„Ich bin eigentlich nie zufrieden und das ist wichtig.“

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“Wenn man Licht nicht in Worte gießen kann, hat man eigentlich schon verloren.”

Er ist Lichtdesigner des Jahres beim Deutschen Lichtdesign-Preis 2017, Kommunikationstalent und selbst sein größter Kritiker: Thomas Mika, Verwaltungsrat und Geschäftsleitungsmitglied der Reflexion AG, einem Schweizer Lichtplanungsbüro. Wir haben ihn getroffen und uns mit ihm über den Schlüssel zum Erfolg eines Lichtplaners unterhalten.

 

Herr Mika, Sie haben 2001 mit einem Partner die Reflexion AG gegründet. Mit Lichtdesign hatten Sie eigentlich nichts am Hut – Sie haben BWL studiert. Wie kommt ein BWLer zum Lichtdesign?
Das stimmt nicht ganz. Ja, ich habe BWL studiert, aber parallel dazu als Werkstudent bei einer Beleuchtungsfirma gearbeitet. Dort lernte ich Licht als solches zu verstehen. Aber erst mein ökonomischer Hintergrund ermöglichtes es mir, die Firma zu gründen. Ich analysierte die Marktsituation und merkte: im Bereich Lichtdesign fehlt eine Dienstleistung. Die habe ich dann angeboten.

So einfach war das?
Eigentlich, ja (lacht). Auf die Idee kam ich in meiner Studienzeit. Unbekümmert und die Zukunft vor Augen machte ich mich mit unternehmerischer Euphorie ans Werk.

Und alles, was Sie heute über Licht und Lichtdesign wissen, haben Sie sich on the job angeeignet?
Vieles ja, aber ich habe auch Nachdiplomkurse an der TU Berlin besucht. Ganz ohne Theorie geht es vielleicht dann doch nicht.

Klingt nach einer Erfolgsstory. Warum der Verkauf 2014?
Der eigene Lebensplan. Ich habe mich gefragt, ob ich bis 65 in der vollen Verantwortung stehen, ein Unternehmer sein möchte, der mit 25 Mitarbeitern das ganze alleine rockt oder vielleicht doch lieber einen starken Partner im Hintergrund habe, der mir gewisse Freiräume bietet. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden.

Wie erhalten Sie bei der Reflexion Ihre Aufträge?
Über Wettbewerbe, die wir gemeinsam mit Architekten und Planern bestreiten und über Direktanfragen. Aber ich bin ehrlich: Je etablierter Sie als Lichtbüro sind, desto mehr entziehen Sie sich den Wettbewerbsmomenten. Die sind einfach so aufwendig und Ressourcen-intensiv.

Reflexion AG hat das Lichkonzept für “The Circle” am Flughafen Zürich entworfen: ein Multi-Millionen Euro Projekt, das Thomas Mika und sein Team durch seine Vielfalt an Maßstäben faszinierte aber auch herausforderte. 

Zusätzlich bieten Sie Beratungsleistungen an. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
Neben unserer Kernleistung, der Lichtplanung als Beratung, bekommen wir manchmal ein Überwachungs- oder Beratungsmandat und unterstützen Generalunternehmen und Bauherren bei ihren Plänen. Zusätzlich haben wir einen Tageslicht-Dom, in dem man Tageslichtuntersuchungen am physischen Modell durchführen kann. Prinzipiell merken wir, dass sich mit dem technologischen Wandel, der Digitalisierung und der Entwicklung von LED- und OLED-Technologie große Unsicherheiten entwickelt haben. Die Planung braucht Fachleute, die mit Leuchten und Sonderleuchten in Messlabore gehen und diese prüfen. Und die, die sind wir.

Das erfordert das entsprechende Knowhow. Wie schafft man es, als Lichtbüro immer den aktuellen Wissensstand zu haben?
Man tritt Mitarbeitern immer und immer und immer wieder in den Hintern (lacht). Nein, im Ernst: Ich bin der Meinung, dass unsere Mitarbeiter ausschwärmen und mit dem Puls der Zeit mitgehen müssen. Und das machen sie. Sie sind intrinsisch motiviert, wollen etwas vorwärts bringen, an Projekten arbeiten, die Spaß machen. Zusätzlich hierzu nutzen wir die Größe unseres Büros. Wie sind im Fokus der Branche und werden mit News versorgt, man kommt auf uns zu und informiert uns auch über neue Entwicklungen.

Apropos Entwicklung. Wo sehen Sie die Reflexion AG in fünf Jahren?
Ehrliche Antwort? Ich sehe sie sehr wahrscheinlich von einer größeren Distanz aus. Mir ist es wichtig, dass die AG durch eine neue Generation geprägt wird, ich will sie übergeben. Es war eine schöne Zeit, aber es geht noch mehr.

In einem Interview sagten Sie, dass ein Lichtplaner immer wissen sollte, was der genaue Auftrag ist und was der Auftraggeber sich wünscht. Ich stelle mir das schwierig vor. Licht und die Vorstellungen, die man damit verbindet, lassen sich nicht einfach in Worte fassen. Dann muss man als Lichtplaner ja auch immer Kommunikationsexperte sein …
Ich muss mich im Vorfeld eines jeden Projekts damit auseinander setzen, was die direkt Betroffenen bzw. Auftraggeber und Nutzer sich wünschen. Das Problem dabei: Diese wissen das oft nicht. Der Weg bis zu einem optimalen Lichtkonzept ist häufig holprig, es geht hoch und runter, und ich als Lichtplaner muss den Prozess moderieren – und ja, dafür benötigt man kommunikative Fähigkeiten. Insbesondere weil wir nie alleine über Technik reden, sondern in der Regel über Atmosphären, Ästhetik, Rhythmik und über die verschiedenen Zustände des Gemüts. Wenn man die nicht in Worte gießen kann, hat man eigentlich schon verloren.

Dann ist das der Schlüssel zum Erfolg?
Ja, die große Fähigkeit, die ein Lichtplaner haben sollte, ist die Fähigkeit, in die Vorstellung des Auftraggebers ein Bild mit Worten zeichnen zu können, das ihm und dem Bauherrn dabei hilft, Entscheidungen für das weitere Projekt zu treffen. Ganz schön kompliziert, zu erklären …

Was ist, wenn der Kunde, aus Ihrer fachmännischen Perspektive, in eine vollkommen falsche Richtung geht?
Dann muss man sie korrigieren. Es gibt immer einen Spielraum subjektiver Präferenz, aber mithilfe der richtigen Fragen kann man Vorstellungen des Kunden mit technischen Erfordernissen zusammen bringen. Ein Arbeitszimmer kann ich nicht wie eine Wohnstube beleuchten. Ist das Grobkonstrukt erst mal festgesetzt, kann man die Gestaltung aufbauen und individualisieren.

“Ich finde es schade, dass die Dunkelheit häufig die negative Konnotation hat.”

Und wie machen Sie das?
Wir haben angefangen mit einem ganz einfachen Diagramm zu arbeiten – einem Quadranten. Mit diesem kann der Kunde definieren, welche Beleuchtung er sich vorstellt: Die Skala reicht dabei von hartem bis weichem Licht und hoch integrierter oder eigenständiger Beleuchtung. Wir fragen ihn: Wo möchtest du hin? Möchtest du die Leuchte sehen, möchtest du sie erleben, ist sie für dich Möblierung oder soll sie eher im Hintergrund einfach wirken? Mit dem Feedback gestalten wir dann den Raum.

Das kann ich mir für ein Einfamilienhaus gut vorstellen, bei dem Ihr Kunde auch Nutzer ist. Aber wie gehen Sie vor, wenn Sie den Nutzer nicht befragen können? Also wenn dieser beispielsweise die Öffentlichkeit ist und Sie ein Projekt für den öffentlichen Raum machen?
Ich denke, hier liegt der Erfolg in der Abstimmung mit der Planung. Die hat aus unserer Perspektive die gestalterische Hoheit. Wenn wir ein Projekt gemeinsam mit Architekten oder Landschaftsarchitekten machen, richten wir uns nach ihren Vorstellungen. Klar, wir diskutieren mit, bringen uns ein, aber letztlich entscheiden nicht wir, sondern unterstützen die gestalterische Idee mit unserem Beleuchtungskonzept. Wenn wir im direkten, dialektischen Dialog mit der Planung stehen, dann kann man auch bei einem Projekt im öffentlichen Raum davon ausgehen, dass das Resultat verzahnt und für den Nutzer ansprechend ist.

Kommunikationskünstler eben. Sie sagten außerdem, dass Sie sich einen Raum dunkel vorstellen, bevor sie ihn planen, und dann Stück für Stück das Licht einfließen lassen. Machen Sie das auch bei der Lichtplanung urbaner, freier Flächen?
Ja, und das ist eigentlich ganz leicht. Ich stelle mir den konkreten urbanen Raum mit seinen Flächen und Volumina vor. Ich weiß, wie sich der Raum vor Ort anfühlt, von der Körnung, von den Proportionen her und überlege dann, wo welches Licht hin muss. Wenn beispielsweise im Entwurf eine Tramhaltestelle geplant ist, überlege ich mir, wo die Personen, die dort aussteigen, hinmüssen und wo sie Licht benötigen. Ich sehe das Volumen, den städtebaulichen Rahmen und verteile, entsprechend der Voraussetzungen gedanklich das Licht – mal höher, mal tiefer. Ich stelle mir also wirklich die Lichtstimmungen und -szenen vor.

Und in einem geschlossenen Raum?
Da ist das noch viel einfacher. Da kann man sich in eine Ecke stellen und sich überlegen, wo das Licht herkommen soll, ob es kühl oder warm sein soll. Irgendwo muss man ja anfangen.

Also kann man sagen, dass Sie eigentlich zu Beginn eines jeden Projekts im Dunkeln tappen, oder? Welche Bedeutung hat Dunkelheit sonst für Sie?
So betrachtet ist das richtig. Ich finde es schade, dass die Dunkelheit häufig die negative Konnotation hat. Wie bei dem Sprichwort „Wo Licht ist, ist auch Schatten“. Denn Licht wird erst spannend, wenn es Schatten und Konturen wirft. Mich begeistert die Abhängigkeit zwischen Licht und Dunkelheit, das bipolare, das schöne System – denn das ist das eigentlich spannende, nicht das Licht allein, sondern der Wechsel von Licht und Dunkelheit.

“Licht wird erst spannend, wenn es Schatten und Konturen wirft.”

Kann ich durch diesen Wechsel die Qualität einer Lichtgestaltung messen? Oder anders gefragt: Ist es überhaupt möglich, die zu messen?
Die ist absolut nicht messbar. Normativ ist sie messbar, das ist die good news. Bad news ist, dass sich immer Empfindungen und Subjektivität über die normative Ebene legen. Denn unsere Beurteilung von Licht hat viel mit unterbewussten Wahrnehmungen und Erfahrungsbildern zu tun.
Es gibt bestimmte Rahmenbedingungen, nach denen man eine qualitätsvolle Gestaltung messen kann, aber wenn es dann um die Feinheiten geht, die Dramaturgie, wie viel Kontrast, wie viel Weichheit, wie viel Härte und wie viel Licht als solches, dann ist das sowieso subjektiv.

Heißt das, Sie als Experte nehmen es sich nie raus, Lichtgestaltungen zu kritisieren?
Oh doch. Aber ich bin auch der stärkste Kritiker unserer eigenen Werke. Ich bin eigentlich nie wirklich zufrieden und das ist auch wichtig, sonst kommt man nicht weiter.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.