“Kapazitätsgrenzen kennen wir seit Anbeginn der Tourismusplanung”

“Tourismus ist ein Luxusgut, das wir uns gönnen.”

Für die Maiausgabe 2019 der Garten + Landschaft interviewte G+L Redakteurin Theresa Ramisch den Tourismusexperten Alexander Schuler von BTE Berlin und unterhielt sich mit ihm über „overtourism“ (Spoiler: Alexander Schuler findet das Thema wird zu heiß gekocht) und wie Kommunen und Gemeinden verhindern, dass ihnen Google und Co. langfristig die Tourismusbranche streitig machen.

Keiner mag Touristen. Geben Sie es zu, Herr Schuler, Sie doch auch nicht, oder?

Das kommt auf die Touristen an. Aber ich gebe zu: Wenn ich reise, dann möchte ich neue Kulturen kennenlernen, suche den kulturellen Austausch. Den Kontakt zu dem Berliner aus meinem Kiez suche ich dann nicht.

Aber Touristen haben derzeit einen denkbar schlechten Stand. Stichwort: Overtourism.

Sicher, in vielen Städten wie in Berlin diskutiert man gerade intensiv über vermeintlich zu viele Touristen in den einzelnen Stadtquartieren, ähnlich wie in Venedig und in Barcelona. Das muss auch ernst genommen werden. Bei genauer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass Overtourism nicht unbedingt ein Problem einer Stadt in der Fläche ist, sondern das von Stadtteilen und Quartieren.  So wie es aktuell diskutiert wird, ist es zu heiß gekocht.

Wie meinen Sie das?

Gerade hat jeder etwas dazu zu sagen, doch das Thema Kapazitätsgrenzen kennen wir seit Anbeginn der Tourismusplanung. Es ist nichts Neues. Man könnte meinen, das Phänomen bricht wie eine Welle über uns herein. Fakt ist jedoch: Es war früh erkennbar, dass der Tourismus gerade in den Städten so stark zunehmen würde. Das sind die Geister, die wir riefen – unter anderem durch entsprechendes Marketing.

Wir sind also an unseren vollen Innenstädten selber schuld?

Ja, der Tourismus hat zugenommen, weil wir wohlhabender geworden sind, weil wir viel mehr Möglichkeiten im Bereich der Mobilität haben – denken Sie nur an all die Billigairlines und die neuen Flugverbindungen – und weil sich das Volumen an internationalen Gästen, insbesondere der asiatischen, drastisch erhöht hat. Tourismus ist ein Luxusgut, das wir uns gönnen.

Und Reisen ist Lifestyle.

Es gehört einfach dazu. Früher ist man aus bildungstechnischen Gründen gereist. Heute reisen wir, um zu berichten und um unsere Fotos auf Instagram zu posten. Das ist die Instagrammability, von der alle sprechen. Millenials suchen ihre Urlaubsziele nach deren Social-Media-Verwertbarkeit aus.

“Ein funktionierender Tourismus steigert die Lebensqualität.”

Und ein Musikclip von Justin Bieber führt dazu, dass eine ganze Schlucht in Island gesperrt werden musste. Sie hält den neuen Besuchermassen nicht stand. Schauen wir der Wahrheit ins Gesicht: Wir sind alle Touristen und wenn wir reisen, wollen wir alle unseren persönlichen Vorteil.

Ja, und unsere Städte und Regionen verändern sich dadurch. Es hat alles zwei Seiten. Als Bewohner einer Stadt wünschen wir uns kulturelle Angebote, Bars, Clubs und Cafés. Diese brauchen Touristen als Einnahmequelle. Wenn dann deren Kapazitätsgrenze erreicht ist, beschweren wir uns. Das ist Messen mit zweierlei Maß.

Abgesehen vom Finanziellen, was hat eine Stadt, eine Region von Tourismus?

Kulturellen Reichtum. Für uns Stadtbewohner heißt das, dass wir nicht immer in ferne Länder reisen müssen, wir haben das Fremde bei uns zu Gast. Das ist bereichernd und fördert die persönliche Entwicklung.

Und wenn man das Monetäre mitdenkt?

Eine funktionierende und vielfältige Kultur-, Freizeit- und Gastronomieszene, von der auch die Einwohner profitieren und die nur durch die Einwohner nicht überleben könnte. Gleiches gilt auch für Parks, Wanderwege, Radwege oder Spielplätze. Ein funktionierender Tourismus steigert die Lebensqualität auch und gerade für die Bewohner einer Stadt oder Region. Letzten Endes werten all diese Einrichtungen den Imagefaktor und die Lebensqualität eines Standorts auf. Eine Person, die sich bei einem gleichwertigen Job zwischen zwei Städten entscheiden kann, wird sich immer für die Stadt mit der höheren Lebensqualität entscheiden. Eine Stadt tut gut daran, sich für den Tourismus und den Freizeitwert vor Ort zu engagieren.

BTE berät Kommunen, Landkreise, Ministerien und Tourismusorganisationen bei der Entwicklung von Tourismuskonzepten und -strategien. Welchen Herausforderungen stellen diese sich derzeit?

 

Das vollständige Interview können Sie in der Garten+Landschaft 05/2019 nachlesen. Hier geht´s zum Shop.

Das Porträt von BTE Tourismus finden Sie hier.

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Zonen für Gemeinwohl – neue Bausteine in der Flächennutzung

Menschen entspannen, gehen und fahren Rad im großzügigen Stadtpark mit alten Bäumen – ein lebendiger öffentlicher Freiraum für alle.
Begegnung, Teilhabe und Grünflächen als Herzstück nachhaltiger Stadtentwicklung.

Eine neue Ära in der Stadtentwicklung steht vor der Tür: Zonen für Gemeinwohl werden zum zentralen Baustein in der Flächennutzung. Sie versprechen mehr als grüne Inseln und Begegnungsräume – sie fordern ein radikales Umdenken in Planung, Recht und Verwaltung. Was steckt hinter diesem Paradigmenwechsel? Und warum führt an Gemeinwohlzonen in der nachhaltigen Stadtentwicklung kein Weg mehr vorbei?

  • Definition und historische Entwicklung von Gemeinwohlzonen in der Stadt- und Landschaftsplanung
  • Begründung ihrer Relevanz für klimaresiliente, soziale und zukunftsfähige Städte im DACH-Raum
  • Rechtliche und planerische Grundlagen: Wo steht Deutschland, Österreich und die Schweiz?
  • Innovative Nutzungsmodelle und Beispiele aus der Praxis – von Quartiersparks bis zu multifunktionalen Flächen
  • Planungsprozesse, Governance und Beteiligung: Wer entscheidet über das Gemeinwohl?
  • Konfliktfelder – von Flächendruck bis Partikularinteressen
  • Chancen für die Landschaftsarchitektur und Impulse für die integrierte Stadtplanung
  • Risiken der Kommerzialisierung und die Gefahr der „Schein-Gemeinwohlzonen“
  • Digitale Werkzeuge und Simulationen als Unterstützung für gemeinwohlorientierte Flächenstrategien
  • Fazit: Warum Gemeinwohlzonen der Schlüssel für resiliente und lebenswerte Städte sind

Vom grünen Traum zum urbanen Werkzeug: Was sind Zonen für Gemeinwohl?

Wer über städtische Flächen spricht, denkt oft reflexhaft an Parks, Plätze und Spielplätze – klassische öffentliche Räume, die scheinbar seit jeher dem Gemeinwohl dienen. Doch die eigentliche Idee von Gemeinwohlzonen geht weit über diese vertrauten Bilder hinaus. Gemeinwohlzonen sind als explizit ausgewiesene Flächen konzipiert, die nicht primär wirtschaftlichen, privaten oder rein infrastrukturellen Zwecken dienen, sondern dem kollektiven Nutzen verpflichtet sind. Sie werden gezielt im Städtebau, in der Landschaftsarchitektur und zunehmend auch in regionalen Entwicklungskonzepten als eigenständige Planungs- und Nutzungsform etabliert.

Historisch betrachtet ist das Konzept keineswegs neu. Bereits in den frühen Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts tauchten erste Ansätze auf – von den Allmenden über Volksgärten bis hin zu den legendären „Grünzügen“ der Nachkriegsmoderne. Doch mit dem wachsenden Flächendruck und den Herausforderungen durch Klimawandel, soziale Spaltung und den Verlust von Biodiversität erfahren Gemeinwohlzonen eine Renaissance. Sie sind heute weniger „grüne Kulisse“, sondern vielmehr multifunktionale Räume: Sie speichern Wasser, verbessern das Mikroklima, ermöglichen soziale Begegnung, bieten Raum für neue Mobilitätsformen und dienen nicht selten auch als Experimentierfelder für urbane Landwirtschaft oder kulturelle Nutzungen.

Im Kern zielen Gemeinwohlzonen darauf ab, das öffentliche Interesse explizit zu priorisieren – und dies sowohl in der räumlichen Planung als auch in der tatsächlichen Nutzung. Das unterscheidet sie von klassischen öffentlichen Flächen, die mitunter durch Events, Gastronomie oder private Zwischennutzungen faktisch teilweise vereinnahmt werden. Gemeinwohlzonen sind Orte, an denen die Regeln des Marktes und des individuellen Eigentums zumindest temporär außer Kraft gesetzt werden. Sie bedienen kein Konsumversprechen, sondern die Ansprüche einer inklusiven, resilienten und solidarischen Stadtgesellschaft.

Die Diskussion um Gemeinwohlzonen ist längst international angekommen. Städte wie Wien, Zürich, Kopenhagen oder Paris experimentieren mit neuen Flächentypologien – von temporären Nachbarschaftsplätzen über urbane Wälder bis hin zu multifunktionalen Dachlandschaften. Gemeinwohl wird hier nicht als moralischer Appell verstanden, sondern als planungsrechtlich verankertes Ziel. Die Herausforderung besteht darin, Gemeinwohlzonen nicht nur als schöne Schlagworte zu begreifen, sondern als integralen Bestandteil der Stadtstrategie – mit klaren Zielen, messbaren Indikatoren und dauerhafter Governance.

In den letzten Jahren hat sich das Vokabular in der Planung entsprechend erweitert: Begriffe wie „Common Space“, „Urban Commons“, „Allmende 2.0“ oder „solidarische Stadt“ prägen die Debatte. Allen gemeinsam ist die zentrale Frage: Wie können wir Flächen so gestalten, sichern und nutzen, dass sie dem Wohl der Vielen – und nicht nur der Wenigen – dienen? Wer diese Frage beantworten will, kommt an den Zonen für Gemeinwohl nicht mehr vorbei.

Rechtliche Grundlagen und planerische Strategien: Wie werden Gemeinwohlzonen umgesetzt?

Die Umsetzung von Gemeinwohlzonen ist kein Selbstläufer, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Recht, Planung und politischem Willen. Im deutschen Planungsrecht etwa gibt es bislang keine explizite Kategorie „Zone für Gemeinwohl“. Allerdings existieren zahlreiche Instrumente, die das Gemeinwohl fördern – von der Festsetzung von Grünflächen über die Ausweisung von öffentlichen Spielplätzen bis hin zu Sondernutzungsrechten für soziale oder kulturelle Projekte. Die entscheidende Innovation besteht darin, diese einzelnen Elemente unter dem Dach einer strategischen Gemeinwohlpolitik zusammenzuführen und dabei bewusst neue Flächenkategorien zu schaffen.

Die rechtliche Verankerung von Gemeinwohlzonen ist in Österreich und der Schweiz ähnlich fragmentiert wie in Deutschland. Während etwa Wien mit dem „Grün- und Freiraumkonzept“ oder Zürich mit dem „Stadtentwicklungskonzept“ Gemeinwohlaspekte betont, fehlt bislang oft eine verbindliche Kategorie im Flächenwidmungsplan. Der Trend geht jedoch eindeutig in Richtung einer stärkeren rechtlichen Absicherung gemeinwohlorientierter Nutzungen, etwa durch Bebauungsplanauflagen, Zweckbindungen bei der Grundstücksvergabe oder durch die Förderung von Genossenschaften und Stiftungen, die Flächen dauerhaft dem Markt entziehen.

Planerisch setzt die Entwicklung von Gemeinwohlzonen ein Umdenken voraus. Es reicht nicht, Restflächen zu begrünen oder Hinterhöfe zu entsiegeln. Vielmehr müssen Gemeinwohlzonen schon in der frühesten Phase der Stadt- oder Quartiersentwicklung als zentrales Element mitgedacht werden. Das bedeutet, sie erhalten eine eigene Planungslogik, ein eigenes Pflichtenheft und – ganz entscheidend – eine klare Governance-Struktur. Wer ist für Pflege, Betrieb und Entwicklung zuständig? Wie werden Nutzungskonflikte gelöst? Und wie kann die Flexibilität erhalten bleiben, damit Gemeinwohlzonen auf veränderte gesellschaftliche Bedürfnisse reagieren können?

Innovative Städte setzen dabei zunehmend auf kooperative Planungsprozesse. Das reicht von Bürgerhaushalten und partizipativen Budgetierungen bis hin zu „Reallaboren“, in denen verschiedene Nutzungsmodelle temporär getestet werden. Auch digitale Werkzeuge halten Einzug: GIS-basierte Flächenanalysen, digitale Beteiligungsplattformen und Simulationsmodelle helfen, Bedarfe zu ermitteln und Nutzungsszenarien durchzuspielen. Die große Kunst besteht darin, rechtliche, planerische und digitale Instrumente so zu verzahnen, dass Gemeinwohlzonen nicht zum Lippenbekenntnis, sondern zur gelebten Praxis werden.

Allerdings gibt es auch erhebliche Hürden. Flächenkonkurrenz, Investitionsdruck und kurzfristige Haushaltslogik stehen der Entwicklung von Gemeinwohlzonen oft im Weg. Hier sind kreative Lösungen gefragt – von der Zwischennutzung brachliegender Areale über die Mobilisierung von Unternehmensflächen (Corporate Commons) bis hin zur Einführung von Flächenfonds, die gezielt Grundstücke für gemeinwohlorientierte Zwecke sichern. Entscheidend ist: Gemeinwohlzonen müssen rechtlich robust, planerisch durchdacht und gesellschaftlich breit legitimiert sein.

Gemeinwohlzonen als Experimentierfeld: Beispiele, Chancen und Herausforderungen aus der Praxis

Die Praxis zeigt: Gemeinwohlzonen sind keine Theorie, sondern längst Teil der städtischen Realität – wenn auch oft im Experimentierstatus. Ein prominentes Beispiel ist der Wiener „Nordbahnhofpark“, der als multifunktionaler Freiraum für alle Generationen konzipiert wurde. Hier treffen urbane Landwirtschaft, Sportflächen, Spielangebote, Wasserlandschaften und Gemeinschaftsgärten aufeinander – und das mitten in einem der dynamischsten Entwicklungsgebiete der Stadt. Die Governance ist kooperativ organisiert, Anwohner und lokale Initiativen sind aktiv in Planung und Betrieb eingebunden.

Auch Zürich setzt Maßstäbe: Die „Grünstadt-Initiative“ zielt darauf ab, in jedem Stadtquartier hochwertige Freiräume zu schaffen, die explizit dem Gemeinwohl dienen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Durchgrünung von dichtbesiedelten Quartieren und der Verbindung von ökologischen und sozialen Funktionen. Neue Planungsinstrumente wie „Freiraumquoten“ oder „Grünflächenregister“ sorgen für Transparenz und sichern die dauerhafte Zugänglichkeit.

In Deutschland greifen Städte wie Freiburg, Leipzig oder München innovative Ansätze auf, indem sie Gemeinwohlzonen als Teil von urbanen Transformationsprozessen etablieren. Das reicht von temporären Spielstraßen über Nachbarschaftsgärten bis hin zu sogenannten „Dritten Orten“, die in ehemaligen Gewerbehallen entstehen. Entscheidend ist hier die Flexibilität: Gemeinwohlzonen sind nie fertig, sondern entwickeln sich als dynamische Räume weiter – angepasst an die Bedürfnisse der Stadtgesellschaft.

Die Chancen liegen auf der Hand. Gemeinwohlzonen fördern soziale Integration, reduzieren Flächenversiegelung, steigern die Aufenthaltsqualität und bieten Raum für neue Formen von Mobilität, Kultur und Naturerfahrung. Sie sind ein Joker im Kampf gegen urbane Hitzeinseln, leisten einen Beitrag zur Wasserrückhaltung und können als Testfeld für innovative Begrünungs- und Klimaanpassungsmaßnahmen dienen. Nicht zuletzt stärken sie die Identifikation der Bewohner mit ihrem Quartier und schaffen Orte, an denen Gemeinsinn auch tatsächlich erlebt werden kann.

Doch es gibt auch Herausforderungen. Der Flächendruck in den Städten ist enorm, und nicht selten geraten Gemeinwohlzonen in Konflikt mit Investoreninteressen, Verkehrsprojekten oder kurzfristigen Haushaltszielen. Zudem besteht die Gefahr, dass sogenannte „Schein-Gemeinwohlzonen“ entstehen – also Flächen, die zwar als öffentlich deklariert sind, aber de facto kaum zugänglich oder nutzbar sind. Hier braucht es klare Kriterien, Transparenz und eine kontinuierliche Überprüfung, ob die Gemeinwohlziele tatsächlich erreicht werden.

Governance, Partizipation und Digitalisierung: Wer gestaltet das Gemeinwohl in der Flächennutzung?

Die Frage, wer über Gemeinwohlzonen verfügt, ist alles andere als trivial. Klassischerweise lag die Verantwortung bei der öffentlichen Hand – also bei Stadtverwaltungen, kommunalen Betrieben oder städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Doch mit der Vielfalt der Nutzungsansprüche und der zunehmenden Komplexität urbaner Räume hat sich die Governance von Gemeinwohlzonen stark verändert. Heute setzen viele Städte auf kooperative Modelle, in denen Verwaltung, Zivilgesellschaft, Unternehmen und Wissenschaft gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Partizipation spielt dabei eine Schlüsselrolle. Gemeinwohlzonen entfalten ihr Potenzial nur, wenn sie von den Menschen angenommen und mit Leben gefüllt werden. Das erfordert neue Beteiligungsformate – von klassischen Bürgerdialogen über digitale Beteiligungsplattformen bis hin zu partizipativen Planungswerkstätten oder Reallaboren. Entscheidend ist, dass Beteiligung nicht als Pflichtübung verstanden wird, sondern als kontinuierlicher Prozess, der die Bedürfnisse und Ideen der Nutzer ernst nimmt und in konkrete Planungsschritte übersetzt.

Eine spannende Entwicklung ist die Digitalisierung der Beteiligung und Steuerung von Gemeinwohlzonen. Digitale Tools wie Urban Digital Twins, GIS-gestützte Flächenanalysen oder Online-Simulationswerkzeuge bieten neue Möglichkeiten, Bedarfe sichtbar zu machen, Nutzungsszenarien durchzuspielen und die Wirkung von Maßnahmen zu evaluieren. Sie helfen, Entscheidungen transparent zu machen und die Auswirkungen von Flächenumwidmungen oder neuen Nutzungen in Echtzeit zu simulieren. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Tools offen zugänglich, erklärbar und nachvollziehbar bleiben – nur so wird digitale Planung zum Motor für mehr Gemeinwohl.

Die Governance von Gemeinwohlzonen verlangt neue institutionelle Arrangements. In einigen Städten gibt es inzwischen sogenannte „Flächenfonds“ oder „Gemeinwohlagenturen“, die gezielt Flächen akquirieren, entwickeln und langfristig sichern. Andere setzen auf Stiftungen, Genossenschaften oder temporäre Zweckverbände, um die Verantwortung für Betrieb und Entwicklung auf mehrere Schultern zu verteilen. Was alle erfolgreichen Beispiele eint: Gemeinwohlzonen werden als gemeinsames Projekt verstanden, das dauerhafte Aufmerksamkeit, Engagement und manchmal auch Kompromissbereitschaft erfordert.

Ein nicht zu unterschätzendes Risiko ist die Kommerzialisierung von Gemeinwohlzonen. Wo öffentliche Flächen von Events, Gastronomie oder Sponsoring dominiert werden, droht das Gemeinwohl in den Hintergrund zu treten. Hier braucht es klare Leitplanken, die die Balance zwischen Nutzungsoffenheit, wirtschaftlicher Tragfähigkeit und dem Primat des Gemeinwohls sichern. Andernfalls laufen Städte Gefahr, ihre wertvollsten Räume zu verlieren – an die Interessen einiger weniger.

Gemeinwohlzonen als Zukunftslabor: Impulse für die Landschaftsarchitektur und integrierte Stadtentwicklung

Für die Landschaftsarchitektur und die integrierte Stadtentwicklung eröffnen Gemeinwohlzonen ein faszinierendes Zukunftslabor. Sie ermöglichen neue Formen der Zusammenarbeit, des Experimentierens und des Lernens – und stellen die klassische Rollenverteilung zwischen Planung, Verwaltung und Nutzung auf den Kopf. Landschaftsarchitekten sind nicht mehr nur Gestalter von Parks, sondern Prozessmoderatoren, Flächenbroker und Impulsgeber für innovative Nutzungskonzepte.

In der Praxis bedeutet das: Gemeinwohlzonen werden immer öfter als hybride Räume konzipiert, die ökologische, soziale und kulturelle Funktionen intelligent verschränken. Das können temporäre Spiel- und Begegnungsräume in wachsenden Quartieren sein, urbane Ackerflächen auf Dächern, mobile Grüninseln auf Parkplätzen oder multifunktionale Wasserflächen, die sowohl der Erholung als auch dem Hochwasserschutz dienen. Die Kunst besteht darin, diese unterschiedlichen Ansprüche kreativ zu verbinden und gleichzeitig flexibel auf Veränderungen zu reagieren.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Resilienz. Gemeinwohlzonen sind prädestiniert, um innovative Ansätze des Klimaschutzes und der Klimaanpassung zu testen – etwa durch Extensive Begrünung, wassersensible Gestaltung oder die Integration von Biodiversitätsinseln. Hier können Landschaftsarchitekten ihre Expertise einbringen und als Brückenbauer zwischen Technik, Ökologie und Gesellschaft agieren. Der Schlüssel liegt darin, Gemeinwohlzonen als lebendige Systeme zu begreifen, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln und immer wieder neu erfunden werden.

Auch die integrierte Stadtentwicklung profitiert: Gemeinwohlzonen sind Katalysatoren für Kooperation – zwischen Quartieren, Fachämtern, Investoren und der Zivilgesellschaft. Sie brechen Silodenken auf und fördern eine ganzheitliche Sicht auf Flächennutzung, Mobilität, Soziales und Umwelt. Digitale Werkzeuge unterstützen diesen Wandel, indem sie komplexe Zusammenhänge sichtbar machen und neue Allianzen ermöglichen. Hier kann die Landschaftsarchitektur als Impulsgeberin für innovative Planungsprozesse und als Fürsprecherin des Gemeinwohls auftreten.

Die Zukunft der Gemeinwohlzonen wird davon abhängen, ob es gelingt, die bestehenden Widersprüche zwischen Flächendruck, Investitionsinteressen und Gemeinwohlorientierung produktiv zu machen. Es braucht Mut, neue Wege zu gehen, und die Bereitschaft, auch einmal Unbequemes auszuprobieren. Wer heute den Grundstein für starke Gemeinwohlzonen legt, schafft die Grundlage für eine resiliente, inklusive und lebenswerte Stadt von morgen. Und eines ist klar: In diesem Zukunftslabor gibt es keinen Platz für Langeweile.

Fazit: Gemeinwohlzonen – Schlüsselbaustein für die Stadt der Zukunft

Der Siegeszug der Zonen für Gemeinwohl ist kein modischer Spleen, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels in der Stadtentwicklung. Sie sind Antwort auf die großen Herausforderungen unserer Zeit: Klimawandel, soziale Spaltung, Flächenknappheit und den Wunsch nach mehr Teilhabe. Gemeinwohlzonen sind mehr als hübsche Parks oder temporäre Spielstraßen – sie sind das Labor, in dem die Stadt von morgen erfunden wird.

Ihre rechtliche, planerische und gesellschaftliche Verankerung steht noch am Anfang, doch die Richtung ist klar: Städte, die den Mut haben, Gemeinwohlzonen als zentralen Baustein ihrer Flächenstrategie zu begreifen, werden resilienter, gerechter und lebenswerter. Die Landschaftsarchitektur gewinnt durch Gemeinwohlzonen an Bedeutung – als Mittlerin, Impulsgeberin und Innovatorin. Die größte Herausforderung bleibt, Gemeinwohlzonen nicht zur leeren Hülle verkommen zu lassen, sondern sie mit echten Rechten, Ressourcen und Verantwortung auszustatten.

Digitale Werkzeuge, partizipative Prozesse und neue Governance-Modelle unterstützen diesen Wandel. Aber sie können nur dann ihr Potenzial entfalten, wenn Gemeinwohl mehr ist als ein Lippenbekenntnis. Es braucht klare Leitplanken, transparente Kriterien und eine dauerhafte Verankerung in Planungs- und Entscheidungsprozessen. Die Stadt der Zukunft wird nicht nur gebaut – sie wird gemeinschaftlich gestaltet, genutzt und weiterentwickelt. Zonen für Gemeinwohl sind dafür der Schlüssel. Und wer jetzt noch zögert, dem bleibt nur, den anderen beim Gestalten zuzusehen.

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Urbane Systeme nehmen einen großen Teil der Ressourcen in Anspruch und sind für Immissionen verantwortlich. Die Klimakrise ist keine Sache der Industrie mehr. Langsam wird deutlich, welche Rolle Planen und Bauen in unseren Städten dabei spielen. Das regte das Deutsche Institut für Urbanistik an, den Leitfaden „Leitfaden Städte nachhaltig planen und bauen“ für Kommunen zu erarbeiten. 

Leitfaden Städte planen: Städte als ernstes Problem

Die Planung und Entwicklung von Städten und die Klimakrise gehören schon lange zusammen. Aber wie groß der Anteil städtischer Systeme am Konsum von Baustoffen, Nahrungsmitteln, Flächen, Wasser  und Energie ist, war bisher kaum Thema. Nun hat das Deutsche Institut für Urbanistik einen Leitfaden publiziert. Darin werden wichtige Instrumente für den Ressourcen- und Klimaschutz gezeigt, die den Kommunen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus erläutert die Broschüre, wie dieser Werkzeugkasten eingesetzt werden kann. Beispiele aus der Praxis machen anschaulich, wo Potenziale zur Einsparung von Ressourcen schlummern.

Der Blick auf den zunehmenden Wandel des Klimas macht klar, dass in allen Bereichen Handlungsdruck besteht. So muss auch in urbanen Systemen, also in unseren Städten, Gemeinden und Metropolen der Verbrauch von Ressourcen sinken. Dabei geht es nicht nur um Versickerung von Regen oder Begrünung von Dächern. Vielmehr müssen verschiedene Handlungsfelder in den Blick rücken, dazu gehören Demografie, Wachstum, Wohnungsmangel, Mobilität und Digitalisierung. Nur wenn wir diese Bereiche mit der Entwicklung unserer Städte zusammen denken, kann es gelingen eine hohe Lebens- und  Umweltqualität zu erhalten. 

Die Herausforderung liegt also darin, die Städte so zu planen, dass sie mit einer sparsamen Nutzung  natürlicher Ressourcen einhergeht. Dies ist derzeit vor allem beim Bau von Wohnungen relevant. Da Wohnungsbau in vielen Städten höchste Priorität hat, gilt es hier aktiv zu handeln; anders zu bauen als bisher. Denn wenn jährlich etwa 375 000 neue Wohnungen entstehen, fällt hier sehr viel Material an. Hier liegt also ein zentrales Handlungsfeld mit großem Sparpotenzial. Mit der Optimierung von Stoffkreisläufen im Wohnungsbau kann der Verbrauch von Ressourcen erheblich reduziert werden. Es gilt also insbesondere in diesem Bereich nachhaltiger zu agieren.

Problemfeld Gebäude

Der Bausektor hat einen hohen Rohstoff- und Energieverbrauch. In der Tat werden die größten Stoffmengen in­ Deutschland ­für­ die­ bauliche­ Entwicklung­ von­ Städten­ und­ Gemeinden­ benötigt.­ Damit spielt der Bereich des Bauens eine wesentliche Rolle im Energieverbrauch­ und­ Abfallaufkommen­ in­ Deutschland­. Allein im Jahr 2015 verbauten wir 517 ­Millionen­ Tonnen ­mineralischer Rohstoffe. In der gesamten Europäischen Union gehen fast 50 Prozent aller geförderten Werkstoffe in den Bau und die Nutzung von Gebäuden. Gebäude­ verbrauchen ­in Deutschland­ etwa­ 35­ Prozent­ der Endenergie und ­sind für etwa­ 30 ­Prozent­ aller CO2-Emissionen­ verantwortlich­.

Bausektor verantwortet 40 Prozent der Treibhausgas-Emissionen

Während Industrie und Verkehr lange als Treiber des Klimawandels galten, rücken nun Gebäude und Infrastrukturen in den Fokus. Hier werden nach wie vor viele energieintensive Rohstoffe verbaut. Insbesondere Materialien wie Zement, Stahl und Aluminium kreieren viel CO2. Laut dem wissenschaftlichem Beirat der Bundesregierung (WBGU) kreieren sie soviel CO2, dass sie das verbleibende Budget vollständig für sich vereinnahmen. Anders ausgedrückt, ist der Bausektor für rund 40 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Zudem entsteht beim Bauen der meiste Abfall. Eine ressourcen- und klimaschonende Planung ist dringend notwendig. Das bedeutet, dass auch Kommunen alle Hebel in der Stadtplanung und Stadtentwicklung einsetzen müssen. Genau da setzt das Deutsche Institut für Urbanistik mit seinen neuen Leitfaden Städte planen an.

Projekt „Steuerbare urbane Stoffströme“

Der aktuelle Leitfaden des Deutschen Instituts für Urbanistik trägt den langen Titel: „Stadtplanung und Stadtentwicklung als Hebel für den Ressourcen- und Klimaschutz: Kommunale Instrumente, Fallbeispiele und Potenziale zur Reduktion der Ressourceninanspruchnahme“. Die Inhalte für diesen Leitfaden Städte planen sind im Rahmen eines Forschungsprojekts des Umweltbundesamts zusammen gekommen. Dies trug den Titel „Steuerbare urbane Stoffströme“ und untersuchte Instrumente in der Stadtplanung und -entwicklung, die helfen Stoffströme zu steuern. Die Forscher*innen sammelten und beschrieben auch Anwendungsbeispiele aus verschiedenen Kommunen. Darüber hinaus skizzierten sie Lösungswege, um den Verbrauch von Ressourcen zu reduzieren. 

Der nun veröffentlichte Leitfaden Städte planen soll Planer*innen, Fachämtern und die Lokalpolitik informieren. Es soll dort Wissen generierten und Sensibilität wecken. Denn es existieren vielfältige Möglichkeiten, um in der Planung und Entwicklung von Städten sparsam zu sein. Der Leitfaden Städte planen will Kommunen praktische Hilfe anbieten.

Kleine Maßnahmen, große Wirkung

Der Leitfaden zeigt anschaulich, dass eine zielgerichtete­ Planung von Städten­ große­ ­Einsparungen ­bei natürlichen­ Ressourcen­ ermöglicht. Allein die ­beschriebenen ­Fallstudien­ bestätigen, dass mit unterschiedlichen Instrumenten ­und­ Maßnahmen­ große Wirkung erzielt werden können.­ So kann zum Beispiel die Reduzierung­ von­ Stellplätzen oder­ die­ Erhöhung­ der ­bau­lichen ­Dichte viel bewirken. Insgesamt­ leisten viele ­Kommunen bereits ­Beiträge ­zur­ Reduzierung ­von­ Ressourcen. Das ist jedoch viel Luft nach oben. Die Debatte wird auf zunehmend auch auf internationaler, europäischer und nationaler Ebene stattfinden. Und mit wachsender Aufmerksamkeit für das Thema, kommt auch der hiesige Diskurs in Gang. Damit wächst die Sensibilität für das Thema und innovative und vorbildliche Lösungen bekommen Aufmerksamkeit. Das ist wichtig, vielleicht wichtiger als ein eher trocken anmutender Leitfaden mit unendlich langen Wortschöpfungen.

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