„Ich bin eigentlich nie zufrieden und das ist wichtig.“

Er ist Lichtdesigner des Jahres beim Deutschen Lichtdesign-Preis 2017, Kommunikationstalent und selbst sein größter Kritiker: Thomas Mika, Verwaltungsrat und Geschäftsleitungsmitglied der Reflexion AG, einem Schweizer Lichtplanungsbüro. Wir haben ihn getroffen und uns mit ihm über den Schlüssel zum Erfolg eines Lichtplaners unterhalten.

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Thomas Mika (© Christine Benz, Zürich)

 

Herr Mika, Sie haben 2001 mit einem Partner die Reflexion AG gegründet. Mit Lichtdesign hatten Sie eigentlich nichts am Hut – Sie haben BWL studiert. Wie kommt ein BWLer zum Lichtdesign?
Das stimmt nicht ganz. Ja, ich habe BWL studiert, aber parallel dazu als Werkstudent bei einer Beleuchtungsfirma gearbeitet. Dort lernte ich Licht als solches zu verstehen. Aber erst mein ökonomischer Hintergrund ermöglichtes es mir, die Firma zu gründen. Ich analysierte die Marktsituation und merkte: im Bereich Lichtdesign fehlt eine Dienstleistung. Die habe ich dann angeboten.

So einfach war das?
Eigentlich, ja (lacht). Auf die Idee kam ich in meiner Studienzeit. Unbekümmert und die Zukunft vor Augen machte ich mich mit unternehmerischer Euphorie ans Werk.

Und alles, was Sie heute über Licht und Lichtdesign wissen, haben Sie sich on the job angeeignet?
Vieles ja, aber ich habe auch Nachdiplomkurse an der TU Berlin besucht. Ganz ohne Theorie geht es vielleicht dann doch nicht.

Klingt nach einer Erfolgsstory. Warum der Verkauf 2014?
Der eigene Lebensplan. Ich habe mich gefragt, ob ich bis 65 in der vollen Verantwortung stehen, ein Unternehmer sein möchte, der mit 25 Mitarbeitern das ganze alleine rockt oder vielleicht doch lieber einen starken Partner im Hintergrund habe, der mir gewisse Freiräume bietet. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden.

Wie erhalten Sie bei der Reflexion Ihre Aufträge?
Über Wettbewerbe, die wir gemeinsam mit Architekten und Planern bestreiten und über Direktanfragen. Aber ich bin ehrlich: Je etablierter Sie als Lichtbüro sind, desto mehr entziehen Sie sich den Wettbewerbsmomenten. Die sind einfach so aufwendig und Ressourcen-intensiv.

Reflexion AG hat das Lichkonzept für „The Circle“ am Flughafen Zürich entworfen: ein Multi-Millionen Euro Projekt, das Thomas Mika und sein Team durch seine Vielfalt an Maßstäben faszinierte aber auch herausforderte. 

Zusätzlich bieten Sie Beratungsleistungen an. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
Neben unserer Kernleistung, der Lichtplanung als Beratung, bekommen wir manchmal ein Überwachungs- oder Beratungsmandat und unterstützen Generalunternehmen und Bauherren bei ihren Plänen. Zusätzlich haben wir einen Tageslicht-Dom, in dem man Tageslichtuntersuchungen am physischen Modell durchführen kann. Prinzipiell merken wir, dass sich mit dem technologischen Wandel, der Digitalisierung und der Entwicklung von LED- und OLED-Technologie große Unsicherheiten entwickelt haben. Die Planung braucht Fachleute, die mit Leuchten und Sonderleuchten in Messlabore gehen und diese prüfen. Und die, die sind wir.

Das erfordert das entsprechende Knowhow. Wie schafft man es, als Lichtbüro immer den aktuellen Wissensstand zu haben?
Man tritt Mitarbeitern immer und immer und immer wieder in den Hintern (lacht). Nein, im Ernst: Ich bin der Meinung, dass unsere Mitarbeiter ausschwärmen und mit dem Puls der Zeit mitgehen müssen. Und das machen sie. Sie sind intrinsisch motiviert, wollen etwas vorwärts bringen, an Projekten arbeiten, die Spaß machen. Zusätzlich hierzu nutzen wir die Größe unseres Büros. Wie sind im Fokus der Branche und werden mit News versorgt, man kommt auf uns zu und informiert uns auch über neue Entwicklungen.

Apropos Entwicklung. Wo sehen Sie die Reflexion AG in fünf Jahren?
Ehrliche Antwort? Ich sehe sie sehr wahrscheinlich von einer größeren Distanz aus. Mir ist es wichtig, dass die AG durch eine neue Generation geprägt wird, ich will sie übergeben. Es war eine schöne Zeit, aber es geht noch mehr.

„Wenn man Licht nicht in Worte gießen kann, hat man eigentlich schon verloren.“

In einem Interview sagten Sie, dass ein Lichtplaner immer wissen sollte, was der genaue Auftrag ist und was der Auftraggeber sich wünscht. Ich stelle mir das schwierig vor. Licht und die Vorstellungen, die man damit verbindet, lassen sich nicht einfach in Worte fassen. Dann muss man als Lichtplaner ja auch immer Kommunikationsexperte sein …
Ich muss mich im Vorfeld eines jeden Projekts damit auseinander setzen, was die direkt Betroffenen bzw. Auftraggeber und Nutzer sich wünschen. Das Problem dabei: Diese wissen das oft nicht. Der Weg bis zu einem optimalen Lichtkonzept ist häufig holprig, es geht hoch und runter, und ich als Lichtplaner muss den Prozess moderieren – und ja, dafür benötigt man kommunikative Fähigkeiten. Insbesondere weil wir nie alleine über Technik reden, sondern in der Regel über Atmosphären, Ästhetik, Rhythmik und über die verschiedenen Zustände des Gemüts. Wenn man die nicht in Worte gießen kann, hat man eigentlich schon verloren.

Dann ist das der Schlüssel zum Erfolg?
Ja, die große Fähigkeit, die ein Lichtplaner haben sollte, ist die Fähigkeit, in die Vorstellung des Auftraggebers ein Bild mit Worten zeichnen zu können, das ihm und dem Bauherrn dabei hilft, Entscheidungen für das weitere Projekt zu treffen. Ganz schön kompliziert, zu erklären …

Was ist, wenn der Kunde, aus Ihrer fachmännischen Perspektive, in eine vollkommen falsche Richtung geht?
Dann muss man sie korrigieren. Es gibt immer einen Spielraum subjektiver Präferenz, aber mithilfe der richtigen Fragen kann man Vorstellungen des Kunden mit technischen Erfordernissen zusammen bringen. Ein Arbeitszimmer kann ich nicht wie eine Wohnstube beleuchten. Ist das Grobkonstrukt erst mal festgesetzt, kann man die Gestaltung aufbauen und individualisieren.

Und wie machen Sie das?
Wir haben angefangen mit einem ganz einfachen Diagramm zu arbeiten – einem Quadranten. Mit diesem kann der Kunde definieren, welche Beleuchtung er sich vorstellt: Die Skala reicht dabei von hartem bis weichem Licht und hoch integrierter oder eigenständiger Beleuchtung. Wir fragen ihn: Wo möchtest du hin? Möchtest du die Leuchte sehen, möchtest du sie erleben, ist sie für dich Möblierung oder soll sie eher im Hintergrund einfach wirken? Mit dem Feedback gestalten wir dann den Raum.

Das kann ich mir für ein Einfamilienhaus gut vorstellen, bei dem Ihr Kunde auch Nutzer ist. Aber wie gehen Sie vor, wenn Sie den Nutzer nicht befragen können? Also wenn dieser beispielsweise die Öffentlichkeit ist und Sie ein Projekt für den öffentlichen Raum machen?
Ich denke, hier liegt der Erfolg in der Abstimmung mit der Planung. Die hat aus unserer Perspektive die gestalterische Hoheit. Wenn wir ein Projekt gemeinsam mit Architekten oder Landschaftsarchitekten machen, richten wir uns nach ihren Vorstellungen. Klar, wir diskutieren mit, bringen uns ein, aber letztlich entscheiden nicht wir, sondern unterstützen die gestalterische Idee mit unserem Beleuchtungskonzept. Wenn wir im direkten, dialektischen Dialog mit der Planung stehen, dann kann man auch bei einem Projekt im öffentlichen Raum davon ausgehen, dass das Resultat verzahnt und für den Nutzer ansprechend ist.

„Ich finde es schade, dass die Dunkelheit häufig die negative Konnotation hat.“

Kommunikationskünstler eben. Sie sagten außerdem, dass Sie sich einen Raum dunkel vorstellen, bevor sie ihn planen, und dann Stück für Stück das Licht einfließen lassen. Machen Sie das auch bei der Lichtplanung urbaner, freier Flächen?
Ja, und das ist eigentlich ganz leicht. Ich stelle mir den konkreten urbanen Raum mit seinen Flächen und Volumina vor. Ich weiß, wie sich der Raum vor Ort anfühlt, von der Körnung, von den Proportionen her und überlege dann, wo welches Licht hin muss. Wenn beispielsweise im Entwurf eine Tramhaltestelle geplant ist, überlege ich mir, wo die Personen, die dort aussteigen, hinmüssen und wo sie Licht benötigen. Ich sehe das Volumen, den städtebaulichen Rahmen und verteile, entsprechend der Voraussetzungen gedanklich das Licht – mal höher, mal tiefer. Ich stelle mir also wirklich die Lichtstimmungen und -szenen vor.

Und in einem geschlossenen Raum?
Da ist das noch viel einfacher. Da kann man sich in eine Ecke stellen und sich überlegen, wo das Licht herkommen soll, ob es kühl oder warm sein soll. Irgendwo muss man ja anfangen.

Also kann man sagen, dass Sie eigentlich zu Beginn eines jeden Projekts im Dunkeln tappen, oder? Welche Bedeutung hat Dunkelheit sonst für Sie?
So betrachtet ist das richtig. Ich finde es schade, dass die Dunkelheit häufig die negative Konnotation hat. Wie bei dem Sprichwort „Wo Licht ist, ist auch Schatten“. Denn Licht wird erst spannend, wenn es Schatten und Konturen wirft. Mich begeistert die Abhängigkeit zwischen Licht und Dunkelheit, das bipolare, das schöne System – denn das ist das eigentlich spannende, nicht das Licht allein, sondern der Wechsel von Licht und Dunkelheit.

„Licht wird erst spannend, wenn es Schatten und Konturen wirft.“

Kann ich durch diesen Wechsel die Qualität einer Lichtgestaltung messen? Oder anders gefragt: Ist es überhaupt möglich, die zu messen?
Die ist absolut nicht messbar. Normativ ist sie messbar, das ist die good news. Bad news ist, dass sich immer Empfindungen und Subjektivität über die normative Ebene legen. Denn unsere Beurteilung von Licht hat viel mit unterbewussten Wahrnehmungen und Erfahrungsbildern zu tun.
Es gibt bestimmte Rahmenbedingungen, nach denen man eine qualitätsvolle Gestaltung messen kann, aber wenn es dann um die Feinheiten geht, die Dramaturgie, wie viel Kontrast, wie viel Weichheit, wie viel Härte und wie viel Licht als solches, dann ist das sowieso subjektiv.

Heißt das, Sie als Experte nehmen es sich nie raus, Lichtgestaltungen zu kritisieren?
Oh doch. Aber ich bin auch der stärkste Kritiker unserer eigenen Werke. Ich bin eigentlich nie wirklich zufrieden und das ist auch wichtig, sonst kommt man nicht weiter.