Städtewachstum – die G+L im April

Advertorial Artikel Parallax Article

Die demografische Entwicklung wird Deutschland bis 2035 mit voller Wucht treffen – sowohl in den Metropolen als auch im ländlichen Raum. In der Aprilausgabe 2021 der G+L gilt unser Fokus den Metropolen und ihren zunehmenden Wachstumsschmerzen: Wir thematisieren Städtewachstum. Wir werfen einen Blick nach Frankfurt, Freiburg, Hamburg, Leipzig, München, Paris und Zürich und diskutieren kritisch, wie die Städte mit dem zunehmenden Flächendruck umgehen, ohne ihre Grünflächen zu kannibalisieren. Was die Sendung mit der Maus mit Städtewachstum zu tun hat, erklärt Chefredakteurin Theresa Ramisch im Editorial.

Städtewachstum und seine Konsequenzen

 

Den 50. Geburtstag groß feiern, das ist aufgrund der Corona-Pandemie derzeit nahezu unmöglich. Zumindest für uns Normalos, nicht aber für das Geburtstagskind des letzten Monats: die Sendung mit der Maus. Unter viel Applaus feierte sie Anfang März ein halbes Jahrhundert „Lach- und Sachgeschichten“. In der Jubiläumsausgabe erforschten Armin, Christoph und Co., was die Maus in den nächsten 50 Jahren erleben wird – mit Geschichten über Roboter, 3D-Drucker und einem Intro auf Klingonisch (ja, wirklich, die Sprache aus „Star Trek“). 

Die Frage, die dabei natürlich nicht fehlen durfte, war: Wie werden wir in Zukunft bei immer dichter werdenden Städten zusammenleben? Ein Thema, das uns in den planenden Disziplinen inzwischen seit Jahr­zehnten beschäftigt und trotzdem immer wieder neu Anlass gibt, weitere Ansätze und Methoden zu entwickeln. Zufälligerweise ist es auch genau das Thema der vorliegenden G+L. Denn: Mehr und mehr Menschen ziehen weiterhin in die Metropolen, der ländliche Raum hingegen wird an Bevölkerung verlieren. Das sagt zum einen Armin in der Maus-Jubiläumsfolge (und: Wie könnte Armin jemals falsch liegen?!), allen voran bestätigt das aber auch die neue Raum­­­ordnungs­prognose, die der BBSR im März veröffentlichte.

Die Folgen für unsere Städte sind massiv. München, Stuttgart, aber auch Hamburg, Berlin und Köln ächzen zunehmend unter dem anhaltenden Wachstumsdruck. Zugleich scheint das Grün in der Stadt mit jedem neu ausgeschriebenen Baufeld, mit jeder Nachverdichtung zurückzuweichen. Sollten die betroffenen Großstädte nicht frühzeitig nachsteuern, werden sich die ­Konse­quenzen des unkontrollierten Wachstums fatal auf die Lebensqualität und das Stadtklima auswirken.

Ansätze für die Städte der Zukunft

Allgemeine Strategien, wie Metropolen dem Wachstumsdruck begegnen können, gibt es zuhauf. Aber können die was? Wir denken nein – schließlich bringt jede Stadt ihre individuellen Heraus­forderungen mit sich. Da greift kein Schema F. Aus diesem Grund verzichten wir in diesem Heft explizit auf das Vorstellen ­allgemeiner Handlungsansätze und schauen stattdessen direkt in die Städte. Während Armin für die Maus nach Zürich reiste, entschieden wir von der G+L uns für einen Blick nach Frankfurt am Main, Hamburg, Leipzig und Potsdam – also für vier der Städte, die laut dem BBSR und dem Berlin-Institut besonders vom Wachstum betroffen sein werden.

Zugegeben, wir gehen das Ganze ein wenig planerischer an als die Maus, aber mit hoffentlich nicht minder interessanten Ideen. Unser Ziel war es, Ihnen, liebe Leser*innen, viele gute Ansätze zu liefern, wie wir mit nachhaltiger Planung Dichte in unseren Städten der Zukunft möglich machen können, ohne unser Stadtgrün und -klima in Gefahr zu bringen.

PS: Dieses Heft ist die erste Ausgabe der diesjährigen Stadt-Spezial-Serie. Unter dem Motto „Städte für morgen“ diskutieren wir in drei aufeinanderfolgenden Heften drei Themen, an denen aktuell keine Planungs­abteilung vorbeikommt.

Das könnte Sie auch interessieren
roter-bus-tagsuber-unterwegs-21HKIGtU9Xk
Modellbasierte Emissionsvermeidung im Verkehrsnetz
Wurzeln schlagen
Fondation Beyeler unter Wasser
Das Thema der G+L Novemberausgabe sind Bahnhöfe. Cover: © ingenhoven associates / HGEsch
Bahnhöfe – Die G+L im November 2023
Bezahlbar Wohnen in Deutschland
Mobilität in Europa: die G+L im Mai 2022
luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-P2d8SKdbjEE
Urban Soil Management – Bodenaufwertung als Planungsauftrag
Hinterhöfe – Die neue G+L im Dezember 2025!
Wettbewerbsergebnisse im Februar 2021
Beeindruckende Draufsicht auf den Opera Park. Quelle: Francisco Tirado
Neu in Kopenhagen: Der Opera Park

Wie Curitiba seit 30 Jahren die Verkehrswende lebt – Bus Rapid Transit als Rückgrat

roter-bus-tagsuber-unterwegs-21HKIGtU9Xk
Ein roter Bus auf einer Schweizer Straße bei Tageslicht, eingefangen von Alin Andersen.

Curitiba, eine südamerikanische Millionenstadt, lebt seit über 30 Jahren eine Verkehrswende, von der viele deutsche Kommunen nur träumen: Das Bus Rapid Transit System bildet das Rückgrat einer stadtweiten Transformation, die Mobilität, Lebensqualität und Stadtstruktur radikal neu gedacht hat. Was können wir in Mitteleuropa von diesem urbanistischen Labor lernen? Und warum ist die Verkehrswende in Curitiba längst Alltag – während sie hierzulande noch als Utopie gilt?

  • Einführung in Curitibas Pionierrolle bei der Verkehrswende und die Bedeutung des Bus Rapid Transit (BRT) Systems.
  • Historische Entwicklung: Von der autogerechten Stadt zur nachhaltigen Mobilitätsstruktur.
  • Funktionsweise, technische Innovationen und organisatorische Besonderheiten des BRT-Systems.
  • Städtebauliche Verknüpfung von Mobilität und Stadtentwicklung – das Trinary Road System als Gamechanger.
  • Sozial-ökonomische und ökologische Effekte der Verkehrswende für Bevölkerung, Wirtschaft und Stadtklima.
  • Governance, Planungskultur und Beteiligung: Wie Curitiba Verwaltung, Politik und Bürgerschaft ins Boot holte.
  • Kritische Würdigung: Herausforderungen, Grenzen und Übertragbarkeit auf DACH-Kontexte.
  • Leitlinien und Inspiration für Planer, Kommunen und Entscheidungsträger im deutschsprachigen Raum.

Curitiba als Labor der Verkehrswende: Wie alles begann

Wer heute durch Curitiba fährt, erlebt eine südamerikanische Großstadt, die sich auf den ersten Blick kaum von anderen Metropolen Brasiliens unterscheidet. Doch der Schein trügt: Unter der Oberfläche pulsiert ein Mobilitätssystem, das weltweit immer wieder als Vorbild zitiert wird. Curitiba, Hauptstadt des Bundesstaates Paraná, war in den 1960er Jahren eine typische Boomtown – geprägt von raschem Bevölkerungswachstum, Zersiedelung und wachsendem Autoverkehr. In der europäischen Debatte über die Verkehrswende gilt Curitiba als eigentümlicher Leuchtturm, weil hier eine radikale Neuorientierung tatsächlich gelungen ist – und das ohne milliardenschwere U-Bahn-Projekte oder visionäre Hochtechnologie.

Der Wandel begann in den späten 1960er Jahren, als der junge Architekt Jaime Lerner zum Bürgermeister gewählt wurde. Seine Mission: Die Stadt vor dem Verkehrsinfarkt bewahren und gleichzeitig soziale wie ökologische Ziele verfolgen. Statt, wie andernorts, auf großflächigen Ausbau von Straßen und individuellem Autoverkehr zu setzen, entschied sich Curitiba für einen anderen Ansatz. Im Zentrum stand die Idee, öffentlichen Verkehr als stadtprägendes Rückgrat zu etablieren und mit der Stadtentwicklung zu verweben. Dies war weder ideologisch noch technokratisch motiviert, sondern eine pragmatische Antwort auf die Herausforderungen einer wachsenden Stadt.

Die zentrale Innovation: Das Bus Rapid Transit System, kurz BRT, das ab 1974 stufenweise eingeführt wurde. Das System wurde nicht einfach als technisches Upgrade bestehender Buslinien verstanden, sondern als umfassender Stadtentwicklungsplan. Die Buskorridore wurden gezielt entlang von Entwicklungsachsen angelegt, um Mobilität und Urbanität zu verzahnen. Die Trennung von Durchgangsverkehr, lokalem Verkehr und Fußgängerströmen war dabei genauso entscheidend wie die frühzeitige Integration von Grünflächen, Wohnungsbau und sozialer Infrastruktur.

Curitiba demonstrierte, dass Verkehrswende nicht zwangsläufig teuer oder utopisch sein muss. Mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln wurde ein System geschaffen, das massentauglich, effizient und skalierbar ist. Das BRT-Modell wurde schnell zum Exportschlager – von Bogotá bis Istanbul, von Guangzhou bis Los Angeles. Doch nur in Curitiba selbst blieb es so konsequent mit der Stadtstruktur und -politik verwoben. Diese Verwobenheit ist bis heute das eigentliche Erfolgsgeheimnis.

Die wichtigsten Lektionen aus dieser Anfangsphase: Mut zur klaren Priorisierung, Bereitschaft zur langfristigen Verbindlichkeit und die Fähigkeit, komplexe Systeme einfach zu halten. Während viele Städte heute auf Digitalisierung und neue Technologien schielen, zeigt das Beispiel Curitiba, dass der Schlüssel zur Verkehrswende häufig in der Organisationskultur, im Governance-Modell und in der intelligenten Verknüpfung von Raum und Mobilität liegt.

Bus Rapid Transit: Technik, Organisation und urbane Wirkung

Das Herzstück der Curitibanischen Verkehrswende ist und bleibt das Bus Rapid Transit System. Im Gegensatz zum klassischen Linienbusnetz basiert das BRT auf eigenen Fahrspuren, hoher Taktfrequenz und einer Infrastruktur, die von Anfang an auf Massenverkehr ausgelegt wurde. Die Buskorridore durchziehen die Stadt radial wie Adern, verknüpft durch ein ausgeklügeltes Netz aus Umsteigepunkten, Expressstrecken und ergänzenden Tangentiallinien. Was auf den ersten Blick wie ein simples Bussystem aussieht, ist in Wahrheit eine hochentwickelte Mobilitätsmaschine.

Technisch zeichnet sich das BRT durch mehrere Innovationen aus, die bis heute Maßstäbe setzen. Eigene Busspuren, sogenannte „Canaletas“, trennen den Busverkehr strikt vom Individualverkehr und sichern so Pünktlichkeit und Kapazität. Die Haltestellen – markant als futuristische „Tube Stations“ gestaltet – ermöglichen niveaugleichen Einstieg und Ticketkauf vor dem Einstieg, was die Haltezeiten dramatisch verkürzt. Die Fahrzeuge selbst sind Doppelgelenkbusse mit hoher Kapazität, deren Design und Wartung auf den Dauereinsatz im städtischen Kontext abgestimmt ist.

Organisatorisch setzt Curitiba auf ein konsistentes Betreiberkonzept: Die Stadt plant, steuert und kontrolliert das Netz, während private Unternehmen die Buslinien auf Basis klar definierter Standards betreiben. Subventionen werden gezielt eingesetzt, um das Angebot sozialverträglich zu gestalten – insbesondere für Schüler, Senioren und einkommensschwache Gruppen. Ein einheitliches Tarifsystem und die nahtlose Abstimmung von Fahrplänen sorgen für Übersichtlichkeit und Nutzerfreundlichkeit. Die Stadtverwaltung hat zudem früh auf Digitalisierung gesetzt: Schon in den 1990er Jahren wurden erste Echtzeitdaten für Fahrgastprognosen genutzt, heute ist die gesamte Flotte mit GPS ausgestattet und wird zentral überwacht.

Die Wirkung des BRT-Systems auf die Stadt ist tiefgreifend. Es hat die Pendlerströme kanalisiert, das Verkehrsaufkommen in den Wohnvierteln reduziert und den Flächenverbrauch für Straßen minimiert. Entscheidender aber ist die Wechselwirkung mit der Stadtentwicklung: Entlang der BRT-Korridore entstand eine dichte, gemischte Bebauung mit hoher Standortqualität. Der öffentliche Raum wurde aufgewertet, Flächen für Parks und soziale Infrastruktur freigespielt. Die Luftqualität verbesserte sich messbar, und die durchschnittlichen Wegezeiten sanken deutlich. Kurzum: Das BRT wurde zum Motor einer Urbanisierung, die Mobilität, Lebensqualität und Nachhaltigkeit in Einklang bringt.

Bemerkenswert ist, dass das System nie als abgeschlossen betrachtet wurde. Ständige Anpassung, Ausbau und Optimierung prägen das Bild bis heute. Neue Linien, verbesserte Busmodelle, digitale Services – Curitiba bleibt experimentierfreudig und offen für Innovationen. Diese Haltung ist mindestens so wichtig wie die technische Perfektion: Die Verkehrswende ist keine einmalige Maßnahme, sondern ein permanenter Prozess.

Stadtstruktur, soziale Integration und ökologische Effekte

Das BRT-System von Curitiba wäre nur halb so wirksam, hätte es nicht die Stadtstruktur und das Alltagsleben der Bevölkerung verändert. Die zentrale städtebauliche Innovation ist das sogenannte Trinary Road System: Entlang der Hauptachsen verlaufen drei parallele Verkehrsstränge – eine zentrale Busspur für den Schnellverkehr, flankiert von zwei Nebenstraßen für lokalen Autoverkehr, Radfahrer und Fußgänger. Diese klare Trennung ermöglicht effiziente Mobilität, ohne die Quartiere zu zerschneiden oder Anwohner vom öffentlichen Raum abzuschneiden.

Die Verdichtung entlang der BRT-Korridore ist kein Zufall, sondern Ergebnis gezielter Planung. Die Stadt förderte die Ansiedlung von Wohn- und Geschäftshäusern entlang der Strecken, koppelte Baugenehmigungen an die Erschließung durch den ÖPNV und schuf attraktive Standorte für Handel, Dienstleistungen und soziale Einrichtungen. So entstand eine polyzentrale Stadtstruktur, die kurze Wege und hohe Aufenthaltsqualität miteinander verbindet. Der Anteil des öffentlichen Verkehrs an den Gesamtwegen stieg auf über sechzig Prozent, während der Autoverkehr im Stadtzentrum deutlich zurückging.

Soziale Integration ist in Curitiba kein leeres Schlagwort, sondern gelebte Praxis. Das BRT-System wird gezielt so gestaltet, dass es auch benachteiligte Quartiere, informelle Siedlungen und periphere Stadtteile erschließt. Durch niedrige Fahrpreise, Sozialtickets und barrierefreie Gestaltung wird Mobilität zum Allgemeingut. Bemerkenswert ist, dass das System nicht nur dem Berufspendler dient, sondern auch Schüler, Senioren und Menschen mit geringen Einkommen mobil macht. Die Erreichbarkeit von Bildung, Arbeitsplätzen und Gesundheitsversorgung hat sich seit Einführung des BRT signifikant erhöht.

Ökologisch hat die Verkehrswende in Curitiba eine Vorbildfunktion. Der Anteil von Elektro- und Hybridbussen wird kontinuierlich erhöht, und die Stadt setzt konsequent auf umweltfreundliche Antriebstechnologien. Die Reduktion von Staus, Lärm und Emissionen ist messbar und trägt zur Verbesserung des lokalen Klimas bei. Gleichzeitig wird die Flächenersparnis für Grünräume und Parks genutzt, um das Mikroklima und die Biodiversität im Stadtgebiet zu stärken. Die Verknüpfung von Mobilität und Stadtgrün ist in Curitiba kein nachträglicher Trostpreis, sondern integraler Bestandteil der Planungskultur.

Das Zusammenspiel aus Technik, Stadtstruktur und sozialer Verantwortung macht Curitiba einzigartig. Die Stadt beweist, dass Verkehrswende mehr ist als die Summe einzelner Projekte – sie ist ein komplexes Geflecht aus Planung, Governance und gelebtem Alltag. Wer in Deutschland, Österreich oder der Schweiz nach Vorbildern sucht, findet hier ein urbanes Labor, das viele der aktuellen Herausforderungen längst vorweggenommen hat.

Governance, Beteiligung und die Übertragbarkeit auf Mitteleuropa

Ein oft unterschätzter Erfolgsfaktor der Curitibanischen Verkehrswende ist die Governance-Struktur. Von Anfang an setzte die Stadtspitze auf eine enge Verzahnung von Stadtplanung, Verkehrsmanagement und Sozialpolitik. Die Planungsinstrumente – vom Masterplan bis zur Bauleitplanung – wurden konsequent auf die Ziele des BRT-Systems ausgerichtet. Entscheidungsprozesse waren transparent, partizipativ und auf langfristige Verbindlichkeit angelegt. Dies ermöglichte eine Planungskultur, die auch in stürmischen Zeiten Kurs hielt.

Die Beteiligung der Bevölkerung erfolgte auf mehreren Ebenen: Über Bürgerforen, Informationskampagnen und kontinuierliche Evaluation wurde das System laufend angepasst. Die Verwaltung verstand sich nicht als Befehlsempfänger, sondern als Moderator und Innovator. Konflikte wurden nicht ausgesessen, sondern als Anlass für Verbesserung genutzt. Besonders bemerkenswert ist, dass die politische Unterstützung für das BRT parteiübergreifend war – ein seltenes Phänomen in der oft polarisierten Stadtentwicklungspolitik.

Die Frage, ob das Curitibanische Modell auf deutsche, österreichische oder Schweizer Städte übertragbar ist, wird häufig gestellt – und ebenso häufig vorschnell verneint. Richtig ist: Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich. Die institutionellen, rechtlichen und kulturellen Voraussetzungen in Europa sind komplexer, die Planungshoheit stärker fragmentiert, und die finanziellen Spielräume oft enger. Doch das bedeutet nicht, dass die grundlegenden Prinzipien nicht adaptierbar wären. Im Gegenteil: Die konsequente Priorisierung des öffentlichen Verkehrs, die Verknüpfung von Stadtentwicklung und Mobilität, die kluge Governance-Struktur und die soziale Inklusion sind universelle Erfolgsrezepte.

Herausforderungen gibt es viele: Die Flächenknappheit in mitteleuropäischen Städten, die hohe Dichte bestehender Infrastrukturen, die politische Kurzfristigkeit und der kulturelle Widerstand gegen Veränderung. Dennoch zeigen Pilotprojekte – etwa in Nantes, Stockholm oder Zürich –, dass die Übertragung von BRT-Prinzipien durchaus möglich ist. Entscheidend ist der Mut, bestehende Strukturen zu hinterfragen, und die Bereitschaft, Mobilität als Querschnittsaufgabe zu begreifen.

Für Planer, Kommunen und Entscheidungsträger in Deutschland, Österreich und der Schweiz gilt: Es braucht nicht immer die große Revolution. Oft genügt es, die richtigen Hebel zu bewegen, Prioritäten zu setzen und aus den Erfahrungen anderer Städte zu lernen. Curitiba liefert hierfür ein reiches Arsenal an Ideen, Erfahrungen und – nicht zuletzt – die Ermutigung, die Verkehrswende als kontinuierlichen Prozess zu verstehen.

Fazit: Curitiba als Inspiration für die europäische Verkehrswende

Die Geschichte von Curitiba zeigt eindrucksvoll, dass die Verkehrswende machbar ist – und zwar ohne technokratischen Größenwahn oder teure Hochglanzprojekte. Das Rückgrat der Transformation war und ist ein intelligentes, flexibles und sozial verankertes Bus Rapid Transit System. Die eigentliche Innovation liegt jedoch in der Integration von Mobilität, Stadtstruktur und Governance. Curitiba hat vorgemacht, wie eine Stadt ihre Wachstumsdynamik, ihre soziale Verantwortung und ihre ökologischen Ziele in Einklang bringt. Und es hat bewiesen, dass Verkehrswende nicht auf Visionen und Lippenbekenntnisse beschränkt bleiben muss.

Für den deutschsprachigen Raum bietet Curitiba eine Fülle an Inspiration: den Mut zur klaren Priorisierung, die Bereitschaft zu langfristiger Planung und den Fokus auf soziale wie ökologische Nachhaltigkeit. Die technischen Lösungen sind adaptierbar, die organisatorischen Prinzipien universell. Entscheidend ist, dass Städte die Verkehrswende als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen – und den öffentlichen Verkehr zum Motor der Stadtentwicklung machen. Wer sich darauf einlässt, kann Mobilität, Lebensqualität und Urbanität neu denken. Das Beispiel Curitiba zeigt: Es lohnt sich, den Wandel nicht nur zu fordern, sondern ihn zu leben – Tag für Tag, Bus für Bus, Stadt für Stadt.

Eine 25-köpfige Jury aus Vertreter*innen der Fachwelt, der Verwaltung, der Lokalpolitik und der IBA’27 kürte unter dem Vorsitz der Stuttgarter Architektin Jórunn Ragnarsdóttir die besten aus 22 Entwürfen zur Umgestaltung eines ehemaligen Industriegeländes im Backnang-West. Erfahren Sie hier mehr über das neue Stadviertel und die erstplatzierten Entwürfe aus Berlin und Hamburg. 

Den ersten Platz machte der Entwurf der Büros Teleinternetcafe Architektur und Urbanismus aus Berlin und Treibhaus Landschaftsarchitektur aus Hamburg. Auf der fast 17 Hektar großen Fläche in Backnang-West sollen künftig drei verdichtete Teilquartiere entstehen. Die sowohl Raum für Gewerbe, Industrie und Handwerk, soziale und kulturelle Nutzungen, sowie Einzelhandel und Wohnraum für alle Schichten der Gesellschaft anbieten. Entlang der durch Backnang fließenden Murr sollen außerdem großzügige Freiräume als verbindendes Element geschaffen werden. Das Wasser soll erlebbar sein.

Drei dicht bebaute, vielfältige Teilquartiere in Backnang-West

 

Durch die Teilquartiere mit den Namen „WohnFabrik“, „StadtWerk“ und „CityCampus“ soll ein produktives und lebenswertes Stadtviertel entstehen, das von sozialer Vielfalt und einer zukunftsfähigen Nutzungsmischung geprägt ist. Ein „Quartier für alle(s)“ nennen es die Gestalter*innen. Dabei sollen die bestehenden Fabrikgebäude weitgehend erhalten bleiben und durch Um- und Neubauten ergänzt werden. Begrünte Flächen im Quartier sowie „produktive Höfe“, Außenflächen, die Platz für Gewerbe und Anlieferung mit einer hohen Aufenthaltsqualität verbinden, sind im siegreichen Konzept vorgesehen.

Autofreier Fahrradboulevard

 

In den unteren Geschosse der noch zu planenden Gebäude soll Platz für Handwerk, Gewerbe, industrielle Produktion und Forschung entstehen. Außerdem sind hier Büros und Co-Working-Spaces sowie soziale und kulturelle Einrichtungen, gemeinschaftliche Quartiersräume und Raum für den Einzelhandel und die Gastronomie vorgesehen. In den oberen Stockwerken soll eine Vielfalt an unterschiedlichen Wohnungstypen entstehen. So werden nicht nur gemeinschaftliche und genossenschaftliche Wohnformen, sondern auch Familien- und Clusterwohnungen, Mikroapartments, flexibel an verschiedenen Lebensabschnitte anpassbare Wohnungen, Boarding Houses und Generationenhäuser für das neue Areal in Backnang-West in Betracht gezogen.

Eine grüne „ParkAue“ genannte Fläche soll sich zukünftig entlang der Murr durch das Areal ziehen. Den Bürger*innen das Wasser näher bringen sollen wassernahe Parks. Sowie auch eine terrassenartig gestaltete Uferpromenade, naturnah gestaltete Flächen und neue Bade- und Planschmöglichkeiten.

Wettbewerb ein „Füllhorn an Ideen“ für Backnang-West

 

Ebenfalls Teil des Entwurfs ist ein umfangreiches Mobilitätskonzept. Sämtliche Angelegenheiten des täglichen Bedarfs sollen maximal 15 Gehminuten entfernt sein. Vier Mobilitätszentren sollen daher die heute noch benötigten Parkflächen für Autos aufnehmen. Die als Rückgrat für das Stadtviertel geltende Fabrikstraße soll künftig ein weitgehend autofreier Fahrradboulevard werden. Neue Brücken und Stege über die Murr sollen die Teilquartiere weiter miteinander verknüpfen.

Der Backnanger Baudezernent Stefan Setzer zeigt sich angetan vom Konzept der Gewinnerbüros aus Berlin und Hamburg: „Der Entwurf passt zu Backnang. Er nimmt die vorhandenen Potenziale und Eigenheiten des Orts auf – beispielsweise die Murr, die historischen Fabrikgebäude, die schöne Topographie –, integriert viele Wünsche und Themen aus der Bürgerbeteiligung und schreibt diese Geschichte Backnangs mit mutigen und frischen Ideen in die Zukunft weiter.“

Gesellschaftlichen, technologischen und ökologischen Wandel erfolgreich meistern

 

Als „regelrechtes Füllhorn an Ideen“, die die Architekturelite aus aller Welt über Backnang ausgeschüttet habe, bezeichnet IBA’27-Intendant Andreas Hofer den Schatz an Ideen, die der Wettbewerb geliefert habe. Ausgezeichnet und zukunftssicher sei die Entwicklung des künfitgen Quartiers, die das Konzept der Büros Teleinternetcafe und Treibhaus vorsehe. Es gelte auf dieser Basis nun, die weiteren Planungen mutig auszugestalten. Dabei soll auch auf die Ideen der anderen am Wettbewerb teilgenommenen Büros zurückgegriffen werden.

In den nächsten Schritten werden Gemeinderat und Bürger*innenschaft informiert und Abstimmungen mit Grundstückseigner*innen und Fachbehörden vorgenommen. Die erstplatzierten Büros erarbeiten einen Masterplan auf dessen Grundlage Baurecht geschaffen werden soll. Zur Internationalen Bauausstellung 2027 sollen erste Teile des Quartiers bereits sichtbar sein.

Die Internationale Bauausstellung 2027 in der StadtRegion Stuttgart will dabei Antworten finden. Antworten auf die Frage, wie Bürger*innen zukünftig leben, wohnen und arbeiten wollen. Im Dialog mit den Einwohner*innen werden Ideen gesucht, um den gesellschaftlichen, technologischen und ökologischen Wandel erfolgreich zu meistern.

Neben dem erstplatzierten Entwurf von Teleinternetcafe und Treibhaus zeichnete die Jury außerdem gleich zwei weitere Konzepte mit dem zweiten Platz aus. Das sind die Büros StudioVlayStreeruwitz mit Carla Lo Landschaftsarchitektur (Wien) und Steidle Architekten aus München mit Grabner Huber Lipp aus Freising und Hamburg.

Weitere Infos zum Projekt und eine digitale Ausstellung der prämierten Projekte können Sie hier einsehen.

Mehr Informationen zur Internationalen Bauausstellung 2027 in der StadtRegion Stuttgart finden Sie hier.

Lesen Sie mehr zum Wettbewerb „Postareal Böblingen“, einem weiteren Projekt der IBA’27, und den Gewinner-Entwurf aus Madrid und Stuttgart.