Schinkelpreis 2015 fördert Genrewechsel

In Berlin gibt es zum Glück noch immer unentdeckte Orte, Versprechen für die Zukunft der Stadt. Zwischen schönstem Spreeufer und leerstehendem Gewerberaum, rund um das trotz Künstlerateliers verloren wirkende Baudenkmal des DDR-Rundfunks und ein aussortiertes Kraftwerk wurde eines dieser Niemandsländer im Osten der Stadt für den 160. Schinkelwettbewerb zum Neuland Lichtenberg. Und Neuland betrat auch der auslobende Architekten- und Ingenieursverein zu Berlin (AIV). Erstmals stellte er keine spezifischen Fachspartenaufgaben von Architektur bis Brückenbau, sondern lud ein, eine von drei Maßstabsebenen zu wählen und -einem Thema zu folgen, entweder „Vernetzung und -öffentlicher Raum“, „Quartier und Mischung“ oder „Objekt und Intervention“. Eher Werkstatt denn Wettbewerb, sollten die 137 teilnehmenden Teams, Nachwuchs aus fünf europäischen Ländern, freier als in den Vorjahren entscheiden können, wie sie vor-gehen, ob Masterplan oder punktuelles Eingreifen. „Wir sind mit dem Schinkelpreis mitten in der Diskussion der Stadt“, betont Jurorin Barbara Hutter, Landschaftsarchitektin. Seit kurzem ist Wohnungsbau dringend und der Bezirk Lichtenberg beginnt bereits, für das Areal zu planen.
Unter den zwei Schinkelpreisen, fünf Sonderpreisen und vier -Anerkennungen beweisen vier Teams aus angehenden Landschaftsarchitekten, wie gut sie den Städtebau beherrschen. Es sei jedes Mal eine erfreuliche Überraschung, wenn die Namen aus den Briefumschlägen gezogen werden, kommentierte Jurymitglied Michael Heurich, Professor an der Dubliner School of -Architecture.

„Es war angenehm, alles mit entwerfen zu können und zuerst zu fragen, wie soll der öffentliche Raum aussehen“, berichtet Schinkelpreisträger Julian Schäfer. Mit Philipp Hoß und Quang Huy Le von der TU München bietet er -Arbeits- und Wohnraum für bis zu 20 000 Menschen. Trotz hoher Verdichtung wirken die drei vorgeschlagenen Quartiere luftig leicht: Einige interessantere Industrierelikte, etwa ein alter Wasserturm werden zu Stadtmarken auf dominanten Plätzen. Eine Schneise, bestehend aus weiteren Plätzen in Folge, lenkt zum Spreeufer, das selbstredend nicht bebaut wird, sondern wo die Landschaftsarchitekten ein Spreebad aus den 1920er-Jahren wiederbeleben und einen Sprungturm in den Fluss stellen. Auch Tina Simon und Sebastian Lensch, ausgezeichnet mit dem Heinz-Diesig-Stifterpreis, gönnen ihren neuem Stadtviertel viele Sichtachsen mit Blick zur Spree und krönen das urbane Zentrum mit einem -Hafenbecken. Drei -ihrer Studienkollegen von der TU Dresden – Max Georgi, Wolfgang Hilgers und Kriss Gabriel – renaturieren den Wallgraben. Klingt harmlos konventionell und verschafft doch geniale Übergänge zu -angrenzenden Stadt- und Landschaftsräumen, verbindet mit der baumüppigen nahen Wuhlheide; das honoriert die Lenné-Akademie für Gartenbau und Gartenkultur mit ihrem -Sonderpreis.
Angenehm provokant, wie übrigens bereits im vergangenen Jahr, stechen Lucas Hövelmann, Richard Roßner und Lars Schöberl, TU Berlin, heraus. Sie entwickeln eine „Landschaftsschleife“, die neue Freiräume plus -Mini-Grünreste plus vorhandene Parks sammelt und als Riesenpark bis zum Flussufer ausdehnt. Die Dimension des Parks begrenzt die Baufelder, das -hätte im realen Leben wohl kaum eine Chance, bekam – Trostpreis oder Verheißung?! – einen Anerkennungspreis.
Am überraschendsten agieren die angehenden Architekten Yvonne Corinna Paul und Marc Timo Berg, TU Berlin. In „How to use this place” – gewürdigt mit dem zweiten Sonderpreis des Stifters Heinz Diesig – wählen sie ausgerechnet einen der unattraktivsten Verkehrs-Transiträume und machen ihn zur Achse für minimal-inversive -Ideen. Ob nun der Rummelsburger-Kraftwerkkoloss zur Projektionsfläche für ein Streetkino wird oder ein schwimmendes Spreedeck nur über einen unter der Wasserlinie versenkten Stegeinschnitt erreichbar ist, die polarisierende landschaftsarchitektonische Strategie veranlasste alle Preisrichter zu diskutieren: Ist das Architektur?