Sebastian Scheel, wie bewältigen wir Flächendruck?

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Berlin wuchs von 2011 bis 2016 um rund 245 000 Menschen. Das ­entspricht der Einwohner*innenzahl der Stadt Kiel. Die ehemalige ­Bau­­senatorin Katrin Lompscher reagierte mit dem „Stadtentwicklungsplan Wohnen 2030“ auf das massive Stadtwachstum in der Hauptstadt. 200 000 neue Wohn­einheiten sollten geschaffen werden. Und dann? Dann meldete das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg vergangenen August den ersten Einwohner*innenrückgang in Berlin seit 2003. Eine Trendwende? Nein, sagt Berlins neuer Bausenator Sebastian Scheel. Für die Januarausgabe 2021 hat sich G+L-Chefredakteurin Theresa Ramisch mit ihm über den Umgang mit Flächenkonkurrenz unterhalten – am Beispiel Berlin.

Bausenator Sebastian Scheel im Interview

Sebastian Scheel, im August 2020 meldete das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg den ersten Einwohner*innenrückgang in Berlin seit 2003. Was bedeutet das für Ihre Arbeit und den erst 2019 ­verab­schiedeten Stadtentwicklungsplan?

Berlin ist attraktiv und wird es bleiben, insofern gehe ich davon aus, dass wir hier eine Momentaufnahme sehen und keine Trendwende. Der leichte Rückgang der Einwohnerzahl hat im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen gelten corona­bedingte Beschränkungen, die einen ­dämpfenden Einfluss auf nationale und internationale Migrationsbewegungen haben. Zum anderen wurde das Berliner Melderegister bereinigt.

Beides zusammen sorgt für eine sinkende Einwohner*innenzahl im ersten Halbjahr 2020. Unmittelbare Auswirkungen auf den „Stadtentwicklungsplan Wohnen 2030“ ergeben sich daraus nicht. Und wir sehen vor allem keinen Anlass, die ­Anstrengungen beim Wohnungsbau zurückzufahren, denn beim gemeinwohlorientierten Wohnungsbau für die Berliner*innen ist der Bedarf weiterhin hoch.

“Unser Ziel ist es, Flächen zu schonen.”

In Stadtteilen wie Mitte, Kreuzberg oder Neukölln konkurriert der steigende Bedarf an Wohn- und Gewerbeflächen mit dem Bedarf an Grün- und Freiflächen, die aber für eine klimaresiliente Stadtentwicklung dringend nötig sind. Hinzu kommt, dass Gründerzeitquartiere wie Friedrichshain, Prenzlauer Berg oder Kreuzberg über nur wenige Parks verfügen, die aber für das Stadtklima dringend notwendig wären. Wie stellen Sie sicher, dass dort – trotz steigender Nachfrage nach Wohnraum – das für das Mikroklima erforderliche Stadtgrün erhalten wird? 

Unser Ziel ist es, Flächen, die bislang nicht bebaut sind und nicht im Siedlungs­zusammenhang liegen, möglichst zu schonen. Für die klimaverträgliche bauliche Entwicklung im Bestand empfehlen wir möglichst viele Fassaden zu begrünen. Gefordert und gefördert wird außerdem, schattenspendende Straßenbäume zu pflanzen sowie die Nutzung von Dächern für Solaranlagen und Grünbepflanzung. Damit soll sowohl Energie gewonnen als auch die Speicherung von Wasser er­möglicht werden.

Mit dem „1000-grüne-Dächer-Programm“ verfügt Berlin über ein gutes Instrument dafür. Vor allem die baulichen Entwick­lungen im Bestand erfordern passgenaue Konzepte, die die individuellen Rahmen­bedingungen berücksichtigen und nutzen. Dabei kommt es auf die Eigentümer*innen genauso an wie auf die öffentliche Hand und die Stadt­gesellschaft, die diese ­Ver­änderung gemeinsam tragen und gestalten müssen.

“Grün- und Freiflächen sind wichtige Orte des Miteinanders.”

Grün- und Freiflächen können ein Schlüssel für die städtebauliche Aufwertung und die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sein. Welche Freiraum-Strategien fahren Sie in Berlins sozial benachteiligten Stadtquartieren wie Reinickendorf, ­Gropiusstadt oder Falkenhagener Feld, Sebastian Scheel??

Quartiere mit besonderem Entwicklungs­bedarf befinden sich in allen Teilen Berlins. Randstädtische Quartiere wie das ­Märkische Viertel in Reinickendorf, das Falkenhagener Feld in Spandau und die Gropiusstadt in Neukölln sind nicht durch Grünunterversorgung gekennzeichnet – im Gegensatz zu den dicht bebauten innenstadtnahen Quartieren. Deshalb sind auch hierbei unterschiedliche Maßnahmen für unterschiedliche Gegebenheiten notwendig.

Es ist uns bewusst, dass Grün- und Freiflächen als Begegnungsorte im Quartier wichtige Orte des Miteinanders sind. Die bauliche Qualifizierung und Aufwertung dieser Orte ist ein wichtiger Bestandteil der Städtebauförderung. 

Meine Verwaltung unterstützt Beteiligungsgremien, wie zum Beispiel Quartiersräte im Quartiersmanagementverfahren, damit Anwohner*innen über Umweltbelange mitentscheiden können. Berlin nutzt auch das 2017 temporär aufgelegte Städte­­bau­förderprogramm „Zukunft Stadtgrün“, um Grün- und Freiflächen sowie das Wohn­umfeld aufzuwerten. Eine der umfangreichsten Maßnahmen aus dem Programm Zukunft Stadtgrün ist in Berlin die Gropiusstadt mit dem Leitbild „Die Gropiusstadt bewegt! – durchgrünt, nachbarschaftlich, umweltfreundlich sowie sport- und gesundheitsorientiert“. Auch nach Beendigung dieses Förderprogramms werden Maßnahmen zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung gefördert.

Im Rahmen der Ressortübergreifenden Gemeinschafsinitiative zur Stärkung sozial benachteiligter Stadtquartiere sollen in
13 Handlungsräumen in Berlin Förde­rungen vieler Senatsverwaltungen gebündelt werden. Dies bietet neue Chancen und eine bessere Abstimmung für die Qualifizierung von Grün- und Freiflächen.

“Unser Ziel ist, Stadtplätze und Grün­anlagen mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen.”

Wie steht es um die Verkehrsflächen? Wäre es nicht auch in Berlin dringend notwendig, Straßen- bzw. Verkehrsfläche wieder in begrünte Plätze umzuwandeln? 

Unser Ziel ist, Stadtplätze und Grün­anlagen mit hoher Aufenthaltsqualität und inklusiver Gestaltung zu schaffen. Mit dem Plätzeprogramm unterstützen wir Berliner Bezirke dabei finanziell. Schwerpunkt ist die Schaffung verkehrsberuhigter Bereiche. So wird derzeit im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf die Straßenkreuzung ­Horstweg/Wundtstraße zu einer Platzfläche umgestaltet, wodurch der Autoverkehr reduziert werden soll. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit der für Verkehr zuständigen Verwaltung.

“Berlin und Brandenburg bemühen sich, den schienengebundenen Nahverkehr zu verbessern.”

Berlin feierte vergangenes Jahr „100 Jahre Groß-Berlin“. Bernd Albers, Vogt Landschaft und Arup gewannen gemeinsam den an das Jubiläum gekoppelten städtebaulichen Ideenwettbewerb Berlin-Brandenburg 2070. Der Wettbewerbs­beitrag schlägt einen dritten Eisenbahnring rund um Berlin vor, durch den neue räumliche Beziehungen nach Brandenburg entstehen. Es ist die Rede von Wohnraum für eine Million Einwohner*innen und einer Hochbahn. Welche Bedeutung hat das Berliner Umland künftig für die Flächen­entwicklung der Hauptstadt? Wird man sich ihm nun wieder mehr zuwenden, nachdem jahrelang eher die innerstädtische Nachverdichtung im Fokus stand?

Berlin hat das Umland nie aus den Augen verloren. Die Siedlungsentwicklung Berlins und der Umlandgemeinden erfolgt auf der Grundlage des sogenannten Siedlungssterns, wie es im Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion festgelegt ist. Seit 1994 tauscht sich Berlin im Kommunalen Nachbarschaftsforum regelmäßig mit allen Nachbargemeinden, Landkreisen und Regionalen Planungsgemeinschaften aus. In dieser Zeit wurden viele gemeinsame Projekte umgesetzt, wie zum Beispiel bei der Radwegeplanung, der Projekt­finanzierung der Regionalparks und bei der Gestaltung der Bahnhofsumfelder.

Schon seit vielen Jahren unterstützt die Berliner Stadtgüter GmbH die Nachbarkommunen und andere Akteur*innen durch die Bereitstellung von Flächen für Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen. Seit wenigen Jahren besteht auch Einvernehmen darüber, dass die Berliner Stadtgüter GmbH die Siedlungsentwicklung der Nachbargemeinden unterstützt, zum Beispiel durch Überlassung von Bauland für landeseigene Berliner Wohnungs­­­bau­gesellschaften. Die Ergebnisse all dieser Abstimmungen werden von Berlin und den Nachbarkommunen im Rahmen der Wahrnehmung der Kommunalen ­Planungshoheit umgesetzt.

Berlin steht wie jede andere Gemeinde auch in der Verantwortung, seine ­Aufgaben auf dem eigenen Territorium nachhaltig und gemeinwohlorientiert im Interesse des Ganzen zu bewältigen. Berlin unterstützt mit dem Land ­Brandenburg durch die Gemeinsame Landesplanungsabteilung GL die ­Entwicklung im beiderseitigen Stadt-­Umland-Raum zum Beispiel durch Achsenentwicklungskonzepte und Interkommunale Kooperationsvorhaben zur Gestaltung von Wachstum. Besondere Bedeutung haben dabei auch die An­strengungen beider Länder, den schienengebundenen Nahverkehr zu verbessern.

“Ich freue mich auch über immer mehr Ge­bäude, die in Holzbauweise errichtet werden.”

Werfen wir abschließend noch einen Blick in die Zukunft der Hauptstadt. Ob „Neue Siemensstadt“ oder „Neue Mitte Tempelhof“ – die Stadt Berlin arbeitet aktuell an zahlreichen spannenden Stadtent­wicklungsprojekten …

Von den vielen spannenden großen und kleinen Stadtentwicklungsprojekten in Berlin nur eines hervorzuheben, fällt mir schwer. Beeindruckt mich bei der Ent­wicklung des Dragonerareals im Bezirk ­Friedrichshain-Kreuzberg vor allem das gemeinsame Gestalten mit bürgerschaftlich engagierten Partner*innen, so begeistert mich bei der Entwicklung des Schumacher Quartiers auf dem ehemaligen Flugfeld in Tegel vor allem der geplante kompakte und gleichzeitig grüne Städtebau mit gemeinwohlorientiertem Wohnungsbau über­wiegend durch landeseigene Wohnungsbaugesellschaften und Genossenschaften. Ich freue mich auch über immer mehr Ge­bäude, die in Holzbauweise errichtet werden; sei es im Wohnungsbau oder auch im Schul- und Kitabau, wo wir das Baumaterial Holz bereits erfolgreich einsetzen und weiterhin einsetzen werden.

Flächendruck ist nur eine der vielen Herausforderungen, mit denen sich die Planung auseinandersetzen muss. Hier lesen Sie, womit Planer*innen in Zukunft sonst noch fertig werden müssen.

Dieses Interview mit Bausenator Sebastian Scheel erschien in der G+L 01/21 zum Thema Zukunft Planung.

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Rückbau als Ressourcenschonung – wie Städte Schrumpfung als Stärke nutzen

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Stadtstraße mit starkem Verkehr und modernen Hochhäusern in urbaner Umgebung, fotografiert von Bin White

Schrumpfende Städte sind der neue Wachstumsmarkt – zumindest wenn man den Rückbau nicht als Makel, sondern als strategische Ressource begreift. Wer heute noch von Leerstand und Überalterung spricht, verschläft das größte Potenzial der nachhaltigen Stadtentwicklung: Rückbau als aktive Ressourcenschonung. Wie können Städte aus Schrumpfung Stärke machen? Die Antwort liegt zwischen cleverer Planung, zirkulärer Ökonomie und einer kräftigen Portion Mut zum Loslassen.

  • Einführung in das Thema Rückbau als ressourcenschonende Strategie im urbanen Kontext.
  • Analyse der Ursachen und Dynamiken städtischer Schrumpfungsprozesse in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Vertiefung der Chancen, die gezielter Rückbau für nachhaltige Stadtentwicklung bietet.
  • Erläuterung innovativer Planungsansätze, wie Städte Schrumpfung produktiv wenden.
  • Praktische Beispiele für gelungene Rückbauprojekte und ressourcenschonende Umnutzung.
  • Klärung technischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen.
  • Zirkuläre Stoffströme und Urban Mining als Schlüsselkonzepte für Ressourcengewinnung.
  • Rolle von Partizipation, Governance und kreativer Stadtgestaltung im Schrumpfungsprozess.
  • Ausblick auf künftige Trends und Anforderungen an Planer und Landschaftsarchitekten.

Schrumpfende Städte als Spielwiese der Zukunft – Rückbau neu denken

Im kollektiven Gedächtnis der Stadtplaner ist Schrumpfung noch immer das ungeliebte Stiefkind: Wer will schon leerstehende Wohnblöcke, verwaiste Supermärkte oder endlose Brachflächen verantworten? Doch der demographische Wandel, wirtschaftliche Umbrüche und die Verlagerung von Produktionsstätten haben in vielen Regionen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz längst Tatsachen geschaffen. Städte wie Gera, Salzgitter oder auch Leoben stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Das eigentliche Drama ist jedoch nicht der Leerstand, sondern der verpasste Wandel. Wer Schrumpfung als Rückschritt begreift, wird ihre Chancen nie erkennen. Erst wer den Mut zum Rückbau aufbringt, kann aus dem scheinbaren Makel eine Stärke machen. Stadtplanung im 21. Jahrhundert heißt nicht, Wachstum um jeden Preis zu inszenieren, sondern klug mit Ressourcen und Potenzialen zu haushalten.

Rückbau ist dabei weit mehr als der Abriss von Gebäuden. Er ist ein kreativer Prozess der Transformation. Wo früher Wohnblöcke standen, entstehen heute grüne Freiräume, urbane Gärten, neue Biotope oder multifunktionale Flächen für Nachbarschaft und Kultur. Der Rückbau kann gezielt als Instrument eingesetzt werden, um Flächen zu entsiegeln, Biodiversität zu fördern und das Mikroklima in aufgeheizten Stadtquartieren zu verbessern. Besonders spannend: In Zeiten von Ressourcenknappheit und Klimakrise avanciert der Rückbau zur Goldgrube. Beton, Stahl, Holz und andere Baumaterialien werden aus alten Strukturen zurückgewonnen und wieder in den Kreislauf eingespeist – Urban Mining im besten Sinne.

Gleichzeitig eröffnet Schrumpfung neue Freiräume für partizipative Stadtgestaltung. Bürger werden zu Mitgestaltern, wenn es darum geht, Flächen neu zu denken. Leerstände werden zum Labor für temporäre Nutzungen, von Pop-up-Parks über Urban-Farming bis hin zu Kunstprojekten. In Städten wie Leipzig, Halle oder Basel sind diese Prozesse längst Alltag. Wer den Rückbau strategisch in seine Planung integriert, kann Stadt nicht nur nachhaltiger, sondern auch sozialer und kreativer machen.

Ein weiteres Argument für den aktiven Rückbau: Die Kostenexplosion im Bestandserhalt. Marode Infrastrukturen, energetisch ineffiziente Gebäude und überdimensionierte Versorgungssysteme sind nicht nur teuer, sondern auch ökologisch fragwürdig. Rückbau schafft die Möglichkeit, solche Altlasten gezielt zu beseitigen und Platz für zukunftsfähige Strukturen zu schaffen – sei es in Form von neuen Wohnkonzepten, grünen Korridoren oder urbanen Landwirtschaftsflächen.

Schließlich ist der Rückbau ein Statement gegen die Logik des Immer-Mehr. Er bricht mit der Vorstellung, dass Fortschritt nur in Quadratmetern, Einwohnerzahlen oder Wirtschaftswachstum zu messen ist. Wer Schrumpfung als Stärke nutzt, beweist Weitblick – und schafft eine Stadt, die mit weniger mehr kann.

Ursachen, Dynamiken und Potenziale: Warum Schrumpfung kein Makel ist

Städte schrumpfen nicht aus Jux und Tollerei. Hinter den Rückbauwellen der letzten Jahrzehnte stehen handfeste demographische und ökonomische Verschiebungen. Die sogenannten „alten Industrieregionen“ Ostdeutschlands, das Ruhrgebiet, aber auch Teile der Steiermark oder des Schweizer Mittellands haben den Aderlass von Arbeitsplätzen, die Abwanderung junger Menschen und sinkende Geburtenraten zu spüren bekommen. Was bleibt, sind überdimensionierte Infrastrukturen, leerstehende Gebäude und ein Überangebot an Flächen. Doch in dieser vermeintlichen Krise steckt enormes Potenzial: Schrumpfung entschleunigt, schafft Raum für Experimente und zwingt zu einer neuen Wertschätzung von Bestand und Ressourcen.

Der Rückbau wird so zum Katalysator für Innovationen. Wo Flächen frei werden, können neue Nutzungen entstehen, die vorher undenkbar waren. Brachliegende Bahnareale verwandeln sich in urbane Wälder, ehemalige Gewerbeflächen werden zu Wohnquartieren mit hoher Freiraumqualität. Städte wie Oberhausen oder Chemnitz zeigen, wie aus dem Rückbauprozess eine neue Urbanität erwachsen kann, die nicht auf Wachstum, sondern auf Lebensqualität und Nachhaltigkeit setzt. Die Reduktion von Siedlungsflächen bedeutet gleichzeitig die Chance, Natur in die Stadt zurückzuholen und die Resilienz gegenüber Klimafolgen zu stärken.

Ein entscheidender Aspekt des Rückbaus ist die Schonung von Ressourcen. In einer Welt, in der Sand, Kies, Stahl und andere Baustoffe knapp und teuer werden, ist die Wiederverwendung von Materialien ein Gebot der Stunde. Urban Mining – also das gezielte Bergen und Wiederaufbereiten von Baumaterialien aus dem Bestand – wird zum Schlüssel für die Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Städte werden zu Rohstofflagern, in denen Gebäude nicht mehr als Endprodukte, sondern als temporäre Materialdepots betrachtet werden. Diese Sichtweise revolutioniert nicht nur das Planen, sondern auch das Bauen und Rückbauen.

Gleichzeitig verändert der Rückbau die soziale Dynamik in schrumpfenden Quartieren. Weniger Einwohner bedeuten nicht zwangsläufig weniger Lebensqualität. Im Gegenteil: Gelingt es, Leerstände zu nutzen, soziale Infrastruktur zu erhalten und die Bevölkerung aktiv einzubinden, entsteht eine neue Form von Nachbarschaft, die von Gemeinschaft und Engagement geprägt ist. Projekte wie die „Grüne Mitte“ in Halle oder das „Stadtteilmanagement“ in Duisburg zeigen, wie Rückbau sozial flankiert werden kann.

Schließlich bietet Schrumpfung die Möglichkeit, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Überdimensionierte Verkehrsachsen, monotone Großsiedlungen oder umweltschädliche Industrieareale können rückgebaut und neu gestaltet werden. Der Rückbau wird so zum Instrument der Heilung – für das Stadtbild, das Klima und die Menschen.

Rückbau in der Praxis: Projekte, Prozesse und technische Herausforderungen

Wer Rückbau als Ressourcenschonung ernst meint, muss über Abrissbirnen und Bauzäune hinausdenken. Die Praxis zeigt: Erfolgreiche Rückbauprojekte beginnen lange vor der eigentlichen Demontage und enden nicht beim Abtransport der Bauschuttcontainer. Zunächst steht die Bestandsaufnahme – welche Gebäude, Infrastrukturen und Materialien sind überhaupt rückbaubar? Hier kommen digitale Tools wie Building Information Modeling (BIM) ins Spiel, die eine präzise Erfassung und Bewertung der verbauten Materialien ermöglichen. Nur so lässt sich das Urban Mining effizient organisieren und Ressourcen gezielt rückgewinnen.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Planung des Rückbaus im städtebaulichen Kontext. Rückbau darf nie isoliert betrachtet werden, sondern muss in die Gesamtstrategie der Stadtentwicklung eingebettet sein. Welche Flächen werden freigezogen, welche bleiben erhalten, welche werden umgenutzt? Hier sind interdisziplinäre Teams aus Stadtplanern, Landschaftsarchitekten, Ingenieuren und Sozialwissenschaftlern gefragt. Die Koordination solcher Prozesse ist komplex, bietet aber auch die Chance, innovative und multifunktionale Räume zu schaffen.

Technisch anspruchsvoll ist vor allem die selektive Demontage. Ziel ist es, möglichst viele Materialien sortenrein zu gewinnen und für die Wiederverwendung aufzubereiten. Das erfordert Know-how, spezialisiertes Gerät und eine enge Abstimmung mit Recyclingunternehmen. Gleichzeitig müssen Schadstoffe wie Asbest, PCB oder Schwermetalle sicher entfernt werden – ein Aspekt, der besonders bei Bestandsgebäuden aus den 1960er und 1970er Jahren relevant ist. Die technische Raffinesse des Rückbaus entscheidet letztlich über die Qualität und Quantität der zurückgewonnenen Ressourcen.

Auch rechtlich bringt der Rückbau einige Herausforderungen mit sich. Wer darf entscheiden, was zurückgebaut wird? Welche Genehmigungen braucht es? Wie werden Eigentumsverhältnisse und Haftungsfragen geregelt? In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen komplex und oft unterschiedlich. Hier ist Expertise in Baurecht, Umweltrecht und Vergabeverfahren gefragt. Wer den Rückbau nicht sauber plant, riskiert Verzögerungen und Kostenexplosionen.

Nicht zuletzt spielt die Kommunikation eine Schlüsselrolle. Rückbau ist oft mit Emotionen verbunden – schließlich geht es um den Abriss von Heimat, Geschichte und Identität. Städte, die den Prozess transparent gestalten, Bürger frühzeitig einbinden und neue Perspektiven aufzeigen, können Akzeptanz schaffen und Widerstände abbauen. Gute Rückbauprojekte sind immer auch Kommunikationsprojekte.

Stoffkreisläufe, Urban Mining und die Rolle der Planung

Rückbau als Ressourcenschonung ist ohne das Prinzip der zirkulären Stadt undenkbar. Die Vorstellung, dass Gebäude und Infrastrukturen nicht für die Ewigkeit, sondern für einen Lebenszyklus gebaut werden und danach in den Stoffkreislauf zurückgeführt werden, ist revolutionär – und doch überfällig. Urban Mining setzt genau hier an: Die Stadt wird zur „Materialbank“, in der jeder Rückbauvorgang zur Rohstoffgewinnung beiträgt. Das erfordert eine neue Planungshaltung: Schon beim Entwurf müssen Materialien, Verbindungen und Demontagemöglichkeiten mitgedacht werden. Modularität, sortenreine Trennbarkeit und die Dokumentation von Baustoffen werden zum Standard. Wer jetzt nicht umdenkt, baut die Probleme von morgen.

Die Steuerung von Stoffströmen im urbanen Kontext ist ein komplexes Unterfangen. Es geht nicht nur um Baumaterialien, sondern auch um Wasser, Energie und biologische Stoffe. Die intelligente Vernetzung von Rückbau, Recycling und Neubau schafft Synergien, die weit über den Einzelfall hinauswirken. Ein Beispiel: Der Rückbau eines alten Schulgebäudes liefert Materialien für den Bau eines neuen Nachbarschaftshauses, während die freiwerdende Fläche als Retentionsfläche für Starkregenereignisse genutzt wird. So entstehen geschlossene Kreisläufe, die Ressourcen schonen und gleichzeitig städtebaulichen Mehrwert schaffen.

Planer und Landschaftsarchitekten sind dabei die Architekten dieser neuen Kreislaufwirtschaft. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, Rückbauprozesse zu initiieren und zu steuern, sondern auch die Potenziale für neue Nutzungen zu erkennen und zu fördern. Das erfordert Kreativität, technisches Verständnis und die Fähigkeit, komplexe Interessen zu moderieren. Gleichzeitig müssen sie als Vermittler zwischen Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auftreten – denn ohne breite Unterstützung lassen sich Rückbauprojekte kaum realisieren.

Ein zentrales Werkzeug ist die Nutzung digitaler Plattformen und Datenbanken, die Informationen über Baustoffe, Mengen und Standorte bündeln. Sie ermöglichen es, Angebot und Nachfrage an rückgebauten Materialien effizient zu steuern, Transportwege zu minimieren und so den ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. In der Schweiz und in Österreich entstehen bereits erste Materialbörsen, die diesen Ansatz vorantreiben. Die Zukunft der Stadt liegt im Stoffkreislauf – und der beginnt beim Rückbau.

Abschließend sei betont: Rückbau ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument für nachhaltige und resiliente Stadtentwicklung. Wer die Potenziale von Urban Mining, zirkulärer Planung und kreativer Neunutzung ausschöpft, macht Schrumpfung zur Stärke – und sorgt dafür, dass Ressourcen nicht vergeudet, sondern veredelt werden.

Perspektiven und Herausforderungen: Wie geht es weiter?

Die Transformation schrumpfender Städte ist ein Marathon, kein Sprint. Rückbau als Ressourcenschonung wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen – getrieben von Klimaschutz, Ressourcenverknappung und gesellschaftlichem Wandel. Doch der Weg ist steinig. Technologische Innovationen wie BIM, digitale Materialpässe oder KI-gestützte Bestandsanalysen machen Prozesse effizienter, stellen aber auch hohe Anforderungen an Know-how, Datenmanagement und Interoperabilität. Wer auf der Höhe der Zeit bleiben will, muss sich ständig weiterbilden und neue Kooperationen wagen.

Rechtlich und politisch braucht es klare Leitlinien, die Rückbau nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil der Stadtentwicklung definieren. Förderprogramme, steuerliche Anreize und verbindliche Quoten für die Wiederverwendung von Baumaterialien können den Wandel beschleunigen. Gleichzeitig müssen Planer und Architekten ihre Rolle neu definieren – als Moderatoren, Ressourcenmanager und Innovationsmotoren.

Gesellschaftlich ist Akzeptanz der Schlüssel. Rückbauprojekte sind oft mit Ängsten, Unsicherheiten und Widerständen verbunden. Nur wer transparent kommuniziert, Beteiligung ermöglicht und neue Visionen für schrumpfende Quartiere entwickelt, wird die Menschen mitnehmen. Erfolgreiche Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen: Wo Rückbau als gemeinschaftlicher Prozess verstanden wird, entstehen nicht nur neue Freiräume, sondern auch neue Formen von Identität und Zugehörigkeit.

Auch ökologisch ist der Rückbau ein Kraftakt. Die richtige Balance zwischen Rückbau, Renaturierung und Neunutzung zu finden, erfordert Fingerspitzengefühl und langfristige Planung. Biodiversität, Klimaresilienz und Flächenentsiegelung sind dabei ebenso wichtig wie die Wiederverwendung von Ressourcen. Städte, die diese Herausforderungen meistern, werden zu Vorreitern einer neuen urbanen Ökologie.

Die größte Herausforderung bleibt jedoch der kulturelle Wandel. Schrumpfung muss endlich aus der Schmuddelecke heraus – und als Chance für Innovation, Nachhaltigkeit und Lebensqualität begriffen werden. Wer jetzt Rückbau mutig, kreativ und strategisch angeht, macht aus dem Minus ein Plus. Und setzt Maßstäbe für die Stadt der Zukunft.

Fazit

Rückbau als Ressourcenschonung ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein Paradigmenwechsel in der Stadtplanung und Landschaftsarchitektur. Schrumpfende Städte stehen nicht am Ende, sondern am Anfang einer neuen urbanen Epoche, in der weniger tatsächlich mehr sein kann. Wer Schrumpfung als Stärke nutzt, setzt auf zirkuläre Stoffströme, innovative Planung und partizipative Prozesse. Die Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, wie Rückbau zur Quelle für nachhaltige Stadtentwicklung und gesellschaftlichen Zusammenhalt werden kann. Die Herausforderungen sind vielfältig – von Technik und Recht bis zu Kommunikation und Kultur – aber die Potenziale sind enorm. Rückbau ist kein Abriss, sondern Aufbruch: Wer jetzt Ressourcen schont, schafft die Stadt von morgen. Und beweist, dass Schrumpfung nicht das Ende, sondern der Anfang einer besseren urbanen Zukunft sein kann.

Von Leerstand und Potenzialen

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Das unabhängige Analyseunternehmen bulwiengesa stellte im Oktober mit seinen Partner*innen aus der Projektentwicklung Hamburg Team, Interboden, ehret + klein sowie der Bundesstiftung Baukultur die Studie „Erdgeschosszonen 4.0“  vor. Es handelt sich um eine Thematik, deren Relevanz von Jahr zu Jahr – und 2020 ganz besonders – steigt: Erdgeschosszonen im Stadtquartier sind immer schwieriger zu vermieten und stehen immer öfter leer. Wir stellen die Studie vor und stellen sie als PDF bereit.

Nicht nur Online-Handel ist schuld

Einen besseren Zeitpunkt, um sich diesem Thema anzunehmen, hätten die Projektpartner*innen nicht wählen können. Auch wenn sich die Erdgeschossproblematik bereits seit 2010 abzeichnet, hat die Corona-Krise die Situation zusätzlich beschleunigt und verschärft.

Das Hauptaugenmerk der Studie liegt auf Neubauquartieren in Stadtteillagen – ein sinnvoller, selbstauferlegter Fokus in einer sonst zu übermächtigen Thematik. Apropos Neubauquartier: Gerade die Erdgeschossnutzung war aus immobilienwirtschaftlicher Sicht häufig das Hauptmotiv für Neubau und Investment. Gleichzeitig erfüllen Erdgeschosszonen auch wichtige soziale Funktionen: Sie sind Bindeglied zwischen dem öffentlichen Raum und dem privaten darüber, fungieren als Treffpunkte und ermöglichen Interaktion zwischen den Bewohner*innen. Und allem voran sind sie ein Identifikationsmerkmal. Viele Aufgaben also, die dieser Raum erfüllen muss und bei Leerstand ein Neubauquartier und seine Bewohner*innen vor viele Herausforderungen gleichzeitig stellt.

Die Studie identifiziert denn auch die Auslöser für den langsamen Untergang der Erdgeschosszonen: Rückgang von inhaber*innengeführten Läden, baurechtliche Auflagen, eine alternde Gesellschaft mit spezifischen Bedürfnissen, der Optimierungszwang aufgrund schnell steigender Bau- und Grundstückskosten sowie ganz allgemein den Online-Handel.

Beispiele und Handlungsempfehlungen für Erdgeschosszonen

Natürlich belässt es die Studie aber nicht bei einer Problemskizze: Sie zeigt auch Best-Practice-Beispiele auf und gibt Handlungsempfehlungen für Projektentwickler*innen, Stadtplaner*innen und Investor*innen. All das praxisnah und hochaktuell. Vielleicht nur ein kleiner (Forschungs-)Schritt, aber kein unwesentlicher für die Zukunft unserer Städte.

Sämtliche Auslöser, Best-Practice-Beispiele und Handlungsempfehlungen finden Sie in der Studie “Erdgeschosszonen 4.0”. Hier finden Sie die ganze Studie als PDF zum Download.