Screenshot vom Videocall zwischen G+L und Bufala

Für die Septemberausgabe der Garten + Landschaft callte G+L Chefredakteurin Theresa Ramisch mit Anneken Fröhling und Georg Spree von der Bundesfachschaft Landschaft zum Studium in Corona-Zeiten.

Seminare ab Herbst in Präsenz und digital

Seit 1,5 Jahren studiert die nächste Generation von Planer*innen von zu Hause aus. Nun könnten die ­angehenden Landschaftsarchitekt*innen und Stadt­planer*innen diesen Herbst vielleicht wieder an ihre Hochschulen zurückkehren. Wenn alles klappt. Für die Septemberausgabe 2021 der Garten + Landschaft haben wir uns mit Anneken Fröhling und Georg Spree, Vorsitzende bei der Bundesfachschaft Landschaft (BuFaLa), darüber unterhalten, warum das Studium in Zeiten von Corona „echt scheiße“ ist und gemeinsam mit ihnen nach den wenigen ­Vorteilen der aktuellen Situation ­gesucht.

Nach drei Semestern corona-bedingtem „Homestudying“ planen die Hochschulen, diesen Herbst zu Präsenzveranstaltungen zurückkehren. Dies bestätigte die Hochschulrektorenkonferenz auf ihrer Internetpräsenz Mitte August. Zeit wird es langsam: In Abstimmung mit Bund und Hochschulen ersetzten die Länder zu Pandemiebeginn im März 2020 die Präsenzlehre weitestgehend durch digitale Formate. Nun, für das Wintersemester 2021/22, wollen Hochschulen und Länder zurück zum Präsenzstudium – sofern es die Rahmenbedingungen eben zulassen.

Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, appellierte in diesem Zusammenhang an Studierende und Hochschulbeschäftigte, sich impfen zu lassen. Die Impfung sei das wichtigste Instrument in der Pandemie, so Alt. Im Mittelpunkt aller Maßnahmen stehen ab Herbst die 3G-Regel (Zutritt nur für geimpfte, genesene oder getestete Personen). Nur so sei eine Rückkehr zum Präsenzstudium verantwortbar. Übungen und Seminare sollen dann mit Maske und Einhaltung von Abstands- und Lüftungs­regeln stattfinden, größere Vorlesungen tendenziell weiter digital. Ebenso geplant sind hybride Formate mit der Möglichkeit, digital oder auch in Präsenz teilzunehmen – sie sollen aber keine Regel werden. Voraussetzung hierbei ist, dass die Formate „didaktisch sinnvoll, technisch möglich und finanzierbar“ sind.

Studium während Corona – „einfach eine Scheißsituation“

Es ist nicht das erste Mal, dass die Hochschulen angekündigt haben, zur Präsenzlehre zurückzukehren. Mehrere Male unter­nahmen sie den Versuch bereits – leider aber ohne Erfolg. Anneken Fröhling und Georg Spree von der Bundesfachschaft Landschaft finden diese Ankündigung – ähnlich wie Studieren in Zeiten von Corona allgemein – deswegen vor allem eines: ermüdend. Sowohl Anneken Fröhling als auch Georg Spree wollen lieber heute als morgen zurück an die Hochschulen. Nachdem aber die Rückkehr immer wieder kurzfristig abgesagt wurde, hat sich bei den beiden ein gewisser Zweckpessimismus eingestellt. „Es ist echt einfach eine Scheißsituation“, fassen es die beiden im Video-Call mit Garten + Landschaft prag­matisch zusammen. Sie fühlen sich von Corona um Studienjahre beraubt.

Studierende gründen Initiative #onlineleere

Sonderlich viel Beachtung haben Studie­rende in der gesamtgesellschaftlichen Corona-Debatte in Deutschland bislang nicht erhalten – zumindest im Gegensatz zu Schüler*innen. Eine kurze Google-Suche bestätigt diesen Eindruck: Der Suchbegriff „Corona Schule“ kommt auf doppelt so viele Ergebnisse wie der Suchbegriff „Corona Studium“ – und das im drei­stelligen Millionenbereich. Studierende der Uni­versität Heidelberg haben in diesem Zuge die Initiative #onlineleere gegründet. Sie kritisieren damit öffentlich die fehlende Kommunikation der Hochschulverwaltungen und fordern die Rückkehr zur Präsenzlehre.

Verständnis aufzubringen, fällt schwerer

Zu Beginn habe sie den Fokus auf andere Bevölkerungsgruppen noch nachvollziehen können, sagt Anneken Fröhling. Studierende seien keine Kinder mehr, könnten auf sich selbst aufpassen, wären aufgrund ihres Alters tendenziell weniger gefährdet und auch wirtschaftlich – zumindest zunächst – im Vergleich nicht sonderlich relevant. Nach drei Semestern und kurz vor dem Studien­abschluss falle es ihr aber schwerer, Ver­ständnis aufzubringen. Ähnlich sieht es auch Georg Spree. „Wenn man merkt, dass es überall weitergeht, Arbeitnehmer*innen in Großraumbüros lediglich angehalten sind Maske zu tragen, das Studium aber weiterhin hauptsächlich digital stattfindet, da fragt man sich automatisch, warum dem so ist“, so der angehende Landschaftsarchitekt.

Studie bestätigt: Corona macht Studium zur Belastungsprobe

Dabei machten Untersuchungen gleich zu Beginn der Pandemie auf die langfristigen Folgen der fehlenden Präsenzlehre aufmerksam. So veröffentlichte das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung im September 2020 eine Studie, wie sich die Corona-Pandemie finanziell auf Studierende auswirkt. Die Datenerhebung ergab, dass 57 Prozent der befragten Studierenden unmittelbar vor der Corona-Pandemie erwerbstätig waren. Knapp 40 Prozent dieser Studierenden seien jedoch im Zuge der Corona­Pandemie entweder entlassen, unbezahlt freigestellt worden oder von Arbeitszeit­reduzierungen betroffen. Die meisten Studierenden sähen sich zwar in der Lage, das Studium ohne zusätzliche finanzielle Hilfen fortzuführen, das Studienabbruchs­risiko sei aber erheblich gestiegen – unter anderem weil sich auch die Erwerbs­situation der Eltern verschlechtert habe. Im Juni 2021 bestätigte zudem eine Studie der Universität Trier und des Leibniz-Instituts für ­Psycho­logie, dass Studieren unter Corona­Bedingungen zur Belastungsprobe würde. 60 Prozent der Befragten sorgen sich mehr um Studienerfolg und eigene ­Perspektiven.

Studium in Corona-Zeiten ist zum Job geworden

Anneken Fröhling schloss in der Corona-Pandemie ihr Bachelorstudium der Landschaftsarchitektur an der HS Beuth in Berlin ab und startete dann in den Master an der TU Berlin. Ihre Kommiliton*innen dort hat sie noch nie in persona getroffen. Georg Spree studiert Landschaftsarchitektur im Bachelor an der FH Erfurt und ist momentan im Praktikum in Weimar. Im Gespräch berichten beide, sie haben jedes Semester neu gehofft, dass es zurück in Richtung Norma­lität ginge. Der Studienalltag bestehe aus den eigenen vier Wänden und den Vorlesungen im Laptop. Studieren sei eher zum Job geworden: Man arbeite seine Tasks ab und mache dann Feierabend. Die große Herausforderung sei es, hierbei die Orientierung im Studienalltag zu behalten. Durch die Distanz zu weiteren Studierenden und Dozent*innen fehle der „Blick über die Schulter“. Wie viel man wofür tun müsse und was wie wichtig sei – das Gefühl dafür gehe verloren, ebenso wie die Relationen.

Wie die Lernplattform Moodle ihr Revival erlebt

Die Qualität der Online-Formate hänge beiden zufolge maßgeblich vom Engagement der Lehrenden ab. Manche haben sich gleich zu Beginn sehr viele Gedanken gemacht, neue digitale Formate entwickelt. Andere Dozent*innen halten ihre Vorlesungen eins zu eins wie gewohnt ab – eben nur vor dem eigenen Rechner. Diesen zu folgen sei tendenziell schwerer und erfordere mehr Aufmerksamkeit. Allgemein stellten sowohl Anneken Fröhling als auch Georg Spree eine große Online-Müdigkeit bei allen Be­teiligten fest. Im Übrigen: Eine allgemeine Verpflichtung, die Kamera bei den Ver­anstaltungen anzuschalten, gibt es bei Anneken Fröhling und Georg Spree nicht. Und auch Klausuren werden hauptsächlich online – unter anderem mithilfe der kostenfreien Lernplattform „Moodle“ – abgehalten, Zweitversuche aber nicht gezählt.

Studium in Corona-Zeiten: Planungsstudiengänge ­besonders betroffen

Die Frage, ob Planungsstudiengänge wie Landschaftsarchitektur oder Stadtplanung, die sich unter anderem durch viel Gruppen- und Projektarbeit definieren, besonders stark unter der fehlenden Präsenzlehre leiden, bejahen beide. Anneken Fröhling hatte im ver­gangenen Semester lediglich eine Korrektur in Präsenz. Ihr fehle es, mit Skizzenpapier und Plänen zu arbeiten, so die Landschaftsarchitektin – auch die Plotterräume seien nicht zugänglich. Für Georg Spree ist die fehlende Gruppenarbeit nicht das schlimmste. Er vermisst den allgemeinen Austausch mit allen Beteiligten. Man habe das Gefühl, man würde eine Dokumentation darüber schauen, wie Studieren so ist, so der FH-Erfurt-Student.

Podcast statt Referat – Pandemie als Chance für neue Lernformate?

Vorteile, die die Corona-Pandemie fürs Studium gebracht hat, sehen die beiden wenige. Georg Spree hat den Eindruck, dass manche Veranstaltungen durch das digitale Angebot sogar mehr Aufmerksamkeit erhaltem – vor allem die um acht Uhr morgens. Außerdem falle für ihn nun das Pendeln weg. Anneken Fröhling hebt im Gespräch die unterschiedlichen digitalen Formate positiv hervor, die sich im Zuge des digitalen Studiums entwickelt haben. So habe sie beispielsweise den Auftrag erhalten, einen Podcast anstatt eines klassischen Referats vorzubereiten. Sollten die Studierenden im Herbst eben doch nicht wieder an die Hochschulen zurückkehren – dann finde sie es gut und wichtig, neue Lehrformate wie diese weiter­zuentwickeln und zu fördern.

Essenziell: Engagement der Dozent*innen

Fest steht: Unsere Studierenden zieht es zurück an ihre Hochschulen. Sie wollen wieder studieren. Richtig studieren. Mehr und mehr studentische Gruppen ­schließen sich hierfür zusammen, sie schreiben offene Briefe und treten gemeinsam für ihre Belange ein. Ihre Realität definiert sich aber vor allem durch Ungewissheit und Abhängigkeiten. Wie viel Lernerfolg digitale Formate haben und damit auch, wie gut sich die künftigen Planer*innen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet fühlen, ist maßgeblich von der technischen Raffinesse und Affinität ihrer Dozent*innen abhängig sowie deren Willen, Wissen über digitale Formate zu transportieren. Aber auch das Handwerk, das in Planungsstudiengängen gelehrt wird – wie die Arbeit mit Plänen, Skizzenpapier oder auch der Modellbau – leidet unter der fehlenden Präsenzlehre. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die langfristigen Folgen auf die kommenden Planer*innen­generationen in Grenzen halten werden.

Print + Online: G+L präsentiert herausragende Student*innenprojekte

In der Septemberausgabe 2021 der Garten + Landschaft präsentieren ausgewählte Studierende deutscher Hochschulen ihre Abschluss- und Projektarbeiten. Diese entstanden in den vergangenen Pandemiemonaten. Weitere Projekte haben wir zudem für Sie hier online bereitgestellt. Hier finden Sie eine Übersicht zu den studentischen Arbeiten.

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Ungenutzte Brückenkonstruktionen können im urbanen Umfeld ungeahnte Möglichkeiten bieten. Berühmtestes Vorbild für eine aufgeständerte Nachnutzung ist wohl der New Yorker High Line Park, gelegen auf einer stillgelegten Hochbahntrasse. Eine ähnliche Strategie verfolgt die Stadtverwaltung von Seoul: ein groß angelegtes Stadtentwicklungsprogramm soll die Stadt grüner und für Fußgänger attraktiver gestalten. Herzstück der Planung ist dabei der kürzlich eröffnete Seoullo 7017 Skygarden von MVRDV.

Transformation einer Hochstraße zum Park

Freiräume sind in Seoul ein seltenes Gut. Die Bevölkerungsdichte ist rund viermal so hoch wie in Berlin und das Zentrum ist von versiegelten Verkehrsflächen geprägt. Nach der Umsetzung des städtischen Programms, wurde eine rund einen Kilometer lange Hochstraße vom Verkehr befreit. Die Architekten des niederländischen Büros MVRDV gewannen die Ausschreibung im Jahr 2015 und verwandelten die ehemalige Stadtautobahn in einen attraktiven städtischen Park. Das verästelte, geschwungene Brückenbauwerk stellt damit eine wichtige Fußgängerverbindung im unmittelbaren Umfeld des Hauptbahnhofs dar.

Pflanzenbibliothek aus 24 000 Pflanzen

Der Seoullo 7017 Skygarden zieht seine Besucher in erster Linie durch seine einzigartigen Blickbeziehungen aus 16 Metern Höhe an. 228 verschiedenen Pflanzenarten sind nach dem südkoreanischen Alphabet sortiert und verdeutlichen die Vielfalt heimischer Gewächse. Die insgesamt 24 000 Pflanzen sind in mehreren kleinen Gärten zusammengefasst, welche jeweils einen eigenen Charakter haben. Die Zahlenkombination „7017“ bezieht sich auf die Eröffnungsjahre der Stadtautobahn 1970 und des Parks 2017.

Am 18. September hat der Berliner Senat beschlossen, die Tempelhofer Parklandschaft nicht wie ursprünglich geplant zu verwirklichen. Eine fragwürdige Entscheidung, meint Nicole Uhrig. Ende September wurden die Pläne der schottischen Landschaftsarchitekten Gross.Max für die Tempelhofer Parklandschaft gekippt. Was war passiert? Durch das Berliner Flughafendesaster war die auf 61,5 Millionen Euro bezifferte Finanzierung für den Park nicht mehr möglich. Schon im Vorfeld war das Geld knapp. Es war eine politische Entscheidung, die bisherige Parkplanung zugunsten punktuell implantierter Sitzbänke, Bäume und Kinderspielflächen aufzugeben.

 

Die vordergründige Argumentation zu dieser Entscheidung beruft sich auf den Volkswillen und lautet, „der Park sei in dieser Form nicht erwünscht (ernsthaft strittig war jedoch nur der Kletterfelsen) und man reagiere auf die „Ergebnisse einer Umfrage unter den Besuchern der Grünfläche“ (siehe Artikel “Bäume und Bänke – kein Kletterfelsen” in der Berliner Morgenpost). Dabei war der Entwurf aus jahrelangen umfassenden Bürgerbefragungen hervorgegangen. Diese methodisch gesammelten Erkenntnisse einer einzelnen Umfrage unter Besuchern gegenüberzustellen, ist ohne Frage unzulässig.

Die Argumentation einer einzelnen Interessengruppe für sich zu instrumentalisieren zeugt zudem von einem deutlichen Missbrauch des Instruments „Bürgerbeteiligung“. Neben der zusätzlichen Diskreditierung eines ganzen Berufsstandes durch den amtierenden Bürgermeister, der sich klar gegen den Park ausspricht „’für den Landschaftsarchitekten Preise gewinnen’, der aber nicht das ’Wohlfühl-Gefühl’ der Menschen verbessere“, werden vor allem die großen und international verfolgten Bemühungen um ein umfassendes partizipatives, demokratisches Planungsmodell bei lebendigem Leibe erstickt und vor aller Augen ad absurdum geführt. Das ist ein Imageverlust für Berlin sondergleichen.

 

Ohne das finanzielle Desaster am neuen Berliner Flughafen hätte man die Planung einfach weiterentwickelt, wenn auch bei knapp bemessener Kasse. Der Rahmen war gesetzt und die Entwicklungsstrategie hatte Raum für Kursänderungen vorgesehen. Möglicherweise hätte die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ noch Änderungen herbeiführen können, doch zu einem „fast Erhalt“ des Status quo wäre es nicht gekommen, denn der Bedarf an breiter gefächerten Nutzungsmöglichkeiten besteht nach wie vor.

 

Jetzt wird der Verwertungsdruck auf die Freifläche wieder zunehmen. Insbesondere angesichts des innerstädtischen Wohnraummangels, der die Wohnungsmieten in Berlin derzeit um bis zu elf Prozent ansteigen lässt. Hier muss die Lobby des Freiraums unbedingt aktiv werden und neue, bessere politische Allianzen schmieden, um den Wert und das große Image- und Marketingpotenzial der Grünflächen herauszustellen und um einen gesunden Interessenausgleich zu finden. Oder um die Prioritäten in der Stadtentwicklung neu zu verhandeln – der Wiederaufbau Stadtschlosses soll vergleichsweise 590 Millionen Euro kosten.

Vor allem darf jedoch die Chance auf eine große Idee nicht verspielt werden. Sie ist unentbehrlich und immer noch möglich, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Um die Tempelhofer Freiheit erhalten zu können, wird es zwar Zugeständnisse geben müssen, doch bleibt zu hoffen, dass zumindest eine mittelgroße Freiheit realisiert werden kann, die gleichsam überzeugend ist. Die einen Konsens innerhalb eines starken gestalterischen Leitrahmens repräsentiert, der in demokratischer Manier die Träume und Visionen möglichst vieler Wirklichkeit werden lässt.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Beitrags “Tempelhofer Freiheit oder Marketingobjekt: Aktuelle Parkpolitik in Berlin“ aus:
Stefanie Hennecke, Regine Keller, Juliane Schneegans (Hg.): “Demokratisches Grün – Olympiapark München”, 224 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-86859-230-6.