Foto der Villa Poelzig von der Gartenseite (Foto: Bauwelt von 1930

Foto der Villa Poelzig von der Gartenseite (Foto: Bauwelt von 1930

*UPDATE: Trotz aller Gegenbemühungen – die Villa Poelzig wurde Ende 2021 zum Abriss freigegeben. Lesen Sie weiter unten mehr dazu!*

Nach dem Privatbau von Hans Scharoun, dem Haus Baensch, ist das nächste Berliner Architekt*innen-Wohnhaus in Gefahr: Die Villa Poelzig, das markante Wohnhaus des Berliner Architekten Hans Poelzig in Berlin-Westend, entworfen von dessen Frau Marlene Moeschke-Poelzig, soll im Zuge zahlreicher An- und Umbauten abgerissen werden. Für die Gartengestaltung waren die Landschaftsarchitekt*innen Herta Hammerbacher, Karl Foerster und Hermann Mattern verantwortlich. Eine Initiative setzt sich gegen den Abriss ein – jedoch nicht aus Gründen des Denkmalschutzes. Sie will vielmehr ein emanzipatorisches Denkmal erhalten.

Petition gegen den Abriss der Villa Poelzig

„Prof. Hans Poelzig (1867 – 1936). Der große Architekt und Lehrer lebte in diesem Hause von 1930 – 1936“

Eine Gedenktafel, gesponsert von der Förderungsaktion der Spielbank Berlin, erinnert in der Tannenbergallee 28 in Berlin an den Architekten Hans Poelzig. Dessen Ehefrau, Marlene Moeschke-Poelzig, die selbst auch Architektin war und die Villa an der Tannenbergallee eigenverantwortlich entwarf, erwähnt die Tafel nicht. Hans Poelzig hatte lediglich die Bauherrschaft für die Villa Poelzig inne, die 1930 bezugsbereit war. Die entsprechend öffentliche Anerkennung für das Projekt galt jedoch in der Regel ihm, nicht seiner Frau. Ein Beispiel: Als die Bauwelt 1984 über das Projekt berichtete, veröffentlichte sie ein Foto des Richtfests – beziehungsweise einen Ausschnitt daraus. Denn: Obwohl Marlene Moeschke-Poelzig Teil des Bildes war, druckte die Bauwelt lediglich ihren linken Arm ab.

Die Villa Poelzig war das einzige Gebäude, das Marlene Moeschke-Poelzig allein entwarf und umsetzte. Aus diesem Grund ordnen die Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt und Matthias Schirren das Bauwerk in die Emanzipationsgeschichte weiblicher Architektinnen ein. Dennoch steht es nicht unter Denkmalschutz. Dies unter anderem, weil bereits mehrere Umbauten daran vorgenommen worden sind. So wich etwa das ursprüngliche Flachdach 1954 einem Walmdach.

Gartengestaltung von Herta Hammerbacher, Hermann Mattern und Karl Foerster

Das stellt sich nun als Problem heraus: Die baufällige Villa soll abgerissen werden. Stattdessen ist ein Neubau mit mehreren Wohnungen geplant. Im Zuge der Nachverdichtung stimmen hier viele zu. Kriteriker*innen stellen nun aber infrage, ob es gerechtfertigt sei, dafür ein Denkmal der architektonischen Emanzipationsgeschichte dem Boden gleichzumachen.

Unter diesen Kritiker*innen befindet sich auch Kolja Missal. Der Kunsthistoriker startete letztes Jahr eine Petition, um den Abriss der Villa zu stoppen. Im Petitionstext hebt er den Grundriss des Erdgeschosses hervor: „Frau Moeschke-Poelzig plante hier, gleichberechtigt zum Arbeitsbereich, einen abgeschlossenen Bereich für die drei Kinder mit Spielzimmer und Plansche im davor gelagerten Außenbereich. Eine singuläre Lösung in Berlin.“

Moeschke-Poelzig plante das Haus für sich und ihre Familie sowohl als Wohn- als auch als Atelierhaus. So konnte sie ihre Tätigkeiten als Architektin und Bildhauerin mit der Mutterschaft vereinen. Das eigens zugeschnittene Raumkonzept erlaubte es ihr, die verschiedenen Bereiche ihres Lebens parallel zu managen.

Der Grundriss des Objekts ist auch heute noch größtenteils erhalten, ebenso wie die Ausstattung. So zum Beispiel einige Fenster, Travertin-Böden und ein paar Möbel. Die originale Bausubstanz befindet sich aktuell besonders in Gefahr, da das Dach derzeit ungedeckt ist.

Herta Hammerbacher: erste Professorin an der Architekturfakultät der TU Berlin

Auch der Garten ist teilweise noch erhalten. Diesen gestaltete 1931 die Gartenarchitektin Herta Hammerbacher, gemeinsam mit Hermann Mattern und Karl Foerster. Er war besonders auf die Bedürfnisse der Poelzig-Kinder zugeschnitten. Neben dem Planschbecken bot er einen Sandspielplatz und eine große Gartenfläche. So hatten die Kinder genügend Freiraum und die Nähe zur Natur.

Die restliche Gartengestaltung von Herta Hammerbacher, Hermann Mattern und Karl Foerster charakterisiert sich durch eine geschickte Komposition aus Terrassen, Wegeführung und Natursteinmauern. Es gab zudem mehrere Bereiche, die die Planer*innen zwar aufeinander abstimmten, aber individuell gestalteten. Dazu nutzten sie Gräser, Sträucher, Koniferen, Birken und Buchen.

Herta Hammerbacher, Hermann Mattern und Karl Förster gehörten alle zum Bornimer Kreis um Karl Foerster. Dort trafen sich auch Architekten und Musiker, unter anderem Hans Scharoun und Hans Poelzig. Es war auch Hans Scharoun, der Herta Hammerbacher 1946 als Lehrbeauftragte für Landschafts- und Gartengestaltung an der Technischen Universität Berlin vorschlug. Vier Jahre später wurde Herta Hammerbacher zur erste Professorin an der Architekturfakultät der Technischen Universität Berlin ernannt. Sie gilt auch heute noch als Virtuosin der Neuen Landschaftlichkeit.

Stipendium für „Meisterinnen des Bauwesens“

Im Gegensatz dazu ist Marlene Moeschke-Poelzigs Werk heute vergleichsweise unbekannt. Dies möchte die Initiative „Haus Marlene Poelzig“, die aus der Petition gegen den Abriss der Villa Poelzig hervorging, ändern. Gegründet 2020, sucht die Initiative den Dialog mit dem Eigentümer. Davon erhofft sie sich ein Abrissmoratorium. Anschließend zielt sie auf ein Konzept und ein Finanzierungsmodell, um das Haus als Denkmal zu erhalten, ab. Außerdem intendiert die Initiative, den Geist von Marlene Moeschke-Poelzig langfristig weiterzuführen – mit einem Stipendium.

Villa Poelzig und Marlene Moeschke-Poelzig mit Kunstwerk geehrt

Das geplante Stipendiatinnen-Programm soll sich an „Meisterinnen des Bauwesens“ richten. Architektinnen und Bauschaffende, sollen in der Villa Poelzig residieren, also wohnen und arbeiten. Dadurch würde das Haus zu einem Ort der Diskussion und der Entwicklung neuer Ansätze. Als „Meisterinnen“ sollen sich Architektinnen, Gestalterinnen, Landschaftsplanerinnen, Architekturhistorikerinnen, Bauhistorikerinnen, Bauingenieurinnen, Kulturschaffende und Handwerkerinnen bewerben können.

Die Initiative konkretisiert ihre Pläne für das Stipendium wie folgt: „Die 3-4 langfristigen Residenzen sollen regelmäßig ausgeschrieben und gemeinsam kuratiert werden, um ein kreatives Miteinander zu ermöglichen. […] Als ein Ort kreativen Schaffens und intellektuellen Austauschs soll die Residenz ihren Stipendiatinnen ermöglichen, individuellen und interdisziplinären Projekten in Architektur und Kunst nachzugehen. Dabei soll die anregende Wirkung des alltäglichen Zusammenlebens der Stipendiatinnen unterschiedlicher Fachrichtungen und Kulturen im Zentrum stehen; regelmäßig soll der Ort für die interessierte Öffentlichkeit öffnen.“

Am 18. Juni rief die Initiative Haus Marlene Poelzig im Rahmen des Women in Architecture Festivals (WIA) 2021 zur Demonstration auf. Etwa 80 Teilnehmende versammelten sich an dem Tag vor der Villa Poelzig. Mit Plakaten, Vorträgen und weitern Beiträgen gedenkten sie Marlene Moeschke-Poelzig. Der Höhepunkt der Veranstaltung war die Enthüllung eines eigens kreierten Werks der Künstlerin Hannah Cooke. Es ist eine Plakette. Darauf steht geschrieben:

„Marlene Moeschke-Poelzig (1894–1985). Die große Künstlerin und Architektin erbaute dieses Haus und lebte darin zusammen mit Hans Poelzig und ihren gemeinsamen Kindern von 1930–1937.

UPDATE: Abriss der Villa Poelzig erfolgt

Die Villa Poelzig gibt es seit Ende 2021 endgültig nicht mehr. Allen Protesten, Petitionen, Laternenumzügen und Bürger*inneninitiativen zum Trotz wurde das Gebäude abgerissen, um Platz für eine Luxusimmobilie zu schaffen. Damit verschwand eines der ohnehin raren Beispiele für von Frauenhand geschriebener Architekturgeschichte in der Bundesrepublik.

Mehr aus Berlin: Nach heftiger Kritik an ihrer Person hat Berlins neue Senatsbaudirektorin und Architektin Petra Kahlfeldt G+L Chefredakteurin Theresa Ramisch ein Interview gegeben. Sie sagt darin: „Meinungsäußerungen und Diskussionen gehören zu einer Demokratie, aber sie dürfen nicht zu persönlichen Angriffen und Diffamierungen führen.“ Mehr dazu hier im Petra Kahlfeldt Interview von G+L.

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Wie Casablanca Grünräume als soziale Infrastruktur denkt

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Das Ahsan Manzil Museum in Dhaka, aufgenommen von Md Eman, ist ein architektonisches Wahrzeichen mit bedeutender kultureller Vergangenheit.





Wie Casablanca Grünräume als soziale Infrastruktur denkt


Grünräume sind für Casablanca kein reines Dekor und schon gar keine nachträgliche Kosmetik – sie sind, wie selten in einer Metropole des globalen Südens, der soziale Kitt, der das urbane Leben zusammenhält. Was Casablanca aus der Not eine Tugend macht, ist für deutschsprachige Städte ein inspirierender Blick in eine Zukunft, in der Parks, Gärten und selbst der unscheinbare Straßenbaum weit mehr leisten als bloße Stadtverschönerung.

  • Erklärung, warum Grünräume in Casablanca eine zentrale Rolle als soziale Infrastruktur spielen – weit über Erholung hinaus.
  • Historische Entwicklung und aktuelle Herausforderungen der urbanen Grünflächengestaltung in Casablanca.
  • Analyse der Wechselwirkung zwischen Stadtentwicklung, sozialer Gerechtigkeit und grüner Infrastruktur.
  • Konzeptionelle Unterschiede zwischen europäischen und nordafrikanischen Grünraumstrategien.
  • Innovative Ansätze: Von gemeinschaftlich gepflegten Parks bis zu multifunktionalen Freiräumen.
  • Die Rolle von Klimaanpassung und Wassermanagement in der grünen Stadtentwicklung.
  • Partizipation, Ownership und Governance: Wer entscheidet, wer pflegt, wer profitiert?
  • Lernpotenziale für deutsche, österreichische und Schweizer Städte.
  • Kritische Reflexion: Risiken der Instrumentalisierung und Exklusion in der grünen Transformation.
  • Ein Fazit, das Casablanca als urbanes Labor für zukunftsfähige Grünraumkonzepte würdigt.

Casablanca und die grüne soziale Infrastruktur: Eine unerwartete Vorreiterrolle

Wer an Casablanca denkt, hat wohl zuerst den ikonischen Film, den Atlantikwind und das frenetische Leben auf den Boulevards vor Augen. Doch die marokkanische Metropole mit ihren über 3,5 Millionen Einwohnern hat in Sachen Stadtgrün Überraschendes zu bieten. Anders als in vielen westeuropäischen Städten, in denen Parks oft als historisches Erbe oder als luxuriöser Rückzugsort für Bessergestellte betrachtet werden, sind Grünflächen in Casablanca ein existenzieller Bestandteil des urbanen Alltags. Hier geht es nicht nur um schöne Ansichten oder Biodiversität, sondern um elementare soziale Funktionen: Begegnung, Versorgung, Klimaschutz und nicht zuletzt um die Verhandlung von Stadt als Gemeingut.

Diese Sichtweise hat durchaus historische Gründe. Die französische Kolonialverwaltung legte einst großzügige Alleen und Parks für die wohlhabende Bevölkerung an, während die Mehrheit der Einwohner in informellen Siedlungen oft gänzlich ohne öffentliche Grünflächen auskommen musste. Doch mit dem rapiden Wachstum der Stadt und den Herausforderungen fortschreitender Urbanisierung entstand ein neuer Fokus: Grünräume als Orte der sozialen Integration, der Selbstermächtigung und des täglichen Überlebens. In Casablanca ist der Park nicht bloß ein Ort für das Wochenende, sondern eine Bühne für das Leben selbst.

Die Bedeutung dieser Flächen zeigt sich in ihrer vielfältigen Nutzung. Märkte, spontane Musikdarbietungen, religiöse Zeremonien, politische Kundgebungen, Kindergeburtstage und gemeinschaftliche Sportaktivitäten finden hier gleichermaßen statt. Damit sind die Parks und Gärten Casablancas weit mehr als passive Kulisse – sie sind aktiver Teil des urbanen Getriebes, flexibel und wandelbar im Gebrauch. Diese Multifunktionalität ist kein Zufall, sondern Ergebnis kluger Planung und manchmal auch pragmatischer Improvisation.

Die Verwaltung der Stadt hat in den letzten Jahren bewusst auf die Förderung von Grünflächen als sozialer Infrastruktur gesetzt. Initiativen wie die Umwandlung von Brachflächen in Nachbarschaftsgärten oder die partizipative Planung neuer Parkanlagen zeigen, wie die Stadt auf Bedürfnisse reagiert, die anderswo oft als Randthema abgetan werden. Dabei sind die Grenzen zwischen formell und informell bewusst durchlässig gehalten: Es geht weniger um Perfektion als um Nutzbarkeit und Zugänglichkeit für alle.

Diese Haltung zur grünen sozialen Infrastruktur ist bemerkenswert, weil sie ein anderes Verständnis von Urbanität offenbart. Während in Europa über Inklusion, Teilhabe und den Wert des öffentlichen Raums häufig theoretisiert wird, sind diese Prinzipien in Casablanca gelebte Realität – nicht aus Luxus, sondern aus Notwendigkeit. Grünräume werden zu sozialen Bühnen, zu Orten der Aushandlung und des Miteinanders – und damit zu einem elementaren Bestandteil des urbanen Gefüges.

Herausforderungen der grünen Stadtentwicklung: Zwischen informeller Praxis und strategischer Planung

Natürlich ist Casablanca kein Paradies auf Erden, und auch die grüne Transformation ist alles andere als reibungslos. Die stetig wachsende Bevölkerung, die zunehmende Versiegelung und die Konkurrenz um knappen städtischen Raum stellen die Stadtverwaltung vor immense Herausforderungen. Flächen, die gestern noch Brachland waren, sind heute begehrte Baugrundstücke, und nicht selten geraten Grünräume unter Druck, wenn neue Wohn- oder Geschäftskomplexe entstehen sollen.

Hinzu kommt das Problem der Pflege und Instandhaltung. Während Parks in europäischen Städten oft durch aufwändige Gärtnertrupps und Bewässerungssysteme in Schuss gehalten werden, ist in Casablanca ein Großteil der Pflegearbeit informell organisiert. Lokale Gemeinschaften, Nachbarschaftsinitiativen und sogar einzelne Familien übernehmen Verantwortung für „ihre“ Grünflächen, oft ohne institutionelle Unterstützung oder finanzielle Mittel. Das führt zu einer hohen Identifikation, birgt jedoch auch Risiken: Wo Engagement fehlt, verfallen Flächen schnell – und werden nicht selten von anderen Nutzungen, etwa dem Straßenhandel, okkupiert.

Ein weiteres Thema ist die soziale Gerechtigkeit. Auch wenn die Stadtverwaltung bemüht ist, neue Parks in unterversorgten Stadtteilen anzulegen, bleibt der Zugang zu hochwertigen Grünflächen ungleich verteilt. Wohlhabendere Quartiere verfügen nicht nur über mehr, sondern auch über besser ausgestattete Parks, während in informellen Siedlungen oft improvisierte Grünräume entstehen, die kaum als solche zu erkennen sind. Diese Disparitäten sind nicht nur eine Frage des Komforts, sondern betreffen ganz direkt Gesundheit, Lebensqualität und Teilhabe.

Zudem stellt sich die Frage, wie grüne Infrastruktur in das große Ganze der Stadtentwicklung eingebettet wird. Casablanca steht in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Expansion und Verdichtung, zwischen Modernisierung und Bewahrung, zwischen dem Drang nach Wachstum und dem Bedürfnis nach Nachhaltigkeit. Die grüne soziale Infrastruktur ist dabei ein wichtiger Anker, um urbane Resilienz zu stärken – aber sie ist auch ein Feld, in dem Zielkonflikte offen ausgetragen werden. Wer entscheidet über die Nutzung einer Brachfläche? Wird sie zum Park, zum Parkplatz oder zum Marktplatz? Diese Fragen sind so alt wie die Stadt selbst, erhalten aber im Kontext von Klimawandel und sozialer Ungleichheit neue Dringlichkeit.

Die Verwaltung setzt zunehmend auf partizipative Planungsprozesse, um diese Konflikte zu entschärfen. Workshops, Bürgerforen und digitale Plattformen ermöglichen es den Bewohnern, ihre Vorstellungen einzubringen – zumindest in der Theorie. In der Praxis bleibt oft unklar, wie viel Mitbestimmung wirklich möglich ist und ob die Bedürfnisse marginalisierter Gruppen ausreichend Gehör finden. Hier zeigt sich, dass die Transformation von Grünräumen als soziale Infrastruktur kein Selbstläufer ist, sondern ständiger Aushandlung und Innovation bedarf.

Insgesamt ist Casablanca ein faszinierendes Labor für die grüne Stadtentwicklung. Die Stadt zeigt, dass soziale Infrastruktur nicht immer von oben verordnet werden muss, sondern sich oft in der alltäglichen Praxis, im Zusammenspiel von Verwaltung und Zivilgesellschaft, von selbst formt. Gerade diese Mischung aus Improvisation und Strategie macht Casablanca zu einem spannenden Vorbild für andere Städte – auch und gerade im deutschsprachigen Raum.

Grünräume als Werkzeug für Klimaanpassung und soziale Resilienz

Ein zentrales Thema, das Casablanca in den letzten Jahren beschäftigt, ist die Anpassung an den Klimawandel. Die Stadt liegt in einer Region, die von zunehmenden Hitzewellen, Wasserknappheit und extremen Wetterereignissen bedroht ist. Grünflächen spielen in diesem Kontext eine doppelte Rolle: Sie sind einerseits Pufferzonen gegen Überhitzung und Überschwemmungen, andererseits Orte, an denen sich die Bevölkerung im Schatten und in kühleren Mikroklimata aufhalten kann. Parks und Gärten werden so zu Überlebensinseln in einer immer heißer und trockener werdenden Stadt.

Die Stadtverwaltung setzt auf eine Vielzahl innovativer Maßnahmen, um diese Funktionen zu stärken. Ein Beispiel ist die verstärkte Bepflanzung von Straßen mit hitzetoleranten Baumarten, die nicht nur Schatten spenden, sondern auch die Luftqualität verbessern und den Wasserkreislauf stabilisieren. Gleichzeitig werden neue Parks mit natürlichen Böden und wassersparenden Bewässerungssystemen ausgestattet, um die knappen Ressourcen effizient zu nutzen. Auch die Integration von Regenwasserspeicherung und Versickerungsflächen ist fester Bestandteil moderner Grünraumplanung in Casablanca.

Doch die eigentliche Innovation liegt in der sozialen Dimension der Klimaanpassung. Viele Initiativen setzen gezielt auf die Beteiligung der Bevölkerung, um Wissen über nachhaltige Bewirtschaftung, Wassersparen und Pflanzenauswahl zu teilen. Schulen, Nachbarschaften und lokale Organisationen werden in die Pflege und Umgestaltung von Grünflächen eingebunden, wodurch ein Bewusstsein für die Bedeutung ökologischer Resilienz entsteht. So wird Klimaanpassung nicht als technokratisches Projekt „von oben“ verstanden, sondern als gemeinschaftliche Aufgabe, die soziale Bindungen stärkt und Eigenverantwortung fördert.

Diese Herangehensweise unterscheidet sich deutlich von vielen europäischen Modellen, in denen Klimaanpassung oft als rein infrastrukturelle Herausforderung betrachtet wird. In Casablanca zeigt sich, dass soziale und ökologische Resilienz Hand in Hand gehen müssen, um nachhaltige Effekte zu erzielen. Die Parks werden zum Experimentierfeld, in dem neue Pflanzenarten, Bewässerungsmethoden und Nutzungsformen ausprobiert werden – mit dem Ziel, die Stadt nicht nur gegen den Klimawandel zu wappnen, sondern auch lebenswerter zu machen.

Die Einbindung der Bevölkerung hat noch einen weiteren Effekt: Sie schafft Akzeptanz und Identifikation. Wer selbst an der Gestaltung seines Parks beteiligt ist, fühlt sich nicht nur verantwortlich, sondern auch gehört. Das schützt Grünräume vor Vandalismus und Zweckentfremdung und erhöht ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber politischen und ökonomischen Krisen. Die grüne soziale Infrastruktur wird so zum Rückgrat einer widerstandsfähigen Stadt – und zum Vorbild für andere Metropolen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Schließlich ist Casablanca ein Beispiel dafür, wie grüne Infrastruktur zur sozialen Innovation werden kann. Die Kombination aus Klimaanpassung, Teilhabe und informeller Praxis schafft Räume, die flexibel, robust und inklusiv sind. Das macht die Stadt zu einem lebendigen Labor für resiliente Stadtentwicklung – und zu einer Quelle wertvoller Impulse für Planer in aller Welt.

Governance, Partizipation und Ownership: Wer gestaltet das grüne Casablanca?

Ein oft unterschätzter Aspekt der grünen Transformation in Casablanca ist die Frage nach Governance und Ownership. Wer entscheidet eigentlich darüber, wie Grünflächen genutzt, gepflegt und weiterentwickelt werden? Während in vielen europäischen Städten die Verantwortung klar bei öffentlichen Verwaltungen liegt, ist die Situation in Casablanca komplexer – und vielleicht gerade deshalb so spannend.

Die Stadtverwaltung versteht sich zwar als zentrale Instanz bei der Schaffung neuer Parks und Gärten, doch die tatsächliche Nutzung und Pflege liegt oft in den Händen der Bewohner. Das ist nicht immer freiwillig, sondern häufig eine Notwendigkeit angesichts knapper Ressourcen und begrenzter Budgets. Daraus erwächst jedoch ein hohes Maß an „Ownership“ – also an Identifikation und Verantwortungsgefühl für den eigenen Stadtteil. Diese informellen Strukturen sind es, die viele Grünflächen am Leben erhalten, selbst wenn die öffentliche Hand überfordert ist.

Partizipation ist in Casablanca kein Marketinginstrument, sondern eine Überlebensstrategie. Die Einbindung lokaler Akteure, das Teilen von Wissen und das gemeinsame Verhandeln von Nutzungsregeln sind zentrale Elemente der Governance. Dabei entstehen immer wieder neue Modelle, die starre Kategorien von öffentlich und privat, formal und informell, Eigentum und Gemeingut in Frage stellen. Parks werden zu halböffentlichen Wohnzimmern, zu Gärten der Nachbarschaft, zu Orten, an denen sich neue Formen von Stadtgesellschaft herausbilden.

Diese Offenheit birgt Chancen und Risiken zugleich. Einerseits ermöglicht sie flexible, bedarfsorientierte Lösungen, die auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen eingehen. Andererseits besteht die Gefahr, dass Verantwortung abgewälzt und Ungleichheiten verstärkt werden, wenn staatliche Strukturen sich zu sehr auf das Engagement der Bürger verlassen. Hier ist ein sensibler Ausgleich gefragt, der lokale Ownership fördert, aber nicht als Vorwand für mangelnde öffentliche Investitionen missbraucht wird.

Spannend ist auch die Rolle externer Akteure. Internationale Entwicklungsorganisationen, NGOs und private Initiativen engagieren sich zunehmend in der Gestaltung und Finanzierung von Grünflächen. Das bringt frische Ideen und Ressourcen, wirft aber auch Fragen nach Kontrolle, Zugänglichkeit und Nachhaltigkeit auf. Wer bestimmt die Regeln? Wer profitiert vom Mehrwert grüner Infrastruktur? Und wie lässt sich verhindern, dass Parks zu exklusiven Enklaven oder zu Spielwiesen für Investoren werden?

Casablanca ringt um Antworten auf diese Fragen – und entwickelt dabei Modelle, die weit über die Stadt hinausstrahlen. Die Governance grüner sozialer Infrastruktur ist hier ein dynamischer, oft konfliktreicher, aber auch kreativer Prozess. Er lebt von der Vielfalt der Akteure, von der Bereitschaft zum Experiment und vom Mut, neue Wege zu gehen. Für Planer in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet dieser Ansatz wichtige Impulse: Nicht alles muss von oben geregelt werden, manchmal ist das gelebte Chaos der beste Nährboden für Innovation.

Europäische Perspektiven: Was Casablanca europäischen Städten voraus hat – und was nicht

Was können deutschsprachige Städte von Casablanca lernen? Zunächst einmal den Mut zur Improvisation. Während hierzulande häufig nach Perfektion und Ordnung gestrebt wird, zeigt Casablanca, dass funktionierende grüne Infrastruktur auch aus dem Zusammenspiel von spontanen Initiativen, pragmatischen Lösungen und partizipativer Governance entstehen kann. Der Fokus auf Nutzung, Zugänglichkeit und soziale Funktionen rückt die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum – und entzaubert die Vorstellung, dass nur technisch perfekte Parks nachhaltige Wirkung entfalten können.

Gleichzeitig ist Casablanca ein mahnendes Beispiel dafür, dass informelle Strukturen nicht alle Probleme lösen. Die ungleiche Verteilung von Grünflächen, die Gefahr der Überforderung engagierter Gruppen und die Abhängigkeit von externer Unterstützung sind Herausforderungen, die auch europäische Städte kennen – wenn auch auf anderem Niveau. Hier gilt es, das Beste aus beiden Welten zu verbinden: die institutionelle Stärke der öffentlichen Hand mit der Kreativität und Flexibilität lokaler Akteure.

In Sachen Klimaanpassung liefert Casablanca eine Blaupause für die Verknüpfung ökologischer und sozialer Resilienz. Die aktive Einbindung der Bevölkerung, die Anpassung an lokale Ressourcen und die Offenheit für experimentelle Ansätze können auch in Zentraleuropa wertvolle Impulse geben. Gerade im Umgang mit Hitze, Trockenheit und Extremwetterereignissen wird die Kombination aus technischer Innovation und sozialer Praxis immer wichtiger.

Doch es gibt auch Grenzen des Transfers. Die spezifischen Bedingungen Casablancas – von der informellen Stadtentwicklung über die knappen Ressourcen bis hin zur gesellschaftlichen Vielfalt – lassen sich nicht eins zu eins übertragen. Was bleibt, ist das Plädoyer für mehr Offenheit, Experimentierfreude und Mut zur Unvollkommenheit. Wer grüne soziale Infrastruktur als dynamisches, wandelbares und von den Menschen geprägtes System begreift, kann Städte schaffen, die nicht nur schön, sondern auch gerecht, resilient und lebendig sind.

Schließlich ist Casablanca eine Erinnerung daran, dass Stadtentwicklung immer auch eine Frage der Haltung ist. Die Bereitschaft, Grünräume als Orte der Begegnung, der Aushandlung und der Teilhabe zu denken, ist universell – und aktueller denn je. Die grüne soziale Infrastruktur ist kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung für das urbane Zusammenleben der Zukunft.

Europäische Städte sind gut beraten, die Lektionen Casablancas mit offenen Augen zu studieren – und eigene Wege zu gehen, die das Beste aus beiden Welten vereinen. Denn die Herausforderungen sind ähnlich, die Lösungen müssen es nicht zwingend sein.

Fazit: Casablanca als Labor für die Stadt von morgen

Casablanca denkt Grünräume radikal anders – und gerade darin liegt der Reiz für Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Urbanisten im deutschsprachigen Raum. Parks, Gärten und selbst kleinste Grüninseln sind hier keine nachträglichen Accessoires, sondern lebendige Orte der Gemeinschaft, der Teilhabe und der täglichen Aushandlung urbanen Lebens. Die grüne soziale Infrastruktur ist das Rückgrat einer Stadt, die sich immer wieder neu erfindet – mit Mut, Kreativität und Offenheit für das Ungeplante.

Die Herausforderungen sind enorm: knappe Flächen, ungleiche Verteilung, informelle Strukturen, Klimawandel und nicht zuletzt die ständige Konkurrenz um Ressourcen. Doch Casablanca zeigt, dass aus diesen Herausforderungen innovative Lösungen entstehen können – wenn Verwaltung, Zivilgesellschaft und externe Akteure gemeinsam an einem Strang ziehen. Die Mischung aus partizipativer Planung, sozialem Engagement und pragmatischer Flexibilität schafft Räume, die mehr sind als die Summe ihrer Teile.

Für europäische Städte bietet Casablanca wertvolle Impulse. Die Einbindung der Bevölkerung, die Offenheit für neue Governance-Modelle und der enge Zusammenhang zwischen ökologischer und sozialer Resilienz sind zentrale Bausteine für die Stadt von morgen. Dabei gilt es, die spezifischen Bedingungen vor Ort zu berücksichtigen und eigene Wege zu finden – aber immer mit dem Blick für das große Ganze: Stadt als lebendiges, wandelbares und von den Menschen gestaltetes System.

Casablanca ist kein Vorbild zum Kopieren, sondern ein Labor für Ideen, die anderswo inspiriert, adaptiert und weiterentwickelt werden können. Die grüne soziale Infrastruktur ist dabei weit mehr als ein technisches oder ästhetisches Projekt – sie ist eine Haltung, ein Versprechen und eine Einladung, die Stadt gemeinsam zu gestalten. Wer diesen Weg geht, wird feststellen: Die Zukunft der urbanen Grünräume ist bereits Gegenwart – und sie ist aufregender, als viele denken.

Die Lehre aus Casablanca ist klar: Grünräume sind nicht die Kulisse des urbanen Lebens, sondern seine Bühne. Und wer die Bühne gestaltet, gestaltet die Stadt – heute, morgen und darüber hinaus.


Das Thema der G+L Novemberausgabe sind Bahnhöfe. Cover: © ingenhoven associates / HGEsch
Das Thema der G+L Novemberausgabe sind Bahnhöfe. Cover: © ingenhoven associates / HGEsch

Hamburg, München und natürlich Stuttgart – in all diesen Städten entstehen mitunter neue Bahnhöfe. In dieser Ausgabe diskutieren wir die Innen- und Außengestaltung der Großprojekte und wollen wissen: Was muss ein Bahnhof heute leisten?

"Es gehört inzwischen regelrecht zum guten Ton über die Deutsche Bahn zu meckern…"

Was die Deutsche Bahn betrifft, vertrete ich eine inzwischen höchst unpopuläre Meinung. – Ich bin großer Fan. Ernsthaft. Ich liebe Zugfahren, ich liebe Bahnhöfe, ich liebe die DB mobil – und die meisten Zugbegleiter*innen finde ich auch recht sympathisch. Für diese Position muss ich mich seit ein paar Jahren immer wieder rechtfertigen. Ich beobachte: Es gehört inzwischen regelrecht zum guten Ton über die Deutsche Bahn zu meckern. Ich hingegen kann das ewige Geknatsche um die Verspätungen, die Tiraden zu den Verfehlungen der Bahn nicht mehr hören. Es nervt. Und ist wenig konstruktiv. Insbesondere wenn wir in puncto Verkehrswende so dringend voran kommen müssen.

Große Projekte, zaghafte Kommunikation

Sie werden also im vorliegenden Heft keine vernichtende Kritik über die Deutsche Bahn lesen, ja. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass diese Ausgabe uns auch in der Redaktion einiges an Nerven gekostet hat. Denn so spannend die aktuellen Großumbauprojekte der DB auch sind (und sein werden), so zaghaft und vorsichtig sind sämtliche, beteiligten Akteure in ihrer Kommunikation. Man merkt regelrecht: Die Proteste und der mediale Eklat rund um die großen Infrastrukturprojekte der jüngeren Vergangenheit wie Stuttgart 21 oder der BER haben ihre Spuren hinterlassen – und die Deutsche Bahn genießt eine große Autorität, was den Auftritt nach außen angeht. Man möchte es sich mit ihr nicht verscherzen.

Die DB, Planungsbüros und verantwortliche Stadtbauräte

Und trotzdem legen wir in diesem Heft in den Gesprächen mit der Deutschen Bahn, den beauftragten Planungsbüros und den verantwortlichen Stadtbauräten den Finger in akute Wunden. Mit der Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk besprachen wir, warum Umbaumaßnahmen so besucherunfreundlich sind, mit dem Hamburger Oberbaudirektor Franz-Josef Höing unterhielten wir uns über die Grenzen von Öffentlichkeitsbeteiligung, und Oliver Hasenkamp von der DB fragten wir, was er als Architekt und Leiter der Projektentwicklung gegen die Verspätungen tun kann.

Fünf Jahrhundertaufgaben in verschiedenen Stadien

Der Fokus in diesem Heft liegt auf den Hauptbahnhofsprojekten in Duisburg, Hamburg, München, Stuttgart und Ulm. Alle fünf sind Mammutprojekte, tatsächliche Jahrhundertaufgaben in verschiedenen Stadien, die durch die Hände (und Köpfe) sehr vieler entstehen. Nicht zu allem Ja und Amen zu sagen ist wichtig, definitiv, aber auch Anerkennung für das zu zeigen, was da tagtäglich für die Bahnhöfe unserer Zukunft geleistet wird.

Das Heft ist hier im Shop erhältlich.

In der letzten Ausgabe der G+L drehte sich alles rund ums Thema Wettbewerbe. Mehr dazu im Editorial.

Passend zum Thema Bahnhöfe begeben sich unsere Kolleg*innen vom Baumeister in der Novemberausgabe auf eine Reise mit dem Orient Express, zu sieben besonderen Destinationen. Alles dazu hier.