Straßenbäume und Weltgeschichte: Ein grüner Vergleich zwischen New York und Berlin

Sie fallen erst dann richtig auf, wenn sie plötzlich weg sind: Straßenbäume. Stadtbegrünung ist in aller Munde, gerade weil sie eine wichtige Rolle in der Hitzeregulierung spielt. Das Buch der Landschaftshistorikerin Sonja Dümpelmann lässt jedoch die aktuellen Bezüge außer Acht. Denn: Anhand der Bepflanzung lässt sich viel über die Geschichte einer Stadt erfahren. Sie vergleicht die Städte New York und Berlin anhand ihrer Strassenbäume und zeigt dabei historische Ereignisse aus einer anderen Perspektive. Wussten Sie zum Beispiel, dass die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg Bäume mit Dynamit präparierte?

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Seeing Trees. A History of Street Trees in New York City and Berlin. von Sonja Dümpelmann. 2019 bei Yale University Press erschienen.

Wer hätte geglaubt, dass sich in der Geschichte der Bäume zweier Städte auch Weltgeschichte widerspiegelt? Natürlich geht es nicht um irgendwelche Städte. Die Landschaftshistorikerin Sonja Dümpelmann hat ihrem Buch Seeing Trees („Bäume sehen“), 2019 bei Yale University Press erschienen, New York und Berlin geschildert. Sie hat in ihrem Buch die Zusammenhänge zwischen der Bepflanzung der Stadt und der weiteren Welt dargelegt. Denn Straßenbäume sind nicht nur wichtig, um Schatten zu spenden und die Hitze des Asphalts zu bändigen, sie geben im Notfall auch Nahrung und Brennholz; an ihnen lässt sich die Veränderung der Stadt ablesen. Denn die Bäume verändern sich mit ihr.

Das Buch, versehen mit zahlreichen historischen Illustrationen, zeichnet im ersten Teil die Geschichte der New Yorker Stadtbäume nach. Dass Bäume überhaupt in die Stadt gehören, ist durchaus keine neue Entdeckung. Der Roman A Tree Grows in Brooklyn erzählt die Geschichte einer Familie von irischen Immigranten in New York vor fast hundert Jahren. Und schon davor stritten sich Bewohner und Stadtverwaltung um Straßenbäume. 1897 wehrte sich die Matthews-Familie aus Brooklyn gegen das Ansinnen der städtischen Telefongesellschaft, den Baum vor ihrem Haus umzuhacken, um dort Telefonmasten einzupflanzen. Sie umringten den Baum und drohten, lieber zu sterben, als ihn aufzugeben, erzählt Dümpelmann.

Rolle der Frau

Gerade im heißen New York, dessen Bevölkerung durch massive Zuwanderung schneller wuchs als die Planer mit der Bebauung hinterherkamen, waren Straßenbäume wichtig für das Stadtklima. Aber diese Erkenntnis setzte sich erst ab 1911 durch, als Stephen Smith Präsident der städtischen Tree Planting Association wurde, die ihrerseits unter dem Dach des American Museum of Natural History am Central Park West unterkam (er sollte später auch das Metropolitan Board of Health, den Gesundheitsbeirat der Stadt gründen). Smith ließ Statistiken erstellen, die den Zusammenhang zwischen Seuchen, Kindersterblichkeit und Begrünung zeigten. Seine rechte Hand wurde Henry R. Francis; der sorgte dafür, dass Straßenbäume nicht nur gepflanzt, sondern dass man die bestehenden Bäume besser schützte und pflegte.

Das Buch beschreibt auch Master Planner Robert Moses, der dafür sorgte, dass die Straßenbäume und Parks in der Stadtverwaltung zentralisiert wurden. Außerdem die Versuche, Baumkrankheiten mit Pestiziden zu heilen — was durchaus negative Auswirkungen hatte — und die Rolle von Frauen in der Begrünung, angefangen mit Mary Cynthia Dickerson, der ersten Frau, die der Tree Planting Association vorstand. In den besseren Vierteln ging es inzwischen um die Ästhetik der Baumpflanzung.

Aber nicht alle New Yorker mochten Straßenbäume. 1944 gab es den Baumstreit um die Fifth, als Philip LeBoutillier, Besitzer der längst verblichenen Warenhauskette „Best & Company“ nahe der St. Patrick’s Cathedral ein neues Hauptgebäude errichten wollte. Davor aber sollten keine Bäume stehen, da die seiner Ansicht nach nicht in eine Einkaufsgegend passten. In die Kontroverse mischte sich auch — allerdings erfolglos — Iphigene Ochs Sulzberger ein, die Erbin der New York Times-Familie, die auch Präsidentin der Park Association of New York City war. Hingegen wurden vor dem Rockefeller Center, ebenfalls an der Fifth Avenue, acht stattliche Feldulmen angepflanzt, gesponsert von den Rockefellers.

Explodierende Bäume

Wie bei allem anderen in Amerika spielten Straßenbäume auch eine Rolle in den komplizierten ethnischen Beziehungen, vor allem in Großstädten. In Harlem setzten sich Bürger für Straßenbäume ein, allen voran Hattie Carthan, eine afroamerikanische Großmutter, der im Buch ein Kapitel gewidmet ist. Carthan gelang es, eine achtzigjährige Magnolie vor den Stadterneuerern zu retten; mit der Hilfe von Nachbarskindern schuf sie grüne Oasen in Harlem und darüber hinaus. Aus ihrer Geschichte wurde ein erfolgreiches Kinderbuch — aber die Protagonistin darin ist weiß. Tatsächlich gab es gerade in Harlem und anderen nicht-weißen Nachbarschaften wie Bedford-Stuyvesant oder der Lower East Side viele private Initiativen, Straßenbäume zu pflanzen, um der Verslumung von Stadtteilen entgegenzuwirken, die die Stadt vernachlässigte.

Während sich in den New Yorker Straßenbäumen eher die Geschichte der Immigration widerspiegelt, ist das Schicksal der Berliner Bäume — dem der zweite Teil des Buches gewidmet ist — mit dem Krieg, dem Kalten Krieg und der Teilung der Stadt verbunden. Im Zweiten Weltkrieg waren nicht nur viele Berliner Mietshäuser, sondern auch Wälder, Parks und Straßenbäume in Flammen aufgegangen, zuletzt in der Verteidigung der Stadt vor den anrückenden Russen. Die Wehrmacht hatte Bäume am Ritterfelddamm mit Dynamit präpariert, als letztes Mittel gegen Panzer. Das wurde erst 1955 entdeckt, als ein wegen Sturmschäden gefällter Baum explodierte. Zu dem Zeitpunkt war Berlin schon politisch geteilt, und die einstigen Alliierten zerstritten.

Wettlauf zwischen Ost und West

In der Nachkriegszeit dienten die Bäume, die geblieben waren, dem Überleben. In beiden Teilen der Stadt ordneten die Behörden an, Bäume zu pflanzen, die essbare Früchte trugen, etwas, was die Nazis bereits erwogen hatten. Weit umstrittener allerdings war, Bäume als Brennholz zu verwenden, um die bitterkalten Nachkriegswinter zu überstehen. Fast der ganze Tiergarten fiel damals dem Winter zum Opfer. Die britische Militärverwaltung — schreibt Dümpelmann — drohte, jeden Berliner strafrechtlich zu verfolgen, der seine Hand an Bäume legte. Das nutzte nicht viel: 1946 war der Baumbestand um 85 Prozent dezimiert, darunter ein Drittel des Grunewalds.

Mit der Blockade von West-Berlin änderte sich die Haltung. Nun ordnete der britische General Sir Brian Hubert an, 350.000 Kubikmeter Holz zu fällen, auch auf Privatgrundstücken, um die Halbstadt zu versorgen. Dies aber war, nach den Verheerungen, die der Krieg hinterlassen hatte, sogar für viele Berliner zu viel. Die Schuld an der Misere gab man allerdings den Sowjets, die für die Blockade verantwortlich waren. Auch im Ostteil, gegen den die Westalliierten eine Gegenblockade verhängt hatten, war das Heizmaterial knapp, bis im August 1948 Polen Braunkohlebriketts lieferte, von denen einige auch im Westteil der Stadt landeten.

Nach dem Ende der Blockade wurden neue Bäume gepflanzt, vor allen auf den frisch aufgeschütteten Trümmerbergen. Grünplaner diskutierten, welche Baumart für das darbende Berlin die passende sei, etwa die Robinie, oder der Götterbaum. Erst mit der Anlage der Stalinallee, mit ihren Silberlinden, ging es wieder um die Ästhetik von Straßenbäumen, gefolgt von der Wiederaufforstung des Boulevards Unter den Linden. Bald setzte, wie in vielen anderen Bereichen auch, ein Wettlauf zwischen West und Ost um die schönere Bepflanzung von Straßen und Parks ein, nicht nur in Berlin übrigens, sondern auch in Städten wie Dresden oder Eisenhüttenstadt.

Noch kein deutscher Verlag

Diese Sorgen waren lange vorbei, als in West-Berlin 1985 die Bundesgartenschau stattfand. Sie hinterließ den Britzer Garten. Baumpate Ben Wargin und Baumkünstler Manfred Butzmann erlangten stadtweite Berühmtheit; Umweltaktivisten kämpften für mehr Grün und Joseph Beuys wollte 7000 Eichen pflanzen. Aber auch in Ost-Berlin, vor allen in Altbaubezirken wie Prenzlauer Berg, setzten sich Künstler und Bürger für Bäume ein, unterstützt von der Parteieneinheitsfront Nationale Front, der es gelegen kam, dass sich Privatleute um die Pflege der Stadt kümmerten. Dann fiel die Mauer, und so wie sich die Teilung Berlins in der Pflanzenwelt widergespiegelt hatte, als Baumwurzeln an der Mauer gekappt wurden, wurden nun Parks wie der am Bundeskanzleramt über die frühere Sektorengrenze hinweg angelegt, um die Stadt zu verbinden. Und Unter den Linden erfuhr in der nun vereinten Stadt eine Neugestaltung.

Dümpelmann berührt viele Aspekte von Straßenbäumen in der Stadt, das macht das Buch auch über Berlin und New York hinaus interessant. Es ist nur schade, dass das Werk bisher keinen Verlag gefunden hat, der es in deutscher Sprache herausbringt.

Seeing Trees. A History of Street Trees in New York City and Berlin.
Sonja Dümpelmann
Yale University Press, 2019
336 Seiten
ISBN: 9780300225785
Hardcover