Wasserkraft birgt viel Potenzial, leidet aber auch unter den Folgen des Klimawandels.
Wasserkraft birgt viel Potenzial, leidet aber auch unter den Folgen des Klimawandels. Foto: Cedric Dhaenens via Unsplash

Die Kraft des Wassers zu nutzen, hat eine lange Tradition. Als erneuerbare Energiequelle wird Wasserkraft geschätzt. Zugleich gibt es nicht wenig Kritik an den Folgen, die ein Wasserkraftwerk samt Stauraum mit sich bringen. Alles, was Sie über die Vor- und Nachteile von Wasserkraftwerken wissen sollten, erfahren Sie hier.

Wie wird aus Wasser Strom erzeugt?

Menschen nutzen schon seit jeher die Kraft des Wassers. Früher gab es dafür Wassermühlen, aber diese sind fast überall modernen Wasserkraftwerken gewichen, die grünen Strom erzeugen.

Dies funktioniert über die Wasserkraft oder Hydroenergie. Damit ist die Umwandlung mechanischer Energie in elektrische Energie gemeint. Turbinen kommen zum Einsatz, um die kinetische Energie oder Bewegungsenergie von fließendem Wasser in nutzbare Energie umzuwandeln. Wichtig ist auch die potenzielle Energie oder Lageenergie, die gestautes Wasser besitzt.

Ein Wasserkraftwerk besteht im Wesentlichen aus Turbinen, die im Inneren des Kraftwerks bestehen. Sie drehen sich durch die Kraft des Wassers. Dabei entsteht Energie, die an einen Generator geleitet wird. Dieser wandelt die Bewegungs- oder Rotationsenergie in elektrische Energie um. Je nach Größe des Kraftwerks können die Turbinen mehrere Meter Durchmesser haben.

Neben den Turbinen und Generatoren haben Wasserkraftwerke auch ein angegliedertes Umspannwerk. Dieses hilft dabei, die gewonnene Energie in das lokale Hochspannungsstromnetz einzuspeisen. Somit findet der Strom seinen Weg zum*zur Verbraucher*in.

Der Inguri-Damm in Georgien. Foto: Alex Bagirov via Unsplash
Der Inguri-Damm in Georgien. Foto: Alex Bagirov via Unsplash

Welche Arten von Wasserkraftwerken gibt es?

Es gibt unterschiedliche Arten an Wasserkraftwerken. Je nach der Lage erzeugen sie auf unterschiedliche Art und Weise elektrische Energie. Entscheidende Faktoren sind zum Beispiel die Fallhöhe des Wassers, der Druck des Wassers sowie die Frage, ob die Energieumwandlung auf natürliche oder künstliche Weise geschieht.

Dies sind die wichtigsten Arten von Wasserkraftwerken:

  • Laufwasserkraftwerk: Diese Art von Wasserkraftwerk kommt besonders häufig zum Einsatz. Sie befindet sich an Flüssen und nutzt die Fließbewegung des Wassers. Entsprechend müssen die Flüsse eine hohe Fließgeschwindigkeit sowie einen großen Wasserdurchfluss aufweisen. Jedes Laufwasserkraftwerk hat einen Staudamm, um die Energie zu maximieren. Diese Kraftwerke liefern 24 Stunden am Tag Strom und bieten eine Grundlast.
  • Speicherkraftwerk: Beim Speicherkraftwerk gibt es ein Becken oder einen See, in dem Wasser gesammelt wird. Erst, wenn die Röhren geöffnet werden, strömt das Wasser in das Kraftwerk, wodurch sich die Energieproduktion gut verfolgen lässt. Diese Kraftwerke kommen typischerweise bei erhöhtem Energiebedarf zum Einsatz.
  • Pumpspeicherkraftwerk: Wenn erhöhter Energiebedarf herrscht, kommen oft auch Pumpspeicherkraftwerke zum Einsatz, die eine Verbesserung der Speicherkraftwerke darstellen. Denn hier kann Wasser aus dem unteren See wieder nach oben gepumpt werden, falls mehr Strom erzeugt wird, als nötig ist.
  • Gezeitenkraftwerk: Das Gezeitenkraftwerk nutzt die Kraft von Ebbe und Flut. Es funktioniert ähnlich wie das Laufwasserkraftwerk, nutzt aber stattdessen das Meerwasser mit seiner potentiellen oder Höhenenergie. Die Turbine wechselt je nachdem, ob Ebbe oder Flut herrscht, ihre Drehrichtung.
  • Wellenkraftwerk: Auf dem Meer gibt es Wellenkraftwerke. Sie nutzen die potentielle Energie von Wellen mithilfe einer hydraulischen Kammer. Aktuell befinden sie sich aber noch in der Testphase.

Vorteile

In Deutschland macht Wasserkraft etwa sieben Prozent aller erneuerbaren Energien aus. Aufgrund geographischer Bedingungen haben Onshore-Windkraft (42 Prozent), Photovoltaik (20 Prozent), Biomasse und Hausmüll (20 Prozent) sowie Offshore-Windkraft (11 Prozent) hierzulande höhere Anteile am Strommix.

Dennoch lohnt es sich, sich weiter mit der Wasserkraft zu beschäftigen. Denn ihr großer Vorteil besteht darin, dass Wasser eine erneuerbare Energiequelle darstellt. Die Stromproduktion ist hier also sehr umweltfreundlich und CO2-neutral. Außerdem sind Wasserkraftwerke sehr effizient. Sie wandeln knapp 90 Prozent der empfangenen Energie in elektrische Energie um.

Anders als Solar- und Windenergie ist Wasserkraft zudem gut planbar. Sie steht das ganze Jahr über zur Verfügung und lässt sich vor allem in Form von Speicherkraftwerken leicht steuern. Die erzeugte Energie lässt sich gut regeln. Somit ist es möglich, die Produktion an die Nachfrage anzupassen und ressourceneffizient zu arbeiten.

Viele Speicherkraftwerke sind gleichzeitig in den Hochwasserschutz eingebunden. Sie helfen dabei, bei starken Regenfällen sowie bei Dürren, Flüsse besser schiffbar zu machen. Durch die Aufstauung ist eine Regulierung des Wasserstands möglich.

Nachteile

Auf der anderen Seite stehen die Nachteile von Wasserkraft. Die Kraftwerke haben teils negative ökologische Auswirkungen. Insbesondere bei Stauseen und Sperrwerken sind Überflutungsflächen nötig. Diese greifen in die Landwirtschaft sowie in die lokale Flora und Fauna ein. Außerdem benötigen Wasserkraftwerke sehr viel Fläche, weisen also einen hohen Landschaftsverbrauch auf.

Die Standortwahl von Wasserkraftwerken ist aufgrund dieses Nachteils besonders wichtig. Da der Bau der Kraftwerke kostspielig ist, können sie nur an gut geeigneten Standorten erbaut werden. Sie greifen immer in den natürlichen Lauf eines Gewässers ein und beeinflussen das Ökosystem, weshalb vor dem Bau ausführliche Studien und Konsultationen nötig sind. Dies kann ein langer, komplizierter Prozess sein. Ökologische Ausgleichsflächen und Organismenwanderanlagen sind mögliche Lösungen.

Weitere Kritikpunkte an Wasserkraftwerken sind die manchmal nötige Umsiedlung von Anwohner*innen, der Verlust von Erholungsraum sowie die Unterbindung von Überschwemmungen. Letztere kann für landwirtschaftliche Flächen wichtig sein. Zugleich können Stauseen hohe CO2- und Methan-Emissionen verursachen, wenn Landflächen mit einem hohen Anteil an Kohlenstoff im Boden überflutet werden.

Der Glen Canyoun Damm mit Wasserkraftwerk in den USA. Foto: John Gibbons via Unsplash
Der Glen Canyoun Damm mit Wasserkraftwerk in den USA. Foto: John Gibbons via Unsplash

Wie hängt Wasserkraft mit dem Klimawandel zusammen?

Wasserkraft ist eine der wichtigsten erneuerbaren Energiequellen, denn dieser Rohstoff speist sich aus natürlichen Vorgängen. Im Gegensatz zu Kohle oder Gas reduziert sich die Menge an Wasser bei der Stromerzeugung nicht. Entsprechend handelt es sich hier um eine wichtige Möglichkeit, um umweltfreundlich Strom zu produzieren. Wenn Risiken wie Verletzungen des Ökosystems berücksichtigt werden, entsteht unbedenklicher Ökostrom.

Allerdings beeinflussen heiße, trockene Sommer das Potenzial von Wasserkraft negativ. Der Sommer 2022 zeigte zum Beispiel in Frankreich, dass wichtige Wasserkraftwerke nicht arbeiten konnten. Denn wenn weniger Wasser fließt, lässt sich weniger Strom produzieren. Im Sommer 2018 produzierten Schweizer Wasserkraftwerke weniger als 25 Prozent des erwarteten Stroms. Und in Österreich brach die Wasserkraftproduktion in diesem Jahr sogar teilweise um über 40 Prozent ein.

Das Forschungsvorhaben „Klimafolgen für die Wasserkraftnutzung in Deutschland und Aufstellung von Anpassungsstrategien für die nähere Zukunft“ erwartet ein Minus bei der Stromerzeugung durch Wasserkraftanlagen. Es weist auf verwandte Probleme wie etwa Seegras-Wachstum und verstopfte Filter hin, was zu hohen Kosten für die Werkbetreiber*innen führen kann.

Auf der anderen Seite lässt sich durch Klimawandelfolgen wie das Abschmelzen der Gletscher in Ländern wie der Schweiz mehr Wasserkraft produzieren. Einige Kantone profitieren davon, aber bei trockenen Sommern lässt sich der Verlust an Wasserkraft nur schwer auffangen.

Auch der Paraná-Fluss in Brasilien, Paraguay und Argentinien weist historisches Niedrigwasser auf, was zu niedrigen Wasserständen führt. Somit sind die Stauseen in Ländern wie Brasilien weniger gefüllt, was zu Stromausfällen führen kann. Es besteht die Sorge, dass Ausfälle von Wasserkraftwerken einen Rückfall auf fossile Energien befördern könnten. In afrikanischen Ländern wie Äthiopien, die teils 80 Prozent ihrer Energie aus Wasserkraft beziehen, ist ebenfalls mit Problemen durch die Folgen des Klimawandels zu rechnen.

Was sind die größten Wasserkraftwerke in Deutschland und der Welt?

In Deutschland gibt es über 400 große Wasserkraftwerke und Tausende kleinere Anlagen. Laut einer Analyse des Bundesumweltministeriums nutzt Deutschland bereits 80 Prozent des gegebenen Potenzials für Wasserkraft. Dazu gehören rund 80 Prozent Laufwasserkraftwerke und 20 Prozent Speicherkraftwerke. Die Flüsse Inn, Donau, Rhein, Isar, Lech, Main, Mosel, Neckar und Iller sind am wichtigsten für die Wasserkraft.

Das größte Wasserkraftwerk in Deutschland ist das Pumpspeicherwerk Goldisthal in Thüringen, das seine Kraft vom Fluss Schwarza erhält, einem Zufluss der Saale. Das Kraftwerk gehört Vattenfall. Auch das zweitgrößte Wasserkraftwerk des Landes gehört zu Vattenfall: Das Pumpspeicherwerk Markersbach in Sachsen. Nennenswert ist außerdem das baden-württembergische Schluchseewerk der Hotzenwaldgruppe. Hier befinden sich gleich mehrere große Kraftwerke.

Dies sind die zehn größten Wasserkraftwerke der Welt:

  1. Drei-Schluchten-Talsperre in China
  2. Baihetan-Wasserkraftwerk in China
  3. Itaipú-Kraftwerk in Brasilien
  4. Xiluodu-Kraftwerk in China
  5. Belo Monte Wasserkraftwerk in Brasilien
  6. Guri-Kraftwerk in Venezuela
  7. Wudongde-Kraftwerk in China
  8. Tucuruí-Kraftwerk in Brasilien
  9. Grand Coulee Kraftwerk in den USA
  10. Xiangjiaba-Kraftwerk in China

Übrigens: Solarstrom hat im Rekordsommer 2022 deutliche Fortschritte gemacht. Während die Wasserkraft litt, konnten Solarmodule mehr Strom produzieren – hier mehr erfahren.

Das könnte Sie auch interessieren
2023 war das wärmste Jahr in Deutschland, das je gemessen wurde. Credit: pixabay
Das wärmste Jahr Deutschlands: 2023
eine-gruppe-von-menschen-die-eine-strasse-neben-hohen-gebauden-entlang-gehen-6Ooq3GMvYIc
Supervised Learning vs. Unsupervised Learning – Methoden im Stadtanalyse-Einsatz
bunte-gebaude-saumen-einen-fluss-mit-bergen-im-hintergrund-W7gR8mtPF04
Wie Planetare Gesundheit zum Leitbild der Planung wird
ein-schwarz-weiss-foto-eines-gebaudes-mit-balkon-A7xJWw8Ahhc
Kühlleistung von Stadtgewässern – Simulation flacher vs. tiefer Systeme
Begrünte, klimaangepasste Stadtinfrastruktur zum Thema Dachbegrünung Satteldach
Dachbegrünung Satteldach: Funktion, Vorteile und Umsetzung
Panorama von Bogotá mit urbanen Quartieren, Symbol für Wandel durch partizipative Planung.
Wie Bogotá mit partizipativer Infrastrukturplanung neue Sozialräume schafft
Piet Oudolf privat
Bundespreis Stadtgrün 2022
Bundespreis Stadtgrün 2022
Publikumsvoting gestartet: Bayerischer Landschaftsarchitektur-Preis 2026
So könnte die autofreie Friedrichstraße künftig aussehen. Bildquelle: SENUMVK
Autofreie Friedrichstraße in Berlin?

Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.