31.01.2018

Gesellschaft

Volkspark als Bühne städtischer Selbstinszenierung

von Constanze A. Petrow 

 

Nützlichkeit und Schönheit in den Parks der Gegenwart 

Hans Stimmann, Berlins früherer Senatsbaudirektor, hat ein neues Buch über Landschaftsarchitektur geschrieben. Es ist sein drittes, und der Unterschied zu den Vorgängern von 2001 und 2008 überrascht zunächst. Während die ersten beiden Bücher Landschaftsarchitektur fast ausschließlich als ästhetisches Objekt behandelten, geht es nun um Nutzungsaspekte öffentlicher Freiräume. Wo zuvor Fotos menschenleerer Anlagen dominierten, zeigt das jüngste Buch das pralle Leben. Es widmet sich nicht mehr der „neuen“ und „neuesten Gartenkunst“ Berlins, sondern der Tradition der Volksparks – und ihrem Verlust in der Gegenwart. Das ist These des Buchs. Der Autor macht sie an der verloren gegangenen Verbindung von Nützlichkeit und Schönheit in zeitgenössischen Parkanlagen fest. Kritik übt er dabei sowohl am „Volk“ und dessen „maßlosem Gebrauch“ der Parks als auch an den Gestaltern, die er notorisch Gartenarchitekten nennt. Diese wüssten nicht mehr, was die Bevölkerung will und braucht, und wenn sie es wüssten, bauten sie ein „urbanes öffentliches Fitnessstudio“ statt einen schönen Park.

Stimmann beklagt den Mangel an Schönheit, sein Fotograf aber hat sie eingefangen. Erik-Jan Ouwerkerks Bilder feiern das Leben im Freien, sie zeigen dichte Atmosphären, intensive Nutzung, Spannung, Ausgelassenheit und Laissez-faire. Damit erzählen sie eine andere Geschichte als der Text. Ouwerkerk zeigt nicht die Schönheit von Baukunst mit gelungenen Raumkompositionen, guten Details und anspruchsvollen Pflanzungen, sondern das Glück der Menschen in den Parks. Gerade dort kristallisiert sich jenes Lebensgefühl, das viele mit Berlin verbinden. Das hat weniger mit städtischer Selbstinszenierung zu tun, wie der Titel des Buches suggeriert. Vielmehr verdankt es sich der Funktion der Parks als wirkliche Frei-Räume, als Orte individueller Selbstentfaltung und des Erfahrens von Gemeinschaft. In Berlin wird davon reichlich Gebrauch gemacht. Welch großen Wert das darstellt, veranschaulichen die Fotos. Sie dokumentieren die stadtkulturelle Bedeutung der Berliner Parkanlagen und verweisen auf die Leistungen der Freiraumplanung für diese Stadt.

Das Buch widmet sich der immer aktuellen Frage, inwieweit Landschaftsarchitektur gesellschaftliche Resonanz erfährt. Ein universeller Schönheitsbegriff hat jedoch ausgedient. Infrage steht vielmehr, wem was gefällt und warum. Was also könnte „Schönheit“ in der Parkgestaltung für eine pluralistische Gesellschaft im 21. Jahrhundert bedeuten? Gewünscht hätte man sich eine intensivere Auseinandersetzung, mehr inhaltliche Tiefe, Begründung und Konstruktivität. Ein genaues Nachdenken über den Unterschied zwischen zeitgeistig und zeitgenössisch. Weniger Nostalgie und mehr Vision.

 

Bibliografische Daten:

Hans Stimmen, Jan-Erik Ouwerkerk

Stadt. Volk. Park.

Volkspark als Bühne städtischer Selbstinszenierung.

Ernst Wasmut Verlag, Tübingen 2017

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