SLZ Berlin: Goldene Brücken bauen

Was passiert, wenn Landschaftsarchitekten und Architekten gemeinsam eine ehemalige DDR-Kaderschmiede neu erfinden? Club L94 und mvmarchitekt + starkearchitektur nahmen sich das Schul- und Leistungszentrum Berlin vor und installierten einen Farbkodex als Gelenk zwischen innen und außen. 

Der Weg zum Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB) führt in eine eigene Welt. Wer die Hochhäuser und die sechsspurigen Straßen am nordwestlichen Stadtrand in Hohenschönhausen hinter sich lässt, findet sich in einem Areal voller Stille wieder. Zwischen abweisenden alten Hallenkomplexen bieten sich 1.200 talentierten Grund- bis Oberstufenschülern ideale Bedingungen, um sich auf eine Karriere im Leistungssport vorzubereiten: Zu Fuß erreichen sie die Sportstätten für die Olympiadisziplinen Fechten, Bogenschießen, Turnen, Eishockey oder Wasserspringen.

Zu DDR-Zeiten galt die Schule als Kaderschmiede – auf die Olympiasieger Franziska van Almsick oder den Leichtathleten Robert Harting sind sie hier sehr stolz. Neben dem Sport ist am SLZB auch die beruflich-schulische Ausbildung besonders wichtig: Die kleinen Klassen mit 15 bis 18 Schülern sind für eine Berliner Durchschnittsschule unerreichbar. Dafür gab es vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) 2014 die Auszeichnung „Beste Eliteschule des Sports“. Gewürdigt wurden nicht nur neue pädagogische Wege, sondern auch das Herzblut, mit dem die Fusion zweier Schulstandorte über Jahre hinweg entwickelt wurde.

Ein innovatives Raumprogramm für innen und außen, entworfen von den Landschaftsarchitekten club L94 und mvmarchitekt + starkearchitektur, wird die Schule fortan begleiten. Das Team gewann 2008 den Wettbewerb für die dringend nötige Erweiterung des Schulbaus aus den 1960er Jahren. Eingeweiht wurde die Schule im vergangenen Sommer. Dass hier ein Team am Werk war, fällt sofort ins Auge: durch die Farbgebung wirken Gebäude und Außenraum wie eine unauflösliche Einheit.

Farbe verbindet

Auf Plätzen und Zugängen zieren breite goldgelbe Streifen – strapazierfähige Farbe aus der Verkehrsleitplanung – den grau versiegelten Asphalt. Vor der Turnhalle setzen sich die Streifen im leuchtenden Kunststoffbelag der Betonbänke fort, vor dem Haupteingang werden die Streifen immer dichter, bis sie zu einer Fläche verschmelzen und im einfarbig gelben Innenflur münden. „Über die goldgelbe Farbgebung schaffen wir es, die Dinge miteinander zu verweben. Die Verbindung der Leitsysteme von außen nach innen ist ganz wichtig“, erklärt Architekt Michael Viktor Müller.

Die Farbe Gold ist natürlich eine Reminiszenz an die Goldmedaille, die höchste Sportlerehre. Die räumliche Grundidee, so Landschaftsarchitekt und Architekt, ist getragen von dem grafischen Farbkonzept. Frank Flor, Mitbegründer von club L94, weiß, dass dieser Stil nicht alle überzeugt. „Wir arbeiten für manchen ein bisschen zu streng. Auch unsere Pflanzflächen sind monochrom und grafisch, wir pflanzen nicht wie früher Karl Foerster viele verschiedene Pflanzen auf kleinstem Raum als Komposition.“ Das habe auch etwas mit Wirtschaftlichkeit zu tun, denn Monokulturen seien einfacher zu pflegen.

Der stringente Farbkodex, goldgelbe Reitgras-Horste auf mit Basaltschotter abgestreuten Flächen, erschien Schulvertretern wie Schulbehörde anfangs sehr herbstlich. Inzwischen haben sich auch Skeptiker in die Farbwelt eingelebt. Lehrer und Rektor sind zufrieden mit dem familiären Charakter, der sich auch über das architektonische Konzept transportiert. Viviana, 14-jährige Volleyballerin, ist froh, dass sie ihre alte, düstere, Graffiti-verschmutzte Schule hinter sich gelassen hat. Sie mochte das Grafische, das Moderne hier sofort. „Architektur und Landschaftsarchitektur wurden zusammen entwickelt, daraus ergibt sich eine Symbiose. Am Ende kann man nicht mehr sagen, wer was geplant hat“, analysiert Frank Flor. Wie beide Professionen sich ergänzen, das klingt in den Worten der Landschaftsarchitekten nahezu nach entstandener Freundschaft und allenfalls eine Spur nüchterner, wenn die Architekten das Teamwork beschreiben. […]

Warum club L94 sich seit Start des Büros direkt an Architekten wandten und welche Schulprojekte derzeit noch in Berlin für Aufsehen sorgen, lesen Sie in GARTEN+LANDSCHAFT 04/2016 – Ort und Einfluss.

Sport- und Leistungszentrum Berlin
Auftraggeber: Senatsverwaltung Berlin
Landschaftsarchitektur: club L94 Landschaftsarchitekten, Köln
Architektur: mvmarchitekt + starkearchitektur, Köln
Fläche: 30.000 Quadratmeter
Zeitraum: 2008 bis 2015

 

Frank Flor von club L94 im Interview

GARTEN+LANDSCHAFT: Nach 15 Jahren und eindrucksvoller Projekt-Bilanz; wie war Ihr Selbstverständnis damals, wie ist es heute?

Frank Flor: Wir sind zu Viert gestartet, frisch mit dem Studium fertig, den Schritt gewagt. Wir sind fast ein wenig blauäugig, mit einer gehörigen Portion Gelassenheit als Greenhorns angetreten. Damals haben wir sehr viel mehr als heute versucht, Dinge in der Planung zu verändern, die eigentlich schon festgelegt waren. Im Laufe der Zeit sind wir immer konkreter auf Wettbewerbe wie Aufgaben eingegangen und wurden erfolgreicher.

G+L: Landschaftsarchitekten sind Weltverbesserer, ist das auch Ihre Motivation?

Flor: Da sind wir fokussiert auf unseren Bereich! Was wir an Bäumen gepflanzt haben, würde ich behaupten, da kommt eine Million zusammen, rein planerisch, wenn natürlich auch nicht alle umgesetzt. Wenn man das ökologisch betrachtet, tun wir als Profession sehr viel für die Umwelt.

G+L: So ökologisch wirken Ihre Projekte aber nicht, Sie versiegeln gern flächig, Plätze sind durchgehend gepflastert, wenige Pflanzen auf den ersten Blick.

Flor: Der Eindruck des ersten Blicks täuscht nicht, das muss ich zugeben. Da treffen unsere Haltung, die Funktionen und die Ansprüche der Kommunen zusammen. Im Vergleich zu früheren romantischeren Bildern wie zum Beispiel bei Lenné nehmen wir eine strengere Haltung ein. Für stark benutzte Flächen gilt per se: Sie sind von uns steinern gedacht. Zudem fordern Kommunen immer stärker, nichtmals in der Herstellung, aber in der Pflege zu sparen, was zu weniger grünen, pflegleichteren Projekten führt. Dies muß aber nicht zwingend unökologisch sein.

G+L: Die Welt dreht sich weiter; was waren wichtige Aufgaben vor zehn Jahren, was ist heute nachgefragt?

Flor: Es hat sich gar nicht so viel verändert. Ein Park ist immer noch ein Park, ein Platz ist ein Platz. Die Aufgaben früher waren nicht anders definiert. Allerdings ist in Städten und Gemeinden im Umgang mit Kosten, Nachhaltigkeit und Pflege der Druck extremer.

G+L: Ist es heute schwieriger für Sie, Auftraggeber für gute Ideen zu gewinnen?

Flor: In Wettbewerbsprojekten kommen wir im Prozess besser weiter, weil es eine Grundlage gibt, auf die man sich immer wieder berufen kann. Bei Direktbeauftragungen wurde es zuletzt schwieriger, für Qualität zu werben. Da entsteht oft ein Kampf um das ganz simple Detail, um die 08/15 Bank aus dem Portfolio der Stadt zu vermeiden.

G+L: Also letztendlich doch immer das Geld, das begrenzt. Behindert das Ihre Kreativität?

Flor: Es ist wichtig, die Gesamtkosten zu kennen, um Spielräume innerhalb des Projektes selbst zu bestimmen. Wenn wir am Anfang ein Budget mit Spielmasse haben, dann ist es für uns möglich, mit jeder Summe noch am Ende ein Highlight zu generieren. Fast immer! Das betone ich bewusst, denn wenn jemand für 50 Euro pro Quadratmeter fordert, eine neue Welt zu erfinden, das lehnen wir ab, das ist unmöglich. Das Berliner SLZB ist ein gutes Beispiel: Am Ende sind es „nur“ Asphaltflächen mit ein bisschen Farbe drauf, aber genau das macht das Besondere aus, mehr hätten wir uns hier gar nicht leisten können.

G+L: Warum finden Sie, es habe sich wenig verändert? Es zieht Menschen heute magnetisch raus, sie bewegen sich anders, konsumieren mehr, Partizipation ist intensiver gefragt, Außenanlagen unterliegen der Nachhaltigkeit.

Flor: Der Nachhaltigkeitsanspruch ist mehr ins Bewusstsein gerückt. Es gab voreiniger Zeit ein Gutachten eines Berliner Büros, das einen Nachhaltigkeitsleitpfaden entwickelt hat, das hat aber noch nicht wirklich Einzug gehalten in einzelne Projekte. Uns begegnet es eher am Rand oder wenn Projekte eine Zertifizierung erhalten sollen. Das müssten wir selber vielleicht noch verinnerlichen. Im Drängen in den Freiraum sehe ich nicht unbedingt ein Zeitphänomen, sondern eher ein lokales Phänomen. Und der Wunsch aus der Enge herauszukommen gilt besonders für Städte.

G+L: Club L94 entwirft für Wohnumfeld, Park, Innenstadt, Kleinstadt. Metropole, Schulen, entwickelt strategische Planungen, bei welchen Aufgaben geht Ihnen das Herz auf?

Flor: Wir fühlen uns im städtischen und urbanen Raum sehr wohl. Wir können nur Plätze, wir können keine Parks. Das hatte zutreffend, nur genau andersrum, einmal unser Berufskollege Leonhard Grosch von Atelier Loidl so formuliert. Der Schwerpunkt unserer Aufgaben, die wir zur Zufriedenheit von Jurys lösen, liegt im öffentlichen städtischen urbanen Raum, mittlerweile haben wir aber auch Parks gelernt.

G+L: Beschreiben Sie zwei charakteristische Projekte, was ist dort gelungen?

Flor: Memmingen spiegelt sehr gut unsere Haltung, reduziert und minimalistisch vorzugehen. Dort entstand ein fließender Raum, teils Fußgängerzone, teils Platz, zu berücksichtigen war historische Bausubstanz. Dort kam uns entgegen, dass wir generell wenige Mittel bevorzugen. Wir platzieren Wasserspiel und Sonnenbänke an der richtigen Stelle, wählen einen schönen Bodenbelag, das reicht für eine tolle Aufenthaltsqualität. Anders der Marktplatz in Lebach, der weiterhin beparkbar sein sollte. Wir haben sehr viel mehr Bäume und Vegetation eingesetzt und ein modernes grafisches Bild entwickelt.

G+L: Für die Modebranche eine zentrale Frage, was kommt, was geht, was bleibt. Was erwarten Sie für die Landschaftsarchitektur?

Flor: Was kommt… ich hoffe es zumindest, es ist jetzt ja schon ein gewisser Stimmungswandel zu spüren. Das wir für Qualität im Grünen doch wieder eine bewusstere Betrachtung erfahren zugunsten der Freiräume. Ich hoffe, dass dann Kommunen stärker im Laufe einer Planung einen Anspruch durchhalten, der über Wettbewerbe generiert werden soll und dann doch mehr zulassen im Freiraum. Was weitergeht, was schon seit Jahren passiert, ist tatsächlich der Wandel der Städte weg von der autogerechten Stadt hin zu einer mehr durch Aufenthaltsqualitäten betonten Stadt. Dieser Trend hält an, das ist nichts Rückläufiges. 

Das könnte Sie auch interessieren
Ein Detail von Belag und Freiraummaterial zum Thema Fallschutzmatten für Spielplatz
Fallschutzmatten für Spielplatz: Material, Detail und Praxis
© Copyright Andrzej Czechowicz photography - stock.adobe.com
Kreativer Garten mit Betonwerkstein
Ein Hochhaus mit grün bewachsenen Balkonen; im Vordergrund ein Park mit Rasenfläche und Bäumen. Im Mai 2024 unternahmen Studierende der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe eine Exkursion nach Mailand. Mit auf dem Programm: der Bosco Verticale. Foto: Arne Klosse
Fachexkursion nach Mailand und Bürobesuch bei Parcnouveau
Eine professionelle Planungsszene im Freiraum zum Thema Hoai Grundlagenermittlung
Hoai Grundlagenermittlung: Bedeutung und Anwendung einfach erklärt
eine-stadtstrasse-voller-verkehr-neben-hohen-gebauden-L7RbsRIG7DQ
Künstliche Intelligenz als Entwurfsassistent – Stadtgrundrisse aus der Maschine?
eine-luftaufnahme-einer-stadt-JSRekW1fRfY
Kollisionsvermeidung im Smart Grid der Mobilität
Die beiden neuen Beisitzerinnen Antje Backhaus (links) und Martina Gaebler (rechts). Fotos: Vanessa Evard
bdla-Präsidium: Zwei neue Beisitzerinnen
Der Europan-Preis für Städte
Blick auf den Fluss Rhein. Daneben bewaldetet Hänge. Der Blick wird durch ein Holzgerüst gerahmt.
Bundesgartenschau 2029 startet mit Wettbewerben
Neue Alster-Liebe
Etwa 50 Prozent des Quartiers Baumkirchen Mitte bleiben als öffentliche Grünflächen erhalten, die nicht nur Erholung bieten, sondern auch eine ökologische Vernetzung fördern, die für die Tierwelt von großer Bedeutung ist. Foto: Marcus Hassler

Wo Lokomotiven einfuhren, wächst seit 2013 das visionäre Stadtquartier „Baumkirchen Mitte“ in Berg am Laim heran. Hier verschmelzen städtische Lebensräume und Natur zu einem harmonischen Ensemble, das nicht nur Wohnraum und Arbeitsplätze, sondern auch großzügige Grünflächen und ökologische Oasen bietet. Durch die organischen Bauformen und die Liebe zum Detail hat das Areal eine unverwechselbare Identität erhalten – ein Ort, der Vergangenheit und Moderne in spannender Symbiose vereint. Im Folgenden stellt das Büro mahl gebhard konzepte sein Projekt selbst vor. 

Ein neues Stadtquartier mit historischer Prägung

Auf dem 15 Hektar großen Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerkes München 4 in Berg am Laim entsteht seit 2013 das Stadtquartier „Baumkirchen Mitte“. Fast 70 Jahre lang wurden hier Lokomotiven und Güterwaggons rangiert und repariert. Nun bietet das Areal Raum für etwa 1 300 Einwohner*innen, Arbeitsplätze, Einzelhandel und öffentliche Grünflächen. Grundlage für das Bebauungsplanverfahren war ein 2010 von der Landeshauptstadt und CA Immo durchgeführter städtebaulicher und landschaftsplanerischer Ideenwettbewerb, aus dem der Entwurf von Peter Ebner & Friends und von Mahl Gebhard Konzepte siegreich hervor ging. Der Entwurf überzeuge die Jury im besonderen Maße durch eine für das Gebiet neuartige Struktur. Es entstünde eine einheitliche Bebauung, die von ausgedehnten Grünflächen umschlossen wird. Dieser Entwurf, der sich durch mutig, geschwungene Baukörper auszeichnet, die fließende Räume erzeugen war Grundlage für das sich anschließende Bauleitplanverfahren. Die Freiflächen mit ihren integrierten Spielflächen sollen die Anwohner sowie Besucher zum Verweilen und Erholen einladen.

Freiflächengestaltung und ökologische Balance

Die Landschaftsarchitekt*innen von mahl gebhard konzepte (München) achteten bei der Entwicklung des Quartiers auf eine doppelte Innenentwicklung: So ist für das Quartier Baumkirchen Mitte neben den unverwechselbaren, organisch anmutenden Gebäudekörpern, der sehr hohe Grünanteil prägend. Etwa 50 Prozent des Gesamtareals sind bebaut, die restliche Fläche bleibt im Hinblick auf urbanes Grün als öffentliche Grünfläche und ökologische Vorrangfläche erhalten und wird als Landschaftspark gestaltet. Durch den Erhalt der ökologischen Vorrangfläche bleibt, die für München so relevante Kaltluftschneise erhalten und dennoch kann die geforderte städtische Dichte eingehalten werden. Einen weiteren Mehrwert stellen die neu entstandenen Wohnhöfe bzw. Quartiersmitten wie der Mattoneplatz dar. Sie sprechen grundsätzlich die Sprache des Gesamtareals und verstärken die geschwungenen Strukturen.

Integration von Natur und Stadtplanung

Durch sie wurde eine qualitativ wie quantitativ gute Versorgung der Wohngebiete mit öffentlichen Grün- und Freiflächen für die Erholung verwirklicht – insbesondere auch unter dem Gesichtspunkt der Verringerung des Nutzungsdruckes auf die ökologische Vorrangfläche. Bei der Lage der öffentlichen Grünflächen wurde auf gute räumliche Zuordnung und weitere mögliche Aneignungs- und Verknüpfungsmöglichkeiten besonders auch in Richtung des Rosenheimer Bahndamms geachtet. An der übergeordneten Grünstruktur orientierten sich daraufhin die Baukörper. Im Entwurf soll ein Nebeneinander unterschiedlicher Nutzungsräume entstehen, die sich verschränken und überlagern. Die Privatheit der Wohnhöfe soll davon unberührt bleiben.

Bäume als Leitbild

Wiederkehrendes Gestaltungselement ist die waggonartige Reihung von drei bis fünf zu pflanzenden Bäumen, die den genius loci der ehemaligen Nutzung in der neu gebauten Fläche anschaulich machen sollen. Um den jeweiligen Räumen eine eindeutig wahrnehmbare Gestalt zu geben, bestehen die Baumgruppen aus jeweils einer Gattung und Art. Die öffentlichen und privaten Freiflächen erhalten durch die unterschiedliche Pflanzenverwendung (Leitbaumarten, Wuchsklassen) eine jeweils eigenständige Identität. Dabei wurden je 200 Quadratmeter nicht überbaute Grundstücksfläche ein Baum gepflanzt. Auf die entsprechende Mindestüberdeckung der Substratstärke über Tiefgarage ist zu achten. Die Pflanzauswahl in den Höfen enthält mindestens 50 Prozent Bäume zweiter Ordnung.

Der Bestand als „Hot Spot“ der Biodiversität

Pflanzenwuchs auf aktiven Bahnflächen unterliegt permanenter Störungen. Fallen Bahnflächen aus der Nutzung, so regiert die Vegetation relativ rasch darauf. Deshalb sind die stillgelegten Gleisanlagen heute von mosaikartiger Vegetation geprägt und erhalten ihren eigenen Charme durch die offenen Ruderalflächen, die sich mit aufkommenden Birken und rahmenbildenden, älteren Gehölzen abwechseln.

Kurzum: Das Bahnbetriebswerk entwickelte sich durch die Stilllegung zu einer naturnahen Bahnbrache. Humusarme Substrate (z.B. Gleisschotter) speichern kaum Wasser und begünstigen dadurch schüttere Magerrasen. So ist hier ein „Hot Spot“ der Biodiversität entstanden, das dem Areal in Kombination mit der belassenen Gleisanlage eine besondere Identität verleiht. Mehrere geschützte Tier- und Pflanzenarten (48 Rote-Liste-Arten) haben aufgrund der für sie idealen, trockenen und heißen Standortbedingungen und der Mischung aus lückiger, niedriger Vegetation und besonnten Säumen und Gebüschen einen Vorkommensschwerpunkt. Die angrenzenden noch aktiven Bahnanlagen sind darüber hinaus als Ausbreitungsachse und somit für den Biotopverbund bedeutend. Von den in mehreren Kartierungsdurchgängen in den Jahren 2008 und 2009 nachgewiesenen Arten sind die streng geschützte Zauneidechse sowie die besonders geschützte Blauflügelige Ödlandschrecke und die Blauflügelige Sandschrecke von hoher naturschutzfachlicher Bedeutung und daher wertbestimmend. Aber auch kleine Wirbeltiere wie die Zauneidechse können auf der Vorrangfläche beobachtet werden – sie sind streng geschützt (§7 (2) 14, ‎BNatSchG).

Pflege- und Schutzkonzept für die Biodiversität

Die Habitate der Bahnanlagen sind charakteristische Bestandteile der Natur in der Stadt und spielen eine wichtige Rolle für den Artenschutz. Um diesen naturnahen Trockenstandort mit seiner hohen Artenvielfalt zu erhalten, wurde ein Pflege- und Entwicklungskonzept aufgestellt. Die Sukzession führt ohne weitere Pflege zu waldartigen Beständen, weshalb die immer wiederkehrende Zurücknahme des

Gehölzaufwuchses und die Freihaltung geeigneter, besonnter Standorte wichtige Maßnahmen darstellen. Im Bereich der Sukzessionsflächen wird das Totholz belassen, um Insekten und kleinen Wirbeltieren Unterschlupf zu bieten. Die Rohbodenrotation bietet nicht nur Reptilien wie der Zauneidechse einen idealen Standort, um ihre Eier in die sandigen Böden zu legen.

Nachhaltige Stadtentwicklung

Die naturschutzfachlichen Entwicklungsziele für das Untersuchungsgebiet umfassen den Erhalt und die Pflege von Flächen, die als bevorzugte Lebensräume für die Zauneidechse gelten. Ebenso wird der größtmögliche Erhalt von Flächen mit hoher und mittlerer Bedeutung für die Wert bestimmenden Tierarten angestrebt. Weiterhin soll der räumliche Verbund der Flächen zu angrenzenden Lebensräumen gesichert und die Standorte als Teil einer linearen Vernetzungsachse erhalten und optimiert werden. Ein weiteres Ziel ist die Sicherung und Förderung der Populationen der geschützten Arten durch gezielte Pflegemaßnahmen im Bereich der ökologischen Vorrangfläche. Diese Maßnahmen sollen durch ein dynamisches, dreistufiges Pflegekonzept erreicht und langfristig gesichert werden, das sowohl den fachlichen Ansprüchen als auch der pragmatischen Umsetzbarkeit in Bezug auf die Topografie gerecht wird.

Minimaler Eingriff – Monitoring und Erlebnispfad

Die geplante Umsetzung des gesamten Bauvorhabens wurde in 10 Bauabschnitte unterteilt, deren Abfolge sich von Osten (Baumkirchner Straße) nach Westen erstreckt, und somit eine sinnvolle logistische bauliche und nutzungsbezogene Abwicklung in mehreren Schritten mit geringerer Baustellenbelastung bedeutet. Eine besondere Herausforderung stellte die Zugänglichkeit der ökologischen Vorrangfläche dar: Mittels aufwändigen Monitorings und eigens entwickelter Stege konnten naturschutzfachliche Belange eingehalten werden und dennoch von Anwohnern als naturnaher Erholungsraum barrierefrei erschlossen werden. Der enorme Höhenunterschied zwischen Wohnbebauung und ökologischer Vorrangfläche konnte mit Rampen ausgeglichen werden. Der Erlebnispfad im tieferliegende Gleisbereich ist auf der Westseite über Treppen und an der Ostseite durch eine barrierefreie Rampe erreichbar. Der aufgeständerte Weg führt vorbei an der historischen Eisenbahn-Drehscheibe, mit der früher Waggons und Lokomotiven bewegt wurden. Hier ist eine Tribüne entstanden, sodass die Lokdrehscheibe als Freilufttheater dienen kann.

mahl gebhard konzepte

Das Büro mahl·gebhard·konzepte mit Sitz in München wurde 1986 gegründet und 2009 in eine Partnerschaftsgesellschaft mit Andrea Gebhard und Johannes Mahl-Gebhard als Geschäftsführer umfirmiert. 2022 wurden Markus Anzengruber, Johannes Kruck, Annette Pfundheller und Katrin Rismont PartnerInnen des Büros. Seither steht Johannes Mahl-Gebhard als Berater zur Verfügung. mahl·gebhard·konzepte beschäftigt 40 Mitarbeiter*innen aus den Disziplinen der Landschaftsarchitektur, Landschaftsplanung, Umweltökologie, Stadtplanung, Architektur und Urban Design.

In der Nutzung von Ansätzen, Denkweisen oder Methoden verschiedener Fachrichtungen sehen wir nicht nur die Möglichkeit, Planungen an den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer Zeit zu orientieren, sondern auch die Chance Ökologie und Ästhetik zukunftsweisend zu verbinden. Langjährige Erfahrung, erworbene Vielseitigkeit, effiziente Arbeitsabläufe, eine klare gestalterische Sprache und realisierbare Visionen helfen uns dabei, das besondere Gesamte zu schaffen.

Landschaftsarchitektur sucht im Spannungsfeld der Planungen von Architektur, Städtebau und Infrastruktur nach neuen räumlichen Aussagen, kulturellen Eigenarten und gestalterischen Perspektiven. Hierbei ist die Rückkopplung von Landschaftsarchitektur mit den gesellschaftlichen Strukturen und zeitgenössischen Kontexten nicht nur notwendig, sondern unerlässlich.

Weiterlesen: In der G+L 09/24 stellen wir 54 Stadtoasen aus fünf Ländern vor. Das Heft ist im Shop erhältlich. Weiter grüne Oasen sind hier zu entdecken.

 Übrigens: Die Internationale Bauausstellung (IBA) der Metropolregion München 2034 sucht nach Ideen für die Mobilität der Zukunft.

 

Metropolitan Open Space – Freiräume in der wachsenden Stadt

manuel frauendorf fotografie | skyfilmberlin)

Weltweit stehen Metropolen – so auch Berlin – aktuell vor großen Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf ein deutliches Bevölkerungswachstum.

Die sozialen, ästhetischen und ökologischen Qualitäten öffentlicher Räume wie Grünanlagen, Parks, Plätze, Sportflächen oder der Straßenraum prägen den Charakter einer Stadt und tragen maßgeblich zur Lebensqualität bei. Vor allem in wachsenden Städten wird der öffentliche Raum zum Verhandlungs- und Gestaltungsraum der Zukunft.

Die internationale Konferenz metropolitan open space – Freiräume in der wachsenden Stadt anlässlich der IGA Berlin 2017 widmet sich Fragen, die mit dieser Entwicklung einhergehen: Welche Bedeutung haben urbane Freiräume für nachhaltiges Wachstum? Welche Beiträge können Landschaftsarchitektur, Stadt- und Freiraumplanung sowie Gartenkultur leisten, wenn es darum geht, vor Ort Antworten auf globale Herausforderungen zu geben?

Neben einem Abendempfang (18. Mai), Vorträgen und Workshops (19. Mai) bietet die dreitägige Veranstaltung eine Besichtigung der IGA (20. Mai) und Projektexkursionen zu „Grünen Hot Spots“ in Berlin mit den Landschaftsarchitekten (21. Mai).

Veranstalter sind: Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und die IGA Berlin 2017 GmbH. Kooperationspartner: Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (bdla). Garten + Landschaft ist als Medienpartner dabei.

Weitere Informationen, Programm und Online-Anmeldung finden Sie hier.