2023 war das wärmste Jahr in Deutschland, das je gemessen wurde. Credit: pixabay
2023 war das wärmste Jahr in Deutschland, das je gemessen wurde. Credit: pixabay

Schon seit Jahrzehnten sprechen wir über die Klimaerwärmung. Doch das Jahr 2023 hat noch deutlicher gemacht, warum das so wichtig ist. Als neues Rekordjahr mit feucht-warmen Bedingungen zeigt 2023 die Dringlichkeit der Klimaanpassung.

Rekordtemperaturen 2023

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat Daten veröffentlicht, die zeigen, dass 2023 das wärmste Jahr in Deutschland seit Messbeginn 1881 war. Neue Rekorde bei der Temperatur zeigen, dass der Klimawandel auch hierzulande ungebremst weitergeht. Umso wichtiger ist es, intensiv in den Klimaschutz einzusteigen und Anpassungsmaßnahmen an Wetterextreme umzusetzen. Das gilt auch global, denn laut dem EU-Klimadienst Copernicus weisen internationale Messdaten ebenfalls auf Rekordtemperaturen für 2023 hin.

Während frühere Jahre oft vor allem trocken und heiß waren, herrschten im Jahr 2023 feucht-warme Bedingungen mit hohen Niederschlagsmengen vor. Es handelt sich somit auch um eines der nassesten Jahre der Geschichte.

Heißester September seit 1881

Der DWD benannte 10,6 Grad Celsius als Temperaturmittel für das Jahr 2023. Diese Zahl liegt um 2,4 Grad über der international gültigen Referenzperiode von 1961 bis 1990. Die aktuelle, wärmere Vergleichsperiode von 1991 bis 2020 liegt bei 9,3 Grad Celsius, was immer noch ein Plus von 1,3 Grad ausmacht. Schon der milde Jahresbeginn 2023 und der Winterausfall deuteten darauf hin, dass es das wärmste Jahr werden könnte.

Der Juni 2023 war der fünftwärmste der Geschichte. In der ersten Julihälfte 2023 folgten Höchsttemperaturen mit Rekordwerten. Im mittelfränkischen Ort Möhrendorf-Kleinseebach wurden 38,8 Grad gemessen. Dies war der bundesweite Höchstwert für 2023. Ein Sommernachschlag im September trug weiter dazu bei, die Durchschnittstemperaturen zu erhöhen. Letztendlich war der September 2023 der wärmste September seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881, und auch im Oktober folgten noch heiße Tage.

Die Anzahl an Sonnentagen war etwas höher als sonst. Insbesondere der Juni und der September 2022 waren sehr sonnig. Insgesamt überragte die Sonnenscheindauer ihr Soll im Vergleich zu 1961-1990 um fast 15 Prozent. Im Vergleich zu 1991 bis 2020 waren es noch 5 Prozent. 1.764 Stunden Sonnenschein waren im deutschlandweiten Durchschnitt im wärmsten Jahr zu verzeichnen. Im Süden und in Küstennähe waren gebietsweise über 2.000 Stunden zu verzeichnen.
Übrigens: Der Deutsche Wetterdienst veröffentlicht jeden Monat einen aktuellen Klimastatus.

Das sechsnasseste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen

Auch die Niederschlagswerte waren im wärmsten Jahr 2023 so hoch, dass Rekorde erzielt wurden. Mit etwa 958 Litern pro Quadratmeter fiel in Deutschland über 20 Prozent mehr Niederschlag als in der Referenzperiode 1961 bis 1990. Und auch im Vergleich zu 1991 bis 2020 war die Menge etwa 20 Prozent über dem Soll von 791 Liter pro Quadratmeter. Bis auf Februar, Mai, Juni und September verzeichneten alle Monate des Jahres 2023 einen Niederschlagsüberschuss.

Der November war der zweitnasseste seit 1881 mit Niederschlag von insgesamt teils über 2.000 Liter pro Quadratmeter, etwa an den Alpen und im Schwarzwald. Der höchste Tagesniederschlag war bei Bad Berneck im Fichtelgebirge, wo während eines Unwetters am 22. Juni 2023 120 Liter Wasser pro Quadratmeter fielen. In Teilen Norddeutschlands endete das Jahr 2023 mit größeren Hochwassern.

Warm-feuchtes Wetter und Starkregenfälle führten in Deutschland zu Herausforderungen wie Hochwasser. Credit: pxhere
Warm-feuchtes Wetter und Starkregenfälle führten in Deutschland zu Herausforderungen wie Hochwasser. Credit: pxhere

Folgen des Klimawandels in Deutschland stark zu spüren

2023 war als wärmstes Jahr ein Rekord, aber keine Ausnahme. Schon 2022 gab es Wärmerekorde in Deutschland und die Durchschnittstemperatur lag mit 10,5 Grad nur minimal unter dem Folgejahr. Das Jahr 2018 ist ebenfalls eines der wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Rekordwerte für 2023 ließen sich schon Ende November prognostizieren, da der Herbst so warm ausfiel.

Das Jahr 2023 zeigt, dass es nicht immer eine starke Sommerhitze ist, die die Durchschnittstemperaturen anhebt. Vielmehr war das Wetter zwischen April und August recht durchschnittlich. Da aber die Herbst- und Wintermonate so viel wärmer als sonst waren, entstand ein Wärmerekord. Dieser hatte unter anderem negative Auswirkungen auf die Ernte in vielen Bundesländern. In Kombination mit dem starken Regenfall im Jahr 2023 zeigt sich, dass der Klimawandel mit Folgen wie hohen Temperaturen, Überschwemmungen und auch Dürren in Deutschland eine ernste Gefahr darstellt.

Obwohl 2023 keine starke Sommerhitze herrschte, waren vor allem Monate wie September, November und Januar wärmer als üblich. Credit: unsplash
Obwohl 2023 keine starke Sommerhitze herrschte, waren vor allem Monate wie September, November und Januar wärmer als üblich. Credit: unsplash

Bis zu 2, 9 Grad globale Erderwärmung bis 2100

Auch der EU-Klimawandeldienst Copernicus Climate Change Service sieht 2023 als das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1940. Die globalen Durchschnittstemperaturen lagen laut dem Institut im letzten Jahr 1,46 Grad über dem vorindustriellen Referenzzeitraum von 1850 bis 1900. Dieser Negativrekord zeichnete sich schon früh ab und war spätestens im November 2023 eindeutig. Aber schon die heißen Monate Juni und August sowie Höchstwerte im Oktober zeigten, dass 2023 die wärmsten Temperaturen mit sich bringen würde.

Ebenso haben die Vereinten Nationen das Jahr 2023 als vermutlich wärmstes Jahr seit der Industrialisierung beschrieben. Sie erläuterten, dass die globalen Temperaturen schon Ende Oktober 2023 etwa 1,4 Grad über dem vorindustriellen Durchschnitt lagen. Im global bislang heißesten Jahr, 2016, lagen die Temperaturen 1,6 Grad über dem Durchschnitt der Jahre 1850 bis 1900.

Für 2024 rechnen Wissenschaftler*innen mit noch höheren Temperaturen. Um die Klimaerwärmung und die katastrophalen Folgen des Klimawandels abzuwenden, hat die Weltgemeinschaft im Jahr 2015 das Pariser Klimaabkommen vereinbart. Dieses sieht vor, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad, möglichst sogar 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Die Vereinten Nationen prognostizieren derzeit jedoch eine gefährliche Erwärmung um 2,5 bis 2,9 Grad bis zum Jahr 2100.

In unserer Juni Ausgabe 2023  haben wir uns damit beschäftigt, was Hitze mit der Stadt macht. Das Heft gibt es hier im Shop!  

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Klimaangepasste Stadtentwicklung per Mausklick? New York wagt das Unvorstellbare: Mit Zoning 2.0 testet die Metropole, wie digitale Tools, Echtzeitdaten und KI-gestützte Szenarienplanung die urbane Anpassung an Klimawandel revolutionieren können. Was steckt hinter dem neuen Ansatz, wie funktioniert er – und was kann die DACH-Region daraus lernen?

  • Zoning 2.0 in New York: Von der starren Baunutzungsverordnung zum dynamischen, klimaresilienten Regelwerk
  • Digitale Werkzeuge und Urban Digital Twins als Rückgrat für Echtzeitanalysen und Szenarienbildung
  • Wie Klimadaten, soziale Faktoren und Infrastrukturmodelle in die Planung integriert werden
  • Anwendungsbeispiele: Kühlungszonen, Hitzeschutz, Hochwasserschutz und soziale Gerechtigkeit
  • Governance, Datenhoheit und Partizipation – Herausforderungen und Chancen für demokratische Stadtentwicklung
  • Vergleich mit der Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Risiken: Kommerzialisierung, algorithmische Verzerrung und neue Exklusionen
  • Fazit: Warum Zoning 2.0 mehr als ein Update ist – und was Planer im deutschsprachigen Raum jetzt wissen müssen

Zoning 2.0: Die digitale Revolution der Baunutzungsplanung

Wer in New York derzeit über Stadtentwicklung spricht, kommt an einem Begriff nicht mehr vorbei: Zoning 2.0. Was auf den ersten Blick wie ein weiteres Buzzword aus dem Silicon Valley klingt, ist in Wahrheit ein radikaler Paradigmenwechsel, der die Regeln für Stadtentwicklung, Nutzungsmischungen und Flächensicherung grundlegend neu denkt. Traditionelle Zoning-Maps, wie sie seit 1916 das Bild der amerikanischen Stadt prägen, sind starr, oft unflexibel und reagieren allenfalls mit jahrelanger Verzögerung auf neue Herausforderungen. Doch die Zeiten, in denen Bebauungs- und Nutzungspläne einmal festgelegt und dann jahrzehntelang unverändert blieben, sind vorbei.

Mit Zoning 2.0 testet New York erstmals ein System, das auf digitalen Stadtmodellen, Echtzeitdaten und KI-gestützten Prognosen basiert. Das Ziel: Die Stadtentwicklung soll nicht nur klimaresilienter, sondern auch sozial gerechter und dynamischer werden. Im Zentrum stehen dabei Urban Digital Twins – digitale Abbilder der Stadt, die sämtliche relevanten Daten zu Klima, Infrastruktur, Bevölkerung, Energie und Mobilität zusammenführen. Diese digitalen Zwillinge ermöglichen es, die Auswirkungen verschiedener Planungsentscheidungen – etwa die Umwandlung eines Industriegebiets in einen Mixed-Use-Block oder die Einführung von Kühlungszonen – in Echtzeit zu simulieren und zu bewerten.

Der Clou: Zoning 2.0 ist kein starres Regelwerk mehr, sondern eine prozessuale Architektur, die fortlaufend auf neue Daten und Entwicklungen reagiert. So kann beispielsweise bei sich häufenden Hitzewellen die erlaubte Flächenversiegelung temporär reduziert oder die Mindestanforderungen an Dachbegrünung angepasst werden. Auch sozialräumliche Faktoren wie Mietbelastungen oder die Verfügbarkeit von Grünflächen können direkt in die Zoning-Regeln einfließen und so für mehr Ausgewogenheit sorgen.

Diese Flexibilität wird durch eine Kombination aus Governance-Modellen, partizipativen Verfahren und technischen Plattformen ermöglicht. Akteure aus Verwaltung, Politik, Planung und Zivilgesellschaft erhalten Zugriff auf die zugrunde liegenden Modelle und können Szenarien gemeinsam entwickeln, visualisieren und bewerten. Die Einführung von Zoning 2.0 markiert damit nicht weniger als den Einstieg in eine neue Ära der Stadtplanung – eine, in der Anpassung, Resilienz und Teilhabe im Zentrum stehen.

Natürlich ist dieser Ansatz nicht ohne Risiken und Widerstände. Die Einführung digitaler Planungssysteme erfordert nicht nur neue Kompetenzen, sondern auch ein Umdenken in Bezug auf Planungshoheit, Datenschutz und Verantwortlichkeiten. Doch New York hat erkannt: Die Herausforderungen des Klimawandels lassen sich mit den Instrumenten des 20. Jahrhunderts nicht mehr bewältigen. Zoning 2.0 ist der Versuch, das Planungsrecht ins 21. Jahrhundert zu holen – und dabei neue Maßstäbe für die ganze Welt zu setzen.

Für Planer im deutschsprachigen Raum lohnt es sich, genau hinzusehen: Denn was in der Millionenmetropole am Hudson erprobt wird, könnte in abgewandelter Form schon bald auch hierzulande die Diskussion um klimaangepasste Planung und digitale Governance prägen.

Digitale Stadtmodelle, KI und Echtzeitdaten: Das Rückgrat von Zoning 2.0

Die technologische Grundlage für das neue Zoning bildet eine komplexe Dateninfrastruktur, in deren Zentrum der Urban Digital Twin steht. Anders als klassische GIS-Systeme oder 3D-Modelle sind diese digitalen Zwillinge nicht nur räumlich exakt, sondern auch dynamisch und lernfähig. Sie verarbeiten eine Vielzahl von Datenquellen – von Klimasensoren und Verkehrsströmen über soziale Indikatoren bis hin zu Echtzeitaufnahmen aus Wetterstationen und Satelliten.

Durch die Integration von Künstlicher Intelligenz und Machine Learning werden diese Daten nicht nur gesammelt, sondern auch ausgewertet und für Prognosen genutzt. So können beispielsweise Veränderungen im Mikroklima, etwa durch den Bau neuer Hochhäuser oder die Umgestaltung von Straßenräumen, mit hoher Präzision simuliert werden. Die Auswirkungen auf Luftzirkulation, Hitzeinseln oder Überflutungsrisiken lassen sich so bereits in der Planungsphase abschätzen und visualisieren.

Ein besonders spannendes Element ist die sogenannte „Scenario Engine“. Sie ermöglicht es, verschiedene Planungsoptionen – etwa unterschiedliche Dichtegrade, Flächennutzungen oder Begrünungsmaßnahmen – gegeneinander abzuwägen und ihre Wechselwirkungen in Echtzeit zu beobachten. Dadurch werden die Folgen von Eingriffen nicht mehr erst nach der Realisierung sichtbar, sondern können schon im Vorfeld datenbasiert bewertet werden.

Dabei geht es nicht nur um technische Raffinesse, sondern auch um Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Die Plattformen, auf denen Zoning 2.0 operiert, setzen auf offene Standards und Schnittstellen, sodass auch externe Akteure – etwa Forschungseinrichtungen, lokale Initiativen oder private Entwickler – eigene Analysen einbringen können. Das Ziel: Eine kollaborative, lernende Planungskultur, in der Wissen und Daten geteilt werden und so die Entscheidungsqualität steigt.

Natürlich werfen diese neuen Möglichkeiten auch Fragen auf: Wer kontrolliert die Daten? Wie werden algorithmische Verzerrungen vermieden? Und wie lassen sich die Interessen der verschiedenen Stakeholder transparent abbilden? Die New Yorker Lösung: Ein Governance-Modell, das auf geteilte Datenhoheit, regelmäßige Audits und partizipative Entscheidungsprozesse setzt. Damit wird Zoning 2.0 nicht nur zum technologischen, sondern auch zum institutionellen Innovationslabor.

Im Vergleich zu vielen deutschen Städten, in denen Daten oft noch in Silos schlummern und Digitalisierungsprojekte sich im Klein-Klein verlieren, ist der Ansatz bemerkenswert mutig. Er zeigt, wie digitale Werkzeuge, Echtzeitdaten und KI-gestützte Analysen eine neue Qualität der klimaangepassten Stadtplanung ermöglichen können – vorausgesetzt, es gibt den politischen Willen und die institutionellen Strukturen, sie auch zu nutzen.

Klimaresilienz, soziale Gerechtigkeit und Governance: Was Zoning 2.0 leistet

Der eigentliche Mehrwert von Zoning 2.0 liegt in seiner Fähigkeit, komplexe Herausforderungen wie Klimawandel, soziale Spaltung und Infrastrukturbelastung ganzheitlich zu adressieren. Dazu werden Umwelt- und Sozialdaten systematisch in die Regelwerke integriert. So können beispielsweise in besonders hitzegefährdeten Stadtteilen strengere Vorgaben für Dach- und Fassadenbegrünung, reflektierende Baumaterialien oder Mindestanteile an entsiegelten Flächen definiert werden. Gleichzeitig lässt sich die Entwicklung der Sozialstruktur – von Einkommensverteilung bis Zugang zu Grünflächen – laufend beobachten und in die Planung zurückspiegeln.

Ein zentrales Anwendungsfeld ist der Hochwasserschutz. Mithilfe digitaler Zwillinge werden Überflutungsrisiken auf Parzellenebene sichtbar gemacht, sodass die Zoning-Regeln flexibel reagieren können: Bei erhöhtem Risiko werden bauliche Anforderungen, wie Mindesthöhen für Neubauten oder die Verpflichtung zu Retentionsflächen, automatisch angepasst. Das senkt nicht nur das Schadenspotenzial, sondern erhöht auch die Planungssicherheit für Investoren und Anwohner.

Auch das Thema soziale Gerechtigkeit wird neu gedacht. In New York werden beispielsweise Indikatoren wie Mietbelastungsquote, Zugang zu Bildung oder Anteil gefährdeter Bevölkerungsgruppen in die Zoning-Algorithmen integriert. Das Ziel ist es, Verdrängungstendenzen frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern – etwa durch Förderquoten für bezahlbaren Wohnraum, Vorgaben für soziale Infrastruktur oder gezielte Verbesserungen der öffentlichen Räume.

Die Governance-Struktur von Zoning 2.0 setzt auf geteilte Verantwortung. Neben Verwaltung und Politik sind auch zivilgesellschaftliche Akteure, Forschung und Privatwirtschaft eingebunden. Entscheidungsfindungen werden transparent dokumentiert, Zielkonflikte offen diskutiert – und die Ergebnisse laufend evaluiert. So entsteht ein lernendes System, das nicht nur auf Krisen reagiert, sondern proaktiv auf Veränderung setzt.

Natürlich gibt es auch kritische Stimmen. Befürchtet wird etwa, dass algorithmische Entscheidungsfindung zu neuen Formen der Exklusion führen könnte – etwa wenn bestimmte Gruppen in den Daten unterrepräsentiert sind oder kommerzielle Interessen das Regelwerk dominieren. Auch die Frage nach dem Schutz sensibler Daten und der Sicherung demokratischer Kontrolle bleibt virulent. Doch der New Yorker Ansatz zeigt: Durch Transparenz, partizipative Prozesse und klare Verantwortlichkeiten lassen sich viele dieser Risiken zumindest abmildern.

Für Planer und Stadtentwickler im deutschsprachigen Raum ist Zoning 2.0 ein faszinierender Prüfstein: Es macht deutlich, wie viel Potenzial in der Verbindung von Klimaschutz, sozialer Gerechtigkeit und Digitalisierung steckt – und wie wichtig es ist, technische Innovationen mit institutionellen Reformen zu verzahnen.

Lehren für Deutschland, Österreich und die Schweiz: Chancen und Stolpersteine

Was bedeutet der New Yorker Vorstoß für die Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz? Zunächst einmal ist klar: Die Herausforderungen sind vergleichbar. Auch hier steht die Stadtplanung vor der Aufgabe, auf Klimawandel, demografische Veränderungen und soziale Disparitäten flexibel zu reagieren. Doch im Vergleich zu New York ist die Planungskultur im deutschsprachigen Raum stärker von föderalen Strukturen, rechtlichen Vorgaben und traditionellen Beteiligungsformaten geprägt.

Digitale Stadtmodelle und Urban Digital Twins werden zwar auch hierzulande diskutiert – etwa im Rahmen von Smart City-Initiativen oder Modellprojekten wie Connected Urban Twins oder MGI. Doch die Integration in das Bauplanungsrecht und die systematische Verknüpfung mit Klima- und Sozialdaten stehen noch ganz am Anfang. Oft fehlt es an interoperablen Plattformen, klaren Governance-Strukturen und dem notwendigen Mut, bestehende Regelwerke zu öffnen.

Gleichzeitig bieten die Erfahrungen aus New York wertvolle Impulse: Sie zeigen, wie eine datenbasierte, adaptive Zoning-Politik dazu beitragen kann, Flächen effizienter zu nutzen, klimaresiliente Quartiere zu schaffen und soziale Gerechtigkeit zu fördern. Besonders spannend ist die Möglichkeit, Szenarien und Zielkonflikte bereits in der Planungsphase sichtbar zu machen – und so tragfähigere, akzeptierte Entscheidungen zu treffen.

Doch der Weg dorthin ist steinig. Die größten Stolpersteine liegen in der Fragmentierung der Zuständigkeiten, mangelnder Standardisierung und der Angst vor Kontrollverlust. Hinzu kommen Herausforderungen wie Datenschutz, IT-Sicherheit und die Notwendigkeit, Planungsprozesse stärker zu öffnen und zu demokratisieren. Wer Zoning 2.0 will, muss nicht nur technisch aufrüsten, sondern auch neue Formen der Kooperation und Partizipation entwickeln.

Eines ist aber sicher: Die Klimakrise duldet keinen Aufschub. Wer jetzt nicht beginnt, Planungsrecht und digitale Werkzeuge zusammenzudenken, riskiert, von der Realität überrollt zu werden. Die gute Nachricht: Mit Projekten wie Urban Digital Twins, offenen Datenplattformen und partizipativen Governance-Modellen gibt es viele Anknüpfungspunkte, um auch in der DACH-Region die Weichen für eine klimaangepasste, gerechte und resiliente Stadtentwicklung zu stellen.

Planer, Verwaltung und Politik sind gleichermaßen gefordert: Es gilt, aus den internationalen Vorreitern zu lernen – und eigene, kontextspezifische Lösungen zu entwickeln. Der Blick nach New York zeigt: Zoning 2.0 ist kein ferner Traum, sondern längst gelebte Realität. Es liegt an uns, daraus das Beste zu machen.

Fazit: Zoning 2.0 – Mehr als nur ein Update, sondern ein Neustart für die Stadtplanung

Die Einführung von Zoning 2.0 in New York markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Stadtplanung. Digitale Zwillinge, KI-gestützte Analysen und adaptive Regelwerke machen es möglich, auf die Herausforderungen des Klimawandels, sozialer Spaltung und infrastruktureller Belastung flexibel und vorausschauend zu reagieren. Was früher Jahre gedauert hat, kann heute in Echtzeit simuliert, bewertet und angepasst werden.

Doch so faszinierend die technischen Möglichkeiten auch sind: Entscheidend ist, wie sie genutzt werden. Zoning 2.0 ist kein Selbstläufer, sondern verlangt nach neuen Formen der Governance, nach Transparenz, Teilhabe und Verantwortlichkeit. Die Risiken – von algorithmischer Verzerrung bis zur Kommerzialisierung der Planung – sind real, aber beherrschbar, wenn der politische Wille vorhanden ist.

Für die Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bietet der New Yorker Ansatz eine Blaupause – und eine Herausforderung. Es reicht nicht, digitale Tools einzuführen; gefragt ist ein grundlegendes Umdenken in der Planungskultur. Nur wenn technische Innovation und institutionelle Reform Hand in Hand gehen, lässt sich die Stadt der Zukunft wirklich klimaresilient, sozial gerecht und lebenswert gestalten.

Garten und Landschaft wird die Entwicklung genau verfolgen – mit einem klaren Fazit: Zoning 2.0 ist mehr als ein Update. Es ist der Einstieg in eine neue Ära der Stadtplanung, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts endlich gerecht werden kann. Wer jetzt mutig ist, kann nicht nur die eigene Stadt, sondern vielleicht sogar die Disziplin selbst neu erfinden.

So könnte die Helmut-Schmidt-Universität bald aussehen. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten BDA PartG mbB
So könnte die Helmut-Schmidt-Universität bald aussehen. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten

Der interdisziplinäre Wettbewerb für die Helmut-Schmidt-Universität ist entschieden. Es handelt sich hierbei um einen klimaneutralen Masterplan der Universität der Bundeswehr Hamburg im Stadtteil Jenfeld. Die Jury unter dem Vorsitz von Architekt Stefan Behnisch prämierte letzten Endes das Stuttgarter Team h4a Gessert + Randecker Architekten, Glück Landschaftsarchitektur und Wick+Partner Architekten Stadtplaner. Als Unterstützung diente das Ingenieurbüro Olaf Hildebrandt, Holzgerlingen zur Energieberatung. Der Siegerentwurf trägt den Titel „nachhaltig. innovativ. klimaneutral.“.

Der Campus Masterplan. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten
Der Campus Masterplan. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten

Neuordnung: Bildung in der Bundeswehr

Auf dem sechsundzwanzig Hektar großen Gelände entstand in den 1930er Jahren die Douaumont-Kaserne. Diese nutzte man bald als Heeresoffiziersschule. In den 1970ern entwickelten heinlewischer Architekten (Stuttgart) dort den Hochschulcampus der Bundeswehr. Dies lässt sich auf den damaligen Verteidigungsminister Helmut Schmidt zurückführen, als er die „Kommission zur Neuordnung der Ausbildung und Bildung in der Bundeswehr“ einberief. Der Wissenschaftsstandort wurde deshalb auch nach ihm benannt. Heute bietet die Helmut-Schmidt-Universität Platz für circa 2 500 Studierende.

Der Rahmenkonzeptionsplan. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten
Der Rahmenkonzeptionsplan. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten

Planungsaufgabe: Nachverdichtung und Denkmalschutz

Der städtebauliche Kontext des Campus wird durch die Bautypologien der Kasernen- und Universitätsgebäude im Grundstücksinneren geprägt. Die Freiflächen betten diese parkartig ein. Das Ensemble aus den Bauten sowie die Landschaftsplanung von Wolfgang Miller stehen inzwischen unter Denkmalschutz.
Heute, fünfzig Jahre später, wurde im Rahmen eines zweiphasigen Wettbewerbs nach einem städtebaulich-freiraumplanerischen Konzept für die Helmut-Schmidt-Universität gesucht. Das Ziel war dabei eine Campusentwicklung mit der Ausformulierung eines mittel- und langfristigen Masterplans. Zum einen plant man die Zentralisierung mehrerer, bisher auf anderen Liegenschaften verteilter, Standorte. Zum anderen besagt ein Gutachten der Ausloberin, die Bundesbauabteilung Hamburg, in manchen Gebäuden „bauordnungsrechtliche Mängel sowie funktionale Defizite identifiziert, die eine Komplettsanierung der Gebäude zwingend erforderlich machen“. So entschloss man sich in Kooperation mit dem Denkmalamt für einen Rückbau. Eine weitere übergeordnete Prämisse ist die Entwicklung zu einem klimaneutralen Campus. Allgemein wird die derzeitige Bruttogrundfläche von circa 88 000 auf 107 000 Quadratmeter steigen. Die Neuplanung der Helmut-Schmidt-Universität wird dabei wohl etwa eine Milliarde Euro kosten. 

Blick auf die neue Campusmitte. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten
Blick auf die neue Campusmitte. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten

Hochbau: strukturelle Kraft und Flexibilität

Der Wettbewerbssieger zur Helmut-Schmidt-Universität überzeugt mit gekonnt dimensionierten Gebäudeclustern, die sich ohne Strenge und wie selbstverständlich in den Bestand einfügen. Dabei werden die Baumassen vorwiegend in der Grundstücksmitte gebündelt. Das Konzept greift die modulare Struktur des Bestandsgebäudes und damit die architektonische Grundidee aus den 1970ern auf. Dies erlaubt eine lockere Verbindung von Alt und Neu sowie eine flexible Zuordnung der Nutzungsbereiche. Die Bibliothek wird in gleicher Formensprache entwickelt, jedoch bildet sie als Solitär einen Kontrast und Orientierungspunkt. Die Positionierung und Akzentuierung des Gebäudes markiert die Campusmitte und befindet sich in direkter Nähe zu der Mensa. Zusammenfassend lobt die Jury den Masterplan für die Helmut-Schmidt-Universität insbesondere für die strukturelle Kraft, Flexibilität und das schlüssige Gesamtkonzept. 

Retentionsbecken, moderne Gebäude und viel Freifläche. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten
Retentionsbecken, moderne Gebäude und viel Freifläche. Quelle: h4a Gessert + Randecker Architekten

Freiraum: Verknüpfung und Subtilität

Das Preisgericht ist auch von der räumlichen Qualität und Funktionalität der Freiraumplanung für die Helmut-Schmidt-Universität begeistert. Denn die Landschaftsarchitektur baut ebenfalls auf dem bestehenden Gestaltungskonzept auf, zum Beispiel bezüglich des modellierten Geländes. Somit wird die Bestandsstruktur nicht überboten. Stattdessen verbindet eine offene „Bildungslandschaft“ nun die landschaftliche wie auch bauliche Historie und Zukunft. Der Freiraum greift die Maßstäblichkeit und Körnung des Hochbaus auf: neben den vielen quadratischen Gebäuden fließen nun organische Inseln durch das Gelände. Der Freiraum öffnet sich dabei gen Süden in den bestehenden Landschaftsraum. In der Grundstücksmitte etabliert man einen großen multivalenten Aufenthaltsbereich.

Wie wird auf Aspekte des Klimaschutzes und der Nachhaltigkeit eingegangen? Auf das Thema Bestandsbäume reagiert man mit „Erhalt, Ergänzung und Ersatz“. Die grünen Inseln bieten nicht nur dem Menschen natürlich beschattete und bespielte Bereiche. Auch die Tierwelt profitiert von dem Habitat-Mosaik. Darüber hinaus plant man ein aktives Wassermanagement gemäß des Schwammstadt-Konzepts. Und auf den Dächern befinden sich auch Photovoltaik-Anlagen zur Eigennutzung. Bei den verwendeten Baustoffen wird auf regional, wiederverwendbar und recycelt gesetzt.

Wie sieht es mit den Randbereichen der Helmut-Schmidt-Universität aus? Die bauliche Zentralisierung sorgt für einen bespielbaren und grünen Saum. Dies ermöglicht einen sanften Anschluss zur Umgebung, vor allem zu der Wohnbebauung im Norden. Zwar verortet man in den Randbereichen die Auto- und Fahrradstellplätze, jedoch bindet man sie unter Gründächern topografisch ein. So gelingt es, einer trist aussehenden Erschließungssituation vorzubeugen. Durch die Schaffung einer Ringstraße ist das Campusinnere weitgehend verkehrsfrei. Auch toll: Man bietet campusinterne Mobilitätsangebote in Form von beispielsweise Rollern und Fahrrädern an. Die bisher recht abweisenden Grundstückszugänge wertet man durch lockere Zugangsplätze adressbildend auf. 

Verbesserungsbedarf: Nachhaltigkeit, Lokalisierung und Nutzbarkeit

Doch es gibt auch Aspekte, die bei dem Masterplan für die Helmut-Schmidt-Universität noch nicht überzeugen. Die fast identische Rekonstruktion der Kubatur weckt die Frage nach dem Sinn des Komplettabbruchs und Eingriffs ins Denkmal. Und wie soll das veraltete Nutzungskonzept durch fast identische Baukörper verbessert werden? Auch die Positionierung und damit die Nutzbarkeit der Bibliothek und der Technikzentrale kritisiert die Jury.
Die Landschaftsarchitektur weist dagegen einen als unnötig hoch empfundenen Versiegelungsgrad in der Campusmitte auf. Auch die an sich wünschenswerten Regenwassermulden überzeugen noch nicht im Detail. Hier muss man noch an der Lage, Funktion und Optik feilen.