Unbestimmte Räume in Städten – Buchrezension

Welchen Wert haben unbestimmten Räume für die Stadt? Diese Frage stellt sich Dorothee Rummel in ihrer Dissertation „Unbestimmte Räume in Städten: Der Wert des Restraums“. Aimee Neff hat die Publikation rezensiert. In ihrer Rezension legt die Studentin den Fokus darauf, warum das Buch für Planer*innen und Gestalter*innen des urbanen Raums von Relevanz ist.

Wer hätte gedacht, dass ein Blick in die Fuge zwischen zwei Gehwegplatten einen Perspektivenwechsel anregen kann und dabei eine Forschungslücke zum urbanen „Phänomen Restraum“ enthüllt? Was steckt in diesen geringgeschätzten und nutzlos wirkenden Überresten? Haben sie überhaupt einen Wert für die Stadt? Dies sind zentrale Fragen, die Dorothee Rummel, Architektin und Stadtplanerin, in ihrer spannenden Doktorarbeit erkundet.

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Aufbau und Inhalt

Rummel publiziert ihre Erkenntnisse zu dem Restraum-Phänomen in fünf Teilen über 318 Seiten. Dabei baut sich die Definition von Restraum nach jedem Teil auf. Die Doktorarbeit sollte am Anfang dem Nachverdichtungspotenzial unbestimmter Räume nachgehen. Jedoch schlägt sie schnell eine andere Richtung ein. Nämlich um zu ermitteln, ob die Stadt den Verlust von Restraum überhaupt billigen kann. In Teil zwei sucht die Autorin nach bestehender Forschung zu dem Phänomen. Sie stellt dabei fest, dass es Wissenlücken gibt, die nur durch Feldforschung gefüllt werden können. In den Teilen drei und vier werden Resträume in Ludwigshafen und München aufgespürt, untersucht und dokumentiert.

Dazugehörige Grafiken sowie unmanipulierte Fotos unterstützen die Absicht, kein verzerrtes Bild des Restraums darzustellen. Zu Beginn verspricht Rummel, das Phänomen Restraum „durchsichtiger“ zu machen. In Teil fünf ergibt sich jedoch die Erkenntnis, dass Restraum ein ungelöstes Phänomen bleiben muss. Sonst könne er seine Rolle in der Stadt nicht mehr erfüllen. Deshalb nehmen auch viele Menschen den Wert des Restraums nicht wahr. Nichtsdestotrotz hat er eine besondere Bedeutung, die andere Stadträume nicht bieten. Seine Nutzer erkennen ihn als freien Entfaltungsraum. Er bietet ihnen vielfaltige Nutzungsmöglichkeiten, Flexibilität, Chancen und Glück.

Unbestimmte Räume in Städten: Empfehlenswert?

Die Autorin stellt häufig rhetorische Fragen an ihre Leser*innen. Einerseits stellen diese einen emotionalen Bezug zum Thema her, anderseits aber überfordern und verwirren sie die Leser*innen. Die „Analogie-Plattenfuge“, womit die Fuge zwischen zwei Gehwegplatten und ihr Bezug zum städtischen Restraum gemeint ist, bildet den roten Faden der Arbeit. Des Weiteren verhindert sie, dass die Leser*innen den Überblick verlieren. Unkundige werden sich jedoch mit dem zweiten Teil schwertun. Die vielen Literaturverweise und Querbezüge machen die Lektüre mühsam und wären besser verständlich, wenn man deren Inhalt und Bedeutung kennt. Jedoch liefert dieser Teil auch interesante praktische und theoretische Ansätze. Mit diesen werden einzigartige „Untersuchungsinstrumente“ entwickelt und auf die Untersuchungsstädte angewendet. Eines dieser ist das Instrument „Verdachtszone“, mit dem Restraum aufgespürt und dokumentiert wird.

Die Dissertation ist an ein fachspezifisches Publikum gerichtet. Jedoch spricht sie, durch den Gebrauch einer verständlichen Fachsprache, ein weites Spektrum an Leser*innen an. Wer sich mit dem Entwerfen und Planen des urbanen Raums auseinandersetzt, wird aufgefordert, zu hinterfragen: wie habe ich bisher Restraum aufgefasst? Wer bereit ist, sich auf Rummel‘s Ideen einzulassen, wird begeistert sein.

Hintergrund dieses Artikels: In einem Seminar von Professor Udo Weilacher, Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und Transformation (LAT) an der TU München, konnten Studierende im Sommersemester 2021 in das Feld des Fachjournalismus hineinschnuppern. Masterstudent*innen der Landschaftsarchitektur der Technischen Universität München schrieben in einer „Schreibwerkstatt“ Buchrezensionen zu selbst ausgewählter Fachliteratur. Wir stellen auf unserer Seite ausgewählte Rezensionen vor.

Eine Übersicht zu weiteren Buchrezensionen aus dem Seminar finden Sie hier.

Auch interessant: Hier geht es zu der Rezension von Lena Lämmle zum Buch „The Ideal City – Exploring Urban Futures”.