Thüringen: die G+L im August 2021

Die Blumenstadt Erfurt hat sich für die BUGA 2021 herausgeputzt: Im Festungsgraben des Petersbergs erstreckte sich im Frühling ein Blumenmeer. Der Petersberg ist – neben dem egapark – einer der beiden Hauptschauplätze der BUGA. (Foto: BUGA Erfurt 2021)
16.05.2021

Was viele nicht wissen: In den letzten Jahren hat sich der Freistaat Thüringen zu so etwas wie einer Planungshochburg entwickelt, in der mehr und mehr Impulse gesetzt werden. Aktuell lädt die BUGA Erfurt zu Besuch, noch bis 2023 findet die IBA Thüringen statt, und gleich mehrere Hochschulen bilden hier die nächsten Generationen an Planer*innen aus. Warum unsere Profession künftig häufiger einen Blick nach Thüringen werfen sollte, diskutieren wir in der G+L 08/21. Theresa Ramisch erklärt im Editorial, warum jede*r selber Schuld ist, der oder die dem Bundesland noch keinen Besuch abgestattet hat.

Sind Sie echt. selber. schuld?

Thüringen – wo liegt eigentlich Thüringen? Eine Frage, die erstmal ziemlich dämlich klingt, und dennoch durfte ich sie schon einige Male beantworten. Lage, Landschaft, welche Städte hier liegen – Thüringen ist für viele ein schwarzes Loch. Als ich zum Studieren nach Erfurt ging, fragten mich mehrere Leute, wieso ich das tun würde. Und ob mein Abitur so schlecht gewesen sei, dass ich dort hin „müsse“ (nope, keine Sorge, war es nicht).

Mein Eindruck: Viele Personen – gerade aus den „alten“ Bundesländern – können mit Thüringen nicht sonderlich viel anfangen. Und ich bin damit nicht allein. Schließlich sang schon Rainhald Grebe von Thüringen als einem Land zwischen Dänemark und Prag, Belgien und Budapest, einem Land ohne Prominente, einem schwierigen Bundesland – keine*r kenne es ja außerhalb von Thüringen. Ein großartiges Lied, hören Sie es sich unbedingt an.

Steile These: Vielleicht ist Thüringen der Underdog unter den deutschen Bundesländern. Der heutige Freistaat begeisterte schließlich schon Goethe und Schiller, hat das Bauhaus in petto, unfassbar viele Schlösser sowie eine sehr facettenreiche Landschaft vom Thüringer Wald über beeindruckende Talsperren bis hin zu den sehr attraktiven Hoch­schulstandorten Erfurt, Jena und Weimar. Außerdem – tadaa – liegt das Bundesland seit ein paar Jahren perfekt angebunden auf der
ICE-Sprinter-Strecke zwischen München, Leipzig und Berlin. 

Wer Thüringen nicht kennt, nicht besucht, ist echt. selber. schuld. Und aktuell gibt es hier besonders viel zu sehen – gerade aus planerischer Perspektive. Noch bis zum 10. Oktober 2021 hat die BUGA Erfurt mit den zwei BUGA-Arealen egapark und Petersberg ihre Tore geöffnet. Zudem konnte die IBA Thüringen ihre ersten Meilensteine erreichen: Im Juli 2021 eröffnete die Internationale Bauausstellung gemeinsam mit der Stiftung Schlösser und Gärten Schloss Schwarzburg bei Rudolstadt mit dem Einsatz von 2,5 Millionen Euro Projektbudget, im März 2021 ging die zukunftsweisende Infrastrukturmaßnahme Tank- und Rastanlage Leubinger Fürstenhügel an der A71 in Betrieb, und am 22. August 2021 findet wieder der „Tag der Sommerfrische“ im Schwarzatal statt.

Thüringens Herausforderungen

Krise der Landesregierung hin oder her: In Thüringen passiert aktuell einiges. Und das muss es auch: Schrumpfungstendenzen, polyzentrische und kleinteilige Siedlungsstrukturen stellen das Bundesland vor Herausforderungen. Landflucht, Klimawandel, neue Wertschöpfungsprozesse – hierauf versuchen allen voran die IBA Thüringen, aber auch die Planungsstudiengänge an der FH Erfurt und der Bauhaus Uni Weimar Antworten zu finden. Das alles sind für uns in der G+L-Redaktion definitiv genug Gründe, dem Bundesland ein ganzes Heft zu widmen – ja, auch gerade weil kaum eine*r es zu kennen scheint.

Die G+L 08/21 ist bei uns im Shop erhältlich.

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Ungenutzte Brückenkonstruktionen können im urbanen Umfeld ungeahnte Möglichkeiten bieten. Berühmtestes Vorbild für eine aufgeständerte Nachnutzung ist wohl der New Yorker High Line Park, gelegen auf einer stillgelegten Hochbahntrasse. Eine ähnliche Strategie verfolgt die Stadtverwaltung von Seoul: ein groß angelegtes Stadtentwicklungsprogramm soll die Stadt grüner und für Fußgänger attraktiver gestalten. Herzstück der Planung ist dabei der kürzlich eröffnete Seoullo 7017 Skygarden von MVRDV.

Transformation einer Hochstraße zum Park

Freiräume sind in Seoul ein seltenes Gut. Die Bevölkerungsdichte ist rund viermal so hoch wie in Berlin und das Zentrum ist von versiegelten Verkehrsflächen geprägt. Nach der Umsetzung des städtischen Programms, wurde eine rund einen Kilometer lange Hochstraße vom Verkehr befreit. Die Architekten des niederländischen Büros MVRDV gewannen die Ausschreibung im Jahr 2015 und verwandelten die ehemalige Stadtautobahn in einen attraktiven städtischen Park. Das verästelte, geschwungene Brückenbauwerk stellt damit eine wichtige Fußgängerverbindung im unmittelbaren Umfeld des Hauptbahnhofs dar.

Pflanzenbibliothek aus 24 000 Pflanzen

Der Seoullo 7017 Skygarden zieht seine Besucher in erster Linie durch seine einzigartigen Blickbeziehungen aus 16 Metern Höhe an. 228 verschiedenen Pflanzenarten sind nach dem südkoreanischen Alphabet sortiert und verdeutlichen die Vielfalt heimischer Gewächse. Die insgesamt 24 000 Pflanzen sind in mehreren kleinen Gärten zusammengefasst, welche jeweils einen eigenen Charakter haben. Die Zahlenkombination „7017“ bezieht sich auf die Eröffnungsjahre der Stadtautobahn 1970 und des Parks 2017.

Am 18. September hat der Berliner Senat beschlossen, die Tempelhofer Parklandschaft nicht wie ursprünglich geplant zu verwirklichen. Eine fragwürdige Entscheidung, meint Nicole Uhrig. Ende September wurden die Pläne der schottischen Landschaftsarchitekten Gross.Max für die Tempelhofer Parklandschaft gekippt. Was war passiert? Durch das Berliner Flughafendesaster war die auf 61,5 Millionen Euro bezifferte Finanzierung für den Park nicht mehr möglich. Schon im Vorfeld war das Geld knapp. Es war eine politische Entscheidung, die bisherige Parkplanung zugunsten punktuell implantierter Sitzbänke, Bäume und Kinderspielflächen aufzugeben.

 

Die vordergründige Argumentation zu dieser Entscheidung beruft sich auf den Volkswillen und lautet, „der Park sei in dieser Form nicht erwünscht (ernsthaft strittig war jedoch nur der Kletterfelsen) und man reagiere auf die „Ergebnisse einer Umfrage unter den Besuchern der Grünfläche“ (siehe Artikel “Bäume und Bänke – kein Kletterfelsen” in der Berliner Morgenpost). Dabei war der Entwurf aus jahrelangen umfassenden Bürgerbefragungen hervorgegangen. Diese methodisch gesammelten Erkenntnisse einer einzelnen Umfrage unter Besuchern gegenüberzustellen, ist ohne Frage unzulässig.

Die Argumentation einer einzelnen Interessengruppe für sich zu instrumentalisieren zeugt zudem von einem deutlichen Missbrauch des Instruments „Bürgerbeteiligung“. Neben der zusätzlichen Diskreditierung eines ganzen Berufsstandes durch den amtierenden Bürgermeister, der sich klar gegen den Park ausspricht „’für den Landschaftsarchitekten Preise gewinnen’, der aber nicht das ’Wohlfühl-Gefühl’ der Menschen verbessere“, werden vor allem die großen und international verfolgten Bemühungen um ein umfassendes partizipatives, demokratisches Planungsmodell bei lebendigem Leibe erstickt und vor aller Augen ad absurdum geführt. Das ist ein Imageverlust für Berlin sondergleichen.

 

Ohne das finanzielle Desaster am neuen Berliner Flughafen hätte man die Planung einfach weiterentwickelt, wenn auch bei knapp bemessener Kasse. Der Rahmen war gesetzt und die Entwicklungsstrategie hatte Raum für Kursänderungen vorgesehen. Möglicherweise hätte die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ noch Änderungen herbeiführen können, doch zu einem „fast Erhalt“ des Status quo wäre es nicht gekommen, denn der Bedarf an breiter gefächerten Nutzungsmöglichkeiten besteht nach wie vor.

 

Jetzt wird der Verwertungsdruck auf die Freifläche wieder zunehmen. Insbesondere angesichts des innerstädtischen Wohnraummangels, der die Wohnungsmieten in Berlin derzeit um bis zu elf Prozent ansteigen lässt. Hier muss die Lobby des Freiraums unbedingt aktiv werden und neue, bessere politische Allianzen schmieden, um den Wert und das große Image- und Marketingpotenzial der Grünflächen herauszustellen und um einen gesunden Interessenausgleich zu finden. Oder um die Prioritäten in der Stadtentwicklung neu zu verhandeln – der Wiederaufbau Stadtschlosses soll vergleichsweise 590 Millionen Euro kosten.

Vor allem darf jedoch die Chance auf eine große Idee nicht verspielt werden. Sie ist unentbehrlich und immer noch möglich, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Um die Tempelhofer Freiheit erhalten zu können, wird es zwar Zugeständnisse geben müssen, doch bleibt zu hoffen, dass zumindest eine mittelgroße Freiheit realisiert werden kann, die gleichsam überzeugend ist. Die einen Konsens innerhalb eines starken gestalterischen Leitrahmens repräsentiert, der in demokratischer Manier die Träume und Visionen möglichst vieler Wirklichkeit werden lässt.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Beitrags “Tempelhofer Freiheit oder Marketingobjekt: Aktuelle Parkpolitik in Berlin“ aus:
Stefanie Hennecke, Regine Keller, Juliane Schneegans (Hg.): “Demokratisches Grün – Olympiapark München”, 224 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-86859-230-6.