wirkt für die Gartenschau, neben dem omnipräsenten Bodensee, ein Spaziergang durch den Stadtgraben hinauf zu den Rosennobelgärten und den Menzinger Gärten, die die Gartenschau dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Hier spielen unter anderem die Themen Obst- und Gemüseanbau eine Rolle. Wen dies nicht interessiert, wird immerhin durch Ein- und Ausblicke in verschwiegene Winkel der Altstadt oder von oben auf den Bodensee belohnt.

Neben dem Büro relais, das auch die Sanierung der Korrespondenzprojekte Landungsplatz, Uferpromenade und Mantelhafen geplant hat, waren noch die Büros 365° freiraum + umwelt (Überlingen) für die Grünvernetzung in der Stadt, Petra Pelz (Sehnde) für den Wechselflor und Mark Krieger (Hamburg) für die Staudenbepflanzung verantwortlich. Herbert Dreiseitl plante einen halbrunden Steg im Bodensee, an den die „Schwimmenden Gärten“ andocken.

Gartenschauen 2021: Gartenschau Lindau

Ebenfalls mit einem Jahr Verspätung öffnete die Landesgartenschau Überlingen. So finden in diesem Jahr gleich zwei Gartenschauen am Bodensee, an dessen Ufern bislang noch keine Veranstaltung dieser Art beheimatet war. Auf die Gartenschau Lindau kommen wir aber später noch.

Das Ufer des Schwäbischen Meeres ist über weite Strecken das Terrain, auf dem sich die Besucher*innen bewegen – wenn es durch die Villengärten und den Uferpark geht. In den Rasenflächen mit altem Baumbestand legte man während der Gartenschau Beete an. Den schmalen Streifen des westlich gelegenen heutigen Uferparks räumten relais Landschaftsarchitekten aus Berlin und Stuttgart auf. Sie gestalteten diesen „im Spannungsfeld von ökologischem Anspruch und den Nutzungsanforderungen eines Bürgerparks“ neu, wie die Gartenschaugesellschaft es formuliert. Die ökologische Dimension wird in Überlingen symbolisch durch das vom Aussterben bedrohte Vergissmeinnicht Myosotis rehsteineri gezeigt, das nur noch am Bodensee und am Starnberger See vorkommt.

Unter anderem beteiligt: relais Landschaftsarchitekten

Attraktivitätssteigernd wirkt für die Gartenschau, neben dem omnipräsenten Bodensee, ein Spaziergang durch den Stadtgraben hinauf zu den Rosennobelgärten und den Menzinger Gärten, die die Gartenschau dauerhaft für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Hier spielen unter anderem die Themen Obst- und Gemüseanbau eine Rolle. Wen dies nicht interessiert, wird immerhin durch Ein- und Ausblicke in verschwiegene Winkel der Altstadt oder von oben auf den Bodensee belohnt.

Neben dem Büro relais, das auch die Sanierung der Korrespondenzprojekte Landungsplatz, Uferpromenade und Mantelhafen geplant hat, waren noch die Büros 365° freiraum + umwelt (Überlingen) für die Grünvernetzung in der Stadt, Petra Pelz (Sehnde) für den Wechselflor und Mark Krieger (Hamburg) für die Staudenbepflanzung verantwortlich. Herbert Dreiseitl plante einen halbrunden Steg im Bodensee, an den die „Schwimmenden Gärten“ andocken.

Bayern veranstaltet im Wechsel eine „große“ und eine „kleine“ Landesgartenschau, was den Flächenumfang und das Budget kennzeichnet. Dank Corona finden aber in Bayern heuer zwei Gartenschauen statt, in Lindau nun die kleine.

Die weltweit bekannte Insel im Bodensee hat auf ihrem größten Teil ein überaus attraktives Altstadtensemble zu bieten. Etwa ein Viertel führte aber bis jetzt ein Schattendasein, teilweise als großer Parkplatz. Westlich der nun verkleinerten Gleisanlagen vor dem Sackbahnhof hat das Atelier Loidl aus Berlin einen Bürgerpark angelegt. Er soll zum Beispiel dafür sorgen, dass die Lindauer*innen und die zahlreichen Tourist*innen eine großzügige Grünfläche auf der Insel bekommen.

Pflanzenexpertin Petra Pelz in Erfurt, Lindau und Überlingen aktiv

Das auffälligste Element ist an dieser Stelle die große Stufenanlage, die in ihrer Westausrichtung für Sonnenuntergänge am Wasser prädestiniert ist. Auch der vorhandene Luitpoldpark mit dem alten Baumbestand sowie die Promenade zwischen Gleisanlagen und Luitpoldpark wurden ins Gartenschaugelände einbezogen und mit den typischen Themen versehen. Nicht nur in Überlingen und Erfurt, sondern auch in Lindau wurde Petra Pelz als Pflanzenexpertin gewonnen. Sie hat hier „farbenfrohe Kraftpakete“ angelegt. Die Gartenschau ist außerdem eine vorbereitende beziehungsweise die daraus entstehenden Daueranlagen eine flankierende Maßnahme für den Bau von Wohngebäuden auf der Insel.

Mehr zum Thema Gartenschauen, lesen Sie unter anderem hier:

Landesgartenschau Kamp-Lintfort (2020)

Landesgartenschau Bad Iburg (2018)

2018 widmeten wir eine komplette Garten+Landschaft-Ausgabe den Gartenschauen 2018

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Die Bundesstiftung Baukultur hat sich mit ihrem ambitionierten Baukulturwerkstatt-Format zum zweiten Mal „on the road“ begeben und so lud Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, nach dem diesjährigen Auftakt in Kassel (siehe Garten + Landschaft 5/2015) nun in die bayerische Donaustadt Regensburg.

 

Zum Auftakt der Werkstatt stellte der 2014 gewählte Bürgermeister Joachim Wolbergs sichtlich stolz seine Stadt vor, die als größte unzerstörte Altstadt in Deutschland mit Dom und Geschlechtertürmen ein geradezu italienisches Flair verströmt. 32.000 Studenten, von denen ein großer Teil in der Innenstadt wohnt, sorgen dafür, dass die 150.000-Einwohner-Stadt dabei nicht zur leblosen Touristenkulisse verkommt.

Die daraus entstehenden Konflikte, die das Nebeneinander von innerstädtischen Wohnen und ausgiebiger Feierkultur in den zahllosen Cafés und Bars hervorruft, geht Wolbergs kreativ an. Die Baustelle des leerstehenden Deggingerhauses mitten in der mittelalterlichen Altstadt diente nicht nur als Ort für den Empfang für die Baukulturwerkstatt. Anstatt es an einen weiteren Filialisten zu vermieten, wird es nun temporär öffentlich genutzt und zu einem örtlichen Kreativzentrum entwickelt. Dem wachsenden Fahrradverkehr kommt der Bürgermeister entgegen, indem er alle Fußgängerzonen und -gassen für Drahtesel öffnet – nicht ohne Widerstand aus der Bürgerschaft, wie man sich vorstellen kann. Regensburg ist eine Hochburg der Baukultur. Das liegt auch an dem auf private Initiative entstandenen Architekturkreis und dem daraus folgenden Gestaltungsbeirat. Diese sind zu Vorbildern für ähnliche Kommissionen im ganzen Land geworden.

 

Beispiele für die Transformation von Industriebrachen waren das ehemalige Zuckerfabrikgelände „Candis-Areal“ (Auer + Weber/ Rainer Schmidt Landschaftsarchitekten) und die Umnutzung des innerstädtischen Hafen- und Schlachthofgeländes für ein -gemischtes Quartier mit hochwertigen Wohnungen „La Prima -Marina“ (ASTOC Architects and Planners/realgrün Landschafts-architekten). Daneben war vor allem der Hochwasserschutz ein bestimmendes Thema des Workshops. Der Vorsitzende des Architekturkreises Thomas Eckert aus dem Büro Dömges erläuterte gemeinsam mit dem Landschaftsarchitekten Wolfgang Weinzierl auf Fahrradtouren und Spaziergängen die neuen Hochwasserschutzmaßnahmen in Form von klugen Uferbefestigungen und der Gestaltung von grünen Überflutungszonen mit Kiesstränden, Treppen und gestalteten Befestigungsmauern.

Ein besonderer Erfolg sind drei einfühlsam eingefügte, mit dem Architekturpreis ausgezeichnete Wohnbauten auf der Donauinsel am Unteren Wöhrd (Blasch Architekten). Statt eines einfachen abschottenden Schutzdeiches wurde dort-eine auf das private Grundstück zurückgezogene Hochwasserschutzmauer kreativ integriert. Die Häuser stehen teilweise auf Stelzen und bilden gemeinschaftlich nutzbare Terrassen zu den Flussauen hin.

 

Weitreichende Veränderungen

Die Baukulturwerkstatt selbst fand auf der Donauinsel Oberer Wöhrd in der schön sanierten Sporthalle der Regensburger Turnerschaft (RT-Halle) aus dem Jahr 1928 statt und gab das passende Ambiente für die bewährten Kurzvorträge und Diskussionen.

Die Regensburger Baurätin Christine Schimpfermann stellte das interdisziplinäre Wettbewerbsverfahren zur zuvor besichtigten Donauuferbefestigung vor. Architekten, Landschafts-architekten und Wasserbauer haben gemeinsam für die vor Jahrhunderthochwassern ungeschützten Stadtteile im Bürger-dialog vielfältige Lösungen für die starken notwendigen Veränderungen an den kilometerlangen Flussufern entwickelt und realisiert.

Unter der Überschrift „Infrastruktur und Landschaft“ prognostizierte die Kulturwissenschaftlerin Andrea Hartz weitreichende Veränderungen unserer Kulturlandschaften, die zum großen Teil zwar geplant, aber nicht gestalterisch begleitet ablaufen. Mehr und mehr bestimmen Windenergiefelder, Photovoltaik-Landschaften, Stromtrassen und Fernverkehrskorridore unser Landschaftsbild. Sören Schöbel, Professor für Landschaftsarchitektur regionaler Freiräume an der TU München, forderte mehr Baukultur bei der Gestaltung von erneuerbaren Energieanlagen und landschaftsgerechte Integration.

 

Best Practice

Beim Pilotprojekt Raststätte „Lange Berge“ in Nordbayern gab es erstmalig einen gemein-samen Wettbewerb mit Verkehrsplanern und Landschaftsarchitekten. Für die Straßenbaubehörden, die sich sonst isoliert mit Autobahn- und Brückenbauwerken oder zum Beispiel mit dem fortschreitenden Flächenfraß für den Neubau von LKW-Stellplätzen auf Autobahn-Raststätten beschäftigen, war das echtes Neuland. Die beiden ersten Preisträger Brugger Landschaftsarchitekten/Ingenieurbüro Mayr und realgrün mit Dr. Brenner überzeugten mit ihren Arbeiten alle Beteiligten.

Als Best-Practice-Beispiel für eine gelungene postindustrielle Landschaftsnutzung wurde der Schiefererlebnis-Park Dormettingen von Siegmund Landschaftsarchitekten und Atelier Dreiseitl vorgestellt. Auch die Bundesgartenschau in Koblenz (Stephan Lenzen, RMP Landschaftsarchitekten) gilt als Vorbild. Sie bescherte der Stadt am Zusammenfluss von Rhein und Mosel neue Verbindungen ans Rheinufer und infrastrukturelle Dauereinrichtungen. Besucher und Bewohner können die Festung Ehrenbreitstein samt eines grünen Parks nun leichter erreichen: mit einer den Fluss überquerenden Seilbahn.

Impulse für integrierte Planung

Das Baukulturwerkstatt-Format hat sich mit dem Wechsel von Impuls- und Kurzvorträgen, sowie den Werkstatt-Tischen, an denen die angerissene Themen in kleineren Gruppen vertieft werden können und nicht zuletzt durch Führungen zu bemerkenswerten Orten der Baukultur am Veranstaltungsort bewährt und wird im September in Frankfurt am Main fortgesetzt.

Reiner Nagel zog das Fazit, dass bei der Beschäftigung mit der Landschaftsarchitektur in unseren fortwährend technisierten Kulturlandschaften, die eher defensiv agierenden Ingenieure nicht vergessen werden dürfen. Die Notwendigkeit integrierter Planung sei zwar überall Konsens, die Realität zeige aber eher sektorales Denken. Ausnahmen wie der Brückenbeirat der Deutschen Bahn AG oder die integrierte Planung beim Hochwasserschutz an der Donau müssen Schule machen. Vorausschauende Rahmenplanungen und die Aktivierung aller Beteiligten erfordern neben gutem Willen auch verbindliche Regularien. Dann kann man am Ende sogar in der Donau baden: Mitten in der Stadt.

Die nächste Baukulturwerkstatt findet am 10. und 11. September 2015 in Frankfurt am Main statt.

Dieser Text erschien in Garten + Landschaft 8/2015.

Stadtplanung als Mediatorin – zwischen Klimaziel, Wirtschaft und Alltag

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Luftbild einer modernen Stadt – Foto von Chundy Tanz

Stadtplanung ist längst mehr als das Jonglieren mit Paragrafen und hübschen Renderings: Sie ist zur Vermittlerin geworden – zwischen ehrgeizigen Klimazielen, wirtschaftlichen Interessen und den oft widersprüchlichen Bedürfnissen des Alltags. Wie kann die Planung ihre Rolle als Mediatorin wirklich wahrnehmen, und welche Instrumente braucht sie, damit aus Zielkonflikten produktive Stadtentwicklung wird?

  • Einführung in die neue Vermittlerrolle der Stadtplanung zwischen Klimaziel, Wirtschaft und Alltag.
  • Analyse der Zielkonflikte und deren Ursachen im städtischen Kontext.
  • Vorstellung innovativer Methoden und digitaler Werkzeuge für eine partizipative, adaptive Planung.
  • Konkrete Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die zeigen, wie Stadtplanung als Mediatorin agiert.
  • Diskussion der politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Vermittlung.
  • Bewertung von Chancen und Risiken, insbesondere im Hinblick auf Demokratie, Transparenz und soziale Gerechtigkeit.
  • Plädoyer für eine mutige, lernende Planungskultur, die Kompromisse nicht als Scheitern, sondern als Fortschritt versteht.
  • Fazit: Warum die Zukunft der Stadt nur gelingt, wenn die Stadtplanung ihre Rolle als Mediatorin ernst nimmt.

Stadtplanung als Vermittlerin: Der neue Balanceakt der urbanen Entwicklung

Stadtplanung steckt im Spagat – und das mit beachtlicher Eleganz. Während die einen nach schnellen Lösungen für bezahlbaren Wohnraum rufen, fordern andere die kompromisslose Umsetzung ambitionierter Klimaziele. Unternehmen pochen auf Genehmigungsverfahren, die in der Geschwindigkeit mit der globalisierten Wirtschaft Schritt halten. Gleichzeitig wollen Bürger ihre Quartiere lebenswert, grün, sicher und gut erreichbar wissen. Der Alltag ist dabei oft der sprichwörtliche Elefant im Planungsraum: Komplex, widersprüchlich, von Routinen und individuellen Lebenslagen geprägt. Was also tun, wenn Ziel A das Gegenteil von Ziel B zu sein scheint? Genau hier wird Stadtplanung zur Mediatorin – nicht aus Nettigkeit, sondern aus Notwendigkeit.

Die klassische Planung, wie sie vielerorts noch in Aktenordnern schlummert, ist mit dieser Vielschichtigkeit meist überfordert. Sie ist zu linear, zu sektoralen Routinen verhaftet, zu wenig dialogisch. Doch urbane Konflikte sind heute alles andere als linear: Sie verlaufen quer zu Ressorts, Disziplinen und Zuständigkeiten. Wer etwa eine neue Fahrradachse plant, greift nicht nur in den Verkehr ein, sondern beeinflusst Handel, Wohnqualität, Emissionen und sogar soziale Begegnungsräume. Und während das eine Ressort auf Klimaneutralität pocht, muss das andere Wirtschaftsförderung betreiben. Der Alltag, das muss man sich eingestehen, ist ein ständiges Verhandeln von Zielkonflikten.

Die Rolle der Planung verändert sich dabei grundlegend. Sie ist nicht mehr allein die Instanz, die Flächennutzungspläne abstempelt oder Bauanträge abarbeitet. Sie wird zum Moderator, zur Übersetzerin zwischen Fachsprachen, zur Plattform für Aushandlungsprozesse. Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen: Erfolgreiche Planung ist heute diejenige, die Konflikte nicht wegmoderiert, sondern produktiv macht. Das erfordert Mut zum Kompromiss, aber auch die Fähigkeit, Positionen sichtbar und verhandelbar zu machen.

Diese Vermittlungsleistung ist keineswegs ein Zeichen von Schwäche. Vielmehr ist sie der Beweis für Professionalität und Innovationskraft. Denn in einer Zeit, in der gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen immer komplexer werden, ist die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen zu orchestrieren, ein zentraler Erfolgsfaktor. Planung, die sich dieser Aufgabe stellt, entwickelt nicht nur bessere Städte – sie schafft Vertrauen und Akzeptanz. Damit wird die Planung zur Katalysatorin urbaner Resilienz.

Der Anspruch ist also hoch: Die Planung muss zwischen globalen Klimazielen, lokalen Wirtschaftsinteressen und dem alltäglichen Leben vermitteln. Sie muss zuhören, erklären, abwägen und gestalten – und dabei nie den Blick für das große Ganze verlieren. Das ist nichts weniger als ein Paradigmenwechsel, der tief in die DNA der Disziplin eingreift. Nur wer diese Vermittlerrolle annimmt, wird die Städte von morgen wirklich gestalten können.

Zielkonflikte in der Stadt: Wo Alltag, Wirtschaft und Klimapolitik kollidieren

Der Alltag deutscher, österreichischer und schweizerischer Städte besteht aus einer Vielzahl von Zielkonflikten, die auf den ersten Blick unlösbar erscheinen. Da ist zum Beispiel der Wunsch nach mehr Wohnraum, der mit dem Erhalt von Grünflächen kollidiert. Oder der Bedarf an Mobilität, der mit der Notwendigkeit einhergeht, Emissionen zu reduzieren. Wirtschaftliche Entwicklung und Klimaschutz stehen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber, sobald Flächen für Gewerbe ausgewiesen werden sollen, die eigentlich für Frischluftschneisen reserviert sind. Hinzu kommen soziale Fragen: Wer profitiert eigentlich von Stadtentwicklung, und wer bleibt auf der Strecke?

In der Praxis bedeutet das: Jeder Planungsschritt ist ein Aushandlungsprozess. Das klassische Beispiel ist die Nachverdichtung: Sie gilt als Klimaschutzmaßnahme, weil sie Infrastruktur effizienter nutzt und Flächenversiegelung vermeidet. Doch im Alltag führt sie zu Konflikten mit Nachbarn, die um ihre Lebensqualität fürchten, mit Unternehmen, die Gewerbeflächen benötigen, und mit Umweltverbänden, die jeden Quadratmeter Grün verteidigen. Ähnliche Dynamiken zeigen sich bei der Verkehrswende, bei der Neugestaltung öffentlicher Räume oder der Anpassung an den Klimawandel.

Ein zentraler Grund für diese Konflikte liegt in der Vielzahl der beteiligten Akteure und ihrer unterschiedlichen Logiken. Während die Wirtschaft auf Schnelligkeit und Flexibilität angewiesen ist, verlangen Klimaziele oft Restriktionen und Langfristigkeit. Der Alltag der Stadtbewohner wiederum ist von Routinen geprägt, die sich nicht beliebig umstellen lassen. Die Planung steht damit vor der Herausforderung, verschiedene Zeithorizonte, Systemlogiken und Wertvorstellungen miteinander zu verknüpfen – eine Aufgabe, die weit über das Ausfüllen von Formularen hinausgeht.

Hinzu kommt die politische Dimension: Stadtentwicklung ist immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Wer wird gehört, wer entscheidet, und wie transparent sind die Prozesse? Gerade bei großen Infrastrukturprojekten zeigt sich, dass mangelnde Beteiligung und intransparente Entscheidungswege zu Widerständen und Vertrauensverlust führen. Die Vermittlerrolle der Planung ist daher nicht nur eine fachliche, sondern auch eine zutiefst demokratische Aufgabe.

Um diese Konflikte produktiv zu machen, braucht es neue Instrumente und Methoden. Partizipative Verfahren, digitale Beteiligungsplattformen, adaptive Leitbilder und vor allem eine Planungskultur, die Fehler zulässt und aus ihnen lernt. Entscheidend ist, dass Zielkonflikte nicht als Hindernis, sondern als Motor für Innovation verstanden werden. Nur so kann die Stadt als Lebensraum, Wirtschaftsstandort und Klimapionier zugleich bestehen.

Neue Instrumente für die Vermittlung: Von Digital Twins bis Partizipation

Die Vermittlungsarbeit der Stadtplanung wird heute durch eine Vielzahl neuer Instrumente unterstützt, die weit über das klassische Votum im Planungsausschuss hinausgehen. Besonders im Fokus stehen digitale Stadtmodelle, sogenannte Urban Digital Twins, die es ermöglichen, komplexe Zusammenhänge sichtbar und verhandelbar zu machen. Anders als statische 3D-Modelle sind diese digitalen Zwillinge lernfähige, datengetriebene Abbildungen urbaner Realität, die in Echtzeit Szenarien simulieren können. Sie zeigen, was passiert, wenn etwa der Verkehr umgelenkt, ein neuer Gebäuderiegel gebaut oder eine Grünfläche entsiegelt wird – und das alles mit messbaren Auswirkungen auf Klima, Wirtschaft und Alltag.

Durch die Integration von Echtzeitdaten aus Sensorik, Verkehrsmanagement, Energieverbrauch oder Wetterprognosen lassen sich Entscheidungsprozesse nicht nur beschleunigen, sondern auch transparenter gestalten. Planung wird so zum offenen Labor, in dem verschiedene Akteure ihre Perspektiven einbringen und gemeinsam an Lösungen arbeiten können. Die Simulation von Zielkonflikten und deren Auswirkungen macht Kompromisse nachvollziehbar und erleichtert die Akzeptanz von Entscheidungen. Gleichzeitig wird das Risiko verringert, an der Realität vorbei zu planen – ein Vorwurf, der der Verwaltung immer wieder gemacht wird.

Doch Technik allein ersetzt keine Vermittlung. Digitale Werkzeuge müssen in partizipative Verfahren eingebettet werden, die alle relevanten Gruppen einbeziehen. Bürgerhaushalte, offene Quartiersforen, Online-Dialoge und Co-Creation-Workshops sind nur einige Beispiele für Formate, die eine breite Debatte ermöglichen. Entscheidend ist, dass die Planung die Rolle des neutralen Moderators einnimmt und nicht zum bloßen Erfüllungsgehilfen einzelner Interessengruppen wird. Die Herausforderung besteht darin, die Vielzahl der Stimmen zu orchestrieren, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen.

Eine besondere Rolle spielt dabei die Governance, also die Art und Weise, wie Entscheidungsprozesse organisiert und gesteuert werden. Transparente Regeln, nachvollziehbare Kriterien und klare Verantwortlichkeiten sind die Voraussetzung dafür, dass Vermittlung gelingt. Gleichzeitig müssen rechtliche Rahmenbedingungen weiterentwickelt werden, um Innovationen zu ermöglichen, ohne Demokratie und Rechtssicherheit zu gefährden. Hier sind Gesetzgeber, Verwaltung und Zivilgesellschaft gleichermaßen gefordert.

Die Stadtplanung als Mediatorin ist also nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem eine Frage der Haltung. Sie muss bereit sein, Widersprüche auszuhalten, Kompromisse zu suchen und auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Nur so kann sie den Spagat zwischen Klimazielen, Wirtschaft und Alltag meistern und zur echten Brückenbauerin urbaner Entwicklung werden.

Praxisbeispiele: Vermittlung in Aktion – Was Städte daraus lernen können

Wie sieht Vermittlung konkret aus? Ein Blick in die Praxis zeigt, dass Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereits innovative Wege gehen – auch wenn der große Durchbruch noch aussteht. In München etwa wurde im Rahmen der Entwicklung des Kreativquartiers ein breit angelegter Beteiligungsprozess gestartet, bei dem nicht nur Investoren und Behörden, sondern auch Künstler, Anwohner und lokale Unternehmen mit am Tisch saßen. Konflikte zwischen Flächenbedarf für Wohnungen, Freiräumen und kreativer Nutzung wurden offen diskutiert – unterstützt durch digitale Stadtmodelle und Szenarien, die die Auswirkungen verschiedener Entwicklungspfade sichtbar machten. Das Ergebnis: Ein integriertes Quartierskonzept, das zwar nicht alle Wünsche erfüllte, aber von einer breiten Mehrheit getragen wird.

In Zürich setzte die Stadt bei der Umgestaltung des Seefelds auf eine Kombination aus partizipativer Planung und digitaler Simulation. Verschiedene Varianten der Verkehrsführung, Begrünung und Bebauung wurden gemeinsam mit Bürgern, Unternehmen und Experten entwickelt und mithilfe eines Urban Digital Twins in Echtzeit simuliert. So konnten die Auswirkungen auf Klima, Wirtschaft und Lebensqualität transparent gemacht und in den Entscheidungsprozess integriert werden. Die Vermittlung wurde so zum Motor für Innovation – und zum Vorbild für andere Stadtteile.

Auch in Wien zeigt sich, wie Vermittlung gelingen kann: Im Rahmen des Programms „Klimamusterstadt“ werden Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel systematisch mit den Anforderungen von Wirtschaft und Alltag abgeglichen. Mithilfe einer offenen Entscheidungsplattform werden Zielkonflikte nicht nur analysiert, sondern gemeinsam bewertet und priorisiert. Die Planung wird so zum lernenden System, das flexibel auf neue Herausforderungen reagieren kann.

Diese Beispiele zeigen: Wo Planung als Mediatorin agiert, entstehen Lösungen, die über den kleinsten gemeinsamen Nenner hinausgehen. Sie sind robuster, weil sie unterschiedliche Perspektiven integrieren, und sie sind innovativer, weil sie Zielkonflikte als Ressource nutzen. Entscheidend ist dabei immer die Kombination aus technischer Innovation, partizipativer Governance und politischem Willen. Ohne diese Trias bleibt Vermittlung ein Lippenbekenntnis.

Die Lehren für andere Städte sind eindeutig: Es braucht Mut, Prozesse offen zu gestalten, digitale Werkzeuge klug einzusetzen und Konflikte nicht zu scheuen. Wer diese Herausforderung annimmt, kann aus Zielkonflikten produktive Dynamik entwickeln – und die Stadt als lebendigen, resilienten Organismus gestalten, der auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet ist.

Fazit: Zukunft der Stadtplanung – Vermittlung ist mehr als Kompromiss

Stadtplanung als Mediatorin ist kein Modetrend, sondern die logische Antwort auf die Komplexität urbaner Zielkonflikte im 21. Jahrhundert. Zwischen Klimaziel, Wirtschaft und Alltag zu vermitteln, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Professionalität. Es erfordert Mut, Innovationsbereitschaft und eine neue Planungskultur, die Kompromisse als Fortschritt versteht. Digitale Instrumente wie Urban Digital Twins eröffnen neue Möglichkeiten, Zielkonflikte sichtbar zu machen und partizipative Prozesse zu stärken. Doch Technik allein reicht nicht: Es braucht transparente Governance, rechtliche Klarheit und den politischen Willen, die Vermittlerrolle ernsthaft zu leben.

Die Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, dass produktive Vermittlung gelingen kann – wenn Planung als lernendes System verstanden und gestaltet wird. Zielkonflikte sind dabei kein lästiges Übel, sondern der Motor für Innovation und Resilienz. Wer den Spagat wagt, schafft Städte, die nicht nur funktionieren, sondern begeistern. Entscheidend ist, dass Planung nicht zur Erfüllungsgehilfin einzelner Interessen verkommt, sondern als Plattform für Aushandlungsprozesse agiert, die das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die Zukunft der Stadt wird nicht am Reißbrett entschieden, sondern im Dialog. Stadtplanung als Mediatorin ist der Schlüssel, um aus Zielkonflikten nachhaltige, lebenswerte und wirtschaftlich starke Städte zu entwickeln. Wer sich dieser Verantwortung stellt, gestaltet nicht nur Räume – sondern Zukunft.