Experten für Räume in Transformation

„Wir wohnen alle – aber wie wollen wir leben?“, fragt Urban Catalyst studio provokativ auf seiner Website. Das Berliner Büro hat den klassischen Pfad der Landschaftsarchitektur schon vor mehr als vier Jahren verlassen. Sie sind anders. Sie entwerfen Räume in Transformation und legen dabei einen starken Fokus auf die visuelle Darstellung. Denn so kommt man mit den Akteuren, die auf die Veränderung und Nutzung von Orten Einfluss nehmen, wirklich ins Gespräch, sagt Klaus Overmeyer. Wir haben uns mit dem Bürogründer unterhalten.

Herr Overmeyer, Urban Catalyst studio ist Vorreiter in der visuellen Darstellung von Raumprozessen. Sie stechen raus. Warum eigentlich?
Wenn man sich aktuelle Wettbewerbsentwürfe auf Seiten wie competitionline.de anschaut, ist das wie bei der Filialisierung im Einzelhandel: Es herrscht eine starke Austauschbarkeit in der visuellen Sprache. Die Renderings und Darstellungen sehen gleich aus, der Fokus liegt auf möglichst realitätsnahen Abbildungen eines gestalteten Endzustandes. Und natürlich macht das Sinn, denn die Leute wollen sehen, wie es nachher aussieht. Uns bei Urban Catalyst geht es aber weniger darum, einen zukünftigen Raum möglichst fotorealistisch abzubilden, sondern Transformationsprozesse dynamisch zu visualisieren. Dabei geht es uns besonders um die Einflussfaktoren – soziologische, ökologische und ökonomische Wirkungszusammenhänge – und stellen diese visuell dar. Wir denken in unseren Projekten sehr dynamisch – das ist die Basis unserer Raumsprache. Ich denke das zeichnet uns aus.

Gab es eine bewusste Entscheidung das nicht-klassisch-planende Büro zu werden?
Nein, das war ein zehnjähriger Prozess. Mit Abschluss meines Studiums in der Landschaftsarchitektur habe ich in ganz klassischen Büros gearbeitet. Der erste Richtungswechsel kam mit dem Forschungsprojekt „Urban Catalyst“, das mit Landschaftsarchitektur gar nichts zu tun hatte. Aus dem habe ich das Büro Urban Catalyst studio gegründet. Erst 2012, im Zuge eines Coaching, wurde deutlich, dass der klassische Entwurf nicht unser Büroprofil ist. Ich habe die Landschaftsarchitektur an den Nagel gehängt und wir haben uns bewusst für drei andere Geschäftsfelder entschieden: Kommunikation & Beteiligung, strategische Planung sowie Stadt- und Raumforschung.

Und wie stehen Sie heute zum Feld der Landschaftsarchitektur?
Ich versuche immer zu betonen, dass ich trotz meiner eigenen Position und meines eigenes Berufsbildes, Landschaftsarchitekten ganz und gar nicht blöd finde. Ganz im Gegenteil: Ich habe hohe Achtung vor dem klassischen Wettbewerbswesen und ziehe meinen Hut vor den Kollegen, die hervorragende Freiräume gestalten und bauen. Aber unsere Urban Catalyst – Schwerpunkte haben sich aus dem Gärtnerischen und der Landschaftsarchitektur heraus in eine andere Richtung entwickelt.

Anfang September 2016 waren Sie mit einer temporären Platzstation zehn Tage lang im Kölner Stadtteil Chorweiler. Lohnt sich so ein Aufwand überhaupt?
Aus meiner Perspektive auf jeden Fall. Unsere Profession ist, gerade mit Blick auf die Honorarordnung, sehr stark auf Bausummen fixiert. Da wird die Investition von 200 000 Euro in eine temporäre Platzstation, von der ja de facto baulich nichts bleibt, schnell als kritisch angesehen. Ich bin überzeugt, dass wir uns vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen in Zukunft stärker mit der Verknüpfung der bedeutenden Themen bei der Gestaltung unserer Lebenswelten auseinandersetzen müssen. Reicht es da wirklich, Landschaftsarchitektur alleine auf gute, ökologisch korrekte Gestaltung zu einem festen Preis auszurichten?

Die Verknüpfung der bedeutenden Themen stärker betrachten. Aber wie?
Wir arbeiten in Mitten vieler räumlicher, aber auch gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Unsere These ist, dass wir Planung breiter denken müssen und Aspekte der Raumaneignung, der sozialen Integration, des ökonomischen Wandels, der Teilhabe und sich verändernder Rahmenbedingungen stärker in unseren Entwürfen mitberücksichtigen müssen. Verbunden ist damit eine Neuausrichtung des planerischen Selbstverständnisses: Die Frage ist weniger, wie toll ein fertiggestalteter Freiraum aussieht, sondern mehr, mit welchen Mitteln und Akteuren ein möglichst lebendiger Ort entstehen kann. Das hat natürlich auch Konsequenzen für das Budget. Mit Blick auf Chorweiler: Die Auftraggeber werden sieben bis acht Millionen in die Platzgestaltung investieren. 200 000 Euro wurden für die Platzstation ausgegeben, also circa drei Prozent der Gesamtsumme. Im Vergleich zu dem Geld, das sonst in der Erde versenkt wird, finde ich ist die Summe für den enormen Effekt einer höheren Akzeptanz und besseren Nutzbarkeit, den sie erzielt, absolut gerechtfertigt.

Was hat die Platzstation denn mit Planung genau zu tun?
In Chorweiler bildeten ein Küchencontainer, ein Werkzeugcontainer und ein dazwischen nliegender Debattenraum die Platzstation, alles unter einem Dach. Eigentlich eine ganz einfache Idee: an einem ungewöhnlichen Ort zusammen kochen und essen, dabei ins Gespräch über das Umfeld kommen und bei einem zündenden Einfall mit dem Akkuschrauber neue Realitäten testen. Natürlich können wir damit keine Planung ersetzen, aber um wesentliche Ortserfahrungen bereichern.

Und was kam dabei raus?
Als ein wichtiges Ergebnis der Aktion hat sich herauskristallisiert, dass zwei Räume dieser Plätze in den nächsten Jahren als flexible Räume behandelt werden sollen. Ein bis zwei Jahre lang werden Nutzungen mit einem Ausläufer der Platzstation getestet. Erst danach wird die Planung vertieft. So hat uns die Station in unseren planerischen Ansätzen weitergebracht und wird es auch in Zukunft tun.

Wie gehen Sie als Bürogemeinschaft an ein Projekt heran?
TikiTaki – wie im Fussball. Wir sind mittlerweile um die 15 Leute im Büro, aber es gibt keine festen Teams. Oft überlegen wir zusammen, wie wir eine Aufgabe am besten bewältigen können und welche Kompetenzen wir dazu brauchen. Dann versuchen wir für jede Aufgabe ein maßgeschneidertes Team zusammen zu setzen. Die UCler sind breit aufgestellt, können unterschiedliche Rollen und Positionen übernehmen. Wer an welchen Projekt wie mitarbeitet, hängt letztlich aber auch oft davon ab, wer gerade Zeit hat.

Und wie sieht dann die Teamarbeit aus?
Eigeninitiative, Selbstorganisation und eigene Verantwortung haben bei uns einen hohen Stellenwert. Am Beginn eines Prozesses versuchen wir zunächst, die richtigen Fragen zu stellen, oft auch mit dem Auftraggeber zusammen. Sie sind der wichtigste Kompass bei der Entwicklung von gangbaren Wegen, nicht vorschnelle Antworten. Das Projektteam hat dabei so viele Entscheidungskompetenzen wie möglich, arbeitet wenig hierarchisch dafür kooperativ. Entscheidungen werden aus dem Dialog entwickelt und getroffen.

Sie bauen aktuell die Urban Catalyst Academy als neues Geschäftsfeld aus. Um was geht es genau dabei?
Neben der konkreten Projektarbeit haben wir in den vergangenen Jahren bei vielen Auftraggebern festgestellt, dass sie darüber hinaus grundsätzliche, übergeordnete Fragestellungen bewegen. Wie können wir strategische Planung mit der lokalen Umsetzungsebene besser verbinden? Welche Formen der Beteiligung wollen wir in unserer Stadt kultivieren? Wie können wir ressortübergreifend produktiver in der Verwaltung zusammenarbeiten? Hier setzt die UC Academy an. Über die vergangenen zehn Jahre hat Urban Catalyst einen enormen Erfahrungsschatz über Prozesse, Methoden und Werkzeuge in der Stadtentwicklung ansammeln können. Diesen wollen wir über die UC Academy als Bildungs- und Austauschplattform an unsere Kunden weitergeben.

Klingt nach einer Win-Win-Situation für Sie und den Kunden! Wie läuft das ab? Kann man sich einfach anmelden?
Ja, im Prinzip schon, wir haben aber noch kein festes Kursprogramm. Die Interessenten kommen aktuell mit konkreten Anfragen zu uns. Gerade waren 20 Leute aus dem Stadtplanungsamt in Göteborg da, die ein neues übergeordnetes Stadtentwicklungskonzept machen wollen und wissen wollten, in welchen Etappen und mit welchen Formaten man den Prozess am besten aufzieht. Eine Anfrage haben wir auch aus Moskau. Dort interessiert sich ein Planungsbüro mit 130 Leuten dafür, wie bei der Umgestaltung der Moskauer Straßeninfrastruktur Beteiligung integriert werden kann. Wir haben eine Folge von Workshops über Theorie und Tools der Teilhabe, Prozessdesign und Kommunikation vorgeschlagen. Am Ende geht es für unsere Auftraggeber immer darum, das Wissen selbst im eigenen Kontext anzuwenden. Und wir werden natürlich auch schlauer!

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