Schillernde Fahrbahn

Endlich kann man nachts unbesorgt durch die Landschaft in Nuenen radeln. Der Entwurf für einen neuen Radweg des niederländischen Designers Daan Roosegaardes macht es möglich: ein leuchtender Weg, der mit seinem wirbelnden Muster auf die Nachtszene des Gemäldes „die Sternennacht“ von Vincent van Gogh verweist.

Nuenen liegt in der niederländischen Provinz Noord-Barbant – östlich von Eindhoven – dort wo der Künstler Van Gogh geboren wurde und aufwuchs. Sein erstes Meisterwerk „die Kartoffelesser“, sowie die gemalten Wassermühlen von Opwettense und Colse, sind in der Gegend entstanden. Nun soll der neu geschaffene Radweg eine Verknüpfung dieser zwei Mühlen schaffen und mit Hilfe des zeitgenössisches Design den Tourismus in Barbant ankurbeln.

Besonders bei diesem Projekt ist die Oberfläche der Fahrbahn: Beschichtet mit einer Spezialfarbe, die am Tag die Sonnenenergie sammelt und nach Einbruch der Dunkelheit die Leuchtkraft wieder abgibt. Zusammen mit dem Unternehmen „Heijmans Infrastructure“ entwickelt Roosegaarde diese funkelnden Steine, die bis zu acht Stunden lang glimmen.

Falls die beschichtete Oberfläche bei bewölkten Wetter sich nicht ausreichend aufladen kann, sorgen zusätzliche LEDs, entlang bestimmter Kurven, für die notwendige Beleuchtung. Hierbei dient eine nahe gelegene Solaranlage zur Stromversorgung.

Ein weiteres Konzept des Designers ist das Pilotprojekt „Glowing Lines“ – eine Straße, die durch integrierte Leuchtstreifen das Fahren in der Dunkelheit vereinfachen soll.

Dieser Beitrag ist eine Zusammenarbeit mit unserer Schwesterzeitschrift Baumeister.

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Floating University: Wissenschaft auf dem Wasser

Seit Anfang Mai hat sich das Regenauffangbecken des ehemaligen Flughafens Tempelhof in ein Labor neuer urbaner Praxis verwandelt. Entworfen vom Architekturkollektiv „raumlaborberlin“, lässt sich hier für fünf Monate die „Floating University Berlin“ nieder und schafft einen Ort der kollektiven Wissensproduktion.

Improvisierte Oase

Alle Fotos: Victoria Tomaschko.

In einer generischen Struktur aus Holz und Baugerüsten bietet die Floating University die nächsten Monate ein vielfältiges Programm für alle Altersstufen. Ein interdisziplinäres Team aus Studierenden und Wissenschaftlern von mehr als 20 internationalen Universitäten, Künstlern, Architekten, Tänzern, Musikern, Nachbarn und lokalen Experten erproben hier neue Formen des gemeinsamen Lernens und der Zusammenkunft.

Durch einen verwunschenen Eingang betritt der Besucher das Gelände der „Floating University Berlin“. Der gemeinschaftliche Campus wird über einen begrünten Treppenturm aus Baugerüsten erschlossen. Dieser soll sich über den Sommer in einen wuchernden „Tomatenwald“ aus mehr als vierzig Tomatensorten transformieren. Schnell wandert der Blick auf den „Japanischen Pavillon“, der über dem Regenauffangbecken zu schweben scheint.

Das Regenauffangbecken stammt bereits aus dem 19. Jahrhundert und ist noch heute in Funktion. Bei starkem Regenfall sammelt sich hier das Wasser, das auf die Dächer des ehemaligen Tempelhofer Flughafengebäudes, das Flugfeld und den anliegenden Columbiadamm fällt. Während sich das Auffangbecken in eine urbane Oase mit reichem Ökosystem verwandelt, fließt das Wasser nach und nach wieder ungefiltert in den Landwehrkanal ab – bereit für den nächsten Regen.

Über einen schmalen Holzsteg gelangt der wagemutige Besucher zu einem weiteren Ensemble experimenteller Baukonstruktion. In einem belebten Laborturm bereitet ein „performatives Filtersystem“ Regenwasser auf. Das aufbereitete Regenwasser versorgt unter anderem eine provisorische Laborküche. Ein paar Meter weiter entdeckt man eine Gruppe Studierender, die bei heißen Temperaturen ihre Füße zur Erfrischung ins kühle Nass halten. Sie haben ihre Vorlesung in das Whirlpool-Auditorium verlegt und lauschen passend zum Thema einem Vortrag über die nachwachsende Stadt.

Ein Labor für stadtpolitische Alternativmodelle

Doch was wären innovative Ideen und alternative Lernkonzepte ohne einen Ort des Diskurses? Die „Floating University Berlin“ bietet eine erfrischende Abwechslung zu verstaubten Konzepten der Wissensproduktion. Das „innerstädtische Offshore-Labor“ ermöglicht es, gemeinsam über die Produktion von Stadt nachzudenken und stadtpolitische Alternativmodelle zu entwickeln: Wie können wir durch angewandte Forschung städtische Routinen hinterfragen? Wie können wir aktuelle urbane Transformationsprozesse gemeinsam denken und gestalten?

Noch bis zum 15. September 2018 lädt die „Floating University Berlin“ im Rahmen der offenen Besucherwochen alle Interessierten ein, an Workshops, Vorträgen, Seminaren, Gespräche, Konzerten und Performances teilzunehmen.

Enthüllung im Schnee

Im Rahmen des diesjährigen Faust Festivals in München enthüllte am Samstag, 17. Februar 2018 die Künstlerin Mia Florentine Weiss zwei Skulpturen. Es ist eine Premiere: Zum ersten Mal stehen Kunstwerke am Münchner Siegestor.

An diesem Samstag schneit es viel, und die in weiss eingehüllten Skulpturen – nördlich und südlich vom Siegestor – scheinen vor einem Vorhang aus Schnee zu stehen. Als die Künstlerin Mia Florentine Weiss die schweren Metallketten durchschneidet, kommen zwei rot-rostige Metallschriftzüge zum Vorschein. Es sind Ambigramme: Je nachdem auf welcher Seite der Skulptur man steht, liest man „Love“ oder „Hate“. Die Begriffe Liebe und Hass beziehen sich nicht nur auf das ambivalente Gefühlschaos in Goethe’s Faust Drama, sondern auch auf den Standort und aktuelle Anlässe. Die Ereignisse, die das Kunstwerk einrahmen sind einerseits das hundertjährige Jubiläum zum Ende des Ersten Weltkrieges und andererseits die Sicherheitskonferenz, die sich am selben Wochenende im Bayrischen Hof in München mit Sicherheits- und Verteidigungspolitik auseinandersetzt.

Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs beschädigten das Siegestor stark. Im Zuge des Wiederaufbaus brachte man oberhalb der Bögen den Schriftzug an „Dem Sieg geweiht vom Krieg zerstört zum Frieden mahnend“. Er bezieht sich nicht nur auf triumphvolle Siege, sondern ebenso auf Leid und Zerstörung, die Kriege hervorbringen. Der Friede soll bewahrt werden. Die Skulpturen von Mia Florentine Weiss nehmen Bezug auf das ambivalente Verhältnis zwischen Frieden und Krieg.

Die Ausrichtung der Skulpturen fasziniert: Sie sind so positioniert, dass der Schriftzug „Hate“ jeweils zum Siegestor hin steht und der Begriff „Love“ von ihm weg. Weiss wollte damit das Tor in Liebe einrahmen, und dem Hass wenig Raum geben.

Eingerostete Liebe oder eingerosteter Hass?

Laut der Künstlerin trifft keines von beiden zu, denn das Material des Kunstwerks bezieht sich nicht auf die Begriffe, sondern auf den Standort der Skulpturen. Die Geschichte des Orts verlangte ihrer Meinung nach ein Material, das auf die Vergänglichkeit eingeht. Der Rost nimmt Bezug auf Zeit, Veränderungen und Abnutzung von Orten. Wie sich die Bedeutung des Siegestor im Laufe der Zeit gewandelt hat, wandelt sich auch das Aussehen der Skulpturen mit den Witterungen.